Im Vergleich zu Matt Kroczaleski ist Liddy jedoch nur ein Angeber und Rabauke. Krocs Kunststücke der mentalen Härte – seine "Tricks", wenn man es so nennen möchte – werden einen entweder inspirieren oder abstoßen.
Er ist ein Typ, der sich Nägel in den Arm steckt, Kniebeugen mit über 450 Kilo ausführt und der darüber lacht, wenn seine Nase nach schwerem Bankdrücken zu bluten beginnt. Seine Intensität ist legendär.
Doch er ist nicht nur ein Powerlifter. Und obwohl er vor kurzem an einem Bodybuilding Wettkampf teilgenommen hat – "Nur eine weitere Herausforderung", wie er es nennt – ist er auch kein Bodybuilder. Er ist nicht verrückt. Er ist kein Freak. Und er ist mit Sicherheit nicht hardcore. In der Tat hasst er solche Etikettierungen.
Er ist ein Mann, der nach einem Code lebt – einem Code, der ihn dazu antreibt außergewöhnliche Dinge zu tun.
Und es ist meine Aufgabe diesen Code zu knacken, herauszufinden, wo er herkommt und zu lernen, wie er funktioniert.
Ein Stock und Zement Start
Matt ist sechs Jahre alt und trainiert mit den mit Zement gefüllten Sears Gewichten seines Vaters auf der "hinteren Veranda", einem heruntergekommenen Anbau am Wohnwagen seiner Familie, der sich am Rand der Wälder in Michigan befand. Er darf eigentlich gar nicht da hinten sein. Er nimmt eine 4,5 Kilo schwere Kurzhantel und führt mit jedem Arm so schnell wie er kann 100 Wiederholungen aus. Dann schleicht er sich mit aufgepumpten Armen wieder hinein, wobei er sichergeht nahe an der Wand zu bleiben. Ein falscher Schritt und er würde durch den Boden fallen.Ein paar Jahre später baute er sich seinen ersten Satz Gewichte aus mit Sand gefüllten Milchkannen, verwendet einen Stock als Langhantel und trainiert auf einem über zwei Zementblöcke gelegten Brett als Bank.
"Ich habe seit damals nicht länger als eine Woche Auszeit vom Training genommen", sagt er. "Ich weiß nicht wie es ist nicht zu trainieren."
Was die Dunkelheit lehrt
Für ein Kind ist der Wald in der Nacht ein furchteinflößender Ort. Kojoten, raschelnde Blätter und trippelnde Tiere können dem Geist Streiche spielen. Man denkt, dass man gefressen wird. Kidnapper. Was auch immer.Matt griff sich einen Gartenstuhl und zwang sich dazu, nachts draußen zu sitzen – jeden Tag für Wochen. Er lernte die Geräusche kennen, gewöhnte sich an die Dunkelheit, in der er die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und er blieb für Stunden draußen.
"Ängste können einen blockieren", sagt er. "Man muss sich dem aussetzen, was einem Angst macht, bis es zu etwas Normalem wird." preview
Wahre Kontrolle des Geistes
Als Neuling in der High School wog Matt nur 54 Kilo. Jeder in seiner Klasse erlebte einen massiven Wachstumsschub, doch er war immer noch klein. Das Selbstvertrauen, das er in der Mittelschule als Top Sportler aufgebaut hatte, erlebte einen Absturz. Sportlichkeit ist völlig unbedeutend, wenn es um die Beliebtheit in der High School geht."In der Grundschule und der Mittelschule wollte ich immer der Beste bei etwas sein. Dann kam die High Scholl und ich verlor meinen Antrieb. Man machte sich über mich lustig, da ich nur ein Paar Jeans besaß. Alle meine Freunde machten einen Bogen um mich. Ich schritt mit der Hoffnung mich nicht zu blamieren auf die Ringermatte. Ich hatte nicht die Mentalität den Typen zu schlagen. Ich tat einfach nur genug, um durchzukommen."
