Mit einem lauten Seufzen ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Endlich, es ist vollbracht, endlich, endlich, endlich! Es ist Freitag der 24. November 2006 gegen 15:00 Uhr, und ich mache mich auf den Weg nach Wiesloch, dem Austragungsort der Internationalen Deutschen Bodybuilding Meisterschaft 2006.

Es sind tausend Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, als ich die Tür hinter mir schließe. Fünf Monate ist es jetzt her, dass ich mit der Diät und Vorbereitung begonnen habe. Damals im Sommer, als alle unter 35 Grad Hitze stöhnten, Jan Ullrich noch ein ehrenwerter Sportsmann war und die Tour de France zum zweiten Mal gewinnen wollte. Die Nationalmannschaft steckte noch mitten im WM-Turnier, und das ganze Volk war im Rausch dieses komischen Sommermärchens. Naja, die Glühbirne war aber glaube ich schon erfunden, jedenfalls kommt es mir vor wie eine Ewigkeit.
Und was habe ich gelitten und geschwitzt in dieser Zeit, Tonnen von Gewichte gehoben, Stunden auf diesen verhassten Cardiogeräten verbracht und immer dieser elende Hunger und diese Antriebslosigkeit.
Aber auch die Freude beim Blick in den Spiegel. Hier wieder ein neuer Strich, da kommen die Adern immer besser. Fortschritte Woche für Woche, Tag für Tag - das ist es, was einem Kraft und Motivation gibt!
Ich steige ins Auto. Etwa zwanzig Minuten nur wird die Fahrt bis nach Wiesloch dauern. Genial, die Deutsche quasi vor der Haustüre. Natürlich wollte ich da dabei sein dieses Jahr und nicht nur als Kampfrichter. Nein, dieses Jahr mal wieder auf der Bühne. Klar, so können auch mal viele aus dem privaten Umfeld, also Familie und Freunde auf die Deutsche kommen, wenn man nicht erst quer durch die ganze Republik muss. Das zu wissen hat mich auch sehr angespornt die letzten Wochen.
Die Fahrt läuft glatt, Auto ins Parkhaus und mit dem Fahrstuhl ins Hotel. Ist einfach eine für unserer Zwecke geniale Einrichtung das Palatin in Wiesloch, das ist im Vorjahr schon jedem aufgefallen. Und in diesem Jahr komme ich in den Genuss vom Hotelbett mit dem Fahrstuhl in die Halle fahren zu können.
Vor zwei Jahren in Ransbach-Baumbach war das ein bisschen anders. Und schon treffe ich auf die ersten bekannten Gesichter, ein ständiges Hallo und Servus, und jeder spricht mich an, wie schmal ich nochmal im Gesicht geworden sei - ein gutes Zeichen, denn das heißt Härte.
Von meinem Länderteam (Gastgeber Baden-Württemberg) sind auch schon einige da. Zimmer verteilen, einchecken. Wiegen soll so um 17:30 Uhr beginnen. Ich bin mit Marc auf dem Zimmer, einem Männer II Athleten, der zum ersten Mal auf 'ner Deutschen ist. Ein netter Kerl, und wir kommen gut zusammen zurecht.
So, ab zum Wiegen. Oh, in diesem Jahr klassenweise - das vermindert das Chaos früherer Jahr etwas, aber irgendwie geht es trotzdem nicht so voran, wie ich mir das gewünscht hätte. Naja, irgendwann wird dann endlich meine Klasse aufgerufen, Männer III.
So, Winnie und Heino stehen an der Waage - Kampfrichter-Kollegen. Klar, da wird gefrotzelt, und es werden Späße gemacht, aber Ausnahmen gibt es auch für mich keine! Brauche ich auch nicht, denn mit 83 kg bin ich ja mehr als klar in meiner Klasse. Vor ein paar Tagen hatte ich sogar kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt mich unter 80 kg zu drücken. Naja, bin froh, dass ich es nicht gemacht habe, da hätte ich 3 kg Muskelmasse geopfert, und das war es mir dann doch nicht wert. Außerdem, wer garantiert dir dann, dass Du den Titel holst? Stehst zwar da mit 80 kg aber bist ausgelutscht wie ein altes Kaugummi, und neben dir steht einer prall geladen mit 77 kg und putzt dich weg. Nee, denke die Entscheidung war richtig! Aber die Klasse wird brutal, das wird beim Wiegen schon schnell deutlich. Mann, Mann, Mann sind da Kaliber am Start. Da hab ich 'nen schweren Stand morgen. Egal, ich seh gut aus, hab meine Hausaufgaben gemacht und morgen wird gekämpft bis zum Umfallen.
