Zeit für meinen zweiten Blog zum Thema Genetik, indem ich einige für Kraft- und Fitnesssportler wesentliche Punkte noch einmal allgemeinverständlich aufdröseln und vertiefen möchte. Und keine Angst! Das sieht erst mal nach viel Info aus, ist aber, wie ich finde, hochinteressanter Stoff, der sich gut auf unseren Trainingsalltag übertragen lässt und womöglich das eine oder andere Aha-Erlebnis bereithält. Also, setzt euch einen Kaffee auf, ab aufs Sofa, und los geht's...

Wir wissen jetzt:
Es gibt Dinge, die können wir durch Training und Ernährung bis zu einem gewissen Grade beeinflussen (z.B. Muskelgröße, Körperfettanteil), und es gibt Dinge, mit denen müssen wir einfach leben (z.B. Muskelform, Knochenbau).
Das Problem ist, dass besonders meine "jungen Wilden", aber auch Heerscharen fehlgeleiteter Leser von Fitness- und Lifestyle-Magazinen, oft alles daran setzen, gerade die Dinge zu verändern, die sich eben nicht ändern lassen.

Foto: Matthias Busse

Wie viel Zeit, Energie und Frust könnten sie sich ersparen, wenn sie sich auf Trainingsziele und -methoden konzentrieren würden, die den Aufwand wert sind und tatsächlich etwas bewirken... anstatt sich in aussichtslosem Wunschdenken zu verrennen und krampfhaft zu versuchen, Äpfel in Birnen zu verwandeln.

Die Klassiker: Viele Studiogänger rackern sich nach wie vor vergeblich mit endlosen Übungen für die sagenumwobenen "unteren" Bauchmuskeln ab, um irgendwie ein (genetisch vorgegebenes und somit unveränderliches) Viererpack in das heiß begehrte Sixpack umzuformen.

Auch etwa mittels Scott- und Hammercurls die (genetisch vorgegebene und somit unveränderliche) Länge der Bizepssehne zu verkürzen, wird tatsächlich auch heute noch von einigen verwirrten Bodybuilding-Champions als echte Möglichkeit und gangbarer Weg empfohlen.

Junge Wilde leiden erschreckend häufig unter der fixen Idee, sie könnten, indem sie den exakt gleichen Trainingsplan von - sagen wir mal - Arnold Schwarzenegger befolgen, auch den exakt gleichen Körper wie die Austrian Oak entwickeln. Klingt ja auch erstmal logisch. Aber mit der Logik ist das so eine Sache.

In seinem wegweisenden Buch "Straight and Crooked Thinking" hat der britische Psychologe Robert H. Thouless bereits 1930 die Stolperfallen und Holzwege menschlicher Denkprozesse offengelegt. Die meisten seiner Beispiele für krummes Denken finden wir geballt in der Vorstellungswelt vieler Gym-Ratten wieder.
Seltsamerweise hat sich anscheinend noch nie jemand gefragt, weshalb - obwohl ja vermutlich über die Jahre hunderttausende aufstrebender Kraftsportler blind Arnolds Trainingsprogramm kopiert haben - nicht inzwischen auch Hunderttausende mit Arnolds Körper durch die Gegend laufen.
Aber dazu komme ich gleich.

Der besondere Verdienst der HIT-Pioniere Arthur Jones und Mike Mentzer lag vor allem darin, dass sie als Erste die gängigen Denkfehler der frühen Bodybuilder aufgezeigt und dem Gewichtstraining damit zu einem logischen und sportwissenschaftlich validen Grundgerüst verholfen haben.

Trotzdem halten sich bis zum heutigen Tag bestimmte Mythen und Schnapsideen im Bodybuilding derart hartnäckig, dass ich mich ernsthaft frage, ob sie wohl jemals ganz ausgerottet werden können. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich da eher pessimistisch. Wie heißt es doch so schön? Keine Lehre ist so abstrus, dass sie nicht ihre Anhänger und Verfechter finden würde.

