Es liegt mir ja wirklich absolut fern, das Wort "Bodybuilding" und meinen Namen in einem Atemzug zu nennen. Ich trainiere recht konsequent und versuche, bei der Zusammenstellung meiner Ernährung auch ein paar funktionale Überlegungen zu berücksichtigen. Ich habe mir ein sportmedizinisches Wissen angeeignet welches immerhin umfangreich genug ist, dass ich aus der Fit for Fun oder dem TV-Format "Hauptsache gesund" im Grunde keine neuen Informationen mehr beziehen kann. Dennoch sähe ich in mir nie mehr als eine, die gern Sport treibt und dies mit einer ziemlichen Eitelkeit bezüglich ihrer Bikinifigur in Einklang bringt. In meinen Augen nichts Exotisches, sondern eine Haltung, die eigentlich für jede Frau nachvollziehbar sein sollte.

Betrachte ich die aktuellen Entwicklungen auf dem Sport- und Fitnessmarkt gerate ich in eine Position, in der mich ich beinahe – in Ermangelung eines besseren Wortes - "hardcore" fühle.


Wir sind ja bekanntlich auch außerhalb von Schwaben ein eher geiziges Volk. Der Mangel an Bereitschaft, etwas (Materielles) zur Befriedigung unserer Bedürfnisse herzugeben, scheint sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft zu ziehen. Mittlerweile ist auch eine zunehmende Sparsamkeit mit der Anstrengungsbereitschaft zu verzeichnen. Speziell Frauen, die traditionell unter stärkerem optischen Zugzwang stehen, können dem Leistungsdruck häufig nicht standhalten und flüchten sich in die neuen, vielversprechenden Trends der Branche: Traumfigur ohne Einsatz, Schweiß und Verzicht. Die Industrie verdient Unsummen mit der Tatsache, dass so manch einer das Gespür für Preis-Leistungsverhältnisse abhanden gekommen ist.

Frauen und Schuhe – und ein völlig neues Kapitel dieser Story

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem anderem (männlichen) Studiomitglied über meine Zukunftspläne nach dem Studium. Als ich ihm erzählte, dass ich gern in der Fitness-Branche tätig werden würde sagte er: "Dann mach was, was gerade am Wachsen ist. Irgendwas, was nichts bringt, aber auch nicht mit richtigem Sport verbunden ist. Zum Beispiel was mit diesen komischen Schuhen."

Der naturgemäße Schuhtick der Frauen ist seit kurzem um eine interessante Komponente erweitert. Das neue Objekt der Begierde besteht in Tretern, die ganz einfach zu einem top-trainierten Körper führen, in dem man mit ihnen das gleiche tut wie mit herkömmlicher Fußbekleidung: sie tragen.

Das Konzept des figurformenden Schuhs wurde bereits 1996 durch die Firma MBT erdacht und durch (ästhetisch fragwürdige) Sneaker mit abgerundeter Sohle umgesetzt, die die Beinmuskulatur zu mehr Aktivität zwingen sollten. Einige Jahre und viele Nachahmer später fand die Idee eine Fortsetzung in Turnschuhen, bei denen Luftpolster unter den Füßen für Instabilität und damit verbundener erhöhter Muskelarbeit sorgen. Der Hersteller wirbt mit konkreten Prozentzahlen, die das Mehr an Anstrengung beeindruckend quantifizieren – und das Modell findet trotz seines stolzen Preises reißenden Absatz. Viel Effekt und quasi kein Aufwand: Damit ist der Puls der Zeit direkt getroffen.

Und wenn die positive Wirkung der ersten Zauberschuhe seit Forrest Gump so wissenschaftlich durch Zahlen belegt werden kann, muss man sich dann nicht dumm vorkommen, wenn man sich noch mit schweren Kniebeugen, rumänischem Kreuzheben, Ausfallschritten und an der Beinpresse oder auf dem Laufband quält? Auf diesem steinigen Weg habe ich die Beine der Frauen aus der Schuhwerbung noch nicht bekommen. Gut, zu mindestens von einer weiß ich, als bekennender Fan von Germanys Next Topmodell, dass sie Balletttänzerin und professionelle Stuntfrau ist. Aber die anderen? Ist deren Hintern nur ein Ergebnis des Ganges vom Sofa zum Kühlschrank auf Luftpolstern? Und ist, angesichts der hohen Verkaufszahlen, bald das ganze Land von derart anmutigen Schönheiten bevölkert? Ganz ohne Sport? Werden die anderen Zweige dieser Branche verdorren wie der Steinkohleabbau?