Schnell noch den Trainingsanzug des Länderteams bei den Betreuern abholen. Hey, der sieht ja richtig klasse aus. Super Kompliment, da haben sie dieses Jahr echt mal was Gescheites ausgewählt. Nochmals großes Lob, vor allem an Thomas Wagner vom California Sportsfashion Mannheim.
So, ab ins Zimmer. Was essen, bissel hinlegen und die Zeit totschlagen. Warten, warten, warten. Bodybuilding macht sehr geduldig, aber je Näher der Tag X die letzten Wochen kam, umso größer wurde die Ungeduld. Und irgendwann will man es dann nur noch rumhaben und beim Festbankett sitzen, richtig futtern und den ganzen Druck der letzten Wochen von sich abfallen lassen. Naja, die Nacht werd ich auch noch rumbekommen, irgendwie.
Die Betreuer unseres Teams kommen noch zum Formcheck und für letzte Tipps vorbei. Naja, auf das schlaue Gelabere hab ich jetzt ehrlich gesagt gar keinen Bock (sorry Alex und Erik), aber man lässt es halt über sich ergehen.
Zunächst lassen sie mal den Marc posen. "Ellebogen weiter nach unten, zurücklehnen. Ja, so ist gut, so musst morgen auch stehen." Sieht ordentlich aus der Junge, aber bei einem Niveau wie in den letzten Jahren üblich wird er kaum ins Finale kommen können.

"So Achim, jetzt Du ..." Na gut, ich quäl mich vom Bett hoch und stell mich ins Licht. "Oh, gut. Mann bist Du härter geworden." Das weiss ich selber ihr Schlaumeier. Sieht man ja auch schon daran, dass ich gar keine Fresse mehr habe, und man merkt es an meiner Laune und daran, dass ihr mir grad tierisch auf die Nüsse geht, und ich mich lieber wieder ins Bett legen will."Umdrehen, von hinten. Oh, Streifen im Hintern, super." Naja, ich denk mir wieder meinen Teil. Und irgendwann ist der Spuk dann vorbei, und sie klopfen am nächsten Zimmer. Und im Frühjahr bin ich selbst wieder dabei - bei den Schlaumeiern, die von Zimmer zu Zimmer gehen. Ob ich dann den Athleten genauso auf den Sack gehe, wie die mir eben?
So, jetzt versuche ich mal ein bissel zu schlafen. Es ist so gegen elf, und das Unmögliche passiert, ich schlafe tatsächlich ein. Und ich schlafe volle drei Stunden, so gegen zwei Uhr werd ich wach, schnell auf Toilette. Oh, es läuft ja noch ein bisschen was raus aus dem Körper, das ist gut, kann mich nur härter machen. Ne Kleinigkeit essen und versuchen weiterzuschlafen. Naja, es bleibt weitestgehend beim Versuch. Ein bissel geduselt hab ich noch, geschlafen nicht mehr. Man ist halt doch irgendwie aufgewühlt und kommt nicht zur Ruhe. Egal, die drei Stunden Schlaf von vorhin nimmt mir keiner mehr, immerhin. Irgendwann ist dann fünf Uhr und ich halte es im Bett nicht mehr aus, die hin und her Wälzerei geht mir tierisch auf die Nüsse, und ich steh mal auf um eine zu rauchen. Hab es ja fast gepackt, die Nacht ist ja so gut wie rum. Also runter in die Empfangshalle, weil auf den Zimmern ja Rauchverbot ist. Dort treffe ich dann auf Harry, dem es ähnlich geht wie mir, und wir quatschen ein bisschen. Er fühle sich so dünn, weil er so viel Gewicht verloren habe die letzten Tage. Hörte sich ziemlich mutlos an der Gute, konnte halt zu dem Zeitpunkt auch nicht wissen, dass er in einigen Stunden Deutscher Meister in der Männer I sein sollte.
