Gibt es einen Ausweg?

Ich gehöre nicht zur Gruppe derjenigen, die nur darüber meckern, wie schlecht die Welt doch ist. Wenn ich ein Problem sehe, so bemühe ich mich automatisch um die Lösung desselben. Und ich finde, es ist besser, im Lösungsweg irgendwo steckenzubleiben, als niemals das Problem anzugehen. Zur Problemlösung schaue ich mir meist erfahrene Leute an, die entweder vor dem gleichen Problem standen, oder es nie hatten und genau deshalb erfolgreich geworden sind.

Wie kann man also aus diesem Hamsterrad der Stagnation aus Überheblichkeit und Geistesverehrung herauskommen? Zugegeben: Es ist nicht einfach. Es ist vor allem nicht einfach, einzusehen, dass man selbst genau zu dieser Gruppe gehört. Denn man weiß es ja besser! Alle anderen betrifft es, nur mich nicht!

Alles beginnt damit, seine ungesunde Selbstüberzeugung abzustreifen. Mit Anfang Zwanzig, oder gar noch jüngerem Alter kann man noch kein allwissender Trainings-Guru sein, selbst wenn man noch so viel Herzblut und Zeit in sein eisernes Hobby steckt.

Erfahrung wächst aus Jahrzehnten regelmäßigen Trainings, aus Höhen und Tiefen bei Ernährung und Regeneration, aus Experimenten und dem Bewältigen des Trainingsplanes trotz Familie, Beruf, Scheidung, Tod eines Angehörigen oder Freundes, Reisen, Ortswechsel, Trauerfällen, Verletzungen, Demotivation und allen anderen persönlichen Schicksalsschlägen.
Ich weiß, es hat euch keiner beigebracht, aber hört den dringenden Ruf der Persönlichkeitsentwicklung: "Demut, Demut, Demut!"
Der Begriff der Demut ist schon ziemlich alt und klingt nach mittelalterlicher Ermahnung. Aber er spiegelt exakt das wider, was dem beschriebenen Typus am allermeisten fehlt!

Foto: Frank-Holger Acker

Es geht darum, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass man eben nicht der Größte und Allwissende ist, dass die eigene Meinung Veränderungen unterworfen ist und andere nicht auf Biegen und Brechen missioniert werden dürfen, weil sie das in ihrem eigenen Erfahrungsweg beschränkt.
Ratschläge sind in Ordnung, der Dschihad des BCAA-verschreibenden Halbgottes hingegen kontraproduktiv!
Im Folgenden möchte ich einige Anmerkungen zum Thema "demütiges Verhalten im Gym" loswerden:
  1. Bevor ich jemand anderen von der Seite anquatsche, weil seine Technik nicht passt oder er eine meiner Meinung nach unproduktive Übung ausführt, frage ich mich, ob meine Qualifikation ausreicht, andere zu korrigieren. Ein kürzlich gesehenes Youtube-Video eines amerikanischen Powerlifters von 18 Jahren reicht grundsätzlich nicht dazu aus. Danach frage ich den Betreffenden, ob ihm Ratschläge überhaupt erwünscht sind.

    Ergebnis: Ich bin davor geschützt, als Nervensäge wahrgenommen zu werden und ich spare Zeit. Zudem lerne ich, meinem Ego, das andere belehren will, um mich selbst zu erhöhen, Widerstand zu leisten.

  2. Ich akzeptiere, dass es mindestens einen, wahrscheinlich aber viel mehr Mittrainierende im Studio gibt, die wesentlich mehr als ich drauf haben. Das ist aber kein Anlass zu Neid, sondern eine große Chance, zu lernen und mich dadurch weiterzuentwickeln. Wenn ich Hilfe suche, wende ich mich an alte Hasen, versuche deren Informationen und Erfahrungen zu filtern und auf mich anzupassen.

    Ergebnis: Plateaus können auf anderen Wegen durchbrochen werden, meine Entwicklung schreitet voran und ich lerne echte Persönlichkeiten kennen. Der Erfahrungsschatz der älteren Gymbesucher hilft mir auch im privaten Leben.

  3. Ich akzeptiere, dass es keine Grenze nach oben gibt. Niemand, egal ob auf Stoff, Profi oder auf eine andere Art optimiert Trainierender hat seine genetische Grenze jemals erreicht. Auch Big Ramy oder Kai Greene nicht! Was früher als Grenze des Erreichbaren galt, ist heute keinen Pfifferling auf Natural-Wettkämpfen mehr wert.