Orthopäden bescheinigen den Spezial-Schuhen durchaus eine positive Wirkung. Die ungewohnte Haltung, in die der Körper durch den kippligen Untergrund gezwungen wird, aktiviert viele und auch vernachlässigte Muskeln des Unterkörpers, der Gang wird aufrechter und auch die Fußmuskulatur erfährt ein zusätzliches Training.

Wer sich also bei der Wahl des täglichen Schuhwerkes, die ja nun mal zwangsläufig getroffen werden muss, für diese Variante entscheidet, handelt nicht durchweg widersinnig. Es wäre jedoch falsch, die gesamte Verantwortung für eine ansprechende Figur auf ein bisschen Gummi und Polyester zu legen. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich der höchste Effekt bezüglich der Muskelaktivierung nicht in der Bewegung, sondern beim Stehen einstellt. Diese "Tätigkeit" verbraucht jedoch leider nicht wirklich viele Kalorien. Um innerhalb eines Jahres ein Kilogramm abzunehmen, müsste man täglich zwei Stunden auf den Schuhen stehen – da ist ja sogar echter Sport noch verlockender!

Schuhe dieser Art, egal ob mit runder Sohle oder Polstern, sind also nicht bedeutender als ein einzelnes Teil in einem 2000-Teile-Puzzle. Der Gedanke ist ehrbar, die Werbeversprechen sind es nicht; ein Weg zur Traumfigur ohne Aufwand und Aufgabe ist immer noch nicht gefunden. preview

Weiberabend im Kreis

Mir sind ja Frauenfitnessstudios so und so irgendwie suspekt. In meiner Stadt ist ihre Zahl mit der an gewöhnlichen Einrichtungen gleichgezogen. Es besteht scheinbar großer Bedarf. Und ehrlich gesagt muss ich, wenn ich mir all die abwertenden Blicke und Kommentare ins Gedächtnis rufe, mit denen die korpulenteren Frauen bei uns mitunter bedacht werden, dem ganzen eine Existenzberechtigung zugestehen.

Allein die bloße Angst vor den Gedanken der anderen kann ja so manch einer jede Motivation zum Sporttreiben rauben. Gerade im Mikrokosmos Fitnessstudio wird bekanntlich der zunehmende Jugend- und Schönheitswahn zu neuen Dimensionen getrieben. Für all die Damen, die dort keine Freude an der Bewegung finden können, sind Frauenfitnessstudios eine sinnvolle Alternative. Das Fatale an der Sache ist, dass die Abwesenheit von Männern scheinbar häufig zu einer Abnahme der gebotenen Qualität führt. Dass sich in einer reinen Frauengemeinschaft zumeist nur wenige Wettkampfathleten und Kraftdreikämpfer finden lassen, ist vielen Studiobetreibern offensichtlich Grund genug, das Leistungsangebot bezüglich Gerätepark, professioneller Betreuung usw. erheblich herunterzuschrauben.

Viele Frauen sehen darüber hinweg, solange sie unter Ihresgleichen bleiben können und ihnen das Versprechen gemacht wird, ihre Wunschfigur mit minimalem Aufwand erreichen zu können. Leichter, kürzer, seltener – das einzige, was hier belastet wird, ist der Geldbeutel. Und gleichzeitig sind die einzigen Effekte, die sich aus dem Training in solchen Wellness-Tempeln ergeben, Frustration und vorzeitige Aufgabe. Es wäre vermessen, alle Frauenstudios zu verurteilen, nur weil es schwarze Schafe unter ihnen gibt … die lassen sich auch unter den gemischten Gyms zu Genüge finden. Jedoch haben es diverse Ketten und deren Konzepte vollbracht, das Image der Frauenstudios nachhaltig ins Lächerliche zu ziehen.

