Einleitung

Nachdem ich in den letzten Tagen auf YouTube immer mehr Videos zum Thema "korrektes Verhalten" usw. in meinem News Feed hatte (und ich bis heute keine Ahnung habe, warum das so war), schaute ich mir dann doch endlich eines dieser Exemplare an. Was gesagt wurde, kam mir äußerst bekannt vor. Die Charaktereigenschaften, die ich bei vielen ernsthaft trainierenden Athleten sehe, wurden dort als höchstes Gut der Selbstverwirklichung genannt. Wenn man genauer über diese Sache nachdenkt, werden die Parallelen wirklich schon eklatant ersichtlich. Im Folgenden möchte ich einmal die aufgeführten Charaktereigenschaften beleuchten und wie sie meiner Meinung nach durchs Training vermittelt werden

Egoismus

Wie passend, dass die Liste hiermit anfängt. Egoismus ist eigentlich der Schutzreflex des Organismus zur fortwährenden Existenz. Ohne Egoismus vergeht die Funktion des Selbstschutzes, sodass eine gewisse Form dessen lebensnotwendig ist. Aber was hat das mit Bodybuilding zu tun? Nun, um im Training erfolgreich zu sein, kann man sich nicht immer auf andere verlassen. Wenn man zu allen möglichen Gelegenheiten "JA" sagt, kann es schon extrem schwer werden, seine regelmäßigen Workouts einzuhalten oder die Mahlzeiten reinzukriegen. Hiermit meine ich keine Engstirnigkeit, sondern eine gewisse Form von Mut, die eigenen Prinzipien durchzusetzen. Dies überträgt sich auch aufs Geschäftsleben. "Kannst du mal eben den Stapel Akten für mich durchgucken wenn du nichts anderes vorhast?" "Nein, ich habe selbst noch eine Menge zu tun, Sorry."

Noch schlimmer ist die Frage, ob man aus alleinigem Good Will die Arbeit für einen kranken Kollegen übernehmen will. Keine Überstunden-Bezahlung, keine Notwendigkeit der Arbeit um eine Deadline einzuhalten, gar nichts. NEIN ist hier die ökonomischste Antwort. Gleiches beim Training: Muss ich zu einem neuen System wechseln? Muss diese Übung echt noch sein? Die Chancen stehen gut, dass die Antwort "NEIN" heißt.

Weiterhin muss in bestimmten Bereichen des Lebens eine Entscheidung in der Karriere gemacht werden, die eventuell nicht alle Personen aus dem sozialen Umfeld zufrieden stellt. Hier muss man wirklich abwägen, in wie fern man dies verantworten kann und objektiv entscheiden, wie nützlich der Schritt weg von diesen Personen für die eigene Entwicklung ist.

Kameradschaft

Nicht viel kann Männer so verbinden wie der Sport. Keine Meditations-Session der Welt kann eine Verbindung herstellen, wie wenn man sich nach einem Beinpresse-Massaker gegenseitig hasst und gleichzeitig stolz aufeinander ist. Es muss nicht einmal die Kameradschaft aus dem Pumping Iron Film sein, was ja in einem großen Studio schon von sich aus recht unmöglich ist. Leute in einem kleineren Studio werden diese Kameradschaft meist gar nicht anders kennen, so geht es auch mir.

Letztendlich reicht es, wenn man respektvoll mit den anderen umgeht. Man geht aus dem Weg wenn jemand Scheiben schleppt, auch schreitet man definitiv sofort ein, wenn jemand Hilfe braucht. Das obligatorische "Hey" in die Runde gehört zum guten Ton dazu und der Plausch in der Umkleide oder zwischen den Sätzen darf für mich zumindest auch nicht fehlen. Es sei denn man signalisiert das Bedürfnis nach Ruhe (wie oft beim Beintraining), sodass man von den anderen respektvoll in Ruhe gelassen wird.

