Gelebte Multioptionalität des 21. Jahrhunderts bedeutet: Ich habe nun zum wiederholten Male innerhalb der letzten Monate meine Koffer packen und eine weitere von diversen Wahlheimaten (eigentlich existiert für das Wort "Heimat" ja gar kein Plural – zu Recht natürlich!) verlassen müssen. Wie immer nicht leichten Herzens! Meine Abschiedsrunden machen natürlich auch vor der allzu schnell liebgewordenen CrossFit-Gemeinschaft nicht halt. Dieses Mal bin ich in meiner Box in einer Schweizer Kleinstadt von einem männlichen Member mit folgenden, denkwürdigen Worten verabschiedet worden: "Da geht sie nun da hin, unsere einzige Frau, die Klimmzüge konnte." Es ist seltsam. Aber der Sportsfreund hatte Recht.Mein mentaler Fallschirm für Klimmzüge
Dass mein Talent niemals für mehr als knapp durchschnittliche sportliche Leistungen reichen würde, habe ich schon vor Jahren mit erstaunlicher Leichtigkeit akzeptiert. Im Freihantelbereich gewöhnlicher Fitnessstudios ist man als Frau ja so und so zumeist recht konkurrenzlos. Als ich dann aber ins CrossFit-Lager wechselte, geriet ich doch tatsächlich wieder aus dem seichten Gewässer wohltuender Akzeptanz in jenes raue Meer der Wuttränen, in dem sonst nur Kinder nach der Mensch-ärger-dich-nicht-Niederlage landen. Pure Verzweiflung und Zorn auf den Schöpfer ergriffen mich, und manchmal geisterte sogar dieses böse "A"-Wort durch meinen Kopf, das mir selbst zu schreiben an dieser Stelle unangenehm ist … "Aufgeben".Ja, man kann schon verzweifeln an all diesen Fähigkeiten, mit deren Entwicklung man sich nicht nur als Frau so schwer tut. Und spätestens, wenn Olympisches Gewichtheben auf dem Stundenplan steht, kommt mir immer noch die Frage in die Sinn, ob meine Physik nicht doch die Folge einer klaren genetischen Fehlzündung sind. Doch wann immer ich an mir selbst verzweifele, rufe ich mir diese eine anscheinend heldenhafte Fähigkeit ins Gedächtnis, über die ich verfüge, den Joker im Skill-Quartett so zu sagen: Der Klimmzug! Dass ich diesen als Frau so beinah mühelos erlernen konnte, lässt in mir den Funken Resthoffnung, dass sich mein Körper doch nicht so ganz gegen die Leistungsfähigkeit sperren mag.

Klimmzüge im Obergriff – nicht mal für Frauen der Elite machbar?
Das Phänomen des weiblichen Unvermögens an der Klimmzugstange war vor einigen Monaten sogar dem Spiegel, der sich ja sonst bekanntlich doch eher den bedeutsameren journalistischen Gefilden widmet (und zum Beispiel für die Aufdeckung des Abhör-Skandals durch die NSA hauptverantwortlich ist), einen Artikel wert. Anlass zur Berichterstattung gab die Abschaffung der Klimmzüge im sportlichen Eignungstest für Soldatinnen der amerikanischen Navy Seals mit der Begründung, die Zahl potenzieller Rekrutinnen hätte sich durch diese Anforderung quasi auf Null reduziert.Diese Schlagzeile löste in mir und so auch in der Online-Gemeinschaft Gefühle aus, die von Irritation über Ungläubigkeit bis hin zu Entsetzen reichten. Sieht nun also auch eine sagenumwogende Elitetruppe, deren Härte in Auswahl, Ausbildung und Einsatz weltweit ihresgleichen sucht, den gewöhnlichen Klimmzug für Frauen als Superheldenkraft an, ähnlich wie das Fliegen oder die Unverwundbarkeit?
Wissenschaftliche Phänomene – und Desaster: Frauen und Klimmzüge
Scheinbar lässt die Fähigkeit, das eigene Körpergewicht vertikal nach oben zu ziehen, tatsächlich keinen Rückschluss auf den allgemeinen Fitnesszustand zu. Mir selber sind aus mittlerweile zahlreichen CrossFit- und gewöhnlichen Gyms viele Frauen bekannt, die Gewichte auf der Hantel bewegen, von denen ich nicht zu träumen wage, die 500 Meter unter 20 Minuten rudern und doch nicht einen (wohlgemerkt strikten!) Klimmzug zustande bringen.Selbst in einer viel beachteten wissenschaftlichen Versuchsreihe, bei der Frauen unter intensiver sportmedizinischer Betreuung bei gezieltem Klimmzug und generellem, athletischem Training sowie Ernährungsberatung wochenlang für den ersten Pull up geschult werden sollten, waren die Forscher am Ende regelrecht erschüttert angesichts der hohen Anzahl an Probandinnen, bei denen sich weiterhin rein gar nichts getan hatte.
Aber warum schaffen Frauen oftmals keine Klimmzüge?
Es gibt ja für alles eine Erklärung. So wie sich die gering ausgeprägte Begabung der Frauen für das Einparken oder unser rudimentärer Orientierungssinn durch Strukturen um Gehirn begründet lässt, muss doch auch irgendetwas hinter der Sache mit den Klimmzügen stecken.Am offensichtlichsten ist wohl noch, dass die Komposition des weiblichen Körpers bekanntlich um einiges "unathletischer" ausfällt, als die des Mannes. Ein geringerer Muskel- und höherer Fettanteil erschwert Eigengewichts-Übungen ja generell. Das zeigt sich schon daran, dass viele Mädels im Schulsport beim ersten Liegestütz zitternd zusammenbrechen. Und da wird ja ein Teil der zu stemmenden Last schon durch das Aufsetzen der Füße genommen.
