Ein Artikel von T-Nation.com
Von Dave Tate

In der letzten Ausgabe habe ich meine Rückkehr zum Powerlifting beschrieben – und wie ich fast in frühzeitige Rente gehen musste. Dieser Artikel beschreibt die Phase, für die ich am berühmtesten bin – die 12 Jahre, die ich bei Westside Barbell in Columbus, Ohio verbrachte.

Anmerkung: Im Laufe der Jahre haben sich viele Dinge verändert und diese beziehen sich auch auf Dinge, die ich hier gar nicht abdecken kann. Das Studio zog drei Mal um und wurde schlauer, fortgeschrittener, innovativer, stärker und besser. Viel besser.

Trotzdem blieben die Schlüsselideen immer dieselben, auch wenn ich weiß dass sich Westside immer weiter entwickelt und verbessert. Ich repräsentiere nur die Zeit, in der ich da war, gesehen und gelernt habe und ein Teil dieser Einrichtung war.

Ich kann Dir nicht sagen, wie es heute mit Westside steht. Es gibt nur eine handvoll Leute, die das können, und diese trainieren dort. Alle anderen erzählen Bullshit.

Die "anderen" großen Drei

Ich habe bei Westside mehr gelernt, als in irgendeiner anderen Zeitspanne meines Lebens. Ich könnte all diesen Dingen nie in nur einem Artikel gerecht werden. Außerdem bezweifel ich, dass irgendjemand einen Artikel in Dostoyevsky-Länge lesen will, obwohl "Verbrechen und Strafe" ein toller Untertitel dafür wäre.

Um dies anzugehen, habe ich meine Zeit bei Westside in drei Teile aufgeteilt. Diese drei Teile müssen bei mangelnden Fortschritten angenommen werden: der körperliche Aspekt (was die Meisten von euch schon kennen, inklusive aber nicht ausschließlich der Repetition Methode, der Dynamic Methode und der Max Effort Methode), der technische Aspekt (Technik der Übungen, wohl der wichtigste Aspekt) und der oft unbemerkte mentale Aspekt.

Was ist der mentale Aspekt?

Ich treffe oft junge Lifter auf Seminaren, die von Westside Barbell fasziniert sind. Sie haben die Artikel gelesen, die Videos gesehen und ihr Training nach den von Louie durch DVDs und Kurse vermittelten Prinzipien umgestellt. "Um bei Westside zu trainieren, würde ich alles geben", prahlen sie.

Ich versuche mein Bestes um sie zu ermutigen, doch ich weiß dass die meisten von ihnen es nicht schaffen würden.

Wenn Westside immer so abläuft, wie meine Erfahrungen es mir sagen, dann würden 90% dieser Lifter nicht einmal eine Woche überstehen. Sie schaffen vielleicht die körperliche Anstrengug, doch die mentale Forderung wird sie zermürben und kaputt liegenlassen.

Hier ist ein Test von mir.

Junger Lifter: "Ich würde gerne bei Westside trainieren."

Ich: "Wenn wir in einer perfekten Welt leben würde, in der Du nach Columbus ziehen und bei Westside für drei Monate trainieren könntest, denkst Du dass Du 50 Pfund mehr drücken könntest?"

Junger Lifter: "Absolut!"

Ich: "Warum drückst Du es dann nicht schon jetzt?"


Das ist der mentale Part. Daher weiß ich, dass sie es nicht schaffen würden. Alle Ideen von Westside sind veröffentlicht und es gibt Seminare und Videos. Doch sie konzentrieren sich auf das, was sie nicht haben – die Fähigkeit in den heiligen Hallen zu trainieren. Daher WEISS ICH, dass sie es nicht genug wollen.

Daher weiß ich, dass Westside Barbell sie ZERSTÖREN würde.

Ernüchternde Anfänge

Eine der letzten Unterhaltungen, die ich mit Louie führte, war bevor ich meine Sachen packte und nach Columbus fuhr. Das war gleich nachdem ich meinen Brustmuskel riss. "Wenn Du so weiter machst, bist Du innerhalb eines Jahres raus aus dem Sport.", sagte er und es ließ mich nicht los. Ich machte sowieso keine Fortschritte mehr. Was hatte ich also zu verlieren?

Dazu muss man sagen, dass ich nicht sehr bewandert von Louies Praktiken war, als ich in Westside anfing.