Ein schönes Beispiel liefert hier ein Franchise-Unternehmen, das nach amerikanischem Vorbild unter der Geschäftsführung einer absoluten Größe des deutschen Frauentennis seinen Siegeszug durchs Land angetreten hat und mittlerweile in jeder größeren Stadt angesiedelt ist. "Nur drei Trainingseinheiten à 30min pro Woche, um nach kürzester Zeit erste Erfolge zu verzeichnen", so lautet die werbewirksame Message des Unternehmens. In den angeschlossenen Studios wird die Idee des guten, alten Zirkeltrainings wieder aufgegriffen und auf Wohlfühlniveau herunter gestutzt.

An insgesamt 16 Geräten, von denen jedes 30 Sekunden lang genutzt wird, werden in einem genau festgeschriebenen Kreislauf abwechselnd Kraft und Ausdauer trainiert – oder besser gesagt wird ein Training suggeriert. Es gibt keine klassischen Cardiogeräte, wie man sie in einem Fitnessstudio eigentlich erwartet, sondern sog. "Plattformen", auf denen anspruchsvolle und gewinnbringende Tätigkeiten wie "Hüpfen und Laufen auf der Stelle" von den Teilnehmerinnen abverlangt werden.

Auch die Kraftstationen weichen von den bekannten Varianten stark ab. Es handelt sich ausschließlich um hydraulische Geräte, so dass der Widerstand durch den eigenen Krafteinsatz statt durch das mühselige Stecken von Gewichtsscheiben gesteuert wird. Die Beanspruchung der Muskeln erfolgt (wenn überhaupt) nur in der konzentrischen, nicht in der rückkehrenden Phase. Das ist herrlich gelenkschonend – und herrlich ineffektiv!

Erschwerend kommt hinzu, dass eine abwechslungsreiche und experimentelle Gestaltung des Trainings mit variierenden Übungen, Wiederholungszahlen und Intensitätstechniken, wie sie jedem Fitnesssportler zur ständigen Reizsetzung empfohlen wird, nach diesem Konzept nicht realisiert werden kann.

Die Trainierenden hängen völlig am Nabel der diensthabenden Aufsichtsperson, deren freundliche Stimme alle 40 Sekunden verkündet: "Bitte wechseln Sie jetzt die Station!" Wirkliche Trainer im herkömmlichen Sinne sucht man hier häufig vergeblich.

Das Unternehmen wirbt auf seiner Homepage um Franchisepartner, die "Begeisterung aufbringen und übertragen können, offen und kontaktfreudig sind und über Unternehmergeist verfügen". Ein überaus präzises und spezielles Profil, das nicht erheblich von denen abweicht, mit denen Promotionen-Mitarbeiter oder Damen für Begleitservice gesucht werden. Von Abschlüssen und Lizenzen ist keine Rede. Ich selbst bin mit einem Mädchen bekannt, das nebenbei in genau so einer Einrichtung als "Trainerin" jobbt; sie ist bekennender Sportmuffel. Aber: wer braucht schon echte Trainer, wenn kein echter Sport getrieben wird?

Erfolg aus dem Nichts – Vakuum & Co.

Aus längst vergangenen Zeiten ist mir ein Spruch bekannt, der besagt: was nichts kostet, ist auch nichts. Diese eiserne Regel scheint nun arg verrostet. Durchforstet man das Angebot moderner Fitness- und Wellness-Dienstleister, so stößt man auf eine unendliche Ansammlung neuster Methoden, die sehr wohl zu Abnehmerfolgen führen sollen, ohne den Preis zu verlangen, der bislang dafür gezahlt werden musste: Arbeit.

Eine dieser aufstrebenden Systeme ist die Vakuumtherapie, die ursprünglich in der Wundheilung zur Anwendung kam. Obgleich man ein Vakuum gemeinhin als materiefreien Raum, also praktisch als ein "Nichts" beschreiben würde, offenbart es allen Anschein nach faszinierende Verwendungsmöglichkeiten.

Durch den gezielten Einsatz von Über- und Unterdruck werden die typischen fraulichen Problemzonen Bauch und Beine besser durchblutet und der Stoffwechsel so angeregt, dass sich Fettzellen noch aus den tiefsten Schichten lösen und in die Muskeln abtransportiert werden. Damit sei tatsächlich, was ja bislang immer ins Reich der Mythen verwiesen wurde, ein gezielter Fettabbau möglich. Und das alles bei sehr sanfter bis gar keiner Bewegung! Der Effekt kann durch das Anbringen von Saugglocken, das Tragen spezieller Anzüge oder durch hüfthoch geschlossene Kammern genossen werden.