Ein anderer Erklärungsversuch liegt neben der Zusammensetzung des Körpers in seinem Bau. Der ist bei der Frau naturgemäß durch einen im Verhältnis zur Beinlänge kurzen Oberkörper mit schmalen Schultern und breitem Becken geprägt. Daraus ergibt sich eine ungünstige Schwerpunktverlagerung im freien Hang, wobei diese Theorie umstritten ist.
Ja, frau hat es nicht leicht mit den Klimmzügen, aber eine Begründung überzeugt mich besonders: Wir sind oft nicht anstrengungsbereit, und schon gar nicht, wenn uns das Resultat nicht allzu lohnenswert erscheint. Welcher Mann pfeift schon der Dame hinterher, weil ihr Kreuz so imponiert? Und in welcher Gesellschaft wird überhaupt verlangt, dass ein Mädchen Klimmzüge beherrscht, wenn das sogar in militärischen Elitetruppen mittlerweile niemanden mehr zu interessieren scheint? Und dann ist diese Übung auch noch so anstrengend! Sie brennt, zerrt und knockt den ganzen Oberkörper gern mal stunden- oder tageweise aus. Kein verlockendes Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Deswegen kennen wir sie ja alle, diese Frauen im Studio, die auch noch nach Jahren mit lustloser Mine auf der Maschine mit Gegengewicht stehen. Effektiv wie Muskeltraining in der Raumkapsel. In CrossFit-Gyms bei Klimmzügen das gleiche in Grün, in Ermangelung von Maschinen allerdings durch Unterstützung mit Bändern. Das ist auch nur bedingt cooler (und sollte niemanden dazu ermutigen, sich ein Facebook-Athletinnen- oder Fitnessbabe-Profil anzulegen).
Wie schafft Frau denn nun Klimmzüge?
Am besten: Einfach machen! Was sich irrerweise noch nicht herumgesprochen hat, ist, dass man in Klimmzügen nur besser wird, in dem man Klimmzüge trainiert. Es würde doch auch niemand joggen gehen, um ein besserer Schwimmer zu werden.Aber Klimmzüge zu üben bedeutet tatsächlich, an der Stange zu hängen. Das gilt für Frauen wie für Männer. "Übe Latziehen, bis du dein Körpergewicht schaffst!", heißt es oft. Ein halbgarer Tipp. Natürlich sind diverse Übungen, die zur allgemein Stärkung des im Alltag häufig verkümmerten Rückens beitragen hilfreich, aber sie sind nicht das Allheilmittel für eine motorisch anspruchsvolle Grundübung. Ich habe bis heute noch an keiner Maschine, gleich welcher Übersetzung, Latziehen mit meinem Körpergewicht geschafft. Andersherum habe ich diverse Pfundskerle den ganzen Turm in die Höhe ziehen sehen, an sauberen Klimmzügen scheiterten diese aber kläglich. Es gibt also doch nur einen sehr indirekten Zusammenhang zwischen beiden Übungen.
Und wenn ich davon spreche, an der Stange zu hängen, dann würde ich euch auch gern tatsächlich hängen sehen. Keine Hilfsgewichte, keine Bänder. Lieber nur ein Stück des Bewegungsradius mitnehmen und diesen stetig ausbauen, oder den negativen Teil ausführen: Hochspringen, langsam runterlassen. Die Herausforderung in dieser Übung besteht in der Körperspannung und der richten Haltung und Muskelkontraktion im entscheidenden Moment. Die lernt man nicht allein durch sitzendes Latziehen oder im festen Stand auf der Hilfsmaschine.
Klimmzüge sind zu großen Teilen eine Frage der Technik und des Muskelgefühls. Das haben viele Frauen nicht, die ihren Oberkörper (Diskopumper reverse so zu sagen) beim Sport mehr oder weniger ausblenden. Deswegen erachte ich es auch für hilfreich, sich mit den Muskeln des Rücken bekannt zu machen, sie bewusst anzuspannen, ob während des Trainings oder auch mal abends vor dem Fernseher, gern auch mal ein wenig Posen üben. Die richtigen Signale und Befehle in der Zugbewegung senden zu können hilft dabei, Defizite in der Kraft auszugleichen.
Ja, da Weg ist steinig, und Klimmzüge sind auch nie meine Lieblingsübung geworden. Bis man im zweistelligen Wiederholungsbereich ankommt, kann es je nach Ausgangslage ewig dauern, Monate, Jahre. Und man verliert auch schnell wieder Boden, wenn man, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht an der Stange bleibt aber
Klimmzüge zu trainieren, lohnt sich als Frau doch...
denn Klimmzüge sind eine tolle Übung für den Oberkörper, eine gute Körperhaltung und schöne Arme (die ja durchaus der ein oder anderen Frau wichtig sind). Es muss ja nicht immer Bauch-Beine-Po sein. Und schließlich ist es doch auch irgendwie nice, Klimmzüge zu können, grade weil es niemand von uns erwartet. Die Kilos, die du auf der Hantel bewegst, können vom Laien doch so und so nicht beurteilt zu werden. Aber einfach mal einen Klimmzug raushauen zu können, damit hebt man sich ab, damit beweist man, dass man insgesamt athletische Fähigkeiten besitzt, die über eine Studiomitgliedschaft und das Tragen einer Better Body-Tight hinaus gehen.Bild: Aliona Hilt