"Dicke Arme, aber Streichhölzer als Beine…"
"Testo in der Vene, aber tote Hose …"
"Jogginghose und Bauchtasche. Ein Vollassi…"
"Bodybuilder sind auch den ganzen Tag nur am Fressen. Der Kerl ist ja echt cool, aber mit dem kann man nicht mal ins Restaurant gehen…"
Wer kennt diese Sprüche nicht. Klischees übers Bodybuilding, die nicht einmal auf die größten Pros direkt zutreffen. Trotzdem sind diese im sozialen Umfeld vieler Leute verankert und so hat man direkt einen komischen Ruf. Ich rede hier von unserer typisch hardcore-zelebrierenden Gefolgschaft, die nichts anderes macht, als ihren "Lifestyle" raushängen zu lassen. Dieser Artikel soll von Klischees handeln und der Versuch einer Erklärung der Entstehung sein, umso ein vielleicht etwas besseres Verständnis für das Aufkommen von Vorurteilen zu schaffen. Nebenbei gibt es ein paar Seitenhiebe und Verbesserungsvorschläge, um zu verhindern, selbst in diese Ego-Falle zu tappen.
Dieser Artikel sollte bitte bis zum Ende gelesen werden, da ein kleines Fazit am Ende ein paar Leuten die Augen öffnen sollte.
Die Zeitgestaltung
Klar, Bodybuilding erfordert Zeit. Diese Zeit wird von den "Normalos" für Fernsehen und McDonalds verbraucht. So ist der Bodybuilder von Welt aber nicht gepolt und daher verbringt er mindestens die Hälfte des Arbeitstages in Gedanken – schließlich stehen später Arme auf dem Plan. Punkt 5 Uhr ist Training angesagt und daher kann um 16.30 Uhr nicht mal eben bei der Freundin vorbeigefahren werden, da man sich ja verspäten könnte. Flexibilität ist also für unseren Bodybuilder von Welt außerhalb des Studios ein Fremdwort (nun ja, auch im Studio: denn welcher Vollblut-Pumper legt schon Wert auf "schwules Stretching"?).Kein Wunder, dass man irgendwie gar nicht mehr von Studienkollegen gefragt wird, ob man spontan zum "Chillen" vorbeikommen will. Aber hey, der Bodybuilder will es ja nicht anders. Immerhin ist das "höhere Ziel" ja der perfekte Körper.
Essgewohnheiten
Die größte Abweichung von sozialer Konditionierung, die man sich nur vorstellen kann. Es ist kein Problem, sein Essen mitzubringen und so sicherzustellen, dass man keine minderwertige Scheiße essen muss, aber dann sollte man dies nicht zu provokativ tun. Ernsthaft Leute, ich habe keine Probleme mit abgepackten Mahlzeiten und in einer Wettkampfdiät ist es ein Muss, doch in einer regulären Aufbauphase kommt ihr nicht drumherum, statt trockener Hühnerbrust einen fetten Whopper zu essen? Ambitionen sind toll, doch ist die Frage nach dem Nutzen viel größer. Wie viel Prozent bringt es mich nun weiter, wenn ich einmal alle paar Tage auf Fast Food verzichte? Letztendlich ist schlechtes Essen besser als gar kein Essen.Ausreden
Wenn man an diesem Punkt ankommt, ist die soziale Abkapselung schon voll im Gange. Ich kann davon so überzeugt sprechen, weil es bei mir genau so war. Samstagabend zuhause bleiben und früh schlafen gehen, weil am nächsten Tag Beine trainiert werden mussten. Spontane Dates absagen, da man schon etwas anderes geplant hatte. Stattdessen wird Zuhause gesessen und Blood and Guts zum 50. Mal geschaut. Die gängigsten Ausreden waren meist "Hey, ich kann heute nicht. Bin gar nicht in der Stadt heute Abend, Sorry." oder "Meine alte Tante feiert ihren Geburtstag, da muss ich leider hin".Fuck, das liest sich schlimmer als es eigentlich war. Das waren meist so kleine Notlügen, um nicht aus der eigenen Komfort-Zone kommen zu müssen.
Restriktionen
Oh Gott, wo soll man anfangen. Welche Restriktionen lädt man sich selber auf? Von einer Diät abgesehen, gibt es tausende verschiedene Hindernisse im Alltag, die man sich selber verordnet. Angefangen von langen Schlafenszeiten, über die Auswahl von bestimmten Nahrungsmitteln, Vermeidung von bestimmten Substanzen und Änderung der Sitzgelegenheiten im Haus, um die Lendenwirbelsäule möglichst zu entlasten. Wobei all diese Sachen sehr löblich sind, muss man diese nicht so raushängen lassen. Ein kerngesunder Körper ist großartig, aber das Leben spielt sich außerhalb der meist gewollten Umgebung ab. Ich habe auch keinen Job, in dem ich nur das mache, was mir gerade recht ist (abgesehen von den Selbstständigen hier unter uns).Ziel sollte es bei solchen Verhaltensweisen sein, einen Automatismus zu entwickeln, der die guten Verhaltensweisen in den Alltag ohne besonderes Bemühen integriert. Dann muss auch nicht bewusst auf die Körperhaltung geachtet werden, da es zur Gewohnheit wird. Man braucht ungefähr 3000 Anläufe bis etwas zum Automatismus wird, also werden die häufigsten Tätigkeiten irgendwann zur unterbewussten Handlung.