Ich erwähnte bereits das Gestichel der Eisensport-Veteranen, die sogenannten "Hardgainer" benutzten ihre genetische Benachteiligung nur als Ausrede - in Wahrheit wären sie einfach nur faul. Ein Schlag ins Gesicht aller von der Natur stiefmütterlich behandelten Ektomorphen und Non-Responder, die jahrein jahraus unverzagt Blut, Schweiß und Tränen über Hantelscheiben und Kraftmaschinen vergossen und sich mit Hähnchenbrust und Reis pressgefüttert haben, bis es ihnen zu den Ohren rauskam... nur um ihren Körpern ein weiteres Gramm Muskelmasse abzuringen.

Ich bin nicht sicher, was bei solchen Experten überwiegt: die Arroganz der genetisch Begünstigten oder die Ignoranz der sportwissenschaftlich völlig Unbeleckten? Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es schon fast wieder zum Lachen.

Ich möchte zwei typische Fehler menschlicher Denkweisen herausgreifen, die laut Dr. Doug McGuff besonders bei Kraft- und Fitnesssportlern weit verbreitet sind. Dabei wird sich nicht vermeiden lassen, ein paar wissenschaftliche Begriffe zu bemühen, aber keine Angst - ich werde es praxisnah und so einfach wie möglich halten (damit ich selber auch noch kapiere, worum es geht).

Varianz des Mittelwerts ODER: Die Macht der Freaks

Die Varianz ist in der Statistik ein Maß dafür, wie einzelne Daten um den Mittelwert verteilt sind. So weit, so gut. Was bitte hat das aber mit Genetik im Kraftsport zu tun?

Dr. McGuff beschreibt das sehr schön in seinem Buch "Body by Science": Betrachtet man in der Natur ein relativ ebenmäßiges Baumkronendach, wird man zwangsläufig hier und da einen einsamen Baumriesen entdecken, der sich über den Rest der Bäume erhebt. Diese Superbäume nennt er Freaks.

Foto: Matthias Busse

Nun liegt es in der Natur des Menschen, allem, was von der Norm abweicht bzw. darüber hinausgeht, eine besondere Aufmerksamkeit und Bedeutung zuzusprechen. Das wiederum erklärt die Tendenz, dass Menschen mit überdurchschnittlichen körperlichen Fähigkeiten von ihren in dieser Hinsicht mittelmäßigen Mitmenschen beinahe zwangsläufig als Autorität angesehen werden (Nassim N. Taleb, Fooled by Randomness: The Hidden Role of Chance in the Markets and Life).
Bodybuilding-Rebell Mike Mentzer hat schon in den 70er Jahren anschaulich darauf hingewiesen, dass viele Anfänger deshalb den Kardinalfehler machen, sich grundsätzlich an den muskulösesten genetischen Freak im Studio zu wenden, wenn sie einen Rat suchen... obwohl der schmächtige Hardgainer mit der Hornbrille höchstwahrscheinlich das viel größere Fachwissen über sinnvolle Trainingsmethodik hat.
Aber den fragt man halt erst gar nicht.

Nun kann es vorkommen, dass zwei oder mehr Bäume aus der Masse herausragen. Wie gesagt, diese Bäume sind nicht höher gewachsen, weil sie etwas Besonderes getan oder nicht getan haben, sondern schlicht und ergreifend aufgrund der natürlichen Varianz. Auf Krafttraining bezogen heißt das: Es gibt auch hier einfach Freaks, die alle anderen überragen - nicht etwa, weil sie vielleicht vorrangig mit dieser oder jener Methode trainieren, sondern lediglich, weil sie rein zufällig einen außergewöhnlichen genetischen Vorteil haben. Selbst völlig unterschiedliche und sogar widersprüchliche Trainingspraktiken führen bei diesen Ausnahmeathleten zum Erfolg. Leider kommt genau hier das krumme Denken ins Spiel.