Narzissmus

Ein sehr zweischneidiges Schwert. In der genauesten Wortbedeutung bezieht sich Narzissmus auf den antiken Charakter Narzissus, der so sehr in sich verliebt war, dass er bei dem Versuch seine Reflektion in der Wasseroberfläche zu küssen, ins Wasser fiel und ertrank. Paraphrasiert bedeutet dies, dass eine zu starke Selbstliebe letztendlich schadet, was ich vollkommen unterstütze. Was jedoch oft außer Acht gelassen wird, ist dass für ein gesundes Selbstbewusstsein eine gewisse Form von Narzissmus notwendig ist. Wer bei Präsentationen mit "oh mein Gott, alle werden mich sehen" reagiert, der sollte versuchen, diese Gedanken auf "geil, alle werden mich sehen", zu ändern. Das ist eigentlich übertragbar in alle Lebensbereiche: Verantwortung auf sich nehmen und mit Aufmerksamkeit anderer umgehen können. Anders kann man nicht polarisieren und höhere Jobs mit viel Kundschaft annehmen oder sich selbstständig machen.

Narzissmus kann jedoch auch als Eigenverantwortung interpretiert werden. Für mich bedeutet Narzissmus die Wertschätzung eines selbst, was Dinge wie Übungen, die der Selbstverstümmelung nahe kommen, direkt als diese erkennen lässt. Eigenverantwortung ist letztendlich auch die Ernährungsphilosophie, die mit den Kompromissen des Zeitaufwandes beim Kochen und vielleicht Ausbleiben eines Restaurantbesuchs, (was ich jedoch nie empfehlen würde), einhergehen muss.

Letztendlich wird durch die Eigenverantwortung auch der Einsatz von verschreibungspflichtigen Medikamenten bestimmt – traue ich mir das zu? Will ich mir das antun? Kann ich es VERANTWORTEN, mit den Nebenwirkungen zu leben?

Selbstbeherrschung

Selbstbeherrschung geht fast Hand in Hand mit Durchhaltevermögen, jedoch bezeichnet Selbstbehrrschung auch Moderation. Ist es wirklich nötig, einen weiteren Satz mit schlechter Technik dranzuhängen? Soll ich trotz schmerzenden Ellenbogen Trizeps trainieren? Soll ich noch 2 Stunden World of Warcraft spielen und morgen früh tot sein? Ihr kennt die Antwort, aber wollt sie zum Teil nicht wahrhaben. Hier muss man sein Ego zügeln und auch mal eine Scheibe weniger auflegen. Das ist leichter geschrieben als getan, aber wer seinem Ego beim Training entsagen kann, der sieht auch eventuell von einem unnötigen Kauf eines neuen Autos ab im Extremfall, wenn er die Mäßigung seiner Persönlichkeit beherrscht.

Dieser Punkt läuft eigentlich auch mit einer ausweitenden Schmerztoleranz zusammen. Je länger man trainiert, desto schwerer ist die Setzung eines Reizes. Je schwerer die Setzung eines Reizes, desto härter muss der Auslöser dafür sein. Aus diesem Grund kann ein Anfänger auch nicht so intensiv trainieren, wie er es nach 10 Jahren Trainingserfahrung kann. Dies kommt vor allem aufgrund der höher werdenden Schmerztoleranz und letztendlich auch der besseren Koordination, Technik und Rekrutierungsmuster des Bewegungsapparats.

Durchhaltevermögen

Training ist ein reiner Test des Durchhaltevermögens. Strip Sets, Intensivwiederholungen, Negative, Statische Wiederholungen, Rest Pause Sätze, Supersätze. ALLES fordert eine gewisse Form von Durchhaltevermögen. Wer diesen "Muskel der Willenskraft" in anderen Bereichen des Lebens stärkt, kann sie auch auf die übrigen übertragen. Man hat eine Aufgabe, die unbedingt fertig werden muss? FOKUS. TUNNELBLICK. Wie in einem schweren Satz kann man sich auch auf schwere Aufgaben weitaus besser stürzen, wenn der mentale Background stimmt, ist das alles möglich!
Hiermit meine ich nicht nur die bereits erwähnte Schmerztoleranz, sondern den Gedankengang, dass man sein Potenzial in diesem Training noch nicht ausgeschöpft hat. Ein perverser Trieb, der die momentane Erschöpfung nur als Trugschluss erkennt und bemerkt, dass man noch unter seinen Möglichkeiten des Tages steckt. Übertragen lässt sich dies auch wie immer auf das Geschäftsleben oder eher eine anfangende Selbstständigkeit. Für letzteres braucht man eine weitreichende Einschätzung über das Potenzial der eigenen Idee, sodass Durststrecken, die in jedem Geschäftsmodell kommen, nur als kleine Hürde auf dem Weg zum Erfolg erkannt werden.

