Kampfsport: Chi Ting
Eines Tages stoppte Lew Ting eine Kutsche in der Erwartung Passagiere mit Geld an Bord zu finden. Als er jedoch die Tür der Kutsche öffnete, sah er drei Mönche aus dem nahe gelegenen Tempel vor sich. Lew Ting war außer sich vor Wut.
Er hatte viel Zeit dafür aufgewendet einen Baum zu fällen und auf den Weg zu zerren, um so die Kutsche zu stoppen. In seiner Wut warf er seinen Bogen auf den Boden und verfluchte sein Pech. Der Kutscher zog sein Schwert und hätte Lew Ting wahrscheinlich getötet, wenn der älteste der Mönche ihn nicht aufgehalten hätte.
Zu Lew Ting sagte der Mönch: "Wenn ich Geld hätte würde ich es dir geben. Du brauchst das Geld dringender als ich, wenn du all diesen Ärger und die harte Arbeit auf dich nimmst, um es zu bekommen. Doch ich habe kein Geld, aber ich werde dir an seiner Stelle etwas weitaus wertvolleres geben. Es sind meine wertvollsten Besitztümer – doch wie schon beim Geld fühle ich, dass du sie dringender brauchst als ich." Dann übergab der Mönch Lew Ting eine Rolle, die einige Pergamente enthielt.
Lew Tings Verwirrung über die Handlung des Mönchs schlug in Ärger um. Egal was die Dokumente für den Mönch wert waren, für den Analphabeten Lew Ting waren sie völlig wertlos. Doch irgendetwas am Benehmen des Mönchs stoppte Lew Tings aufsteigende Wut. Er nahm die zusammengebundenen Pergamente demütig entgegen und verbeugte sich vor dem Mönch. Der Mönch segnete Lew Thing und stieg wieder in die Kutsche. Der Kutscher, der zwischenzeitlich den Baumstamm von der Strasse geräumt hatte, gab den Pferden die Peitsche und die Kutsche setzte ihren Weg fort.
Während der nächsten Monate versuchte Lew Ting die Dokumente zu verkaufen, doch er fand keinen Käufer. Er dachte daran, sie in das örtliche Kloster zu bringen, doch wie hätte er erklären sollen, dass sich die Dokumente in seinem Besitz befanden? Am Ende versteckte er sie in seinem Haus und versuchte sie zu vergessen.
Die Dokumente blieben für einige Jahre in ihrem Versteck, doch Lew Ting konnte einfach nicht aufhören an sie zu denken. Er fragte sich, was auf den Pergamenten niedergeschrieben war und was sie so wertvoll für den Mönch machten – denn er glaubte der Aussage des Mönchs, dass diese Dokumente für ihn ein wertvoller Besitz waren. Er beschloss herauszufinden, was die Dokumente bedeuteten und warum sie für den Mönch so wertvoll gewesen waren.
Lew Ting musste es einfach wissen, doch er traute niemandem genügend, der sie ihm hätte vorlesen können. Er schaffte es ausreichend Geld zu stehlen, um einen Schreiber dafür zu bezahlen, ihm das Lesen beizubringen. Er lernte unablässig für mehrere Monate bis er endlich in der Lage war, die Pergamente des Mönchs zu lesen.
Der erste Text war eine Abhandlung über den Buddhismus. Lew Ting interessierte sich zwar nicht für den Buddhismus, doch er las aus reiner Freude am Lesen weiter. Während er weiter las fand er heraus, dass sich alle Pergamente mit den Lehren von Buddha befassten. Er konnte sich vorstellen, dass diese Texte wahrscheinlich sehr wichtig für den Mönch waren, doch für Lew Ting waren sie wertlos. Kein Wunder, dass er niemanden hatte finden können, der die Pergamente hatte kaufen wollen.
Lew Ting warf die Dokumente in sein Lagerfeuer, wobei einige Seiten neben dem Feuer landeten. Er hob diese Seiten auf und wollte sie gerade auch ins Feuer werfen, als der Text auf den Seiten seine Aufmerksamkeit erregte.