Dann beobachtete Matt im Werkunterricht, wie sich ein Star Footballspieler, ein Junge, der zwei Jahre älter als er war, eine große Sicherheitsnadel in den Arm stach. Der Typ zuckte nicht einmal dabei.
Matt ging nach der Schule nach Hause, fand eine Sicherheitsnadel und ging ins Badezimmer. Er zögerte zunächst und stach sich die Nadel dann tief ins Fleisch seines Bizeps. Als er sie wieder herauszog lief Blut seinen Arm hinunter.
"Mentale Härte bedeutet den Körper etwas tun zu lasse, dass dein Geist nicht tun möchte", sagt er.
An diesem Tag lernte er eine wichtige Lektion, die er nie wieder vergessen sollte: wenn man seinen Geist überwinden kann, dann kann man alles tun.
20 Heftklammern zum Respekt
Frisch aus der High School und bei der Marine nahm Matt an einem Powerlifting Wettkampf teil."Ich kannte die Jungs, gegen die ich antreten würde und erinnere mich noch daran, wie ich alles durchrechnete. Ich ging die Zahlen mindestens fünfzigmal durch und glaubte nicht daran, dass ich gewinnen konnte."
Natürlich gewann er diesen Wettkampf.
"Das war der Zeitpunkt, an dem ich realisierte, was ich tat. Warum hatte ich danach gestrebt, nur gut zu sein? Ich sollte an die Spitze kommen."
Sein Selbstvertrauen war wieder da. Selbiges galt für seine wetteifernde Einstellung.
An einem Tag saß Matt mit einer Gruppe anderer Marines im Büro, als er bemerkte, dass einer von ihnen Brandmahle auf dem Arm hatte. "Ganz offensichtlich mochten es diese Jungs sich zu betrinken und sich dann Zigaretten an die Arme zu halten, um zu sehen, wer härter ist."
Matt ist nicht beeindruckt.
"Was, denkst Du, dass du härter bist oder so was?" sagte der Typ.
Matt schnappte sich einen Hefter vom Schreibtisch des Typen und tackerte sich ohne ein Wort zu sagen 20 Heftklammern in den Arm. Der Rest der Jungs konnte es nicht glauben. Danach begann er damit, die Heftklammern eine nach der anderen wieder herauszuziehen.
"Ein paar der Heftklammern hatten Venen getroffen, weshalb das Blut nur so an meinem Arm herunter lief, als ich sie herauszog."
Er tut diese Dinge nicht weil er verrückt ist, sondern, wie er sagt, aufgrund der mentalen Härte.
"Wenn man etwas tun kann, das so schmerzhaft und unangenehm ist, dann kann man alles überstehen."
Das Kroc Rudern
Die Kamera steht still und ist auf die rote EliteFTS Bank und eine enorme Kurzhantel, die auf dem Boden liegt, gerichtet. Es ist ein Garagenstudio – und ein recht gut ausgestattetes. Ketten hängen im Hintergrund von einer Wand. Eine Schaufel steht in der Ecke. Musik tönt aus einer nicht sichtbaren Stereoanlage.Matt kommt ins Bild, positioniert sich auf der Bank, schüttelt seinen Kopf und gibt ein böses Brummen von sich. Er greift die Kurzhantel – 80 Kilo – und beginnt einarmiges Rudern ohne Handgelenksbandage auszuführen. Er führt zehn leichte Wiederholungen aus und macht weiter. 10 Wiederholungen werden schnell zu 20. Bei Wiederholung 25 beginnt e zu knurren. 29, 30, 31, 32...33. Er lässt die Kurzhantel während der letzen Wiederholung fallen und geht aus dem Bild.
Das "Kroc Rudern", wie es Jim Wendler getauft hat, hat Schule gemacht. Der Zweck dieser Übung besteht darin, die Griffkraft für Kreuzheben zu verbessern und Masse im Bereich des oberen Rückens aufzubauen, wie mir Matt sagte.
Doch jeder möchte folgendes wissen: Warum so viele Wiederholungen.
"Weil mir die Gewichte ausgegangen sind. Und weil es kein anderer tun wird."