Beständigkeit

Geht auch wieder Hand in Hand mit dem folgenden Punkt. Im Bodybuilding oder Powerlifting kommt nichts von heute auf morgen. Deine Schwachstelle sind die Arme? Egal wie gut Dein Workout an dem Tag ist, auch in einer Woche oder einem Monat werden diese nicht wie die von Phil Heath aussehen. War das Workout so gut, reicht es nicht, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Man muss immer und immer wieder ein besseres Workout über dem Durchschnitt abliefern, sodass die Arme mit BESTÄNDIGKEIT zum WACHSTUM GEZWUNGEN werden. Basta.

Und klappt im sozialen Leben die Klärung eines Streits nicht beim ersten Mal, so hilft nur Beständigkeit und Einsicht, was durch das Training Workout für Workout gelehrt wird. Auch andere Hobbys fordern Beständigkeit, doch denke ich dass Bodybuilding auf der Liste schon mit ganz oben steht.

Geduld

Geduld setzt sich aus Beständigkeit und innerer Ruhe zusammen. Der Faktor des wiederholten Ausführens einer Tätigkeit kann die betreffende Person manchmal in Verzweiflung und Wahnsinn treiben. Nur wer geduldig ist, hält diese mühsame Aufgabe aus und überstürzt keine Entscheidung (Schultern wachsen nicht? Wie wäre es mit 30 SÄTZEN SCHULTERDRÜCKEN???).

Ausbrechen aus der Komfort-Zone

Wäre es nicht schön wenn man den ganzen Tag im warmen Zimmer sitzen könnte, sich immer schön sein Essen macht und früh ins Bett geht? Es wäre sicher locker, aber äußerst langweilig auf Dauer. Genau so ist es auch mit dem Training. Die Komfortzone sind für Dich jetzt vielleicht 10 Wiederholungen mit 100kg im Bankdrücken ohne eine Pausenzeit von 3 Minuten. Jedoch ist der Kampf mit sich selber eine ständige Herausforderung dieser Grenzen und bedeutet letztendlich eine notwendige Sprengung dieser. Also verkürzt doch einmal eure Pausenzeiten, erhöht die Arbeitsgewichte und geht Samstagabend vielleicht doch mal wieder aus dem Haus! Das Leben spielt sich nicht nur in den bekannten vier Wänden ab.

Auch kann es bedeuten, dass man einmal ein neues Trainingssystem probiert, die Wohnung wechselt oder die Haarfarbe ändert. Was auch immer, neue Tapeten können wahre Wunder im Leben bewirken, vor allem wenn einem der Alltag langweilig vorkommt, was immer ein Zeichen für ausbleibende Action ist.

Ausgeglichenheit

Der für mich wichtigste Faktor des Trainings ist nicht der Muskelaufbau, die Kraft oder die Fähigkeit viel mehr zu essen. Das Tollste ist für mich ist die kurzzeitige Abschattung der Sorgen des Alltags, die Absorbtion der Aggression des täglichen Lebens durch harte Arbeit.

In der Zeit im Training vergisst man alles. Stress mit der Freundin? Nope, gibt’s nicht mehr. Hohe Stromabrechnungen? Achwas, nicht im Training.