Diese Dokumente befassten sich mit dem Kampfsport und hier speziell mit der Definition, der Manifestation und der Entwicklung der inneren Kraft, die auch als Chi bekannt ist. Vieles davon überstieg das Fassungsvermögen von Lew Ting, doch er kämpfte sich durch die Worte und versuchte einen Sinn darin zu finden. Er versuchte einige der in den Dokumenten beschriebenen Übungen auszuführen, doch er kam sich hierbei vor wie ein dreibeiniger Ochse, der versucht auf einen Baum zu steigen.
Dann hatte er einen Traum, in dem der Mönch, der ihm die Dokumente gegeben hatte, zu ihm sprach. "Nun mein Sohn, ich sehe die Pergamente waren wertvoll. Du hast gelernt zu lesen und du hast etwas über Buddha gelernt. Auch wenn du seine Lehren ablehnst, ist das Wissen über Buddhas Existenz der erste Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. Strebe nun danach dein Chi zu entwickeln. Du hast es gut gemacht – nicht ganz so gut wie ich gehofft hatte, doch viel besser als ich es erwartet habe. Ich werde dir helfen." Er erklärte Lew Ting die Schriften und leitete ihn durch die Übungen. Als Lew Ting am Morgen aufwachte fühlte er sich erleuchtet.
Er nutzte das, was er durch seinen Traum gelernt hatte und begann damit seine eigenen Übungen zu entwickeln. Er glitt durch die Bewegungen und fühlte das Chi in ihm wachsen. Nun wollte er seine neu gefundenen Fähigkeiten ausprobieren.
Er ging zu einem nahe gelegenen Kwoon, einer Kampfschule, und forderte den höchsten Lehrer, den Meister Fo Lee heraus. Der Meister weigerte sich und Lew Ting griff ihn darauf mit einer seiner selbst entwickelten Techniken an. Der Meister wehrte diese Attacke mit Leichtigkeit ab und warf Lew Ting zu Boden.
Lew Ting stand sofort wieder auf und attackierte erneut. Auch diesen Angriff wehrte der Meister ab und Lew Tings Gesicht landete im Kies des Hofes des Kwoon. Lew Ting kroch aus dem Kwoon und kehrte zurück nach Hause.
Nachdem die Scham über seine Erniedrigung langsam abflaute, wurde Lew Ting wütend. Er war wütend auf sich selbst, wütend auf den alten Mönch und wütend auf den Meister der Kampfsportschule. Kurz gesagt, er war wütend auf die ganze Welt. Er schwor sich, dass er sich niemals wieder besiegen lassen würde.
Er begann damit rigoros zu trainieren und eine Methode des Kampfes zu entwickeln, die nicht zu schlagen sein sollte. Er nannte diese Kampfsportart Ting Gar Chi Gung, was übersetzt so viel wie "Ting Stil der Chi Entwicklung" bedeutet und bezeichnete sich selbst als den Meister dieses Kampfstils. Als er das Gefühl hatte, bereit zu sein, ging er zurück zum Kwoon.
Der Meister begrüßte Lew Ting und hieß ihn willkommen. Er erinnerte sich an Lew Ting und hoffte, dass diese zu Verstand gekommen sei und beschämt auf der Suche nach ordentlichem Training und vernünftige Anleitungen zurückgekommen war. Lew Ting griff ihn jedoch mit einer Technik, die er als den "blendenden Wind" bezeichnete, an. Während sich der Meister den Sand aus den Augen rieb, schlug Lew Ting ihm einen Weinkrug auf den Kopf. Der Meister ging bewusstlos zu Boden.
Die Schüler eilten nach draußen, um zu sehen, was passiert war. Der ranghöchste Schüler des Kwoon, Tra Tor, warf einen Blick auf den bewusstlosen Meister, fiel auf die Knie und bettelte Lew Tin an, ihn zu unterrichten. Tra Tor wurde zum ersten Schüler von Lew Ting und viele andere folgten, als die Legende von Ting Gar sich ausbreitete.
Jetzt ist Ting Gar Chi Gung auch in der westlichen Welt angekommen und wurde vereinfacht in "Chi Ting" umbenannt. Chi Ting wird immer noch als eine der hervorragendsten aller Kampfsportarten angesehen.