Der Wolverine im Raum
Matt ist Backstage bei einem Powerlifting Wettkampf – irgendeinem Wettkampf – und er sieht entspannt aus.Dies ist nicht derselbe Matt Kroc, den man in Videos sieht.
Er lacht, macht Witze, lächelt.
Doch als seine Gewichtsklasse aufgerufen wird, wird ein Schalter umgelegt.
Er hört auf zu reden. Seine Augen werden schmäler. Er versinkt in sich.
"Ich beginne über all die Gründe nachzudenken, aus denen ich dies erreichen möchte und muss. Ich denke über all das Training nach, das ich ausgeführt habe. Ich denke an all die Zweifler, die Hasse, die Leute, die mir gesagt haben, dass ich für so etwas nicht geboren wurde. Das Adrenalin fließt und ich bin bereit diese Leute eines Besseren zu belehren."
Er weiß auch, dass er das Gewicht zweimal bewegen muss.
Er fühlt die Rändelung der Stange in seinen Händen. Er riecht die Kreide. Seine Herzfrequenz steigt. Und er führt die Bewegung durch, ohne überhaupt auf die Plattform gestiegen zu sein.
Sein Geist hat die Kontrolle und Matt Kroc ist ein Meister.
"Ich führe die Bewegung immer zuerst im Geist aus. Dies ist nichts, was ich einfach nur zum Spaß mache. Ich habe dies analysiert. Ich habe eine Menge Arbeit in die Psychologie gesteckt."
Wenn sein Name aufgerufen wird, geht er zur Plattform. Das Adrenalin kocht, doch er muss es zurückhalten. Er kann es nicht herauslassen. Jetzt noch nicht.
Er greift die Stange, atmet ein und wird zu dem Matt Kroc, den wir kennen: Unaufhaltsam.
60 Sekunden nachdem er die Stange abgelegt hat, wird der Schalter wieder umgelegt. Er lacht wieder. Lächelt. Eine völlig andere Person.
Mit harten Bandagen kämpfen
Es ist das Jahr 2004. Matts Arzt ging aus dem Raum und fragt im hinausgehen über die Schulter "Gibt es noch irgend etwas anderes?"Ein verhärteter Hoden, antwortete Matt. Er hätte es fast vergessen, Vielleicht hatte sein Arzt ja eine Minute, um sich das anzusehen.
Der Arzt verordnet eine Ultraschall Untersuchung. Matt schaute in das Gesicht der Frau, die das Gerät bediente. Sie sah sehr ernst aus.
Er wusste, dass es Krebs war.
Matt ging nach Hause und mailte seinen Freunden "Der Krebs hat vielleicht einen Ort zum Bleiben gefunden, doch ich werde die Räumungsklage unterschreiben und wieder zum normalen Leben übergehen."
Als er in die Onkologie Abteilung kam, konnte Matt es nicht glauben, dass er ein Patient war. Er gehörte nicht hier her. Er fühlte sich gut. Ihm wurde der Hoden entfernt und er musste sich 20 Bestrahlungen unterziehen.
Bestrahlungen verursachen Übelkeit. Die meisten Menschen halten auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause an, um sich zu übergeben. Sie schlafen den Rest des Tages bis in den nächsten Tag hinein.
Matt bekam einen seltsamen Geschmack im Mund, doch das war auch schon alles.
Glücklicherweise hatte der Krebs nicht gestreut. Doch selbst wenn es so gewesen wäre, hätte dies Matt nicht zu sehr beunruhigt. "Ich würde nicht sagen, dass ich mich darauf gefreut hätte, doch ich war auf die Herausforderung vorbereitet. Ich ging hinein und sagte ‚Gib mir das Schlimmste und ich werde es schlagen.’"
Matt ist immer noch nicht der Ansicht, dass er Respekt dafür verdient, dass er über den Krebs reden kann.
Er musste nicht mehrfache Chemotherapien durchstehen. Er hatte weder seine Haare noch Körpergewicht verloren.
Er hatte es leicht überstanden.
