"Krieger kennen keine Angst, Krieger schauen dem Feind lachend ins Gesicht, Krieger sind mutig, furchtlos, gar übermenschlich. Nichts kann einen Krieger aufhalten, nichts sich ihm in den Weg stellen. Er wird seine Mission erfüllen, ganz egal was passiert, denn er ist ein Krieger; ich bin ein Krieger!"

Laut spreche ich diese Worte in die Leere meines Autos, als ich auf den Parkplatz eines bekannten Lebensmitteldiscounters fahre. Einkaufen ist Krieg, der Supermarkt das Schlachtfeld, übersäht mit Feinden. Manche stellen sich in all Ihrer Pracht zur Schau, demonstrieren Ihre Stärke, andere verstecken sich, sind auf den ersten Blick kaum auszumachen, doch drängen sich dann umso vehementer in das Blickfeld. Einkaufen ist Krieg; ich bin ein Krieger!

Noch einmal spreche ich mir Mut zu, noch einmal gehe ich den Schlachtplan durch. Jeder Zug ist exakt geplant, jeder Eventualität berücksichtigt. Es kann nichts schief gehen. Es DARF nichts schief gehen! Ich nehme einen letzten Schluck aus der Feldflasche. Die Mixtur aus Zucker, Aminosäuren und Koffein wird mein Auge schärfen, meine Wachsamkeit stärken, mir die Kraft und Ausdauer geben, diese Mission zu überleben. Ich muss überleben, muss die Mission erfüllen. Die Vorräte gehen zu Neige, ohne ausreichend Verpflegung kann der Krieg nicht gewonnen werden. Wie sollen die tapferen Krieger die Strapazen der Schlachten überstehen? Wie voller Kraft und Zuversicht kämpfen? Wir brauchen diese Vorräte, koste es was es wolle. Ich werde die Mission erfüllen, ich werde meine Kameraden nicht enttäuschen; ich bin ein Krieger!

Bedacht öffne ich die Wagentür. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen, das wäre fatal. Das Blut des Kriegers giert nach Kampf, nach brutalem Gemetzel, doch nicht dieses Mal, nicht heute. Kein Platz für Stolz, kein Platz für lautes Geschrei, heute muss der Krieger Assasine sein, leise und unbemerkt, ein Schatten in der Nacht. Ich sondiere die Lage. Dort vor dem Eingang erspähe ich die Wachen. Großformatig, bunt illustriert. Sie locken mit lustvollen Darbietungen, Leckereien die versprechen mein sündhaftes Verlangen zu stillen . Sie wollen mich brechen, aus mir einen Überläufer machen, einen Verräter. Doch nicht mit diesem Mann! Nie werden sie mich brechen; ich bin ein Krieger!

Ich schleiche mich zu den Einkaufswagen. Die Mission erfordert Präzision und taktisches Vorgehen, aber auch Eile. Unmöglich die ganzen Vorräte per Hand zu transportieren. Doch der Feind hat mich erwartet, der Wagen ist angekettet. Doch Ketten werden mich nicht stoppen, nicht hier, nicht heute. Mit geschickten Handgriffen löse ich sie und nehme den Wagen an mich. Noch bin ich unbemerkt, die Wachen scheinen träge und müde. All ihre Größe und Stärke ist bedeutungslos, denn das macht sie träge. Geschickt umgehe ich ihr Blickfeld und schleiche mich in den Eingang. Mein Blick ist fokussiert, ich weiß was mich erwartet, kenne die Gefahr, doch blicke ich ihr direkt ins Auge; ich bin ein Krieger!

