Als am 1.11.2008 der Artikel "Die Velocity Diät - Ein radikales Experiment" auf Andro online ging, löste er etwas aus, was bis dahin und auch danach kein Artikel auch nur annähernd geschafft hätte.
Klar finden Artikel über dickere Oberarme oder neue Wege zur perfekten Strandfigur stets eine größere Aufmerksamkeit, als Texte zum KDK-Training oder speziellen Randthemen der Ernährung. Das ist ohne Frage nichts Neues. Doch der Diskussionsthread zur Velocity-Diät schaffte bis heute mehr als 300 Antworten! Was war also anders an dieser Diät? Nun, während sich manch ein Leser vielleicht bis heute fragt, wo diese Velo-Stadt sein mag, sind sich englischgefäßtigtere Leser bewusst, dass "velocity" für "Schnelligkeit" bzw. "Geschwindigkeit" steht. Und ihr Name ist Programm:
Grundlage der Velocity-Diät ist eine Ernährung, die fast nur auf Protein basiert, welches in Form von Shakes zu sich genommen wird. Während Harry Wijnvoord vor einigen Jahren noch die Zucker-Milchshakes von Slim Fast als Mahlzeitenersatz anpries, schlägt die Velocity-Diät deutlich stärker in die Kerbe und setzt komplett auf eine Nahrungszufuhr über Protein-Shakes. Kein Fleisch, kein Gemüse, kein Obst, kein Nachdenken, keine Lebensqualität, aber das Versprechen eines garantierten Erfolges.
Schaut man ins Ernährungsforum, so haben die meisten Interessenten, die bereit sind ihre Lebensqualität für die nächsten Wochen ins Asyl zu schicken, einen tendenziell höheren Körperfettanteil. Ich möchte niemanden in seinen Gefühlen verletzen, doch es scheint, als ob vor allem die Simplizität dieser Diät verlockend wäre und so vor allem diejenigen anlocken würde, die auch bei einer kostenlosen Ben&Jerrys-Verkostung in der ersten Reihe stehen würden. Zwei Mal!
Was trieb mich also zu diesem Survival-Trip der Extraklasse, betone ich in meinem Trainings- und Ernährungslog doch immer wieder, dass die Optik für mich nur zweitrangig wäre? Nun, ganz einfach: Die Deutsche Meisterschaft im Kreuzheben der German RAW Association stand vor der Tür und ich war bereit mich auf das Experiment einzulassen, um doch noch in der -75kg Klasse starten zu können.
Das Gewicht hatte ich zuletzt Ende September für die Deutsche Meisterschaft im Kniebeugen der GRAWA nach einer dreimonatigen Diät unterschritten, in der ich von gut 81kg auf 74,4kg am Wettkampftag abgenommen hatte. Und jetzt innerhalb von zwei Wochen einfach fast den gleichen Sprung machen? Eins war mir klar: Einfach wird anders werden.
Und so entschloss ich mich vor genau 15 Tagen vorerst zu einem siebentägigen Probelauf, in dem ich schauen wollte, wie mein Körper nur auf Proteinshakes reagieren würde und vor allem: Wie ICH darauf mental reagieren würde. preview
Let the journey begin
Während im Originalartikel empfohlen wird, sich einen gewissen Grundbedarf auszurechnen und den auf entsprechende Shakes über den Tag zu verteilen, habe ich auf diesen Schritt völlig verzichtet. Ich kenne meinen Körper inzwischen ganz gut und was viel wichtiger war: Mir ging es nicht um eine optische Veränderung, sondern darum ein gewisses Gewicht zum Zeitpunkt X zu erreichen und dabei möglichst keine Krafteinbußen zu verzeichnen.Auch kann ich Threads im Forum zum Teil nicht nachvollziehen, in denen über die ideale Zusammenstellung der Proteinshakes philosophiert wird. Sein wir mal ehrlich: Die meisten Menschen, die sich für diese Diät entscheiden, werden viele Probleme haben. Aber nicht, wann ein Whey-, ein Mehrkomponenten- oder ein Casein-Protein genutzt werden sollte, um möglichst viel Muskelmasse zu erhalten. Wenn man dem Körper praktisch nur Protein zuführt, kann man sich über einiges Gedanken machen (Muss ich mir noch Zähne putzen, wenn ich kein Essen kaue? Warum sind McDonalds Milchshakes nicht erlaubt? Trinke ich den Shake geschüttelt oder gerührt?), aber doch bitte nicht über solche Details.
Wenn man schon bereit ist seine Lebensqualität ohne Nakose bei vollem Bewusstsein eigenhändig zu kastrieren, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass man Pulver im Haus hat, das einem schmeckt und dann möglichst viele verschiedene Sorten. Ich selbst habe beispielsweise zur Zeit Erdnussbutter, Haselnuss, Schoko, Toffee, Ice-Coffee, Lemon Cake, Weiße Schokolade, Zimt und Vanille im Haus. Proteinpulver hält sich praktisch ewig und so bestelle ich immer mal wieder in kleinen Portionen einen weiteren Geschmack hinzu, um Neues auszuprobieren und bei Bedarf Abwechslung zu haben. Und gerade in der Velocity ist Abwechslung die einzige Oase in einer Wüste der flüssigen Nahrungszufuhr.