Ich hatte Physiologie im College studiert und unzählige wissenschaftliche Berichte gelesen. Ich war stark, erfahren und man konnte mich nicht verarschen. Louie redete von Speed und Dynamic Lifts und nichts ging konform mit dem, was ich gelernt hatte.

Meine früheren Impressionen von Louie waren, dass er sehr viel redete, was aber letztendlich Bullshit war. Ich dachte immer, dass er eine geheime Methode oder einen Plan hatte, den er unter Verschluss hielt und dieser Speed Scheiß sollte die Leute nur ablenken. Ich wollte herausfinden, was dieses "etwas" war.

Als ich das erste Mal ankam, war Westside grade in einem Wandel. Es verwandelte sich von einem kommerziellen Studio in einen privaten Powerlifting-Club. Louie hatte alle Maschinen an Matt Dimel verkauft und die wichtigen Powerliftings-Teile in das Rattenloch in West Columbus verfrachtet.

Es wäre untertrieben zu sagen, dass dieser Ort heruntergekommen war. Es waren Löcher im Boden und das Dach leckte. Soweit ich mich erinnern kann, lebte auch ein Kerl in der Garage.

Die OP lag ein paar Tage hinter mir und ich lief noch mit Armschlinge rum. Ich trainierte an den Maschinen von Matt und unterzog mich der Physiotherapie, daher konnte ich in Westside nur Hilfestelltung geben. Das war scheiße. Mein Gewicht fiel von 270 auf 240, bevor ich endlich bei Westside Gewicht bewegt.

Das Studio zog ungefähr ein Jahr später wieder um, in einen Platz mit doppelt so viel Freifläche. Besser organisiert und ohne Löcher im Boden.

Dies stellte mein Zuhause für das nächste Jahrzehnt dar. preview

Der Louie Simmons Skeptiker

Louies Männer trainierten morgens oder nachmittags, doch als Skeptikern von Louie Simmons methoden trainierte ich mit wenigen Leuten um 13 Uhr. Ich befolgte mein Programm der progressiven Überlastung, nahm an einem Meet teil und erhöhte mein Total um vielleicht 5 Pfund. Fortschritt, klar, aber 5 Pfund?! Ich war nicht beeindruckt.

Ich redete noch einmal mit Louie und er erklärte mir mit der vollen Breitseite, was ich falsch machen würde und warum ich nicht seinen Methoden folgte. Ich sollte mit seiner Morgen-Crew trainieren, doch schaffte es mit meinem Job nicht. Außerdem sah ich sein System nicht als etwas, das es wert sein würde, mein Leben dafür auf den Kopf zu stellen.

Louie blieb beständig bis zum Schluss. Ich stimmte ein. Ich sagte ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann dass seine Methoden für mich wirken würden und würde und um dies zu beweisen, gab ich meinen Job auf und trainierte nach seinen Vorgaben – und wenn der nächste Meet nichts werden würde, wäre das seine Schuld gewesen.

Nun, so fand ich es heraus.

Ich fing an mit der Morgen-Crew zu trainieren. Ich befolgte alle seine Worte. Ich nahm an einem Meet teil und überbot mein Total um 200 Pfund.

An diesem Tag begriff ich, dass die letzten 15 Jahre Training und all mein Wissen nichts taugten. Alle Kurse, alle Seminare, alle Coaches mit denen ich geredet habe, all die Zeit im Studio, machte mich nicht zu dem Experten, der ich dachte zu sein. Ich versetzte mich bloß in einen lernfähigen Zustand. Jetzt konnte ich unterrichtet werden.

Mekka des Powerliftings

Online gibt es das mystische Westside. Leute nennen es das "Mekka des Powerliftings" und "der Ort, nach dem jeder Powerlifter zu sein strebt."

Ich stimme zu. Es ist das Mekka des Powerliftings und das Studio, was ich als eines der stärksten, wenn nicht sogar DAS stärkste Studio der Welt bezeichnen würde – aber er war nicht wie Muscle Beach. Er war brutal, physisch und psychisch. Genau das machte die Funktion von Westside für mich aus.

Die Kerle, die bei "ich hol mir einen runter-Fitness" trainieren, werden dies nicht verstehen, doch es herrscht ein enormer Druck wenn Du bei Westside oder Konsorten trainierst. Das Gewicht ist eins der Dinge; doch der Druck, dass die stärksten Kerle der Welt von Dir erwarten, dass Du sie übersteigst, ist erdrückend. Wenn es nicht erdrückend ist, bist Du nicht bereit für Westside – Du bist dann viel zu sehr von Dir überzeugt.