Party
Ihr seid zwischen 18 und 25 Jahre alt? Dann feiert euch verdammt nochmal die Seele aus dem Leib. Dazu muss man nicht immer trinken oder mehr E´s schlucken als Buchstabensuppen-Esser. (Copyright by Kollegah). Das sind die besten Jahre in eurem Leben, in denen rumgehurt werden kann, Partys gefeiert und Abstürze erlebt werden. Niemand rechnet euch am Ende des Lebens an "Ihr habt xxx Partys fürs Training ausfallen lassen, hier: ein gepolsterter Stuhl im Fegefeuer". Das heißt nicht, dass ihr jedes Wochenende saufen müsst, sondern eher, dass Spontanität da sein sollte, um mal ein Wochenende mit den Freunden um die Häuser zu ziehen. Etwas narzisstischer sollte man schon werden, statt geheuchelter Introvertiertheit um hardcore zu sein.Uni
Provokativ die Tupperschale während der Vorlesung rauszuholen, muss nicht sein. An der Cafeteria-Schlange zu stehen und nörgeln, warum es keine Intermittent-Fasting-Low-Carb Portion für einen gibt, nervt umso mehr. Ich verstehe nicht, was so schwierig daran ist, eine Tupperschale mit seinem Essen in der Mittagspause rauszuholen und mit den Kommilitonen zu essen. Etwas soziale Kompetenz sollte man da trotz anderen Essens schon mitbringen. Genauso braucht man nicht die Tabletten in der Vorlesung demonstrativ schlucken, weil ja 12:00 Uhr ist und die Vorlesung erst um 12:25 Uhr endet. Wer so etwas macht, provoziert doch nur blöde Sprüche, über die man sich dann nicht aufregen muss.Gefälligkeiten
Und hier wird es sozialfeindlich. "Kannst Du mir mal eben beim Umräumen der Wohnung helfen, Mann? Meine Freundin bringt mich sonst um." Wer ablehnt, weil am Abend Rückentraining gemacht werden muss, der hat soeben dafür gesorgt, dass ein Katzenbaby im Himmel stirbt. Ich rede nicht von den Absagen, die man Schmarotzern gibt. Ich rede von ernsthaften Gefälligkeiten, an denen die Mitarbeit wichtig ist. Das hat auch nichts mehr mit Disziplin zu tun, sondern ist purer Egoismus.Bedenken
Viel zu oft denkt man daran, ob man irgendwelche Aktivitäten ausführen sollte, da ja das Training leiden könnte. Bis zu einem gewissen Grad sind diese auch vollkommen berechtigt und wer höhere Ambitionen als das reine Gepumpe oder einen Wettkampf in Aussicht hat, der kann diese auch bis zum Extrem ausleben. Aber unser Durchschnitts-Pumper kann diese Stimmen im Kopf lieber gehörig zurückschrauben, da es nicht viel Mehrwert für ihn hat, besonders hardcore zu sein.Und nun einmal den Stock aus dem Arsch
Ich bin schon einige Jahre in der Bodybuilding-Online-Welt unterwegs und habe viele Selbstbeweihräucherungs-Trends gesehen, die eine echte Bedrohung für das Sozialleben werden können. Vor einem Jahr war es der Intermittent Fasting Trend, wo in dem Thread öfters stand "Gehe nicht mit der Freundin essen, da es nicht in mein Zeitfenster passt". Da wurde mir schon echt schlecht auf Dauer.Vor 2-3 Jahren war es die WKM-Plan Flut, die tausende Leute dazu bewegte, Isolationsübungen aus dem Plan zu schmeißen, um so nach 4 Jahren riesige Defizite in ihrer Entwicklung, aber dafür dicke Schenkel hatten.
Vor 1-2 Jahren war es noch der PITT-Trend, der regelrechte Kämpfe zwischen "Normalos" und "Pittern" im Studio heraufbeschwor, wobei es hitzige Diskussionen wegen den "Must Have" PITT-Ketten zum Drücken gab.
Langsam fragt man sich echt: GEHT’S NOCH? Kein Artikel hat das so sehr auf den Punkt gebracht wie der von CookinT, "Ihr seid nicht Jay Cutler" (Quelle: Wie man Bodybuilding sozialverträglich in den Alltag einbindet).
Der Artikel ist so großartig, dass viele es gar nicht begreifen und nur mit dem puren Magerquark in der Hand Freitagabend drübergelesen haben und dann um 10 pennen gegangen sind, um die Regenration der Nacht zu bekommen.
Man lebt nur einmal. 70-80 Jahre bleiben jedem, um das zu erleben, was eine tolle Biographie füllen könnte. Leben und leben lassen!