Ich selbst begann mit einem Gewicht von 79,3kg auf 174cm, was bereits das leichteste war, was ich in diesem Jahr auf die Waage gebracht hatte. Eine detaillierte Auflistung der Shakes und der Gewichtsentwicklung möchte ich mir an dieser Stelle sparen, da es A) den Leser vermutlich nur unnötig langweilen würde und B) Statistikfreaks all dies in meinem Trainings- und Ernährungslog selbstständig nachvollziehen können.
Ein paar Eckpunkte erscheinen mir hier jedoch erwähnenswert: Feste Nahrung vermisste ich bereits nach drei Tagen und hätte am liebsten den Shaker mitgeknabbert. Zudem war das ganze Unternehmen relativ grotesk. Ich war bereit mich für einen Wettkampf in eine Gewichtsklasse zu hungern, trainierte Kreuzheben bisher aber nur knapp ein Dutzend Mal im Jahr 2011. Und so machte ich am fünften Tag der Velocity-Diät meine erste Standortbestimmung fürs Kreuzheben und hob die 187,5kg fünf Mal, was grob einem Maximum von 218kg entsprechen sollte. - Das wäre für mich vollkommen akzeptabel, da die GRAWA bisher in der niedrigsten Gewichtsklasse -75kg bei den Männern nicht all zu stark besetzt war und der Vorjahressieger gerade einmal 207,5kg gültig in die Wertung brachte. Mein eigenes Gewicht lag inzwischen bei 77,6kg.
Ich konzentrierte mich die Woche fast nur auf Krafteinheiten und ließ sonstige Einheiten wie Laufen, Schwimmen, Kampfsport oder Rudern, die sonst fester Bestandteil meiner Trainingswochen sind, unter den Tisch fallen, um meine Kraft zu sparen und die mentale Energie für diese Form der Diät zu bewahren.
Nach einer Woche reduzierte ich die Nahrungszufuhr auf bis zu gerade einmal 2 Shakes. Ich muss dazu sagen, meine Shakes bestanden immer aus einem Scoop vom Pulver meiner Wahl in Wasser aufgelöst. Es kann jeder selbstständig auf seinen Proteinbeutel gucken, was das an Kalorien bedeutet.
Gleichzeitig begann ich mit einer erhöhten Salzzufuhr. Vier bis fünf Mal am Tag "gönnte" ich mir einen Teelöffel voll mit Salz, der dann möglichst schnell runter gespült wurde, um keinen Brechreiz auszulösen. Wer meint, er wäre ein harter Knochen, weil er Arginin pur herunter schluckt, sollte sich tagelang den Spaß von Salz auf nüchternen Magen nicht entgehen lassen. Creatin-Ethyl-Ester war in meiner Erinnerung wie Nektar im Vergleich zur täglichen Portion Nordsee. - Der Sinn dahinter war, um es simpel auszudrücken, meinen Mineralienhaushalt so zu manipulieren, dass bei einem möglichen Entwässern am Ende der Diät mehr Wasser aus dem Körper gehen würde. Ein Vorgang, den Wettkampfbodybuilder noch einmal deutlich stärker betreiben.
Zudem durfte ich mir bereits nach der ersten Woche anhören, wie dünn ich geworden sei. Ein Satz, den ich noch des Öfteren die nächsten Tage hören sollte. Und die Schlafqualität begann deutlich zu sinken, was bis zum Ende der Diät auch immer größere Ausmaße annahm.
Am neunten Tag gab es die einzige – auch so geplante – Cheatmeal, indem ich mir bei Subway ein Menü gönnte und Abends einen Rote Früchte Low Carb Riegel aß. Der Autor der Velocity-Diät empfiehlt eine feste Mahlzeit pro Woche und ich muss sagen, dass diese Zwischenetappe ein Punkt war, auf den ich die ganzen Tage zuvor "hingearbeitet" hatte.
Am elften Tag folgte das zweite Kreuzhebe-Training während der Diät und wie auch in den anderen Einheiten hatte ich trotz des krassen Kaloriendefizits keine Krafteinbußen zu verzeichnen gehabt. Wieder hob ich 187,5kg fünf Mal, was knapp eine Woche vorm Wettkampf noch einmal motivierte, obwohl das Gewicht die letzten Tage - auch aufgrund des Salzladens - hin und her sprang und bei gut 77,8kg lag.
Gleichzeitig sank mein Ruhepuls jeden Tag mehr. Während dieser am elften Tag noch bei gut 50 Schlägen lag, hatte ich am Tag vorm Wettkampf sogar noch nur einen Ruhepuls von um die 40 Schläge.