Auch die sog. Vibrationstrainer haben sich ihren Weg in die Akzeptanz gebahnt und sind in immer mehr Fitnessstudios und Gesundheitseinrichtungen zu finden. Anfänglich für die Raumfahrt entwickelt, um dem Muskelschwund von Astronauten in der Schwerelosigkeit entgegen zu wirken, nutzen heute auch immer mehr Abnehmwillige diese Geräte.

Durch das Stehen auf einer rüttelnden Platte werden ganz ohne aktive Bewegung Muskelkontraktionen im Körper ausgelöst, die zu mehr Kraft, Beweglichkeit, Fettabbau, Entschlackung und eigentlich zu allem führen, was das Herz begehrt. Die mittlerweile zahllosen Hersteller verweisen auf mittlerweile zahllose Untersuchungen, die die Effektivität der Vibrationstrainer belegen.

Neutrale Sportmediziner ohne ökonomische Motive verweisen wiederum auf das Teilnehmerfeld dieser Studien, das sich hauptsächlich aus Übergewichtigen, Sportneueinsteigern, Langzeitverletzten und Senioren zusammensetzt, gemäß dem Motto: Wo nichts ist, kann ja immer viel werden. Für den normaltrainierten Menschen sollte der versprochene Nutzen aus der Rüttelplatte schwer zu ziehen sein.

Die Vibration erzeugt durch eine Irritation des Nervensystems den psychischen Anschein eines Trainingseffektes wie nach dem Kraftsport, so dass der Anwender nicht bemerkt, wie schnell sich die Muskeln an die immer gleichen Schwingungen gewöhnen und keine Reizbildung mehr erfolgt. Dass die Anbieter die Nutzung ihrer Geräte als adäquaten Ersatz für ein richtiges Workout verkaufen, ist vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse im Grunde genommen verhängnisvoll.

Die Liste der "Trainingskonzepte ohne Training" ließe sich mit Saunabelts, elektronisch erzeugter Muskelkontraktion und vielen anderen Errungenschaften der Moderne fortsetzen. Die meisten lassen sich auf den Kerngedanken zurückführen, den Stoffwechsel und damit verbunden den Fettab- und Muskelaufbau künstlich anzuregen.

Diese Überlegungen sind biologisch und physikalisch völlig richtig, und ich spreche mir nicht das Recht zu, Ideen zu verunglimpfen, die von den klugen Köpfen der Weltraumforschung erdacht wurden. Und egal, ob Frau seltsame Schuhe trägt, in einer geschlossenen Vakuumkammer auf dem Ergometer fährt oder in einem wohnzimmergroßen Studio 30 Sekunden auf der Stelle hüpft: jede Form der Bewegung ist so lobenswert!

Und jeder Versuch, gegen die Pfunde anzukämpfen, achtbar und von viel Einsicht begleitet, die bekanntlich der erste Schritt zur Besserung ist (und auch die angesprochene Studiokette verzeichnet unter den Reihen ihrer Klientinnen viele rührende Erfolgsgeschichten).

Besorgniserregend sind aber die Versprechungen, die die Industrie gibt, um aus der Verzweiflung und dem gleichzeitig existierenden inneren Schweinehund vieler Frauen Profit zu ziehen, immer im vollen Bewusstsein um die hunderttausenden Jojo-Effekte und frustrierten Blicke in den Spiegel.

Dies ist der Aspekt, den ich für bedenklich halte. Es wäre viel wichtiger, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass viele Menschen nicht in der Lage sind, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Es ist keinem Unternehmen übel zu nehmen, seine Rüttelplatten gewinnbringend zu verkaufen, solange es gleichzeitig darauf hinweist, dass sich tatsächliche Erfolge nur bei einer dauerhaften Umstellung der Gewohnheiten einstellen können. Aufklärung statt Umsatz wäre doch mal ein Ansatz. Solange das nicht konsequente Berücksichtigung findet, können mir Schönheits-Operationen nicht unmoralischer erscheinen als diese Branche – mit dem Unterschied, dass die chirurgischen Eingriffe einfach wirklich zum Wunschergebnis führen!