Um in irgendeiner Disziplin herausragend zu sein, erfordert Verschriebenheit, Disziplin und Opfer. Bei Westside bringt Dich dies grade mal zum Eingang – vielleicht auch nur. Um bei Westside zu überleben, musstest Du mindestens genau so viel Opferbereitschaft und Fokus haben, wie der Rest der Crew. Dies alleine war eine große Herausforderung. Wir hatten auch "normale" Leute im Studio, doch auch welche, die die Grenzen wirklich überschritten. Du musstest über Dich hinauswachsen, bevor Du überrant wirst oder aus dem Studio rennst.


Verantwortung

Als Louie mir nach der Brustverletzung sagte, dass ich besser sein kann, war das keine Selbstsicherheit die er mir zusprechen wollte, sondern es war VERANTWORTUNG. Verantwortung besser zu sein und um bei Westside erfolgreich zu sein, MUSSTE ich besser sein.

Louie brachte mich dazu, mehr von mir zu erwarten als alle anderen. Ich sollte glauben, dass ich der stärkste Kniebeuger im Studio sein kann und wenn ich dies nicht schaffe, brachte mich die Frustration in ein tiefes Loch, was nur die Elite-Sportler verstehen.

Mir wurde gesagt, dass mein Potenzial nichts bedeuten würde, solange ich es nicht verwirklichen würde. Und dies zu verwirklichen, lag 100%ig in meiner Verantwortung. Das Wort Potenzial hört sich vielleicht positiv an, doch bei einem Coach wie Louie bedeutet Potenzial "warum zur Hölle bist Du noch nicht großartig?"

Laut Louie lag es auch in meiner Verantwortung, jeden der Crew besser zu machen, als ich selbst bin. In den meisten Powerlifting-Clubs gibt es einen Big Boss. Die Aufgabe von jedem ist es da, dem Big Boss die Arbeit abzunehmen. Sie tragen seine Tasche, wickeln seine Knie und laden sein Gewicht auf – sie erachten es als ihre Pflicht.

Nicht bei Westside. Unsere Aufgabe war es, jeden Lifter so gut zu machen, dass er einen selber besiegen würde, selbst wenn das bedeutet, dass dieser Kerl Deinen Namen von der Tafel streicht. Es ist egal gewesen, ob Du diesen Kerl mochtest – es war DEIN JOB ihn stärker als Dich zu machen. Nachdem er Dich besiegte, war es sein Job Dich aufzubauen.

Wenn eine Gruppe Kniebeugen machte, gab es nur das. Sagen wir, dass 12 Leute in der Morgen-Crew waren. Zwei oder drei Leute würden Kniebeugen, drei würden Hilfestellung geben und aufpassen, die anderen acht würden Coachen, Tipps wie "Kopf strecken" und "Knie nach außen" rufen. Danach teilten wir uns auf und machten die Zusatzübungen.


Wenn Du an der Reihe warst, war es nur Deine Aufgabe Gewicht zu bewegen. Du musstest die Box nicht ändern, die Monolifthöhe umändern, auf die Uhr schauen – gar nichts. Dein Job war es zu KNIEBEUGEN und dort alles reinzustecken. Es gab keine Unterhaltungen über Bullshit – wir mussten die Kniebeuge verbessern.

Dies schuf ein Umfeld, indem beim sofortigen Auftreten eines Plateaus, direkt ein Dutzend Leute Lösungsvorschläge haben. Andere starke Kerle zu haben, die Dich noch stärker machen wollen, ist sicher besser als alleine zu trainieren. Außerdem entstehen ungeheurer Druck, denn Du musst ihnen gerecht werden und besser werden. Und Du MUSSTEST besser werden.

Für mich war die Bauchmuskel-Stärke immer ein Problem. Nach den Hauptübungen schrien mich die Kerle also an, Bauch mit ihnen zu trainieren und wenn unter diesen Kerlen jemand mit der Kapazität von Chuck Vogelpohl war, wurdest Du zerstört. Oder Du wurdest besser.

Daher war es nie der Erfolg des Einzelnen, wenn schon wieder ein Weltrekord gebrochen wurde. Wir alle waren mit Stolz erfüllt – da wir alle dafür gearbeitet hatten.