Um halb sieben geh ich dann in den Frühstücksraum, gibt ein Schlückchen Kaffee und Reiswaffeln. Naja, morgen kann sich der Frühstücksraum dann auf einen anderen Achim gefasst machen (und das sollte er auch, aber dazu später mehr). Wieder hoch auf's Zimmer, Füße noch mal bissel hochlegen.
So langsam wird es Zeit. Die Vorwahl läuft schon, ab nach unten in den Athletenbereich. Was brauch ich alles? Schlappen, Handtuch, Bräuner, Wasser ...
Ah, da ist ja das Ba-Wü-Team, die Helfer alle schon fleißig am Wirbeln und Einschmieren. So, jetzt bin ich an der Reihe. Manu macht das, gekonnt und ruhig wie immer, während in mir langsam das Kribbeln und Wettkampffieber aufsteigt. Man blickt sich um, beäugt die Konkurrenz und fängt an abzuschätzen.
Na, wer ruft mich da? Ah, Mutti blinzelt durch die Absperrung des Athletenbereichs und winkt. Schön, dann sind meine Eltern jetzt also auch da. Klasse ist das, was diese Menschen schon in ihrem Leben für mich getan haben, kann man gar nicht genug schätzen. Als ich als Junge Fußball gespielt habe, waren sie Samstag für Samstag auf dem Sportplatz ... und jetzt mach ich Bodybuilding. Selbstverständlich, dass sie bei jedem Wettkampf dabei sind und erst recht bei 'ner Deutschen quasi vor unserer Haustür.
Ich muss immer lachen innerlich, wenn ich meinen Vater (einen sehr konservativen, korrekten und strebsamen Menschen, Mitte sechzig) über Bodybuilding fachsimpeln höre. "Ja, deine Härte war heute schon viel besser, im Vergleich zu dem waren deine Beine massiger, aber er hatte ne schöne Linie ..." Leute, ich sag euch der Mann hat Ahnung. Mehr wie manch einer dieser Möchtegern-Experten in den Internet-Foren allemal.
Nee, ist echt der Hammer, aber meine Eltern kennen sich inzwischen in unserem Sport richtig gut aus, das ist echt unglaublich! Ich liebe sie einfach und bin ihnen sehr dankbar für alles, was sie für mich schon getan haben. Und es ist schön zu wissen, dass sie jetzt auch in der Halle sind.
So, endlich gehen die Bodyfitness-Jungs auf die Bühne, jetzt gibt's bissel Platz, und ich fange langsam an zu pumpen. Ich blicke mich um, und tatsächlich - es ist diese Hammerklasse von der gestern schon alle gesprochen haben. Ins Finale will ich es packen, auf jeden Fall. Also, jetzt schauen wir mal.
Gut, Manuel ist klar, der gewinnt das Ding. Sener ist für mich auch nicht zu schlagen und Richard wohl auch nicht, so realistisch muss man sein. Da bleiben schon nimmer viele Finalplätze übrig. Dann ist da ja noch der Sieger des Vorjahres, Slawomir. Gut, er sei dieses Jahr nicht so hart, hieß es, vielleicht kann ich den ja knacken. Der Jens ist auch nicht so hart wie ich, aber ein Koffer. Mann, Mann, Mann das wird hart. Und der von Gunnar Betreute ist ja auch noch da. Der hat doch den Slawomir geschlagen auf der Landesmeisterschaft, den muss ich auch erst mal noch packen. Mann, Mann, Mann das wird richtig schwer und knapp, und es sind ja noch jede Menge anderer guter Jungs am Start. Okay, aber so wie es scheint, müsste ich den Rest unter Kontrolle halten können. Also nochmal durchzählen. Manu, Sener, Richard, okay - die sind weg. Dann bleiben vier Athleten für zwei Finalplätze. Achim - Mann gib Gas, das musst du schaffen, dafür hast dich gequält die letzten Wochen.
Ich brenne ... will raus auf die Bühne. Ein Blick in den Spiegel - geil, so gut hab ich noch nie ausgesehen. Bin so hart und schwer wie nie, ich werd das schaffen.
