"Funktional muss es sein, das sei die Hauptsache. Denn nur funktionales Training bringe den Menschen wirklich weiter." So oder ähnlich kann man es zur Zeit vielerorts in den Studios und auch im Internet vernehmen. Funktionales Training ist genauso trendy wie Zumba, mindestens. Wer heute nicht funktional trainiert, der ist sowas von out, dass er auch gleich mit Tae Bo anfangen könnte. Klassisches Krafttraining? Ist das denn funktional? Am besten noch an Maschinen...ein Sakrileg ohne Gleichen. Heute trainiert man funktional, so viel steht fest. Die Frage, die bleibt: Was ist überhaupt funktional?

An sich ist diese Frage einfach zu beantworten: Ein Training ist immer dann funktional, wenn es für das gewünschte Trainingsergebnis zielführend ist. Nun sind die meisten Sportarten so komplex, dass es nicht reicht nur einzelne Fertigkeiten zu trainieren; ein umfassendes Training ist erforderlich, da ansonsten immer das schwächste Glied die Kette zum Reißen bringen wird. Wenn ein Fußballer technisch perfekt ist, pfeilschnell, sprunggewaltig, wendig und zweikampfstark, aber ihm nach 20 Minuten die Luft ausgeht, dann wird dieser Mangel ein weiteres Vorankommen in seiner Sportart verhindern. Für diesen Spieler wäre ein funktionales Training ein solches, welches sich primär auf seine Ausdauerfähigkeit konzentriert, um diese den anderen Fertigkeiten anzupassen und so einen kompletten Spieler zu formen.

Wenn wir vom Krafttraining ausgehen, dann stellt sich zunächst die Frage, wozu dieses dienen soll? Bleiben wir beim Fußballspieler; wie könnte Krafttraining seine Leistung im Fußball verbessern? Denn nur wenn dies gelingt, ist das Training auch funktional. Was müsste er also tun? Zunächst sicherlich die Explosivität der unteren Extremitäten verbessern, wobei er - aufgrund der eher quadrizepsdominanten Belastung der Beine im sportartenspezifischen Training - das Training der Ischiocruralmuskulatur in den Vordergrund rücken sollte um Dysbalancen zu vermeiden, die schlimmstenfalls in Knieverletzungen resultieren könnten. Dann sollte die Rumpfstabilität maximiert werden, um eine optimale Kraftübertragung von Ober- zu Unterkörper (und anders herum ) zu gewährleisten. Bei all dem sollte jedoch der Fokus auf Kraftgewinn ausgelegt sein. Der Zuwachs von Muskelmasse kann bis zu einem gewissen Grad sicherlich hilfreich sein, bspw. um die Zweikampfstärke zu verbessern, aber es ist zu berücksichtigen, dass jedes Gramm mehr an Muskulatur während der sportlichen Belastung mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden muss, was sich negativ auf die Ausdauerleistung auswirken kann (es hat seine Gründe, warum Marathonläufer anders aussehen als Sprinter). Hier geht es also darum den optimalen Kompromiss zu finden. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass der Sportler flink und beweglich bleiben muss und vor allem muss auch ein Auge auf die Gesamtbelastung durch das Training geworfen werden, so dass Anstrengung und Regeneration in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Ein speziell auf diese Anforderungen zugeschnittener Trainingsplan, der gewissenhaft befolgt wird und dessen Vorgaben immer wieder an Hand der aktuellen Leistungsfähigkeit überprüft werden, das wäre ein funktioneller Trainingsplan. preview