Spannung

Absolut gibt es auch eine negative Seite von Druck. Der unfassbare Druck konnte Dich zermürben. Louie warnte uns, Powerlifting nie zum Lebensinhalt zu machen, doch für viele von uns war es das.

Die Spannung war immer lächerlich. Du warst in einem kleinen Raum, gefüllt mit riesigen Kerlen, alle einen Zentimeter vorm Explodieren. Ich habe Faustkämpfe an Speed Bench Tagen miterlebt, Scheiben die umhergeschmissen wurden und unzählige beleidigende Diskussionen miterlebt.

Doch das Training hörte nicht auf. Nie. Manche Kerle hingen sich Freitag an der Kehle, doch waren Montag wieder im Studio. Denn dann machten wir Kniebeugen.


In jedem Studio gibt es Dramen. Wir wurden darauf trainiert, dass uns dies scheißegal war. Ich habe mit Leuten trainiert, denen man nachts nicht im Dunkeln begegnen will, doch zwischen diesen Wänden trieben wir uns gegenseitig an, immer besser zu werden. Ich habe immer noch keine Idee, was manche Kerle von denen gemacht haben um Geld zu verdienen. Verdammt, ich kannte die Namen von manchen nichteinmal, sondern nur die Spitznamen. Im Studio waren wir alle gleich.

Wenn jemand nicht auf der Höhe war, sagten wir es ihm. Ich rede hier nicht von den Faulpelzen, die beim Beinstrecken sitzen und Zeitung lesen. Ich rede von Leuten, die ihre Eier nicht mit ins Studio brachten. Die, die nicht ihre Komfortzone verlassen wollten.

Disziplin

Es war Dir nicht erlaubt schwächlich zu sein. Genau hier merkte man die mentale Brutalität.

Louie war der Meister der Motivation. Er sagte oft zu einem anderem Lifter, dass man beim nächsten Meet nichts erreichen würde, in dem Wissen dass er mir das erzählen würde.

Ich war sauer, doch was wollte ich machen? Ich konnte wütend werden, doch ich kann ihm nur sein Maul stopfen, indem ich stärker werden würde. Ich erinnere mich an unzählige Male, in denen meine Unterarme verkrampften, da ich auf der Fahrt nach Hause fast mein Lenkrad aus der Verankerung riss.

Louie fand immer Wege, um an mich heran zu kommen. Er benutzte auch andere Lifter, um in Deinen Kopf zu gelangen. Das Ergebnis? Es gab einen Meet, wo ein sehr guter Bankdrücker sein Shirt vergaß. Das hätte die meisten Lifter total aus der Bahn geworfen, doch er lieh sich einfach ein Shirt und drückte. Keine große Sache.

Ich verfehle meinen Opener? Scheiße. Mach mal 40 Pfund rauf, das schaffe ich.

Es gab nichts auf einem Meet, was wir nicht aus dem Studio schon lange gewohnt waren. Jemandem sprang die Kniescheibe raus? Löse die Bandagen und rolle ihn von der Plattform, ich bin dran mit Beugen.

Manche Kerle waren schon heiß auf dieses mentale Trauma. Sie legten es drauf an. Ich erinnere mich an einen Kerl beim Max Effort Bankdrücken. Er arbeitete sich auf ein Maximalgewicht hoch und verfehlte es, doch niemand sagte etwas. Dies machte ihn so wütend, dass er anfing herumzubrüllen.

"Ich habe grade einen Lift verfehlt und niemand von Euch sagt etwas! Ist es Euch etwa egal?!?!"

Ich wusste, was zu sagen war.

"Niemand sagt etwas, weil Deine Technik scheiße ist. Deine Trizeps sind scheiße. Bevor Du Dir einen Trizeps wachsen lässt und gleichzeitig ein paar EIER, wird Dein Bankdrücken immer scheiße sein, also haben wir aufgehört uns dafür zu interessieren und reden da auch nicht mehr rüber."

Er war kurz vor der Explosion. "Ich trainiere Trizeps die ganze Zeit", schrie er, dann fing das gesamte Studio an zu lachen.

Für Außenstehende sah dies sicher aus wie eine Szene aus dem Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses – oder einem Gefängnishof. Wir gaben ihm bloß was er brauchte.

Brutalität

Auch wenn ich einen Großteil meiner Verletzungen vor Westside holte, gab es hier keinen Platz für Verletzungen. Wir kreierten ein Umfeld von 100%igem Einsatz. Keine leichten Tage, keine Deloads, kein Aufgeben. Wenn es schwer ist, scheiß drauf, ziehe härter.