Endlich werden wir ausgerufen, "Männer III fertig machen". Und man holt die ganze Gruppe hinter die Bühne in einen kalten, zugigen Flur, wo wir dann stehen und warten, und warten, und noch ein Vergleich bei den Männern II, und noch einer. Bekomme kalte Füsse. Manu, brauche meine Schlappen. Sie rennt, die gute Seele, und holt mir die Schlappen. Und wir stehen immer noch. Super, der Pump geht langsam flöten. Reg dich nicht auf, bringt eh nix, ist doch eh immer dasselbe. Bekomm 'nen Krampf in den Fuss, shit, hab wohl doch zu wenig getrunken. Und das gerade jetzt, wenn es losgeht. Manu, Wasser ... und sie rennt, die gute Seele. Und dann endlich ab on Stage.
Eliminationsrunde Männer III, Stimmung im Publikum. Höre sie schreien, meinen Vater, Leute vom Studio, meine Blicke kreisen im Publikum. Wo sitzt Thomas? Ah, da, habe seinen Blick. Bauch mehr anspannen, Druck auf die Beine gibt er mir zu verstehen, und ich setze es um, versuch es zumindest. Wir verstehen uns blind nach über 15 Jahren gemeinsamer Wettkampfzeit, und ich weiß, auf was ich achten soll, wenn er mir ein Zeichen gibt.
Die Eliminationsrunde läuft gut. Ich geb alles um mich schon jetzt so gut wie möglich zu präsentieren, merk aber schon, dass meine Muskeln nicht so locker sind wie gewohnt. Naja, runter von der Bühne, gleich geht's weiter mit den Top 10. Bin mir sicher, dass ich noch dabei bin. Und so ist es auch, bin noch im Rennen, genauso wie alle anderen vorhin genannten Favoriten.
So, jetzt geht's erst richtig los. Erster Vergleich - Manu und Sener war ja klar. So, jetzt sind's vier, die vorne stehen. Und nun der Fünfte ... Erich Janner ruft meine Nummer auf. Jawohl, ich balle die Faust innerlich, und ich glaube auch äußerlich. Läuft ja eh alles ab wie ein Film da draußen auf der Bühne. Beim ersten Vergleich dabei, das ist ein super Zeichen. Versuche beim Posen alles zu geben, aber ich merke wie meine Muskulatur an mehr und mehr Stellen verkrampft. Egal, scheiß drauf, das ist die Deutsche, ich beiße auf die Zähne und pose, ekliges Gefühl. Bauch und Beine, letzte Pflichtpose, endlich. Hoffentlich kann ich zurück, bin echt krämpfig. Nein, hoffentlich hab ich noch 'nen Vergleich und wieder mit den guten Jungs!
Darf erst mal nach hinten, versuche mich bissel zu stretchen und trotzdem noch irgendwie im Line Up zu stehen. Oh Scheiße, habe überall Krämpfe, brauche Wasser. Blicke zur Seite, da stehen die Betreuer, haben schon gesehen, was mit mir los ist. Manu reicht mir Wasser ... die gute Seele.
Ich überlege, hab wohl doch zu wenig getrunken gestern, hatte eigentlich noch nie so Probleme mit Krämpfen auf der Bühne. Naja, wollte die Härte auf jeden Fall auf die Bühne bringen, die ich gestern schon hatte und hab wohl aus Übermotivation zu wenig getrunken, jetzt bekomm ich die Quittung. Egal, weiterkämpfen, hab wieder nen Vergleich. Ich pose, beiße auf die Zähne und gebe alles. Rückenwertung - Mist, kann den Beinbizeps nicht richtig anspannen. Ist das eine Kacke, ich versuch es noch mal, es krampft, ich beiße auf die Zähne. Und wieder zurück ins Line Up, Manu gibt mir nochmal Wasser. Erich Janner sagt, dass Wasser auf der Bühne eigentlich nicht erlaubt ist, was so ein erfahrener Kampfrichter wie ich doch eigentlich wissen müsste. Danke lieber Erich, meine Krämpfe gehören auf der Bühne auch verboten, ich hab sie trotzdem.
Irgendwann ist die Vorwahl dann geschafft. Und ich bin auch völlig geschafft und geh zurück in den Aufwärmraum.

An dieser Stelle nochmal ein großes Lob und Dankeschön an das ganze Helferteam, allen voran natürlich Manu, die sich super um mich und um die ganze Mannschaft gekümmert hat, ihr wart echt spitze!
Mami kommt gleich gerannt, hat es sogar in den Athletenbereich geschafft. Klar, meine Mutter in Sorge um ihren Sohn lässt sich von niemandem aufhalten. Alles klar Mama, waren nur Krämpfe, sonst ist alles okay. Kreislauf passt, mach Dir keine Sorgen.