Die letzte Woche war unspektakulär von trainingsfrei und schlechter Laune geprägt. Ich merkte, wie meine Nerven langsam dünner als Klaviersaiten wurden und ging bis auf meiner Süßen schon praktisch alles und jedem aus dem Weg. Danke an dieser Stelle an meine Süße, dass sie den ganzen Mist mitgemacht hat und zu jedem Zeitpunkt für mich da war und mir Verständnis entgegen brachte. So viel Verständnis, dass sie es sogar akzeptierte, als ich mich die letzten drei Tage quasi komplett zu Hause einschloss und den Kontakt zum real life fast vollkommen auf den 0-Punkt senkte, um anderen Leuten nicht meine Launen anzutun.
Am Mittwoch war dann der letzte Tag der Salzzufuhr, was einen Nachteil, aber auch einige Vorteile mit sich brachte: Zum einen senkte ich meine Flüssigkeitszufuhr schlagartig von über 15 Liter am Tag auf 4,5 Liter am Donnerstag. Die Waage zeigte morgens noch 75,7kg an und die Tatsache, dass die Shakes nun für die letzten zwei Tage Hähnchenbrust weichen sollten, motivierten zum entscheidenden Endspurt. Zudem belohnte ich mich am Donnerstag, indem ich das erste Mal in diesem Monat feste Nahrung kaufte und sowohl für die Woche die üblichen Lebensmittel, die man nach diesen wenigen Tagen unglaublich vermisst, kaufte, als auch einen Berg an Süßigkeiten, die nach dem Wettkampf in meinem Mund verschwinden sollten.
Der Donnerstag endete dann mit migräneartigen Kopfschmerzen, die mich von 22Uhr bis 2Uhr Freitagnacht schlafen ließen. Danach kriegte ich kein Auge mehr zu und fügte mich der Schlaflosigkeit, die die letzten Tage immer größer wurde (ich war einfach nicht müde) und mit einem stetig sinkenden Ruhepuls einherging.
Freitag morgen zeigte die Waage dann 74,3kg an. Ich hatte Gewicht! So entschied ich mich zum leichten Kohlenhydratladen mit ein paar Kidneybohnen sowie zu zwei 30minütigen Schwitzeinheiten auf dem Fahrradergometer mit minimaler Intensität.
In diesem Augenblick, dass ich diese Zeilen schreibe, ist mein Gewicht bei 73,7kg angekommen. Ich fühle mich erholt, stark und freue mich morgen nach der Waage richtig essen zu können.
Ende gut, alles gut?
Das Experiment war also ein Erfolg. Ich schaffte es innerhalb kürzester Zeit Gewicht zu machen, wobei die Toten am Ende der Schlacht gezählt werden: Die Kreuzhebeleistung gilt es heute erst zu erbringen.Dennoch war diese durchaus effektive Form der Diät etwas, was ich unter normalen Umständen nicht bereit wäre zu wiederholen. Es ist mir ehrlich gesagt unverständlich, wie man freiwillig von einem Extrem, was einen offenbar fett werden ließ, so dass man verzweifelt genug für die Reise nach Velo-City ist, ins andere Extrem einer rein flüssigen Nahrungszufuhr wechseln kann, solange man sich nicht gerade frisch alle vier Weisheitszähne entfernen ließ.
Heißt das, ich würde sie nie wieder machen? Nun, ich spiele mit den Gedanken die nächsten Jahre bei einem internationalen Wettkampf der WDFPF teilzunehmen, wo diese Form der Diät für die -75kg Klasse interessant wäre. Ansonsten aber gibt es für mich keine große Motivation das Ganze noch einmal zu wiederholen. Aufgrund des kurzen Zeitraumes der starken Abnahme habe auch ich meinen Gewichtsverlust deutlich im Spiegel bemerkt. Ich mag definierter sein, aber ich fühle mich wie mein eigener Schatten, der nicht gerade genug Sonne zum Wachsen abbekommen hat und freue mich wieder zu meinem alten Gewicht zurückzukehren.
Ich werde mir nachher ein kleines Porridge mit Erdnussbutter-Whey gönnen, bevor es nach Oberasbach bei Nürnberg geht und um voraussichtlich 12 Uhr auf der Waage der Lohn für die Qualen der letzten Tage geholt wird. Wer detaillierter über den Verlauf der Velocity-Diät nachlesen oder sich Proteinpulver-Geschmacksdiskussionen nicht entgehen lassen will, sollte einen Blick in mein Log werfen. Allen anderen eine anaboles Wochenende.
Nachtrag 17.07.2010 - 23:47Uhr:
Auf der Wettkampfwaage brachte ich 73,5kg und konnte im Wettkampf raw die 220kg im Kreuzheben bewältigen und bin damit praktisch im "Club der dreifaches Körpergewichtzieher" eingetreten.