Typ 1: Der Fitness-Opa
Darum ist er im Studio
Kennt ihr den schon? Sitzen zwei Rentner beim Arzt im Wartezimmer. Sagt der eine: "Wo ist heute eigentlich die Waltraud?" Sagt der andere: "Du, ich glaub, die ist krank."Oder anders gesagt: je älter der Mensch, desto offensiver gestaltet er die Suche nach sozialen Kontakten. Was auch logisch erscheint, wenn nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Kollegen und Kunden wegfallen, die Kinder eigene Wege bestreiten und der Verwandten- und Bekanntenkreis biologisch bedingt stückweise schrumpft. Als Alternative zu Praxen, Apotheken und Singkreisen mischt sich der rüstige Rentner im Fitnessstudio unters Volk.
Die Senioren von heute gehören noch zu jenen, die von den sogenannten – die älteren Leser werden den Begriff einordnen können – Rentenansprüchen profitieren, so dass ihnen Geld für Hobbys bleibt. Oftmals hat auch der Hausarzt ein bisschen Bewegung verordnet oder die Apothekenumschau in ihrem Auftrag als Rentner-Flex mittels eines Osteoporose-Artikels zum Sport animiert.
Aussehen und Verhalten
Der Fitness-Opa trägt noch den guten Trainingsanzug mit den dazugehörigen Turnschuhen vom Betriebskegeln zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Die Stringtanga-Tops der jüngeren, männlichen Studiomitglieder beweisen ihm, dass er mit seiner Wahl goldrichtig liegt.Er ist ein kommunikativer und unendlich freundlicher Mensch. Apropos unendlich: sein Zeitverständnis lässt uns fragend zurück. Die Langsamkeit, die seinen Studioaufenthalt (bewusst wird hierbei der Euphemismus "Training" vermieden) bestimmt, wirkt auf den kunstsinnigen Betrachter beinah meditativ. Infolge eines bislang ungeklärten Raum-Zeit-Paradoxons können die in einem gegen Null konvergierenden Tempo ausgeführten Bewegungsabläufe auch vom aufmerksamsten Beobachter optisch nicht erfasst werden, so dass stets der Eindruck entsteht, es hätte rein gar kein Sport stattgefunden. Sein Mundwerk arbeitet umso schneller.
Lieblingsübung
Geräte-Sitzen. Gerät egal.Wichtigstes Trainingsutensil
Ein Stoffbeutel unbekannten Inhalts.Wichtigster Satz
"Ich kann heut' nicht so lange. Ich will noch in den Garten."Typ 2: Das Cardio-Häschen
Darum ist sie im Studio
Wenn sie beim Schulturnen vergessen hatte, ihre Sportsachen zu vergessen, dann setzte spontan eine stark beschwerdebegleitete Menstruationsblutung ein. Dass sie sich nun freiwillig an einen Ort der Bewegung begibt, kann sie selbst noch nicht glauben. Aber weil sie kochen kann wie Mutti und saufen wie Vati, ist ihre Figur bereits merklich außer Form geraten. Einige Aha-Erlebnisse beim Shoppen trieben sie ins Fitnesscenter. Sie trainiert ausschließlich die BOP-Problemzonen, um hier gezielt Fett verbrennen zu können, wie es ihr der nette Trainer empfohlen hat. Hierbei sind zudem 30 oder mehr Wiederholungen pro Satz zu absolvieren, um keine dicken Muskeln entstehen zu lassen. Die selbstverliebten Jungs in der Freihantelecke sind ja schon igitt genug, das ist schon nicht mehr schön mit den Armen, und nun stelle man sich vor, das auch noch am weiblichen Körper … da macht sie es sich lieber auf dem Stepper gemütlich. Sicher ist sicher. Sie hat ja so und so schon so muskulöse Oberschenkel, sie war als kleines Mädchen mal beim Ponyreiten. Ihre Ernährung besteht aus Salat und Schokolade.Aussehen und Verhalten
Sie trägt, was ihr auch im Alltag gefällt: Lagenlook, Rock über der Leggins, gern auch ein Bolero-Jäckchen und Kreolen, die schwerer sind als das an der Adduktoren-Maschine verwendete Gewicht. Ihr aufwendiges Make-up und die offen getragene Mähne versuchen darüber hinweg zu täuschen, dass sie sich zwischen den überzähligen Männern eigentlich unwohl fühlt. Nach einiger Zeit merkt sie jedoch, dass zumindest die gut mit Testosteron versorgten Jungs jedem Weib ohne besondere Ansprüche huldigen, und genießt ihren Auftritt sichtbar.Lieblingsübung
Unschwer zu erraten: steppen.Wichtigstes Trainingsutensil
Eine Freundin, die auch der Meinung ist, dass man Iris Kyle einschläfern sollte.Wichtigster Satz
"Lass mal nicht so lange machen heute, der Bäcker macht nachher zu."Typ 3: Der Discopumper
Darum ist er im Studio