Hier kann ich Louie nicht für verantwortlich machen. Ich kann gar nicht zählen, wie oft er mir sagte, dass ich einen Gang runterschalten soll. Was machte ich? Ich lud 40 weitere Pfund auf die Stange, bis mir fast ein Ei rausfiel.

Wir haben uns nie etwas verziehen, besonders nicht an Max Effort Untekörper-Tagen. Wir mussten nie was die Übung des Tages war, doch das Ziel – zu LEIDEN.

Wir fingen um 8:30 an. Wenn DU zu spät warst und Louie Dir noch erlaubte zu trainieren, musstest Du bei dem Gewicht einsteigen, was grade aufgeladen war. Wenn es 180kg waren, fick dich, nächstes Mal bist Du nicht zu spät.

Aus diesem Grund war ich immer früher da. Ich war schon um 8 Uhr da um McDonalds zu essen du Kaffee zu trinken. Zu dieser Zeit fragten wir herum, was wir trainieren wollten. Wir waren uns nicht einig, bis jemand jammerte: "Mir egal was zur Hölle wir machen, solange es keine Low Box Squats sind. Die würden mich heute umbringen."

Wir hatten es. Es war entschieden. Heute machten wir Low Box Squats.

Wir waren in erster Linie Lifter. Wir trainierten Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag. Immer morgens. Immer. Keine Ausnahmen. Wenn Du Samstag einen Meet hattest, machtest Du Montag weiter – vielleicht etwas leichter. Weihnachten, Ostern oder Thanksgiving waren egal. Wenn es ein Trainingstag war, wurde trainiert. Und Du musstest Dich anstrengen.

Die Tafel

Das ultimative Ziel von jedem bei Westside war es, auf diese Tafel zu kommen. Es bedeutete mehr für uns als ein Weltrekord. Wir mussten immer besser sein, es motivierte unds zur Elite gehören zu wollen. Doch es war mit Kreide geschrieben, es konnte sehr leicht weggewischt werden. Dafür gab es einen Grund. DU konntest leicht weggewischt werden. Wenn man es darauf schaffte, hieß es, dass man nun im Fadenkreuz der Bemühungen steht.

Heute sind die Zahlen auf der Tafel lächerlich. 2700 Pfund Totals, 1200 Pfund Kniebeugen. Die, die zu Besuch kommen, für die ist es eine "wundervolle Rekordtafel", doch für die dort Trainierenden war es der Grund fürs Training. Kein Lifter bei Westside war besser oder wichtiger als der andere, daher glaubte jeder Lifter, dass er es auf die Tafel schaffen konnte – und auch anderen helfen mussten, ebenfalls darauf zu kommen.

Louie hatte viele so kleine Dinge wie die Tafel. Jeden Sonntagmorgen trafen wir uns zum Frühstück bei TJ´s, bevor wir in das kleine Garagenstudio zum Bankdrücken fuhren. Der Haken war, dass Du entweder ein Total auf Elite-Level haben musstest, oder 500 Pfund rücken kannst. Und diese 500 Pfund mussten für eine Einladung zum Essen BEI WESTSIDE gedrückt werden. Meine Leistungen vor Westside zählten nicht dazu, daher durfte ich nicht dabei sein.

Schon wieder war ich angepisst. Ich hatte es verdient dabei zu sein und Louie wusste es. Es motivierte mich nur noch härter zu trainieren, sodass ich wieder 500 Pfund drücken kann und mit den Sonntags-Kerlen essen zu dürfen. Kurz danach gelangte ich an den Punkt, wo Louie und ich von wussten, dass ich dort sein kann.

Louies mentale Stärke

Der Fakt, dass Louie zwischen uns war, sich mit uns anstrengte und leiden konnte, war eine riesige Motivation. Als ich bei Westside ankam, war er schon im Ruhestand. Aber nur bis zu dem Punkt, wo Kenny Patterson in einem Streit einmal sagte, "Was weißt Du schon alter Mann? Du wirst nie wieder 800 Pfund auf dem Rücken haben."

Das war´s. Plötzlich stand ein Mitte-50-jähriger Louie Simmons inmitten unserer Reihen und trainierte mit uns. Das war schon motivierend, doch wenn der alte Kerl anfängt Dich FERTIG ZU MACHEN, klettert das Level an Respekt noch eine Stufe höher. Louie Simmons besitzt eine mentale Stärke, die unerreicht ist.

