Teil 1 findet ihr hier.

Im zweiten Teil dieses Artikels werde ich einen Blick auf ein halbes dutzend aktueller Studien werfen, die sich mit dem Thema Ginseng und Sport befassen. Wenn es sich um ein Zwischenprodukt einer Aminosäure oder um ein Vitaminderivat handeln würde, wäre dieser Artikel wahrscheinlich nie geschrieben worden. In diesem Fall hätte ich bereits im ersten Teil die Aussage getätigt, dass alle aktuellen Studien, die versuchten eine leistungssteigernde Wirkung nachzuweisen, negativ ausgefallen sind. Da es sich beim betrachteten Wirkstoffkomplex jedoch um Ginseng handelt, war ich der Meinung, dass eine nähere Betrachtung dieser Studien gerechtfertigt wäre. preview

1.

Während einer placebokontrollierten Doppelblindstudie wurde die Wirkung von gereinigtem amerikanischen Ginseng in zwei Dosierungen (8 mg/Kilogramm Körpergewicht und 16 mg/Kilogramm Körpergewicht, was bei einem 70 Kilo schweren Sportler einer Tagesdosis von 560 mg bzw. 1120 mg entspricht) untersucht. Der Ablauf der Studie sah wie folgt aus:

Vor der Studie wurden die Zeit auf dem Ergometer, bis Erschöpfung eintrat, der Sauerstoffverbrauch, die Rate der wahrgenommenen Kraftanstrengung und der Serum-Laktat-Spiegel ermittelt.

Nach sieben Tagen, während denen ein Placebo verabreicht wurde, erfolgte eine Wiederholung des beschriebenen Tests. Nach weiteren sieben Tagen, während denen Ginseng verabreicht wurde, folgte ein dritter Belastungstest.

Sowohl der zweite als auch der dritte Belastungstest verlängerten im Vergleich zum Ausgangstest die Zeitspanne bis zum Eintritt der Erschöpfung. Es konnte jedoch kein Unterschied der Testergebnisse des Belastungstests nach der Placebophase und der Ginsengphase festgestellt werden. Die Autoren der Studie schlossen hieraus, dass die Einnahme eines Ginsengextraktes keinen positiven Einfluss auf die körperliche Leistungsfähigkeit hat (1).

2.

Während einer zweiten Doppelblindstudie erhielten 28 Männer und Frauen über einen Zeitraum von 30 Tagen entweder 200 mg Ginsengextrakt pro Tag oder ein Placebo. Die bewältigte Trainingslast, die Zeitspanne bis zum Eintritt der Erschöpfung und der Sauerstoffverbrauch waren bei der Ginsenggruppe etwas höher und der durchschnittliche Serum-Laktatwert war etwas geringer. Diese Abweichungen von der Kontrollgruppe waren jedoch nicht signifikant, so dass hieraus keine leistungssteigernde Wirkung geschlossen werden kann.

Auch die durchschnittliche Rate der wahrgenommenen Kraftanstrengung und die Pulsfrequenz waren bei der Ginsenggruppe leicht erhöht, doch statistisch gesehen nicht signifikant. Die Autoren der Studie schlossen aus den Ergebnissen, dass eine dreiwöchige Ginsengsupplementation die maximale Trainingsleistung bei jungen gesunden Erwachsenen nicht verbessert(2).

3.

Während einer dritten Doppelblindstudie bekamen 11 Männer und Frauen entweder 3 Gramm Ginseng oder ein Placebo verabreicht. Das Protokoll der Studie sah folgendermaßen aus:
  • Ein Lauf zu Beginn der Studie, bei dem Herzfrequenz, Sauerstoffverbrauch und Zeit bis zum Eintritt der Erschöpfung gemessen wurden.
  • Sieben Tage Placebo Supplementation, auf die ein zweiter Testlauf folgte.
  • Eine siebentägige Einnahmepause, auf die ein dritter Testlauf folgte.
  • Sieben Tage Ginseng Supplementation, auf die ein vierter Testlauf folgte.
Der einzige statistisch signifikante Unterschied in der gesamten Studie war eine Verlängerung der Zeit bis zum Eintritt der Erschöpfung nach dem dritten Lauf (der durchgeführt wurde, bevor die Probanden erstmalig Ginseng einnahmen). Die Autoren der Studie schlossen hieraus, dass Ginseng für eine Veränderung der maximalen aeroben Leistungsfähigkeit ineffektiv ist (3).

4.

Während einer achtwöchigen Untersuchung mit Eleutherococcus Senticosus (ES) bekamen 20 Männer und Frauen entweder 60 Tropfen (oder 3,4 ml) eines ES Extraktes oder ein Placebo verabreicht. Die Probanden wurden während der gesamten Studiendauer alle zwei Wochen nach Laufbandläufen mit sowohl maximaler als auch submaximaler Intensität untersucht. Hierbei konnten zwischen Ginseng- und Placebogruppe keine Unterschiede bezüglich der Laktatwerte, der Herzfrequenz, des VO2 max oder der Zeitspanne bis zum Eintritt der Erschöpfung festgestellt werden.