So, hoch ins Zimmer, hinlegen, essen und hoffen, dass es gereicht hat fürs Finale. Wird wohl noch bissel dauern bis die Ergebnisse ausgehängt werden.
So gegen 15.00 Uhr geh ich dann mal runter in die Halle, vielleicht hängt schon was aus. Gerd sagt, Thomas würde mich suchen. Noch jemand: "Thomas sucht dich." Scheiße, in diesem Moment war mir schon fast klar, was es bedeutet. Denn wenn mein "Entdecker", Trainingspartner, Lehrmeister, Förderer, Motivator und langjähriger Freund mich jetzt sucht, kann das nur einen Grund haben. Er will es mir als erster sagen. Ich finde ihn nicht. Seine Frau meint, er sei auf dem Zimmer. Naja, an ihrem Blick seh ich auch schon was los ist. Finde ihn auch auf dem Zimmer nicht, also wieder runter. Gerd hat inzwischen die Listen. Top 5 Männer III: Bauer, Rogozza, Senouglu, Schneider, Leitner.
Leere, eine große Leere. Mehrere Leute stehen um mich rum, keiner sagt was, alle schauen mich an. Leere, die totale Leere ... ich wollte es doch so unbedingt, es hat nicht gereicht. Scheiße sag ich, dreh mich um und will es nicht glauben. Man muss dazu sagen, dass ich mittlerweile an weit über dreißig Wettkämpfen teilgenommen hab. Nicht im Finale war ich bisher nur einmal, also kenne ich dieses Gefühl nicht wirklich. Und ich muss euch sagen, ich will es auch gar nicht weiter kennenlernen. Langsam kommt meine Fassung zurück, die Leere spüre ich jedoch weiterhin.
"Geh fressen" sagt einer. Hab jetzt keinen Hunger, Leute. Fünf Monate Diät sind rum, fünf Monate verfluchte, beschissene Diät und ich hab keinen Hunger. Bin echt angeschlagen, brauch noch ne Weile das zu verarbeiten. Will es nicht wahrhaben und deshalb auch nicht fressen oder schon duschen. Schau nochmal auf die Liste und dann nochmal.
Okay Achim, war 'ne gute Saison, hast so gut ausgesehen wie noch nie. Du wusstest, es wird sauschwer mit 83 kg in der 90 kg-Klasse zu bestehen. Du bist mit dir sehr zufrieden. Die anderen waren besser, die Wertung ist okay, so ist der Sport. Das nächste Mal kommst Du mit 88/89 Kilo.
Ich geh duschen, zurück in die Halle und hol mir nen Wurstsalat, dann noch nen Teller Nudeln mit Hackfleisch-Sauce, und dann beginnt auch schon das Finale mit dem Einmarsch der Länderteams.
Schau mir Teile des Finales an. Daniel Gesamtsieg Junioren, Harry gewinnt die Männer I. Ist ja klasse, glaub, er ist selbst total überrascht. Für Michael Wagner reicht es leider nicht ganz, wird zweiter in der Männer II. Dann natürlich meine Klasse, brutales Feld, echt! Geh aufs Zimmer, will mich noch umziehen für den Höhepunkt des Abends, das Festbankett!
Als ich nach unten geh, erfrage ich gleich die Ergebnisse, die ich verpasst habe. Manuel Gesamtsieger, der Sack, ich gönne es ihm und drück ihn erstmal ordentlich!
So, dann geht das Bankett endlich los, Saal schon geschmückt, tolles Ambiente. Ja, das Palatin in Wiesloch ist einfach klasse für unsere Zwecke. Thomas nimmt das Mikrofon: "Ich mach es kurz, das Buffet ist eröffnet, Athleten zuerst."
Habt ihr schonmal eine Büffelherde gehört, die über eine Weide galoppiert? Und ich mittendrin. Ha, die meisten biegen bei den Vorspeisen ab, ich gleich weiter zum warmen Essen, keiner rechts, keiner links. Geil, erster. Rindersaftgaulasch, gefüllte Poulardenbrüstchen, Rotkraut, Kartoffelgratin, Knödel. Werd ungeduldig - will das, was ich da auf meinem Teller seh, in meinem Bauch spüren. Halt, Suppe noch. Ich liebe Suppe beim Bankett, die ist so angenehm im vollen Bauch. Hey, gibt zwei verschiedene, nehm gleich von beiden. Mist, hab drei Teller und nur zwei Hände. Gestapelt geht es dann zurück zum Platz. Lecker, lecker ... und so geht es gut zwei Stunden lang.