    Ergebnis: Ich habe jeden einzelnen Tag meines Lebens das Potenzial, mich zu verbessern! Das heißt auch: Ich bin nie perfekt!

  4. Ich erkenne, dass andere Trainierende einen viel mühsameren Alltag als ich haben und sich deshalb nicht mit der zeitlichen Hingabe an das Training wenden können, wie ich. Mir ist bewusst, dass mit der fortschreitenden Lebenszeit andere Prioritäten gesetzt werden müssen, seien es berufliche, oder aber familiäre. Familienväter sehen im Bodybuilding eher einen Ausgleich, während sie sich z.B. mit Haut und Haaren für ihr Neugeborenes oder einen verantwortungsvollen Job (Feuerwehrmann, Filialleiter, Arzt, etc.) einsetzen wollen.

    Ergebnis: Nur weil Bodybuilding derzeit mein Leben ist, heißt das noch lange nicht, dass das so bleibt. Ich erkenne, wie arm das Leben ist, welches sich selbst mit 40 nur um Bankdrücken, Eiweiß und regenerativ wertvollen Schlaf dreht.

  5. Ich erkenne, dass ältere Eisengenossen in meinem Alter genauso waren, wie ich jetzt bin. Ich bin einfach kein besonderer Mensch, bloß weil sich mein Streben um Muskelmasseaufbau und Wettkampfform dreht. Wer es schafft, mit 50 oder 60 noch am Eisen zu sein, hat nach wie vor das Bestreben, nicht dem körperlichen Verfall in die Hände zu fallen. Diese Motivation resultiert meist aus jahrzehntelangem, engagiertem Pumpen und dem mitleidigen Blick auf Neulinge, die denselben Weg antreten. Dies ist nicht mit Arroganz zu verwechseln, sondern der eintretenden Erkenntnis über das eigene Leben.

    Ergebnis: Ich überhebe mich nicht mehr über die "alten Säcke", sondern profitiere von ihrem freiwillig preisgegebenen Wissen. Gleichzeitig profitieren Ältere davon, den Jüngeren ihre Erfahrungen weitergeben zu dürfen und damit Sinn und Bestätigung im Leben zu fühlen.

  6. Ich erkenne, dass meine Schmerzen bei aller Anstrengung nicht in ihrer Intensität auf das Empfinden der Anderen übertragbar sind. Was für mich Schmerz ist, kann für einen anderen Trainierenden lediglich ein leichtes Ziehen sein.

    Ergebnis: Ich erhöhe meine Schmerzschwelle sukzessive und betrachte Leute, die selbst bei höchsten Lasten keinen Mucks von sich geben, nicht als Weicheier. Zusätzlich lasse ich das eigene Stöhnen, Schreien, Poltern und Scheppern sein, damit ich mich besser konzentrieren kann.

Wie aus Moral Trainingserfolg wird

All diese Anmerkungen mögen sich stark moralisierend und altklug anhören, das gebe ich zu. Aber ich gebe gleichzeitig zu bedenken, dass sie sehr erfolgversprechend sind! Und ganz genau das liegt ja in unser aller Absicht: Alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die dazu führen, mehr Muskelfleisch auf unsere Knochen zu packen!

Ich habe in diesem Artikel einen Typus Trainierenden beschrieben, der immer häufiger in Gyms aufzutreten scheint. Ich sehe eine Gefahr in zu überheblichem, selbstüberzeugtem Auftreten ohne begründete Ursache. Und da sich die Welt des Trainings mit der realen Welt gegenseitig überträgt und verstärkt, verspüre ich den Drang, an dieser Stelle entgegenzuwirken.

Ich bin absoluter Befürworter des Bodybuilding-Lifestyles - aber nicht der gegenwärtigen Schauspieler-Variante, sondern desjenigen der goldenen Ära.

Pumpen bedeutet für mich in erster Linie Spaß, des Weiteren Gesundheit, Attraktivität, Selbstbewusstsein, Erweiterung der Grenzen, Persönlichkeitsbildung, Lebenserleichterung, Selbsterkenntnis, Puffer für Völlerei und ein gutes Sexleben.

In dem Sinne: Danke fürs Lesen und Verstehen!