Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Die Maryland Muscle Machine kündigt seine Rückkehr auf die größte Bühne des ganzen Spiels an: Kevin Levrone will beim Mr. Olympia 2016 antreten. Oldschool vs. Newschool wird real!

Kevin Levrone? Comeback? War da nicht mal was?

In der Tat: Die jüngste Ankündigung des legendären Bodybuilders ist nicht die erste. Bereits mehrfach jubelten seine Fans vergebens, wurde der Rücktritt vom Rücktritt vom Rücktritt verkündet. Und dennoch sorgt die Ankündigung für Aufsehen.

Kevein Levrone: Die Legende

Bodybuildingfans bekommen noch heute glänzende Augen, wenn sie den Namen Kevin Levrone hören. War er auch nicht immer unumstritten und häufig aufgrund seiner – so war zumindest zu vernehmen – arroganten Art sogar im Mittelpunkt der Kritik, so faszinierte er dennoch die Massen:


Seine DVD "Maryland Muscle Machine" dürfte zusammen mit " Pumping Iron" und "Blood & Guts" die ewige Hitliste der Bodybuilding-DVDs anführen. Auch auf der Bühne fand Kevin viel Anerkennung. Zwar blieb ihm der größte Triumph, der Sieg in Las Vegas, verwehrt, dennoch liest sich seine Titelsammlung mit insgesamt 18 Siegen bei Pro-Shows, darunter zwei Siege bei der Arnold Classic und die legendäre Siegesserie von 1997, als er fünf Shows in Folge gewinnen konnte, mehr als beachtlich.
Allein die Tatsache, dass er sich 1991 auf seiner zweiten Show überhaupt die Pro Card sicherte, ein Jahr später seine erste Pro Show gewann und in Las Vegas im gleichen Jahr den zweiten Platz erreichte, spricht Bände.
2003, nach zwölf Jahren Wettkampfbodybuilding, beendete Kevin seine aktive Karriere, um fortan als Musiker, Schauspieler und Reporter zu wirken.

Was Bodybuildingfans damals wie heute fasziniert, ist Kevins Fähigkeit, sich in kürzester Zeit in eine unglaubliche Form zu bringen. Wohl kaum ein Athlet verkörperte "Growing into the show" besser als er. Anders als viele seiner Kollegen, war Kevin in der Offseason kein wandelnder Fleischklops, vielmehr schien er auf Knopfdruck Muskeln auf- und auch wieder abbauen zu können. Aus genetischer Sicht, gehört Kevin sicherlich zu den am reichsten Beschenktesten aller Zeiten, nicht nur deswegen.

Der Ästhet

Wann immer die heutigen Profis kritisiert werden, sei es für die fehlende Härte, sei es für ausufernde Mittelpartien, sei es für inspirationsloses Posing, wird auf die 90er verwiesen, eine Zeit, in der Athleten wie Flex Wheeler, Shawn Ray, Chris Cormier, der junge Ronnie Coleman und eben Kevin Levrone das Maß der Dinge waren.

Kevin war nie der massivste Athlet auf der Bühne, aber ganz sicher einer der schönsten, im Sinne einer ästhetischen Gesamtansicht. Kevin wusste sich in Form zu bringen, vor allem aber wusste er es zu vermeiden, einzelne Muskelgruppen zu dominant werden zu lassen. Sicher hatte er starke und schwächere Muskelpartien: Sein Rücken oder auch die Beine waren rein massetechnisch nicht seine Vorzeigekörperpartien, aber in Summe passte alles zusammen: eine schmale Mittelpartie, sensationelle Arme und Schultern, eine unglaubliche Symmetrie…Kevin stand sinnbildlich für das "Schöne" im Bodybuilding.

Die Vorbilder

Comebacks sind in der IFBB Pro League keine Rarität. Das wohl berühmteste fand 1980 statt, als Arnold Schwarzenegger sich seine siebte Sandow holte. Anders als Kevin gab es im Vorfeld keine Ankündigungen, im Gegenteil: Arnold verschwieg seine Ambitionen bewusst und sorgte mit seiner überraschenden Rückkehr auf die Bühne viel böses Blut.

Zu diesem Zeitpunkt lag Arnolds letzte Show fünf Jahre zurück, er hielt sich für seine Filmrollen weiterhin in Form und erfreute sich mit 33 Jahren dem besten Bodybuildingalter. Dennoch ist sein siebter Sieg bei der Mr. Olympia sein umstrittenster. Arnold wusste sicher noch zu begeistern, aber die Form früherer Jahre konnte er nicht zeigen. So bleibt eine tolle Geschichte, ein legendärer Titelgewinn, aber auch etwas Wehmut.

Weniger erfolgreich war das Comeback des wohl berühmtesten Konkurrenten Arnolds. 1992 kam Lou Ferrigno nach 17 Jahren Pause im Alter von 41 Jahren aus dem sportlichen Ruhestand zurück auf die bedeutendste Bühne dieses Sports. Anders als Arnold konnte er nicht an frühere Erfolge anknüpfen, sondern musste sich mit einem zwölften und einem zehnten Platz begnügen.

Das wohl beeindruckendste "Comeback" der Bodybuildinggeschichte gelang 2009 Jay Cutler. 2008 von Dexter Jackson entthront, hatten die meisten Jay schon abgeschrieben als er im September 2009 alle Kritiker Lügen strafen sollte. Jay präsentierte sich in absoluter Bestform und gewann alles überragend seinen dritten Titel. 2013 versuchte Jay ein richtiges Comeback, nachdem er seine Karriere nach seiner letzten Show, der Mr. Olympia 2011, ruhen ließ. Dieser Versuch war jedoch nicht von Erfolg gekrönt und Jay bekam wohl nur aufgrund seiner Erfolgsgeschichte zum Abschied den sechsten Platz geschenkt.


