Es wird nur wenige Sportler unter uns geben, die völlig frei von Ambitionen und Zielen ihrem Trainingsalltag nachgehen. – In aller Regel liegt das Interesse am Sport darin, die eigene Leistung zu verbessern, Mitstreiter hinter sich zu lassen oder Wettkämpfe zu gewinnen. Über den idealen Weg zum Ziel streiten sich indessen Wissenschaftler wie Trainer schon über Jahrzehnte hinweg und gerade in jüngster Zeit hat sich ein neues Leitbild vom "Sieger" entwickelt: Der komplette Athlet!

Wie war das eigentlich früher

Über die Entwicklung des sportlichen Trainings im Verlauf der Jahrhunderte lässt sich trefflich spekulieren. Vermutlich traf man sich anfangs im Vorfeld von kriegerischen Auseinandersetzungen, übte sich im Speerwurf oder ähnlichem und stellte fest: Je öfter geübt wurde, je besser gelang der Wurf.

Spätestens mit den Olympischen Spielen der Antike war dann das vorgelagerte "Training" als Wettkampfvorbereitung geboren und schon der römische Gelehrte Quintilian kannte um Christi Geburt herum die Vorzüge progressiven Trainings.

Über den griechischen Ringkämpfer Milon etwa wusste er zu berichten, dass dieser regelmäßig ein Kalb auf den Schultern trug bis dieses irgendwann zum Stier herangewachsen war.
Erst sehr viel später wurde erkannt, dass sich eine Disziplinenleistung aus mehreren Faktoren zusammensetzt, die jeweils separat trainiert auch die Gesamtleistung erhöhen können. Das Trainingskonzept war geboren.
Mit den olympischen Spielen von Helsinki im Jahre 1952 wurden schließlich erstmals Trainingsaufzeichnungen russischer Trainer verfügbar, aus denen L.P. Matwejew theoretische Ansätze lieferte, die bis heute Grundlage der allgemeinen Trainingslehre sind. Sein Ansatz implizierte letztlich die zentrale Forderung, Athleten zu einem definierten Zeitpunkt in bestmöglicher sportlicher Form in den Wettkampf zu entsenden. Damit war auch der Begriff der Periodisierung weitestgehend publiziert.

Sportliches Training als Prozess

Sportliches Training wird seither als zielgerichteter und planmäßiger Prozess definiert, der durch inhaltliche, methodische und organisatorische Maßnahmen die leistungsbestimmenden Faktoren eines Athleten verbessern soll. – Und schon bald hatten Trainer in führender Position darauf reagiert und einen Eigenschaftskatalog für die optimale Leistungsdisposition von Sportlern in ihren Disziplinen erarbeitet.

Für den Rudersport / Boxsport war dies beispielhaft:
(Aus: Konditionstrainig (1981); Ulrich Jonath, Rolf Krempel)

Schon damals war man auf teils große, trainerspezifische Unterschiede in der Bewertung der einzelnen Kriterien getroffen. Eine Meinungssynthese war notwendig geworden, um wenigstens grundsätzlich übereinstimmende Aussagen der Eigenschaften zu finden und in den Breitensport zu tragen. Doch es stellten sich in der Praxis noch weitere, teils schwerwiegende Unzulänglichkeiten dieser vereinheitlichten Leistungsdisposition heraus.

Denn neben der rein muskulären Definition bereitete sich auch die körperliche Definition ihren Weg. Sichtungsmaßnahmen regelten im Vorfeld beispielsweise die geeigneten Sportarten für groß- oder kleingewachsene Kinder und nachdem nun auch für das

Nachwuchstraining im Vornherein fest stand, wohin die sportliche Ausbildung gehen sollte, wurde frühzeitig mit einer Spezialisierung in den Sportarten begonnen.

Beispiel: Ski-Alpin

Noch im Schüler-Alter wurden hier etwa die Abfahrer von den Slalom-Fahrern separiert und eine Schwungtechnik bis zur höchstmöglichen Perfektion trainiert. Gegenüber anderen Trainingsansätzen wurden auf diese Weise bereits früh Erfolge eingefahren und tatsächlich schafften es immer wieder Athleten hinauf bis Weltniveau.

Die Kehrseite der Medaille(n): Es fielen nicht wenige aus dem Erfolgsraster und damit aus dem Kader, weil sie durch Lernblockaden oder Leistungsplateaus den erwarteten Erfolgen nicht gerecht wurden. Ein weiterer Nachteil der frühen Spezialisierung wurde erst im Verlauf der technischen Neuerungen im Skisport sichtbar. – Auf neue Anforderungen der Disziplinen wie sie beispielsweise die Kippstangen oder später die Carving-Skier forderten, konnten sich diese Athleten nicht mehr entsprechend anpassen. – Jedenfalls nicht auf solch hohem Niveau wie für Siege erforderlich.