Der populärste, legendärste, meist geächtete aller Gym-Typen! Der Discopumper besitzt zweifelsfrei keinerlei Existenzberechtigung. Nicht nur, weil er ein elender Rack-Curl-Nazi ist, sondern auch, weil seine Motive beschämend unedel sind. Ihm geht es nicht um die Faszination des ästhetischen Perfektionsstrebens, die Ganzheitlichkeit, den Zauber eines gesunden und funktionalen Körpers, die Virtuosität des abgerundeten Bodybuilding-Lebensstils. Er will nur dicke Titten. Und einen dicken Bizeps. Und das zum einen, um sich größeren Respekt zu verschaffen "draußen auf der Straße", die er zumeist jedoch nur aus den Texten seiner gebrannten Kollegah-CD kennt. Zum anderen natürlich dieses süßen "Spann mal an!" aus dem Munde eines gutaussehenden Mädchens in der Disco wegen, die der Art ihren Namen verlieh. Der Discopumper erscheint oftmals unregelmäßig, denn er beschränkt sein sportliches Engagement auf solche Phasen, in denen Geld für seine … mhm … Supplemente vorhanden ist. In einem Punkt beweist er jedoch bemerkenswerte Kontinuität: Beintraining wird konsequent ausgespart.Aussehen und Verhalten
Sein Erscheinungsbild hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht: er besteht praktisch aus Brust und Armen, die in ein Brachial-Tshirt gepresst von kümmerlichen Streichhölzern getragen werden. Schlecht gestochene Tattoos, aufgequollenes Gesicht, pestbeulige Rückenakne. Noch jämmerlich kommt der noch am Anfang seines Werdens stehende Discopumper daher, ein Fliegengewicht, das Verhältnis der Körpermasse zur Dimension des permanent getragenen Gürtels eine Tragikomödie, Achselshirt, das von verzerrter Selbstwahrnehmung zeugt.Sie treten in Rudeln auf, bevorzugt am Montag zum Internationalen Tag der Brust, und am Samstag, um noch mal die Bälle aufzupumpen. Ihre Trainingsgewichte sind ebenso beeindruckend wie ihre Fähigkeiten, beim Ganzkörperschwungholen vor dem Langhantel-Curl nicht umzukippen. Ihre Bewegungsumfänge sind Ausdruck eines wohltuenden Minimalismus in Zeiten der Überflussgesellschaft. Ihre Kameradschaft erinnert an soldatische Tugenden.
Besonders verachtenswert: nicht selten sieht der Discopumper dann sogar doch besser aus, als der engagierte und gut informierte Internetforen-Nutzer.
Lieblingsübung
Keine Frage: Curls in allen Varianten.Wichtigstes Trainingsutensil
Smartphone mit leistungsstarker Kamera zur Ablichtung und Publikation der Trainingsfortschritte.Wichtigster Satz
"Ey, den hast ganz allein gedrückt!"Aber jetzt mal im Ernst …
… wir sind Trainierende, die trainieren wollen, inmitten von Trainierenden, die trainieren wollen. Sagte doch schon Albert Schweitzer. Oder so ähnlich. Wozu bloß diese "Wir da oben, ihr da unten"-Haltung? Zeugt es nicht von Unzufriedenheit mit der eigenen Person und ist es nicht eigentlich Energieverschwendung, sich so unaufgefordert so intensiv mit dem Tun und Werden fremder Menschen auseinanderzusetzen? Motivation ist so vielfältig wie die Menschen an sich. Und das in allen Bereichen des Lebens. Und manchmal stehst auch DU auf der schlechten Seite! Du machst dir irgendwie dein Essen, obwohl du nicht kochen kannst. Du hörst Musik, obwohl du keine Ahnung davon hast. Du verbringst deine Tage im Internet, aber du könntest nicht wirklich erklären, wie W-LAN funktioniert. Und du bist trotzdem zufrieden damit. Was ist mit diesen Anderen da im Studio? Ist es tatsächlich denkbar, dass sie nicht frustriert sind und neidisch auf dich? Ja, das ist es.Du kannst über den Skinnyfat lachen, weil er keine Grundübungen ausführt, aber vielleicht spricht er sechs Fremdsprachen fließend. Vielleicht ist er auch einfach ein guter Freund, ein besserer als du. Du kannst den Kopf schütteln über die Frau auf dem Liegefahrrad, aber während du dich damit beschäftigst, Fotos von deinem Essen in deinen Log zu laden, um ein paar mehr Lobeshymnen von den anwesenden Fanboys zu kassieren, engagiert sie sich ehrenamtlich für den Hospiz-Verein. Und kann am Ende des Tages, allen Figurproblemen zum Trotz, doch befriedigt in den Spiegel schauen.
Also Leute: einen Gang zurück! Schwarz-Weiß-Denken läuft irgendwann immer gegen die Wand. Macht mal wieder den Computer aus. Stürzt euch in die Vielfältigkeit der Menschheit. Und diesmal: wertungsfrei.