Aber ist es das, was gemeint ist, wenn jeder Pseudoexperte mit verächtlichem Blick auf den Beinstrecker von funktionalem Training spricht? Vielmehr wird hier die - nicht logisch ergründbare - natürliche Abneigung vieler Menschen gegenüber Maschinentraining aufgegriffen und durch cleveres Marketing verstärkt. "Foltergeräte, an denen man sich mit viel zu schweren Gewichte die Gelenke kaputt macht? So dermaßen out! Heute trainiert man mit Bändern auf einem Gymnastikball kniend, damit auch ja die Ganzheit des Trainings betont wird, der Körper als Einheit funktioniert. Auf diese Weise erreicht man neben dem Aufbau von Kraft auch diverse weitere gesundheitliche Nutzen und vor allem ist das auch funktionale Kraft." Ich bin da ja skeptisch...Mein Vater predigte mir immer, dass man, wenn man fünf Dinge gleichzeitig tut, nichts davon richtig macht. Und wie es meistens mit den lieben Eltern ist: irgendwann stellt man fest, dass sie eben doch Recht haben. Will ich stärker werden, muss ich gezielt auf eine Steigerung meines Kraftpotentials hinarbeiten und ob ich das dann besser erreiche, wenn ich Kurzhanteldrücken auf dem Gymnastikball absolviere, weil das so toll den Kern mittrainiert und koordinativ viel anspruchsvoller ist, oder mit klassischem Bankdrücken auf der Bank…man weiß es nicht…ich habe da aber so eine Vermutung. Und vor allem: Was ist denn nun bitte funktionale Kraft. Ich habe verschiedene Formen der Kraft kennengelernt: die Literatur beschreibt Schnellkraft, Maximalkraft, Reaktivkraft und Kraftausdauer; von funktionaler Kraft habe ich in der Trainingslehre nichts gehört. Kann Kraft überhaupt nicht funktional sein? Ich denke nicht. Entscheidend ist der Übertrag in die individuelle Hauptsportart oder den Beruf und dies ist eine Frage der Konditionierung. Warum führen wohl Leistungssportler jeder Couleur hartes Krafttraining aus, wenn das doch so wenig funktional ist?

Nehmen wir an, eine Person will schneller werden. Wie geht sie nun optimalerweise vor? Sie sollte zunächst an ihrer Maximalkraft arbeiten. Der nächste Schritt wäre die Verbesserung der intramuskulären Koordination und zum Schluss ein gesondertes Training zur Verbesserung der Muskelkontraktionsgeschwindigkeit. Ein solcher Aufbau ist funktional. Wie die Maximalkraft aufgebaut wird, das ist dabei erst einmal nebensächlich.

Und wenn wir nun das Auge aufs Bodybuilding richten: Funktional ist jedes Training, das dem Aufbau von Muskelmasse dient, fertig. Alles andere ist ein netter Zusatz, aber kein Primärinteresse. Entsprechend sollte man vieles weniger dogmatisch sehen: Muss jeder Bodybuilder tiefe Kniebeugen und schweres Kreuzheben machen, ungeachtet seiner individuellen Anatomie? Ist das funktional? Oder kann es unter Umständen deutlich sinnvoller sein, Maschinen ins Training einzubeziehen?

Bevor Ihr nun über mich herfallt: Ich habe nichts gegen die Trainingsvarianten, die heutzutage als funktionales Training angepriesen werden. Körpergewichtsübungen sind eine tolle Sache, Crossfit ist perfekt, wenn man ein guter Allrounder sein will, ein tolles Ergänzungstraining, aber nicht die alleinige Wahrheit. Und wenn wir nun vom normalen Durchschnittsbürger und dessen Intentionen im Studio ausgehen, dann muss man, ausgehend von der körperlichen Ausgangslage, festhalten, dass ein geführtes Maschinentraining für die meisten - zumindest in der Anfangszeit - die beste und damit auch funktionellste Wahl ist.

Noch einmal: Funktionales Training ist ein Modebegriff, der aktuell inflationär verwendet wird. Sobald in irgendeiner Form fern von Geräten trainiert wird, wird groß von funktionalem Training gefaselt. Und geht man nach dem, was die Leute im Gym einem erzählen, macht mindestens jeder zweite funktionales Training…in der Theorie…seiner Theorie. Denn die Wahrheit ist: Es gibt kein spezielles funktionales Trainingsprogramm für jedermann. Trainingssteuerung ist eine sehr individuelle Angelegenheit, die immer die subjektiven Anforderungen und Gegebenheiten berücksichtigen muss. Also lasst Euch nicht dummquatschen von wegen Euer Training an Maschine xy sei völlig unsinnig, da nicht funktional.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!