Für mehr Toleranz im Gym - ein Plädoyer
Beginnen wir mit einer kleinen Zeitreise, einer Reise in ein vergangenes Jahrhundert, zu dessen Beginn man eine Unterscheidung der verschiedenen Disziplinen des Eisenspiels nicht kannte. Ein John Grimek, ein Eugen Sandow, ein Georg Hackenschmidt, für sie waren Kraft und Muskulösität eine Einheit. Ihre muskelbepackten Körper waren das Ergebnis des Strebens nach mehr Kraft. Sie sahen nicht nur wie die stärksten Männer der Welt aus, sie waren es auch. Doch wie in allen Bereichen des Lebens setzte auch im Eisensport irgendwann der Prozess der Spezialisierung ein. Einzeldisziplinen wie Bodybuilding, Powerlifting, Strongman und Gewichtheben bildeten sich heraus. Waren Bodybuildingwettkämpfe zu Beginn eher Lückenfüller bei Kraftsportevents, wurden sie schnell so populär, dass sie mehr und mehr Raum einnahmen. Bald war der Punkt erreicht, an dem sie völlig von dem Kräftemessen im wortwörtlichen Sinn losgelöst wurden. Fortan ging es im Bodybuilding nicht mehr darum stark zu sein, sondern stark auszusehen und für die anderen Disziplinen entfiel mehr und mehr der Anspruch auch optisch einem wahren Athleten griechischen Vorbildes zu entsprechen. Solch Entwicklungen sind keineswegs untypisch und im Grunde auch absolut nicht schlecht, zu vergessen, dass man eine gemeinsame Basis hat, dass auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert das Training mit Hanteln uns alle vereint, das ist das wahre Verbrechen!
Schauen wir uns nun die heutige Situation an: Bodybuilder haben teils groteske Mengen an Muskelmasse angehäuft, weit mehr als die Funktionalität jemals erfordern würde. Muskelmasse ist hier Selbstzweck geworden. Auch wenn viele Elitebodybuilder ihre Wurzeln im Powerlifting (teils auch im Gewichtheben) haben, in ihrem tagtäglichen Training ist davon nur noch wenig zu sehen. Das Training des typischen Bodybuilders ist (Ausnahmen bestätigen die Regel) nicht darauf ausgelegt maximale Lasten zu bewegen. Meist dominieren moderate Wiederholungszahlen, mehr oder weniger kontraktionsorientiertes Training und die Suche nach dem Pump, dem heiligen Gral des Bodybuilding, seit Arnold ihn so denkwürdig in "Pumping Iron" beschrieb. Bevor sich nun jemand wundert: Ich setze hier die Arbeitslasten in Relation zu der vorhandenen Muskelmasse. Ich bin mir sicher, dass die allermeisten Bodybuilder viel schwerer trainieren könnten, als sie es effektiv tun, wenn sie nur wollten. Doch sie wollen nicht. Warum? Weil sie verstanden haben, dass schwerer nicht automatisch auch intensiver bedeutet. Lee Haney predigte das intelligente Training, das sich nicht daran orientiert, wie viel man maximal irgendwie bewegen kann, sondern daran, wie viel Gewicht man maximal verwenden muss um adäquate Wachstumsreize zu setzen. Die Mehrheit der Bodybuilder folgte ihm. Natürlich gab es da Dorian Yates, natürlich gab es Ronnie Coleman, aber selbst genetische Freaks wie sie mussten sich irgendwann ihrem Körper geschlagen geben, der die Strapazen des extrem schweren Trainings (in Verbindung mit enorm fordernden Wettkampfdiäten) nicht mehr mitmachte. Für das Bodybuilding gilt seitdem: "Du musst nicht der stärkste Kerl im Gym sein, Du musst nur so aussehen."
Anders die Situation in den Kraftdisziplinen Powerlifting, Strongman und Gewichtheben (wobei jede dieser Sportarten spezifische Charakteristika aufweist, die sie von den anderen unterscheidet: Powerlifting ist demnach die roheste Demonstration von Kraft, Strongman bezieht auch intensiv cariovaskuläre Aspekte mit ein und das Gewichtheben ist mit Abstand die technisch anspruchsvollste Disziplin der hier genannten). Gerade im Superschwergewicht hat sich hier vielerorts die Einstellung "Masse = Kraft" eingebürgert, wie die Praxis zeigt nicht zu Unrecht. Das Training hier ist roher, ursprünglicher. Weniger Maschinen, weniger Gepumpe - Eisen, Kreide, die Schläge des Kameraden im Nacken und das laute Kampfgeschrei auf den Lippen werden hier monströse Gewichte bewegt. Von Diät haben hier die wenigsten schon jemals etwas gehört, "Hauptsache viel" ist zumeist die Einstellung. Bodybuilder erscheinen diesen Gesellen oft als selbstverliebte Gockel, die mit Frauengewichten herumspielen um sich dann eingeölt und ganzkörperenthaart im Tanga auf einer Bühne zu messen - nicht sehr männlich oder?
Verzeiht bitte die teils etwas überspitzte Darstellung. Ich bin Bodybuilder, habe jedoch auch schon (wenn auch nur zum Spaß und mit eher mäßigem Erfolg) an Kraftwettbewerben teilgenommen. Warum ich all das schreibe, ist die Tatsache, dass mich die teils schon feindselige Abgrenzung der einzelnen Disziplinen doch sehr stört, oder besser: Ich finde es extrem schade, dass es nicht einmal die paar ernsthaft trainierenden Athleten in den Gyms schaffen, sich zusammenzurotten gegen den Wulst von "Fitnesssportlern" die mehr und mehr die Studios einnehmen und dafür sorgen, dass die Hantelbänke zunehmend durch Power Plates und Gesundheits- und Abnehmzirkel ersetzt werden. Wir sind vom gleichen Blut, wir haben irgendwann am Eisen geschnuppert und konnten uns nicht mehr losreißen! Die Liebe zum Eisen ist es, die uns alle verbindet, das sollten wir nie vergessen und das sollte uns Anlass geben, den anderen mit Respekt entgegenzutreten. Zumal dies oft Synergieeffekte freisetzt. Der Bodybuilder kann vom Powerlifter lernen, genau wie dieser vom Gewichtheber und so weiter. Schaut über den Tellerrand, kapselt Euch nicht ein, sondern lebt Eure Liebe zum Eisensport mit all denen zusammen, die diese Liebe teilen, egal ob sie gestreifte Gesäßmuskeln haben oder ihre von Kreide bedeckten Hände vor lauter Schwielen kaum noch normal zugreifen können.
Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!