Was ist ändern würde – auf mentaler Ebene

Wie gesagt, Westside verändert und verbessert sich dauernd. Seit meiner Zeit haben sich viele Dinge verändert und es werden die stärksten Kerle der Welt produziert. Ich kann mich hier also nur auf meine Zeit beziehen.

Ich würde schlauer trainieren

Die meisten Verletzungen kamen vor Westside, aber ich hätte mich wohl etwas mehr während meiner Zeit dort zurückgehalten. Man durfte aber auch keine Pussy sein. Niemals. Doch das rächt sich mental irgendwann bei Dir.

Der aktuelle Wandel bei Westside geht in diese Richtung. Wie gesagt, pure Spekulation von meiner Seite, doch ich sehe nicht mehr die Häufigkeit und Schwere der Verletzungen heute wie damals.

Ich würde Zippy aus dem Studio rauslassen

"Zippy" war der Name für mein zweites Ich auf Wettkämpfen. Ich würde einen schweren Satz Kniebeugen mit 455 Pfund machen. Dann würde ein Schalter umgelegt werden und Zippy kommt zum Vorschein – die 455 Pfund würden zerstört werden und ich würde noch mehr Gewicht fordern.

Zippy wollte leiden. Mein Rücken würde zerbersten und meine Knie wegbrechen, bevor Zippy akzeptieren würde, dass der Lift nicht beendet wird.

Zippy war ein wahnsinnig tolles Werkzeug, doch ich hätte ihn für Meets aufsparen sollen. Louie erzählte uns immer wieder vom riesigen Unterschied zwischen Wettkampf und Training, doch ich hörte nicht zu. Training bei Westside machte jeden Lift so wichtig wie beim Meet. Ich ließ mich viel zu oft zum aufgeheizten Wettkämpfer werden, ich hätte dort lieber ruhiger bleiben sollen, fokussiert und nüchtern. Auch habe ich viele Lifts durch diesen Zustand verballert.

Letzte Gedanken zu Louie

Auch wenn ich schon lange weg bin aus Westside, erinnere ich mich jeden Tag an Louise Brillianz. Er hat das Speed Training oder Conjugate System nicht erfunden – es auch nie behaupteet – doch er brachte es alles in einen sinnvollen Zusammenhang und machte daraus ein System, was Erfolge bewirkte.

Der Schöpfer, nicht der Rekrutierer. Westside Barbell hat einen Ruf "bereits gute Lifter zu rekrutieren". Das schmälert Louies Fähigkeit als Coach und macht mich wütend. Es ist nicht wahr.

Louie hat High School Schüler genommen und sie zu Elite Liftern gemacht, Kerle wie Chuck Vogelpohl und Kenny Patterson. Westside war das erste Studio, was Chuck überhaupt betrat. Er konnte beim ersten Training 60kg drücken. Westside Barbell hat 40 oder 50 Elite Lifter produziert, BEVOR überhaupt jemand von außerhalb nach Columbus zog um dort zz trainieren. Ich war der erste, wenn nicht der zweite der es so machte.

Heute hat Louie den Luxus, Athleten aus dem ganzen Land und der ganzen Welt zu trainieren und sie ziehen nach Columbus, um dort unter seiner Aufsicht zu trainieren. Er hat hat gearbeitet und sich das Recht verdient, die bereits guten Leute zu nehmen und außergewöhnlich zu machen.

Doch dies bestätigt nur Louies außergewönliche Fähigkeiten. Jeder weiß, dass es schwerer ist einen Elite Lifter eine Stufe höher zu bringen, als einen Anfänger zur Elite aufzubauen. Auch wenn Leute von der ganzen Welt nach Columbus kommen, sind die besten Kerle der Welt immer noch dort geboren und aufgewachsen.

Der verrückte Wissenschaftler. Immer wieder wurden neue Ideen getestet. Manche wurden weiter getestet, manche verworfen. Während meiner Zeit erlebte ich die Einführung des Monolifts, Boards, Ketten, Bänder, Floor Press, Kettlebells, Cambered Bars, die Lightened Methode, circa Max Methoden, Extra Workouts, Suspended Übungen, Far Bars, Schlitten, Gewichte an den Knöcheln, Speed Pulls und anderer Musik als AC/DC im Studio.