Ein erstes Resümee

Diese Zeiten liegen noch nicht allzu lange zurück und Skilehrer wie Stützpunkt-Trainer verlegen sich seither auf eine vielseitige Ausbildung und variantenreiches Training. Eine Entwicklung die sich querbeet durch die vielen Disziplinen des Sports zieht und heute aktueller denn je ist.

Vermutlich ist es unserem früheren Fußball-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann zu verdanken, dass das "Funktionelle Training", mit dem er die Nationalmannschaft begleitete, derart in den Breitensport verteilen konnte. In jedem Fall nutzen in der Zwischenzeit Spitzensportler weltweit Trainingspausen oder Offseason, um sich sportlich möglichst breitgefächert aufzustellen und sich ein vielseitiges Bewegungsspektrum anzueignen. Eine Entwicklung die gerade erst begonnen hat...


Forderungen an den kompletten Athleten

Vorbei also die Zeiten, in denen man Tennisspieler am einseitig ausgeprägten Schlagarm erkannte, Bodybuilder beim Treppensteigen Schnappatmung bekamen und Powerlifter bei mehr als 5 Wiederholungen an Marathon dachten. Immerhin kennen wir seit geraumer Zeit Sprinter, Ringer, Gewichtheber oder Football-Spieler, die ebenfalls auf eine grandiose muskuläre Entwicklung blicken, zudem aber sensationell in ihrem Sport sind.
Der komplette Athlet definiert sich durch eine umfänglich gute und breit angelegte körperliche Ausbildung mit geringen Leistungsdefiziten und eine hochgradige Spezialisierung, die darauf basierend aufsetzt.



Weineck unterscheidet etwa nach seinem obigen Modell die Trainingsziele nach:
  • Psychomotorischen Lernzielen
  • Kognitiven Lernzielen
  • Affektive Lernzielen
Im Blick auf die psychomotorischen Grundeigenschaften lassen sich in diesem Zusammenhang die konditionellen und koordinativen Fähigkeiten näher präzisieren.


Die Übersicht hat natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber zunächst die Vielfalt an Trainingszielen darstellen. Wichtig erscheint hierbei hingegen das Wissen um die teils enge wechselseitige Beziehung untereinander. In dieser liegt das größte Potential einer gleichermaßen geprägten athletischen Ausbildung.

Konzentrisches Training

Schon Zatsiorsky erörterte in seinen Ausführungen das Zusammenspiel verschiedener Qualitäten der Muskelleistung und letztlich basiert das ganze System der Periodisierung auf dem Nutzen konditioneller Fähigkeiten untereinander. Kurzum:

Die Gesamtleistung des Athleten steigt mit der folgerichtigen Reihung von verschiedenen Trainingszielen.
Die Frage des Trainings von Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Flexibilität muss deshalb nicht nach dem "Ob" fragen, sondern nach dem "Wann".


Für Schnellkräftige Disziplinen mag es durchaus nachteilig sein, die Grundlagenausdauer primär in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung zu trainieren. Hierfür wäre der passende Rahmen wohl eher in der allgemeinen Vorbereitung zu suchen. Mithin spricht gegenteilig allerdings auch nichts dagegen, die antrainierten Errungenschaften in dieser Phase mit in den Wettkampf zu tragen. – Im angemessenen Rahmen eben.

Die klassische Periodisierung trägt im Wesentlichen alle erforderlichen Bedingungen bereits in sich, um einen kompletten Athleten in allen Facetten der sportlichen Leistungsfähigkeit zu trainieren. Im Periodisierungsverlauf beginnt der Athlet gewöhnlich mit einem sehr hohen Umfang bei entsprechend niedriger Intensität. – Raum der auch hervorragend für "Zubringerübungen" und übergeordnete Lernziele genutzt werden kann. Je spezieller im weiteren Verlauf dann die Wettkampfvorbereitung wird, je geringer kann man den Anteil an nicht unmittelbar disziplingerechten Übungsanteilen halten.

Grundsätzlich hat sich für das erlernen neuer Bewegungsanreize, wie auch für die koordinativen Fähigkeiten, das konzentrische Lernen empfohlen und bewährt.