Bei einer Befragung nach Beendigung der Studie bewerteten die Studienteilnehmer die eingenommenen Supplements im Bereich von 3 Punkten für keine Wirkung bis 4 Punkten für eine leichte Verbesserung. Eine Analyse der Befragung zeigte, dass das Placebo als wirkungsvoller (durchschnittlich 3,8 Punkte) als das Ginsengprodukt (durchschnittlich 3,2 Punkte) angesehen wurde. Die Autoren der Studie kamen zu der Schlussfolgerung, dass eine ES Supplementation keine leistungssteigernde Wirkung bei körperlichen Belastungen mit submaximaler oder maximaler Intensität bewirkt (4).

5.

Während eines anderen achtwöchigen Experiments konsumierten 19 Männer und Frauen entweder 400 mg standardisiertes Panax Ginsengextrakt pro Tag oder ein Placebo. Zwischen den beiden Gruppen konnte während eines Belastungstests auf dem Fahrrad, der bis zum Eintritt der Erschöpfung durchgeführt wurde, kein Unterschied bezüglich maximaler anaerober Leistung, durchschnittlicher aerober Leistung oder Rate der Erschöpfung, festgestellt werden. Die Autoren schlossen hieraus, dass eine Daueranwendung von Ginseng keinen positiven Einfluss auf eine kurzzeitige hochintensive Belastung hat (5).

6.

Die letzte zitierte Studie wurde als Crossover – Doppelblindstudie durchgeführt. Zehn durchtrainierte männliche Radrennfahrer bekamen hierbei für die Dauer von 7 Tagen vor jedem der beiden Belastungstest entweder 1200 mg ES pro Tag oder ein Placebo verabreicht. Die Belastungstests bestanden aus 120 Minuten Radfahren mit konstanter Belastung, gefolgt von einer gezeiteten 10 Kilometer Strecke. Eine Anzahl von Faktoren, zu denen unter anderem der Sauerstoffverbrauch, die Herzfrequenz, der Plasma-Laktatspiegel und die Rate der wahrgenommenen Kraftanstrengung gehörten, wurden während der zweistündigen Fahrt alle 20 – 30 Minuten und nach der gezeiteten 10 Kilometer Stecke untersucht. Für keinen dieser Faktoren konnte zwischen Placebogruppe und ES-Gruppe ein Unterschied festgestellt werden. Die Autoren der Studie schlossen hieraus, dass eine ES Supplementation weder bei Aktivitäten mit gleich bleibender Anstrengung noch bei gezeiteten intensiven Anstrengungen eine leistungssteigernde Wirkung zeigt (6).

In seinem Buch Optimum Sports Nutrition macht Michael Colgan die Aussage, dass es einer täglichen Einnahme von 200 mg standardisiertem Ginsengextrakt oder 10 Gramm nicht standardisierten reinen Ginsengs über einen Zeitraum von mehreren Monaten bedarf, bevor es zu einer wahrnehmbaren Wirkung kommt. Dr. Colgan stimmt mit den Osteuropäern bezüglich der Wertigkeit von Eleutherococcus Senticosus nicht überein und empfiehlt dessen Einnahme nicht (7). Aus diesem Grunde erfüllt nur die fünfte Studie die Kriterien von Dr. Colgan.

Schlussfolgerung

Basierend auf den zitierten Studien scheinen standardisierter Ginsengextrakt, Panax Ginseng und Eleutherococcus Senticosus bei kurzfristiger Anwendung die sportliche Leistungsfähigkeit weder positiv noch negativ zu beeinflussen. Ob eine Langzeitanwendung von Produkten, die reich an Ginsenosiden sind, einen Nutzen bringt, ist umstritten. Ohne aussagekräftige, sinnvoll gestaltete Studien in naher Zukunft könnte der Ginsengverbrauch durch Sportler zurück gehen.

Die Resultate dieser Studien sollten jedoch nicht dazu verwendet werden zu dem Schluss zu kommen, dass die unterschiedlichen Formen des Ginseng keinen Einfluss auf die menschliche Gesundheit haben können. Alle Teilnehmer dieser Studien waren relativ jung (zwischen 20 und 45 Jahren) und in guter gesundheitlicher Verfassung. Wir wissen deshalb nicht, welchen Einfluss oder welche positiven Wirkungen Ginseng bei weniger gesunden bzw. älteren Personen gezeigt hätte.

Forscher am Rochester Institute of Technology untersuchten unterschiedliche kommerzielle Ginsengzubereitungen auf eine andere Familie von Inhaltsstoffen, die als Methylxanthine bezeichnet werden (das bekannteste Methylxanthin ist Koffein). Sie fanden in unterschiedlichen kommerziellen Ginsengzubereitungen ein breites Spektrum von Xanthinen (1mg bis 200 mg pro Dosis) (8). Dies könnte teilweise erklären, warum einige Menschen (die empfindlich auf Kaffee reagieren) eine die Ausdauer verbessernde Wirkung von Ginseng verspüren. Es gibt ausführliche Literatur darüber, dass Koffein die Ausdauer verbessern kann. Diese Leistungssteigerung geht so weit, dass olympische Sportler, deren Koffeinspiegel zu hoch ist, sogar wegen Doping disqualifiziert werden können (9).