Ich war dabei, als Louie ein paar hundert Dollar in Stretching Bänder bei einem Basketballseminar investierte. Auf der Fahrt ins Studio fragte ich Louie, ob dies hieß dass wir uns mehr dehnen sollten.

"Nein", sagte er. "Wir befestigen sie an der Plattform und wickeln sie um die Stange beim Kniebeugen."

Toooooll, dachte ich. Und so fing es an.

Der menschliche Taschenrechner. Louie ist wie ein Zauberer gewesen und kannte die exakten Zahlen für das Bewegen eines Gewichts. Du willst 900 Pfund beugen? Dann brauchst Du an den Dynamic Days 455 Pfund und die doppelten blauen Bänder.

Er kannte auch alle PR´s von Dir von Meets und Deine Max Effort Rekorde. Wir mussten kein Logbuch führen, da Louie die Zahlen kannte.

Der Meister des Herausfindens (und es Dir sagens) von Plateaus. Er konnte Dir die nächste Sekunde schon sagen, welche Assistenzübungen Du für Kniebeugen, Heben oder Drücken brauchtest.

Der nicht älter werdende Mothafucka. Er hat schon wieder ein Total auf Elite Niveau geschafft – mit 62 Jahren! Das sagt definitiv etwas aus. Dieser Kerl hat in FÜNF JAHRZEHNTEN Elite Niveau erreicht.

Der beste Motivator. Auch wenn seine Gehirnwäsche mich mehr aufgeregt hat als alles andere (ich denke, dass ich ihn genau so angepisst habe, daher denke ich dass wir wuit sind), weiß ich, dass ich weniger erreicht hätte, wäre er "sanfter" gewesen.

Louie hat mir in 12 Jahren vielleicht zwei Mal gesagt, dass ich etwas gut gemacht habe. Doch er sagte mir nie dass ich scheiße war oder dass ich versagt habe.

Der unglaubliche Coach. Nimm 300 Pfund Pitbulls voller Wut und Adrenalin, alle wollen etwas beweisen, und sperre sie in eine 600 Quadratmetergroße Gefängniszelle. Nun erschaffe ein strukturiertes Umfeld, in dem jeder weiß, dass niemand besser oder wichtiger als der Andere ist.

Das waren alles Kerle, die in einem kommerziellen Studio immer die stärksten ihres Studios gewesen sein würden, doch Louie brachte sie alle zu dem Glauben, dass sie nur eine Speiche in einem größeren Rad sind. Denkst Du das ist einfach? Verdammt, es ist sogar schwer die Egos in einer Mädchen-Fußballmannschaft unter Kontrolle zu halten.

Die Antwort

Du fragst Dich vielleicht, ob Du gemacht bist um bei Westside zu trainieren. Vielleicht bist Du stark, wirklich stark und denkst, dass Du dort überleben könntest.

Aber wie steht es mit Deiner mentalen Stärke?

Viele junge Lifter wollen bei Westside trainieren und ich frage sie folgendes:

"Warum willst Du bei Westside trainieren?"

Die einzig korrekte Antwort ist:

"Ich will Weltrekorde brechen."

Westside weiß, was es für Dich tun kann. Westside will aber wissen, was kannst Du für Westside tun?

Sei besser

Ich habe immer mit Scheiße zu tun gehabt. Ablehnung zu begegnen ist nichts Neues für mich. Louie sagte mir, dass ich aufstehen und arbeiten soll, nur so kann ich Dinge erreichen. Ich kann mein Potenzial voll ausschöpfen.

Louie gab mir die mentale Stärke um meinen Körper durch die selbst auferlegten Begrenzungen zu pressen. Er wusste es von Tag eins und musste mich nur inspirieren, mich auf diesen Weg führen. Ich wurde vielleicht nicht der beste Lifter der Welt – aber der beste, der ich hätte sein können.

Viel wichtiger, besser als das zu werden, was ich für unmöglich erachte.

Dies sind die Lektionen von mentaler Stärke, die ich vom Training aufs Geschäftsleben übertragen kann, auf meine Familie ebenfalls. Ich gehe jeden Tag so an. Es macht mein Leben so viel besser und ich muss Louie Simmons dafür danken. Er brachte mir bei, dass man besser sein kann, als man selbst für möglich hält.

Bis zum nächsten Mal.

PS – die nächsten Teile werden mit dem technischen und körperlichen Aspekt abhandeln. Also geht es mit dem Training bei Westside weiter.