Ist die Notwendigkeit des Einen für den Fortbestand unsere Welt noch mehr oder weniger nachvollziehbar, verzweifeln andere auf der Suche nach dem Grund für nicht sichtbare Zwischensehnen - oder greifen erleichtert zur Winterkleidung: Womit auch der Wechsel der Jahreszeiten für ihre Existenz einen Sinn zum Fortbestehen schafft. Aber nicht jeder freut sich auf jene Zeit des Jahres, zu der die Kleidung dicker und die Röcke wieder länger bzw. gar nicht mehr getragen werden.
Sichtbare Bauchmuskeln hin oder her. Hat sich der Mythos des "Sit-Ups sind der einzige Weg zum Waschbrettbauch" nun endlich als Lüge herausgestellt und auch der letzte Teenager erkannt, dass es wenig Sinn macht, etwas zu trainieren, was sich unter dem ein oder anderen genüsslichen Fastfoodrestaurantbesuch versteckt - so ist sein Wert weiterhin unbestritten - vor allem beim stolzen Besitzer eines solchen.Der optische Inbegriff von Fitness steht darüber hinaus mittlerweile für Disziplin, Knechtschaft und vollste Hingabe an einen ganz bestimmten Lebensstil. Einen Lebensstil, der mindestens 365 Tage im Jahr praktiziert werden muss und vor allem praktiziert werden will. Jahreszeiten hin oder her.

Der Fitnessportier nimmt sich hier die Freiheit ein wenig Kontrolle über die Natur auszuüben und ihr zu trotzen. Wäre das Sixpack evolutionär von Notwendigkeit, hätten wir es alle. Seltenes ist kostbar und deshalb verabschiedet man sich nur ungern von den mühsam freigelegten Abs, die man unterm Strich doch viel, zu selten gezeigt hat. Aber ist das gesund?
Wie weit darf der Wunsch nach durchgängiger Perfektion gehen? Ergibt nicht alles, was die Natur macht, irgendwie einen Sinn für uns und die Welt, auf der wir unsere Fitnessträume leben? Ist nicht eine dicke Schneedecke im Winter gut für das Korn im Sommer? Sprich: Ist eine kleine Fettschicht nicht gut für die darunter liegenden, auf ihren Auftritt wartenden Bauchmuskeln?
Es bleiben für den Liebhaber des Musculus Rectus Abdominis offensichtlich zwei Möglichkeiten: Man gibt nach, traut der Bauernweisheit und lässt der Natur ihren Lauf. Sie lässt es schneien, der Körper friert, will Energie. Wir essen. Wir essen viel. Das System muss schließlich in Gang bleiben und geheizt werden, die Körner, Muskeln gedeihen. Ehe man sieht versieht, ist einem zwar warm, aber die schön tastbaren Rillen unterm Shirt sind futsch.
Die andere Möglichkeit ist es, sich gegen die natürlichen und vor allem menschlichen Prozesse zu weigern. Auf Kosten der Heizrechnung und der Gesundheit. Wer im Winter versucht, seinen Körperfettanteil weiter auf Sommerniveau zu halten, wird seinen Körper als biologisches System keinen Gefallen tun. Als ein solches müssen wir uns immer Winter jedoch sehen und auch akzeptieren.
Der Winter ist nicht die beste Zeit dafür, die Grenzen des eigenen Systems auszuloten. Hier stehen andere, wichtigere Aufgaben auf dem Programm: Stärker werden. Größer werden. Kräfte für eventuelle Kämpfe gegen Eisbären sammeln, Iglus bauen, Winterschlaf halten oder sich eben auf die härtere, nächste Saison vorbereiten, in der die Bauchmuskeln noch praller werden sollen.Der Fitness- und Kraftsportler gibt an für sich nicht nach. Anders: Es kommt nicht in Frage, jemals nachzugeben.
Das Gewicht wird so lange gebeugt, bis es uns in die Knie zwängt, es wird so lange gedrückt, bis es uns die Luft wegschnürt. Erst dann geben wir uns im Kampf geschlagen. Als Lohn erhalten wir Masse, Definition, Kraft. Eine Reaktion der Natur. Unser Lohn.
Warum sehen wir nicht auch den Winter als Lohn? Warum sieht man ihn zeitweise als eine Zeit, die uns dazu zwingt, uns unter Hoodies und dicken Jacken zu verstecken? Betrachtet man den Winter aus der Perspektive seiner natürlichen Notwendigkeit, ergibt sich aus ihm ein Lohn, der uns eine noch bessere Sommerform verschafft.
Die Natur schenkt uns eine Pause, in der wir wachsen und regenerieren können.Weiß man diese Pause sinnvoll und vor allem aktiv zu nutzen, erhält man Zeit zum Gedeihen und Reifen. Und das sogar gratis!
Niemand wird in dieser Zeit von uns ein Sixpack erwarten, außer wir selber. Für Öffentlichkeitsarbeit ist wiederum im Sommer Zeit. Gib deinem Körper im Winter das, was er als biologisches System benötigt. Energie und Kraft für deinen Trainingstag. Lass ihn ein wenig Schnee auf deinem Bauch lagern, die darunter liegenden Körner werden es dir im Sommer danken.
Ein bisschen Rebellion erhalten wir uns schließlich weiterhin aufrecht: Den Winterschlaf wird die Masse der Sportler wohl weiterhin größtenteils auf die Nacht verlegen.