Schlussbemerkung des Übersetzers

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sehe ich mehrer Schwächen bei den zitierten Studien:
  • Die Einzeldosierungen des Ginseng waren bis auf eine Ausnahme sehr gering
  • Es wurde zum Teil statt echtem Ginseng Eleutherococcus Senticosus (sibirischer Ginseng) verwendet, der streng genommen kein echter Ginseng ist
  • Bei allen Studien wurde eine Daueranwendung über mehrere Tage durchgeführt und es findet sich keine Aussage darüber, wann die letzte Ginsengeinnahme vor dem Belastungstest stattfand
  • Es wurde nicht untersucht, ob Ginseng mit anderen Wirkstoffen synergetisch zusammen wirkt
  • Mein Einnahmeschema unterscheidet sich in all diesen Punkten von den zitierten Studien:
    • Die Einzeldosis Ginseng entspricht 2 Gramm Ginsengwurzel
    • Es wird Panax Ginseng verwendet
    • Die Anwendung erfolgt NUR 30 Minuten vor dem Training. (Auch andere leistungssteigernde Substanzen wie Koffein und Ephedrin würden bei über den Tag verteilter Einnahme in geringen Dosierungen keine leistungssteigernde Wirkung zeigen.)
    Die beschriebene Ginsengdosis wird zusammen mit 200 mg Koffein eingenommen.
Natürlich könnte jetzt der Einwand kommen, dass die leistungssteigernde Wirkung vom Koffein herrührt, doch dem scheint nicht so zu sein, da die Wirkung der Kombination sehr viel stärker ausfällt, als die Aufaddierung der Einzelwirkungen von Koffein und Ginseng. Es scheint also eine Art synergistische Wirkung zwischen Koffein und Ginseng zu geben. Das Interessante hieran ist auch die Art der anregenden Wirkung. Während eine alleine durch Koffein hervorgerufene deutliche anregende Wirkung meist zumindest ansatzweise mit Nervosität und einer Art inneren Unruhe einhergeht, scheint die Anregung durch die Kombination von Ginseng und Koffein bei gleicher subjektiver Stärke eine ganz andere zu sein. Man ist ruhiger und konzentrierter, gleichzeitig jedoch auch mental fokussierter und sogar leicht euphorisiert. Hierbei sollte aus Gründen der Vollständigkeit erwähnt werden, dass ich nicht empfindlich auf Koffein reagiere.

Diese Kombination hat bisher jeden Bodybuilder, den ich davon überzeugen konnte, sie einmal zu testen, voll und ganz überzeugt. Zwei gute Freunde (beide Bodybuilder mit langjähriger Erfahrung) sind, nachdem sie meine Vorgehensweise vorher lange spöttisch belächelt hatten, seit den erste eigenen Versuchen voll und ganz begeistert und setzen diese Kombination seither regelmäßig phasenweise ein.

Leider konnte ich auf die Schnelle keine aussagekräftigen Studien bezüglich einer Synergie von Koffein und Ginseng finden. Falls ein geneigter Leser etwas in diese Richtung finden sollte, wäre ich für eine kurze PM sehr dankbar.






Quellen

  1. Morris AC, Jacobs I, et al. No ergogenic effect of ginseng ingestion. International Journal of Sport Nutrition 1996;6:263-271.
  2. Allen JD, McClung J, Welsch M. The effects of short-term ginseng supplementation on maximal exercise performance in healthy young adults. Medicine and Science in Sports and Exercise May 1997;29(5S):A1438.
  3. Lifton B, et al. The effect of ginseng on acute maximal aerobic exercise. Medicine and Science in Sports and Exercise May 1997;29(5S):A1414.
  4. Dowling E, Redondo D, et al. Effect of eleutherococcus senticosus on submaximal and maximal exercise performance. Medicine and Science in Sports and Exercise April 1996;28(4):482-489.
  5. Kolokouri I, et al. Effect of chronic ginseng supplementation on short duration supramaximal exercise test performance. Medicine and Science in Sports and Exercise May 1999;31(5S):S117.
  6. Eschbach LC, et al. Effect of eleutherococcus senticosus (Siberian ginseng) on substrate utilization and performance during prolonged cycling. Medicine and Science in Sports and Exercise May 1999;31(5S):S117.
  7. Colgan M. Optimum Sports Nutrition. New York: Advanced Research Press, 1993, pp. 305-310.
  8. Vaughn MA, Doolittle RL, et al. Physiological effects of ginseng may be due to methylxanthines. Medicine and Science in Sports and Exercise May 1999;31(5):S121.
  9. Bucci L. Nutrients as Ergogenic Aids for Sports and Exercise. Boca Raton, FL: CRC Press, 1993.