
Stretching bezeichnet in der Sportwissenschaft eine Trainingsform bei der die Muskeln unter eine Zugspannung gesetzt werden und ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Ging man früher davon aus, dass Dehnen per se gut sei, so sieht man die Sache heute viel differenzierter.
Warum dehnt man sich eigentlich? In der Regel wird versucht durch das Dehnen die Beweglichkeit zu verbessern. Beweglichkeit bezeichnet hierbei eine motorische Grundfähigkeit und ist von der der motorischen Fähigkeit Gelenkigkeit abzugrenzen, mit der sie oft verwechselt wird. Gelenkigkeit bezeichnet hierbei den anatomisch bedingten Grad an Bewegungsfreiheit in einem Gelenk. Dieser ergibt sich aus dem Bau und Funktionszustand der knöchernen Gelenkpartner inklusive des Bindegewebes.
Beweglichkeit ergibt sich aus drei Faktoren, einmal der erwähnten Gelenkigkeit, dazu aus der Plastizität der steuernden und kontrollierenden neuronalen Prozesse und der Dehnfähigkeit von Muskeln und dem muskulärem Bindegewebe. Auf die Dehnfähigkeit kann hierbei durchaus Einfluss genommen werden, die Gelenkigkeit ist kaum von außen beeinflussbar. Zu diesen endogenen Faktoren addieren sich exogene Faktoren wie Außentemperatur und Tageszeit. Auch Alter und Geschlecht, Körperkerntemperatur, Grad der muskulären Ermüdung, psychische Faktoren, Gelenkstoffwechsel, Anatomie der Gelenkpartner, Dicke und Elastizität der Gelenkknorpel, -kapsel und Bandapparat und Kraft, Masse und Elastizität der Muskulatur nehmen Einfluss auf die Beweglichkeit.
In aller Regel soll durch das Dehnen die Beweglichkeit gefördert werden. Um die Frage nach der Notwendigkeit und Funktionalität des Dehnens für diesen Zweck beantworten zu können, sollte man sich erst einmal klar machen, was dabei eigentlich genau passiert. preview
Unsere quergestreiften Skelettmuskeln bestehen Sarkomeren welche wiederum aus drei verschiedenen Proteinen besteht, welche sich zu Filamenten zusammensetzen: Aktin und Myosin, welche beide bei einer Aktivierung verkürzen, und Titin, auch Connectin genannt, welches die Myosinköpfe zwischen den Aktinfilamenten zentriert und aufgrund seiner passiv-elastischen Struktur dafür sorgt, dass der kontraktile Apparat im Anschluss an eine Dehnung wieder in die Ausgangsposition zurückgeführt wird. Dementsprechend ergibt sich, dass ein kurzes und mäßig intensives Dehnen der Muskulatur keinen nennenswerten Effekt hat, schon gar nicht im Sinne einer Verlängerung der Muskeln.
Verstärkt man nun den Reiz, dehnt also intensiver, werden auch die Bindegewebsstrukturen innerhalb und außerhalb der Muskulatur belastet. Diese haben im Normalfall eine wellige Struktur, welche durch ein intensives Dehnen für einen gewissen Zeitraum etwas gestreckt werden können. Man nennt dieses Phänomen Creep-Effekt. Auch dieser Effekt ist nur temporär, das heißt er hält für maximal eine Stunde an. Weiterhin ist die Annahme, man könne den Ruhetonus der Muskulatur (also die Grundspannung der Muskulatur ohne bewusste Kontraktion) durch Dehnen verringern. Dem ist wohl nicht der Fall, im Gegenteil hat sich gezeigt, dass regelmäßiges Dehnen einen Zuwachs an Titin zur Folge hat, was für den Körper durchaus sinnvoll ist, da die so gesteigerte Festigkeit des Muskels den kontraktilen Prozess energieeffizienter machen.
Neben den Bestandteilen des Sarkomers sind die Muskelspindeln von Bedeutung, wenn man sich mit dem Thema Stretching beschäftigt. Diese fungieren im Körper als Dehnungsrezeptoren, welche dem Gehirn melden, in welchem Ausmaß sie gedehnt sind. Das Gehirn wird im Regelfall den Befehl zur Gegenspannung geben um die Homöostase wieder herzustellen. Durch regelmäßiges Dehnen der Muskulatur kann offensichtlich die Reizschwelle dieses Systems herabgesetzt werden. So wird im Laufe der Zeit eine immer stärkere Dehnung ermöglicht.
Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich bei angeblichen dauerhaften Verkürzungen der Muskulatur keineswegs um eine strukturelle Längenverminderung, vielmehr ist hierbei von muskulären Dysbalancen auszugehen, da der primär einwirkende Faktor auf den Ruhetonus und die mögliche Längenveränderung die alltägliche Belastung darstellt. Grundlegend ist in einem solchen Fall also vor allem die Widerherstellung eines ausgewogenen Verhältnisses von Agonist und Antagonist.
Insgesamt ist festzuhalten, dass EMG-Messungen zeigten, dass Muskeln selbst nicht dehnbar sind, sondern lediglich die umliegenden organischen Strukturen.
Es zeigt sich also, dass Dehnen durchaus einen positiven Effekt auf die Beweglichkeit haben kann, wenn auch in einer anderen Art und Weise als oftmals angenommen. Beim Dehnen selbst sind verschiedene Formen zu unterscheiden, doch bevor man sich Gedanken über die Wahl einer angemessenen Methode macht, sollte man sich überlegen, was genau man mit dem Dehnen erreichen will, denn Beweglichkeit ist nicht gleich Beweglichkeit.
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