Konzentrisches aneignen ist ein erlernen nach allen Richtungen und nutzt dabei mitunter auch die Vorteile des Kontrastlernens, das gleichermaßen für Körper wie Geist Vorteile bietet.
Ein Beispiel aus der Schule kann das Kontrastlernen besser verdeutlichen. Wollen wir ein Gedicht lernen und uns zeitgleich auf die Mathematik-Klausur vorbereiten macht es Sinn, jeweils stündlich zwischen beiden Bereichen zu wechseln. Unser Gehirn steht offenbar auf Abwechslung und quotiert dieses Vorgehen mit einem deutlich erhöhten Lernerfolg.

Das konzentrische Trainieren orientiert sich also nach allen Richtungen und in alle Fähigkeiten hinein, verschafft auf diese Art aber rasch eine sehr breitgefächerte Bewegungserfahrung, eine eventuelle Vernetzung von bekanntem und unekanntem, und damit eine hervorragende Grundlage für eine grundlegend fundamentierte Ausbildung.

Unsere Vorteile als Athlet

"Klingt alles gut, aber warum sollte ich das als Hobbysportler machen?" Eine durchaus berechtigte Frage, und letztendlich wird der eigene Weg auch immer eine Angelegenheit des eigenen Anspruchs bleiben.

Wettkampf-Sportler profitieren durch ein breit angelegtes Training zunächst von einer geringeren Verletzungsanfälligkeit, die durch dauerhaft einseitige Belastungen mit verursacht werden können. Dysbalancen, die gerade in der Schwerathletik häufig anzutreffen, sind kann hierdurch vorgebeugt werden.

Die Gesundheit selbst wird durch ein regelmäßiges, anteiliges Herz-Kreislauf-Training gestützt und die möglichen Überträge auf die eigene Wettkampfleistung stellen einen weiteren Vorteil dar. Die Nachteile sind hingegen überschaubar, zumindest dann, wenn sich die sportliche Laufbahn nicht nur auf zwei Jahre beschränkt sondern dauerhaft das Leben begleiten soll. Im eingangs angeführten Beispiel des Ski-Alpin wird dies klarer dargestellt.

Der komplette Athlet – Die Praxis?

Allen Unkenrufen an dieser Stelle zum Trotz: Natürlich ist es möglich, das eigene Training auch bei begrenztem Zeitrahmen etwas allgemeiner, etwas kompletter zu gestalten. Selbst der Powerlifting-Guru Jim Wendler (5/3/1 Relaoded) verweist in seinen Ausführungen auf Vorteile bei drei verfügbaren Trainingstagen lediglich zwei im Gym zu verbringen und einen als Assistenz zu gestalten. Bergsprints, Schlittenziehen – Beispiele aus dem amerikanischen Schwerathletik-Training, die dort schon seit langer Zeit Bestand haben, aber in unseren Landen gemeinhin gerne überlesen werden.

Ein Ausgleichssport zum Wettkampftraining – einmal die Woche – kann phänomenale Wirkung auf die Leistungsfähigkeit bewirken, Spaß bringen, der Gesundheit nutzen. Im Hobby- und Freizeitbereich wird es für uns gemeinhin weniger darauf ankommen, eine möglichst komplette Beanspruchung zu finden, als vielmehr einen aktiven, gesunden Lebensstil zu folgen. Mit Freunden am Wochenende in einen Seilklettergarten, am Badesee jonglieren mit den Kindern, Balancieren auf der Slackline oder eine Wanderung für die Grundlagenausdauer in den Bergen. – Möglichkeiten finden sich zu Hauf...

Letztlich führen uns gerade die regelmäßig aus Übersee schwappenden Fitness-Trends immer wieder vor Augen: Die Grenzen setzt nur der Geist und früher oder später muss jeder ernsthafte Sportler – dann zwangsläufig – irgendwann mal den Blick über den Tellerrand richten. Spätestens beim Physio und dessen Übungskatalog.


Mehr vom Autor findet ihr auf seiner Homepage: ► www.moosbummerl.com – Neues aus dem Land der Hebewesen.

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Quellen:

  • Optimales Training: Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings (Jürgen Weineck / ISBN-10: 3938509155 / ISBN-13: 978-3938509159)
  • Konditionstraining – Training | Technik | Taktik (Ulrich Jonath, Rolf Krempel / ISBN-10: 3499170388 / ISBN-13: 978-3499170386)
  • Trainingsgrundlagen (Manfred Letzelter / ASIN: B002LOT6M6)
  • Krafttraining – Praxis und Wissenschaft (Vladimir M. Zatsiorsky / ISBN-10: 3891243332 / ISBN-13: 978-3891243336)