Wir führen das Resultat - in dem Fall die überdurchschnittliche Muskelmasse - automatisch auf die (beliebige) Trainingsmethode zurück, nicht auf den (ausschlaggebenden) genetischen Vorteil.

Aber das Konzept der statistischen Varianz ist nicht nur auf athletische Überlegenheit, Körpergröße und Muskelkraft anwendbar. Es wird auch gerne auf die freie Marktwirtschaft übertragen, um Phänomene wie z.B. den beispiellosen Erfolg von Google zu erklären. Der eigentliche Pferdefuß hierbei ist die Verallgemeinerung.

Wir neigen dazu, von der Ausnahme auf die Regel zu schließen. Im Sport bedeutet das ganz konkret: Wenn wir von den wenigen überstehenden Bäumen Rückschlüsse auf den ganzen Rest des Waldes ziehen, kommen wir im Ergebnis zu grundlegend falschen Annahmen.

Wenn wir also im Umkehrschluss Trainingsmethoden suchen, die für die Mehrheit der Menschen funktionieren sollen, dann macht es eben keinen Sinn, bei den sportlichen Überfliegern zu kiebitzen.

Die empirische Standardabweichung

Die Standardabweichung ist ebenfalls ein Begriff aus der Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie ist ein Maß für die Streuung der Werte einer Zufallsvariablen um ihren Erwartungswert. Häh?

Am Leben orientiert:
In der vereinfachten Faustformel der Standardverteilung sagt die sogenannte Gauß'sche Glockenkurve, dass 95 % der Bevölkerung dem Standard oder der Norm entsprechen, wobei sich an jedem Ende der Kurve 2,5 % sogenannte Ausreißer finden (Anmerkung: Aufgrund der glockenförmigen Verteilung könnte man natürlich auch größere Abgrenzungen hinten und vorne definieren).

Gehen wir davon aus, dass die 95 % in der Mitte Fitnesssportler mit durchschnittlicher Genetik sind, die mehr oder weniger normal auf Trainingsreize ansprechen, dann haben wir am einen Ende des Spektrums 2,5 % Studiobesucher, die extrem gut aufbauen (die Freaks), und am anderen Ende 2,5 %, die extrem schlecht oder gar nicht auf Training reagieren (die Hardgainer).

Eine als allgemein gültig angelegte Studie über effektives Schwimmtraining, die Ausreißer wie Mark Spitz, Michael Phelps und Matt Biondi teilnehmen ließe, hätte komplett verzerrte Ergebnisse zur Folge und wäre in keiner Weise aussagekräftig, da die Leistungsfähigkeit dieser Ausnahmeathleten in der Gauß'schen Kurve locker siebzehn Intervalle (Maßeinheit bei der Normalverteilung) über dem Durchschnitt läge.

Foto: Matthias Busse

Ich stünde unweigerlich vor dem gleichen Dilemma, wenn ich bei einer Studie über die Wirksamkeit einer Krafttrainingsmethode Top-Bodybuilder wie Kevin Levrone, Ronnie Coleman oder Flex Wheeler einbezöge. Trotzdem glaubt jeder durchschnittliche Spargeltarzan, er könne sich ohne Weiteres an den Trainingsprogrammen dieser Naturgewalten orientieren.
Bodybuilder dieser Liga brauchen eine Hantel aber nur anzugucken, und schon fangen sie an zu wachsen.
Von den Waggonladungen von Steroiden und Wachstumshormonen, die diese Jungs obendrauf einfahren, ganz zu schweigen.

Das sind die Gründe, warum für durchschnittliche Kraft- und Fitnesssportler die Trainingsprogramme der Top-Champions aus der SPORTREVUE null Relevanz haben.

Wenn ich also zu den 95 % der genetisch breiten Masse gehöre, kann ich natürlich durchaus ein erfolgreicher Hobbysportler und ziemlich heißer Strandhase werden... meinen Wechsel ins IFBB-Profilager und die Teilnahme am Mr. Olympia sollte ich aber vielleicht nochmal in aller Ruhe überdenken.