Dann wird es gemütlich. Noch bissel erzählen, die ersten verabschieden sich oder gehen zur Bar. Bin voll und werd träge und müde. Es ist halb zwei, soll ich auch noch an die Bar? Kann die Augen kaum noch offen halten - der Stress der letzten Tage, kaum geschlafen und jetzt das viele Essen. Ziehe es doch vor ins Zimmer zu gehen.
Schlafen kann ich wieder nicht, der Bauch ist zu dick - kann mich nicht drehen. Das muss man erlebt haben, sonst kann man es wohl nicht verstehen. Wie eigentlich auch alles, was da so die letzten Wochen abläuft. Wer es nicht kennt, kann das alles wohl nicht wirklich verstehen, wer es kennt, hat bestimmt schon ähnliche Erfahrungen gemacht und Gedanken gehabt, wie ich sie hier beschrieben habe. Langsam wird der Bauch bissel dünner, vielleicht kann ich ja doch noch bissel schlafen, aber dieser Durst ... muss was trinken. Trinke und trinke und trinke, so ein Durst. Klar, das ganze Salzige und der Zucker jetzt wieder, also trinken und dann schlafen. Mist, jetzt ist der Bauch durch's Trinken wieder so voll und wieder nix mit Schlafen. Irgendwann ist es dann fünf Uhr morgens. Ich steh auf und geh duschen, mach mich fertig und geh runter zum Frühstück.
Es ist sechs Uhr, dauert noch ne halbe Stunde. Zwei andere Athleten sind auch schon da, Daniel kommt auch noch, und pünktlich um 6:30 Uhr stürmen wir den Frühstücksraum, und es soll beginnen. Super relaxt und gemütlich beginne ich mein Frühstück. Und setze es super relaxt und gemütlich bis 10:00 Uhr fort.
Es war genial, hab so dermaßen viel gegessen, das ist wohl unglaublich. Aber es war so gemütlich, mit Päuschen dazwischen, dann wieder ein Kaffee, dann das nächste Brötchen, Kuchen, dann 'ne Zigarette, ein Glas Saft, wieder ein Brötchen, hach es war so schön, der ganze Druck, die ganz Last ist weg. Ich fühle mich so gut, das kann man kaum beschreiben. Freue mich auf die kommenden Wochen, darauf wieder ein normales Leben zu führen. Training mit Spaß und ohne Druck, mal wieder auszugehen, das Leben wieder mit Lebensfreude genießen zu können. Kaum wieder was "normales" gegessen, fällt einem auch schon wieder ein, dass gewisse Körperteile nicht nur zum Entwässern da sind. Ihr werdet wohl wissen, was ich meine ... hach, ich freu mich auf die nächsten Tage und Wochen!
So, dann heisst es Abschied nehmen vom Palatin, von der Bodybuilding-Familie und langsam auch von meiner Form. Denn ich merke, wie ich immer mehr "zulaufe", und sich mein Körper mehr und mehr mit Wasser füllt.
Also alle zusammen - bis zur nächsten Deutschen, dann werde ich euch wieder als Kampfrichter auf die Nerven gehen, und andere werden dieselben Erfahrungen machen, die ich versucht habe hier zu dokumentieren.
Das war die Internationale Deutsche 2006, so wie ICH sie erlebt habe. Andere mögen manches anders empfunden haben, und ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Was auch unmöglich ist bei einem Wochenende, das so voller Eindrücke und Erlebnisse steckt!
Ich grüße jedenfalls die ganze Bodybuilding-Familie und freu mich jetzt schon darauf euch alle bald wieder zu sehen!
Ach, und eines wollte ich euch noch sagen. Sonntag den 26. November 2006, gegen 11:30 Uhr, komme ich zu Hause mit einem lauten Seufzen an, öffne die Wohnungstür (das Seufzen kommt daher, dass ich zwei Stufen laufen musste, und das nach dem Frühstück) und stelle mich drinnen erstmal auf die Waage: 94 kg. Herzlichen Glückwunsch, 11 kg nach noch nicht mal einem Tag.