Die erste Phase ist vollbracht, ich bin ins Innere der Festung vorgedrungen. Sogleich erkennt mein geschärfter Blick die ersten Produkte, die es zu erbeuten gilt: Blaubeeren, Gurken, Tomaten, Paprika, Brokkoli und Salat. Doch der Weg ist gefährlich. Pralle Äpfel locken mit ihrem süßen Geschmack, wollen mich betören. Aber ich weiß um die List des Feindes, weiß um das Gift in den Äpfel, dass schon manch Eindringling den qualvollen Tod brachte. Nicht mit mir! Ich beherrsche mich, raffe zusammen, was ich in die Finger bekomme und verlasse das Blickfeld der Äpfel. Doch kaum ist dies vollbracht, stellt sich mir ein Hinderniss in den Weg, eine Blockade, die in keinem meiner Pläne vorhanden war. Der Feind ist listig. Von den Packungen im Regal lachen mich Kekse an, süße, knusprige Kekse. Welch Genuss wäre es ihren himmlichen Geschmack an meinem Gaumen zu spüren. Doch ich widerstehe, ich lasse mich nicht verführen; ich bin ein Krieger! preview

Magerquark und Hüttenkäse, irgendwo hier müssen sie sein. Ich werfe einen Blick auf meine Karte: den linken Gang durch, ganz zum Ende. Ich beschleunige meinen Schritt, eile in Hast durch den engen Gang, mein Ziel fest im Blick. Kaum dass ich mein Ziel erspäht habe, greife ich es und will mich schon abwenden, da bemerke ich, welch boshafte Arglist der Feind doch anwendet. Ich mustere meine Beute genau und mein Instinkt hatte wie immer Recht. War der Magerquark noch vor Wochen in ein sanftes hellblau getaucht, so muss ich nun erkennen, dass der Feind ein Meister der Illusion ist. Die hellblaue Verpackung enthält nicht, wie gedacht, den gesuchten Magerquark, ganz im Gegenteil, 40% Fett lese ich. "Ihr Teufel!", schreie ich heimlich in mich hinein, dann werfe ich diesen Höllenfraß in die hinterste Ecke der Festung, auf dass niemand durch dieses falsche Spiel Leid erfahre und wende mich erneut dem Regal zu. Da, ganz hinten und in ein sanftes rosa getaucht, erkenne ich mein Objekt der Begierde. Ihr könnt mich nicht täuschen, nicht mich; ich bin ein Krieger!

Keine Zeit zu verschnaufen, zu lang die Liste, zu wichtig die Mission. Reis und Haferflocken, meine nächsten Zielobjekte. Geschickt umgehe ich die Verlockungen der Pasta, welche mich anlacht, greife den Reis und bin schon auf dem Weg zu den Haferflocken. Cerialien, Cerialien, irgendwo hier müssen sie sein. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein kleiner Moment... Fauchend springt der Tiger aus dem Regal, landet genau in meinem Wagen. Das ist er, der sagenumwobene Cerialientiger. Angsterstarrt schaue ich ihm in die Augen. Ist das das Ende? NEIN! Ich muss meine Mission erfüllen. Wie soll ich so vor meine Ahnen treten? Als Versager? Als Schwächling? Nein! Todesmutig werfe ich mich auf den Tiger, zerreiße sein Anlitz in der Luft, greife die begehrten Flocken und flüchte aus dem Reich der Raubkatze. Eine weitere Kerbe im Griff meines Schwertes, ein weiterer gefallener Feind; ich bin ein Krieger!

Den Thunfisch zu erbeuten ist leicht, der Feind scheint müde. Dies ist der Tag meines Triumphes! Doch besinne ich mich auf die Worte meines Vaters, ermahne mich zur Wachsamkeit. Noch ist die Schlacht nicht geschlagen, aber ich werde nicht versagen. Versagen ist keine Option, nicht für mich, nicht für einen Krieger. Für den letzten Missionspunkt hilft mir all meine Stärke nicht, nicht hier. Doch ich bin vorbereitet, ich schlüpfe in das Gewand eines Feindes, den ich auf einer vorhergegangenen Mission zu seinen Ahnen geschickt hatte und pirsche mich unaufällig an die Fleischtheke. Ihr blinden Narren, erkennt Ihr den Feind nicht einmal, wenn er vor Euch steht? Der Hochmut übernimmt mich, schneller denn ich es bemerke. Sei nicht dumm, reiß Dich zusammen! Sei ein Mann, sei ein Krieger! Für Dich, für Deine Kamerade, für Deine Ahnen! Ich atme tief durch und trete meinem Feind entgegen; ich bin ein Krieger!