Die Voraussetzungen

Wie schon bereits angedeutet, handelt es sich nicht um die erste Ankündigung eines Comebacks von Kevin, denen nie Taten folgten.
Warum sollte das diesmal anders sein? Vor allem drei Gründe sprechen dafür!
Zum Ersten befindet sich Kevin schon seit längerer Zeit in beachtlicher Form für einen Bodybuilding-Rentner. Wer ihn auf der FIBO sah, durfte positiv überrascht sein, vergleicht man seine Statur mit der von vor ein paar Jahren. Kevin steht also gut im Saft, und dass er quasi aus dem Nichts Muskeln in grotesker Menge aufbauen kann, ist hinlänglich bekannt.

Zum Zweiten hat Kevin diesmal ein persönliches finanzielles Interesse. Um seine Supplement-Linie zu promoten gibt es kaum eine bessere Methode als die Rückkehr auf die größte Bühne der Szene. Die Motivation ist also nicht rein sportlicher Natur.

Zum Dritten dürften auch die Veranstalter der Mr. Olympia ein reges Interesse an Kevins Comeback haben, drohte die O doch in den letzten Jahren merklich an Spannung und Interesse einzubüßen. Das Comeback des ungekrönten Champions, das Duell Oldschool vs. Newschool, der fleischgewordene Vergleisch Levrone vs. Heath, das hat natürlich Potenzial für die Vermarktung. Denn andere Storylines sind nur schwer zu erkennen:

Ob Kai überhaupt auf die O-Bühne zurückkehrt, ist offen und selbst wenn, ist das Duell Heath vs. Greene kein Zugpferd mehr. Ohne dieses Duell fehlt es Phil aber an vermarktbaren Konkurrenten, es sei denn, man würde Ramy in den Status erheben, was derzeit nicht zu erkennen ist.

Mit Levrone würde man also nicht nur neue Spannung in die Angelegenheit bringen, man würde auch viele alteingesessene Fans remobilisieren, die in den letzten Jahren das Interesse an der Show verloren haben.

Die Chancen

Gesetzt den Fall, Kevin zieht das durch, welche Chancen kann er sich ausmalen? Nun ist das an dieser Stelle natürlich Kaffeesatzleserei, dennoch ein paar Prognosen:

In Punkto Masse kann Kevin nicht mit den derzeitigen Top-Pros mithalten, wenngleich weder Phil, noch Dexter oder Shawn Massemonster sind, sondern ebenfalls eher mit Linie, Symmetrie und Proportionen glänzen. All das bringt Kevin auch, jedoch eben mit weniger Fleisch. Vorausgesetzt alle kommen in Form, ist schwer vorstellbar, dass Kevin an ihnen vorbeiziehen kann. Auch die massiveren Athleten wie Dennis, Ramy und Kai dürften eine hohe Hürde für Kevin darstellen, wobei er durchaus bewiesen hat, deutlich massivere Athleten schlagen zu können.

Davon ausgehend, ist es schwer vorstellbar, dass sich Kevin in den Top 6 platzieren könnte, es sei denn, er überrascht alle mit einer neuen Bestform. Doch wie realistisch ist das für einen 51-jährigen, der 13 Jahre Wettkampfpause hinter sich hat?

Sicher wäre auch ein Platz in den Top 10 ein super Ergebnis, da gilt es immerhin Athleten wie Cedric McMillan und Justin Compton zu schlagen, doch würde ein Kevin Levrone zurückkehren, um die schlechteste Platzierung seiner Karriere, er platzierte sich nie außerhalb der Top 6, hinzunehmen? Das ist eine spannende Frage, die eng mit der angedeuteten Motivation der Veranstalter zu tun hat. Ohne großartig Verschwörungstheorien bedienen zu wollen, aber ist es wirklich vorstellbar, dass Levrone zurückkehrt und sich außerhalb der Top 6, vielleicht sogar außerhalb der Top 10 platziert? Auf jeden Fall sollten einige Athleten gewarnt sein.

Die Prognose

Kevin wird diesmal sein Comeback durchziehen, alles andere scheint aus Imagegründen kaum vorstellbar. Wenn er es durchzieht, dann muss er realistische Ambitionen haben, sich in den Top 6 zu platzieren, denn alles andere wäre, so respektabel die Leistung dennoch sein würde, aus Marketing-Gesichtspunkten keinen Sinn machen.

Das Levrone-Comeback wird ein Zugpferd der diesjährigen Mr. Olympia, Kevin wird die Top-Vergleiche bekommen und wird, zumindest seine Fans, überzeugen. Auch wenn es eine wahnsinnige Story wäre, aber ihm einen Sieg zuzutrauen, erscheint äußerst fraglich. Dafür müsste er wirklich klar besser sein als die üblichen Verdächtigen, speziell Phil. Zu plump wäre ansonsten der Versuch der Veranstalter, die O zu pushen. Das ist denen nicht zuzutrauen.

Ein Levrone in Topform dürfte auf jeden Fall ein Kandidat für die Top 6 sein. Tritt Kai nicht an, dürfte Kevin auf jeden Fall in die Rolle des Herausforderers rutschen, der Fokus läge auf dem Duell Heath vs. Levrone. Tritt Kai an, wird die Sache noch einmal interessanter, da mit Kai ein gänzlich anderer Körpertyp um die Topplatzierung mitkämpfen wird.

Kurzum: Eine Platzierung zwischen dem zweiten und sechsten Platz erscheint mir wahrscheinlich.

Und was denkt ihr?