Was fielen mir nicht alles für Anfänge ein: "Am Anfang war das Wort!" hätte etwas monumentales gehabt. "Vergessen sie alles, was sie bisher gelesen haben!" wäre auch imponierend gewesen oder irgendwas in der Art "Die folgenden 343.256 Wörter werden ihr Leben verändern!". – Aber wollte ich irgendwas davon sein? Nein, eigentlich nicht. Denn genau solche Art von Texten war es, die mich zusammen mit einer Cola Light und einem Eiweißriegel an einem Samstag Abend an die Tastatur brachten und die ersten Wörter auf den Bildschirm tippen ließen. Ich wollte kein weiterer Guru sein. Kein weiterer Selbstdarsteller, der seine Profilneurose im Internet ausleben muss. Davon gibt es bereits genug und ich wollte zumindest versuchen nicht schon bei meiner ersten Kolumne gleich ins selbe Schema zu verfallen. – Und ich hoffe auch in Zukunft nicht all zu sehr in dieses gefürchtete Profil zu geraten.. preview
Aber ich schweife ab. So wie diese erste Kolumne eigentlich auch abschweift, denn ursprünglich hatte ich schon lange eine andere Thematik geplant. Alles sollte so nett, so familiär weiter gehen, doch die tagesaktuellen Ereignisse lassen mir keine andere Wahl:
Es begann alles ganz langsam. Skandalös - wie einzelne Ereignisse eben immer beginnen. Der Tour de France Sieger wurde des Dopings überführt, wenn sich der ein oder andere daran überhaupt noch erinnern kann und ein wenig später wurden Jan Ulrichs Blutspenden in Spanien immer noch nicht an die Krankenhäuser weitergeleitet. Der Blutdopingverdacht kam auf. Am Anfang mag man gedacht haben, dass ganze wäre ein einzelnes Erlebnis gewesen. Etwas, was sich so schnell nicht wiederholt. Ein Skandal eben, der so schnell wieder vergessen werden würde, wie er in die Medien und Köpfe der Menschen gekommen war. – Doch weit gefehlt, denn die Ereignisse scheinen sich im Stundentakt die letzten Tage gegenseitig zu übertreffen. Es ist das Doping-Fieber ausgebrochen, oder besser: Das Geständnisfieber! Während vor einigen Jahren ein Jan Ulrich noch aus dem Team Telekom flog (und eine erfolgreiche Tour später wieder aufgenommen wurde) und vor wenigen Wochen in den Medien schier zerrissen wurde, so scheint es die letzten Tage fast schon zum guten Ton in der deutschen Radsportgemeinde zu gehören, schnell noch ein Dopinggeständnis abzulegen. Man möchte schließlich nicht der Letzte sein, denn den beißen bekanntlich die Hunde! Oder zumindest der Radsportverband - möchte man meinen..

Und so überschlagen sich die Meldungen. Freiburger Ärzte, die gestern noch jegliches Wissen bestritten, geben heute ihre Mittäterschaft zu. Sprint-Könige, die jahrelang Doping verleugneten, gestehen unter Tränen und über dem großen Teich sitzt wahrscheinlich ein gewisser Lance zu Hause im Sessel und lacht sich ins Fäustchen. Gedopt haben schließlich nur die Deutschen und ein, zwei andere Fahrer, könnte man meinen. – Und schaue ich mir die Medienberichte an, so frage ich mich, wann der erste Mensch mit Verstand sich endlich laut die Frage stellt: Wenn scheinbar das gesamte Team Telekom gedopt war, und es trotzdem all die Jahre keine Zweiklassen-Tour gab. Sind die Deutschen nur so schlechte Radfahrer oder liegt die offensichtliche Lösung ganz einfach darin, dass womöglich das gesamte Feld, das alljährlich Paris erreichte, so natürlich war wie Gen-Reis?
All die Strapazen der Tour de France. Die unglaublichen Strecken innerhalb so kurzer Zeit, von denen die meisten Leser vermutlich nicht eine Etappe durchhalten würden, werden alljährlich von einem Feld von jungen Männern gemeistert, die aussehen als würden sie mit Gandhi um die Wette hungern. Hätten die Jungs keinen Fahrradhelm auf dem Kopf, würde man sie alle vermutlich längst zwangsernähren. Aber nein, natürlich war Fahrradfahren Doping frei! Schließlich muss man unglaubliche Muskelberge haben, wenn man dopt. – So scheint zumindest die Vorstellung in den Köpfen der meisten Menschen immer noch zu sein.
Doch Doping ist längst kein Fahrrad-Thema und auch nicht erst seit ein paar Tagen in den Medien stark präsent. Hier gibt ein ehemaliger deutscher Bodybuilder im Kölner Express zu, früher etwas nachgeholfen zu haben. Da wurde ein gewisser Sly S. in Australien nicht nur mit Vitaminen am Flughafen erwischt. Fokus TV zeigt magersüchtige Emigrantenkinder, die zwar wissen, wie sie sich eine Spritze setzen müssen, aber vom Sport soviel Ahnung haben wie Kühe vom Stricken. Und in einem großen deutschen Powerlifting-Forum bekommen aktive KDKler Tränen in den Augen, weil ihr Verband "droht" sie auch als Gäste während Veranstaltungen auf Doping zu kontrollieren. – Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?
Wohl weniger. Viel mehr ist es wohl die harte Realität, die mehr oder weniger seriös von den Medien auf den Großteil der Bevölkerung losgelassen wird. Leistungssport bedeutet Leistungsdruck. Und um diesen gerecht zu werden, läuft nicht immer alles zu 100% so ab, wie es sich die Veranstalter offiziell wünschen würden. Aber ist das etwas neues? Nein. Ist es realistisch, dass Dutzende junger Männer, die aussehen als würden sie im Hungerstreik sein, am Tag auf dem Rad mehr Kilometer zurück legen, als mancher im Auto? Nein. Ist es verwunderlich, dass jemand, der unser Großvater sein könnte, in seinem letzten Film körperlich aussah wie ein 20jähriger? Ein wenig.
Und so erleben wir eine Flut an Informationen, Medien die sich gegenseitig mit neusten Meldungen übertreffen zu einem Thema, das vermutlich in ein paar Wochen genauso vergessen sein wird, wie das einst entführte Mädchen aus Österreich, die Flut am Ende der Welt und der Typ, dem sie vor Jahren was in die Zahnpasta gemacht haben. Ein Trockenlegen des Dopingsumpfs, wie viele Politiker es medienwirksam fordern, bedeutet nun mal ein beenden des Leistungssports und wird es deshalb auch diesmal nicht geben. Egal um welchen Sport es sich handelt.