Das Herz pocht, die Spannung steigt ins Unermessliche. Nichts anmerken lassen... Ich gebe meine Bestellung auf, die Minuten bis ich sie in meinen Händen halte, fühlen sich an wie Tage. Diese Blicke, sie haben mich erkannt. Sei nicht paranoid, niemand hat Dich erkannt, spicht etwa die Angst aus Dir? Fürchtest Du Dich? Einfältiges Weib! ICH BIN KEIN WEIB, ich werde meine Ahnen stolz machen. Doch hatte ich die Hinterlist des Feindes vergessen. "Darf es sonst noch etwas sein?", fragt die Meduse mit diabolischem Grinsen. Ich bin erkannt, es gibt keine Chance mehr meine Identität zu verstecken. Meine Reflexe funktionieren noch. In Sekundenbruchteilen greife ich ein Tablett mit Käse und schmeiße es den Hexen entgegen, greife mein Fleisch und renne los. Raus, nur noch raus. Aus dem Weg, macht Platz; ich bin ein Krieger!

Vorbei am süßen Nektar, der mich anlacht und mir genußvolle Nächte mit hübschen Jungfrauen verspricht, er kann mich nicht locken. Ich habe nur mein Ziel vor Augen, der ausgang ist zum Greifen nahe. Wie ein Blitz durchfährt es mich. Ich habe etwas vergessen, ich muss noch einmal zurück! Hinter mir die Schergen des Feindes, doch ich kann nicht ohne das letzte Produkt meiner Liste nach Hause kommen, nicht ohne dies, nicht ohne 4-lagiges Klopapier. Wie viele Kriege wurden schon aufgrund zu harten Klopapieres verloren, das wird uns nicht passieren. Todesmutig werfe ich mich den Feinden entgegen, überwältige sie, greife das begehrte Celluloseprodukt und wende mich wieder dem Ausgang zu. Noch ist es nicht geschafft, doch nun kann mich niemand mehr stoppen. Das Adrenalin lässt mein Herz pochen, die Spannung ist unerträglich, aber ich behalte die Ruhe, ich wurde hierfür ausgebildet, für diese Mission, für diesen Triumph; ich bin ein Krieger!

Nur noch ein Hinderniss gilt es zu überwinden, den Zöllner. Doch ich weiß um seine Bestechlichkeit, seine Gier nach Geld. Doch wo ist er? Die Schranke ist unten, niemand in Sicht, weit und breit. Eine Falle!!! Ich wende mich nach rechts und erblicke Schokoriegel, wende mich nach links und sehe Eis am Stiel. Diese Schweine wollen mich brechen. Doch nicht mit mir, ich bin vorbereitet, ziehe den Eiweißriegel, den ich für genau diesen Moment mit mir getragen habe, heraus und entsage den Verlockungen. Endlich begiebt sich der Zöllner auf seinen Posten, ich schmeiße ihm ein paar Taler zu und renne los. Die Lunge brennt, die Beine Schmerzen, doch ich werde es schaffen, ich werde siegen, ich bin ein Krieger!

Das Auto, es ist geschafft. Ich schmeiße meine Beute in den Kofferraum, hechte hinter das Lenkrad und trete mit aller Kraft das Gaspedal durch. Mit quietschenden Reifen verlasse ich den Parkplatz. Dies ist mein Triumph, meine Ahnen werden mich ehren, meine Kinder ihren Kindern von dieser Heldentat berichten. Die Schlacht ist geschlagen, ich habe gesiegt; ich bin ein Krieger!

Schweißgebadet wache ich auf. War das alles nur ein Traum? Ich raffe mich auf, verlasse das Bett und torkel in die Küche. Ich nehme einen Löffel aus der Schublade und greife das braune Gold, die unvergleichliche Nuss-Nougat Creme und setze den Löfffel an. Ich bin ein Krieger; auch Krieger essen Nutella!