Hat man diese Sorgen dann ein bis zwei Stunden vergessen, wirken sie im Angesicht der Betäubung durchs Adrenalin viel rationaler und können meist mit Leichtigkeit beseitigt werden. So kam es auch schon oft vor, dass nach der Trainingseinheit Sachen wie Vorarbeit oder ähnliches viel einfacher von der Hand gingen, da man sehr präsent im Moment war und keine abschweifenden Gedanken hatte, die den Arbeitsprozess unterbrachen. Daher kann man das Training auch als sinnvole Lernpause im Studium einsetze, da ein tiefer Schnitt in den Gedankengängen gemacht wird, der eine komplette Neufokussierung ermöglicht. Damit hat das Argument "keine Zeit für Training wegen Lernen" keine Wirkung mehr, tut mir leid.

Unabhängigkeit

Tja, leider der Gegner der sozial-abhängigen Lebensweise, doch großer Bestandteil des Trainings. Wer nicht von sich aus ins Studio geht, sondern nur wenn seine Freunde dabei sind, der ist ungefähr so konsequent wie ein Party-Raucher. Nichts Halbes und nicht Ganzes. Du willst Erfolge machen? Gehe für Dich ins Studio. Man trainiert nicht für Frauen oder Geld, einzig für das eigene Bestreben nach körperlicher (fast) Perfektion oder Kraft. Oder um seine inneren Dämonen ruhig zu stellen. Ganz egal worum es geht, man ist keinem etwas schuldig im Studio und daher muss die Motivation auch aus dem eigenen Inneren gezogen werden. Ich könnte nie über Jahre hinweg für jemand anderen ins Studio gehen, dafür ist der physische und psychische Stress einfach zu hoch.

Die Kehrseite dieser Unabhängigkeit ist dann jedoch, dass Verletzungen meistens die Schuld des eigenen Egos sind. Ob der Trainingspartner jetzt weitere Wiederholungen fordert und ob du sie dann machst, das ist ein ganz anderes Paar Schuhe. Daher sollten Fehler im Training auch immer bei sich selber gesucht werden, bevor man zu anderen Faktoren übergeht. "Scheiß Studio, Scheiß Hantel", alles schon gehört. Eher sollte man über das eigene Unvermögen zur richtigen Technik fluchen.

LOCKERER SEIN

Der eigentlich wichtigste Punkt auf der Liste. In den ersten Jahren Training wird oft angenommen, dass Bodybuilding ein sehr schwarz-weiß karierter Sport ist. Entweder werden Sachen ganz oder gar nicht gemacht.

6 Mahlzeiten am Tag, jeden Tag ein Workout, gesamter Alltag aufs Training ausgerichtet – sonst könne man die Erfolge ja gleich schon vergessen.

So ist es jedoch bei weitem nicht und das erkennt man meiner Erfahrung nach immer erst nach einem Zeitraum kompletter Sturköpfigkeit. Ist es danach nicht mehr möglich, diesen Fanatismus aufrecht zu halten und Abstriche stehen bevor, so wird einem sehr sehr oft klar, dass die letztendlich 100%ige Genauigkeit mehr geschadet als geholfen hat. Da wir nur einmal leben, können wir nicht einfach in Askese gehen und jegliche soziale Kontakte für 1kg mehr im Jahr aufgeben. Das ist es einfach nicht wert. Spätestens in 15 Jahren werdet ihr zurückblicken und das dann auch erkennen, solltet ihr das jetzt noch nicht einsehen können.

Die Zielgruppe unter 4 Jahre Training ist dort immer am extremsten. Geburtstage werden abgesagt und Dates verschoben, weil Beintraining ansteht. Klar, Disziplin ist toll, aber irgendwann muss die 5 auch mal gerade sein. Natürlich rücken Fortschritte in weite Ferne wenn sowas Dauerzustand wird, aber wer wirklich diszipliniert ist, der kann auch noch nach einem Familientreffen trainieren gehen.

Abschluss

Somit endet ein Artikel, der etwas von meinem sonstigen Stil abweicht. Jedoch las ich die letzten Wochen so viel Zeug im Forum, was auf der sozialen Ebene nicht mehr feierlich war.

Keine Angst, nächstes Mal geht’s wieder im Blut, Schweiß und Kotze.