Der versteckte Bodybuilder
Er war zurück vom Fitnessstudio, stand in der Küche, während er Tilapia briet und sprach mit mir am Telefon. Er war seit 15 Wochen auf Diät und nur noch zwei Wochen von einem Bodybuilding Wettkampf entfernt – dem ersten Wettkampf, an dem er seit über 14 Jahren teilnehmen wird.Ich frage ihn über seine Diät.
"Es macht nicht wirklich Spaß, doch die Diät tut, was sie bewirken soll. Das ist alles, was zählt."
Matt ist verdammt intelligent. Er ist wirklich mehr ein Philosoph als ein Powerlifter. Jeder Satz kommt direkt auf den Punkt und ist ehrlich. Er ist ein offenes Buch, wie er mir sagte. Ich frage ihn alles Mögliche.
"Bist Du schon aufgeregt, wenn Du daran denkst, wie Du Dich einölst, Deinen Posingslip anziehst und Deine Muskeln anspannst?"
"Nein, doch es ist alles Teil der Herausforderung."
Bodybuilder und Powerlifters kommen meist gut miteinander zurecht, doch man hört es nicht oft, dass ein top Athlet die Sportart nur aus dem Grund wechselt, weil er sehen möchte, ob er es tun kann. Doch von einem Kraftsportler zu einem Sportler zu werden, dessen Hauptziel in der Entwicklung seines Körpers besteht – vom Bewegen unheimlich schwerer Gewichte dazu über zu gehen, sich auf die Ästhetik und die Bauchmuskeln zu konzentrieren – war nur ein weiterer Weg für ihn, sich selbst anzutreiben. Ein Schritt aus der Komfortzone heraus und natürlich ein Weg anderen zu zeigen, dass sie falsch liegen.
Sie sagten, dass seine Taille zu breit sein würde oder dass er nicht den richtigen Körper für das Bodybuilding hätte. Sie zweifelten an seiner Disziplin, was die Einhaltung seiner Diät angeht.
Matt verstand das Letzte hiervon überhaupt nicht.
"Wenn ich mich für etwas entschieden habe, dann gibt es keine andere Option. Es ist keine Frage, ob ich es tun werde, sondern nur wie lange ich dafür brauchen werde."
Doch wie kam er mit dem Training zurecht?
"Ich führe immer noch Bankdrücken und Kniebeugen aus, doch ich fange erst jetzt mit direktem Armtraining an. Sie haben eine Menge aufzuholen."
Er trainierte an sechs Tagen pro Woche und trainierte jede Muskelgruppe zweimal wöchentlich. Die Frequenz war nichts Neues. Was sich als wahrer Test für ihn herausstellte, waren die Sätze mit 10 und 20 Wiederholungen. Hier war einfach nicht dieselbe Intensität möglich.
"Wenn man versucht 350 Kilo für einen persönlichen Rekord zu ziehen, dann befindet man sich mental an einem anderen Ort, als wenn man einen Satz mit 20 Wiederholungen und der Hälfte des Gewichts ausführt. Ich trainiere immer noch hart und reiße mir bei jedem Satz den Arsch auf."
Und auch wenn dies eine gute Veränderung der Gangart war – unter anderem fühlten sich seine Gelenke besser – konnte er es nicht erwarten wieder zum Powerlifting überzugehen.
"Ich erwarte, dass ich stärker sein werde als je zuvor, wenn ich mein Gewicht wieder erhöhe."
Und wenn er wieder mit dem Powerlifting anfangen würde, dann wollte er sich am Powerlifting Rekord in der 110 Kilo Gewichtsklasse versuchen. Der Gesamtrekord lag damals bei 2630 Pfund (1195 Kilo) und er lag mit 2551 Pfund (1159) Kilo nicht weit dahinter zurück.
Ein paar Wochen nach unserem Gespräch belegte Matt den ersten Platz in der Schwergewichtsklasse bei den NPC Michigan State Bodybuilding Championships. Er belegte den zweiten Platz im Gesamtklassement.
"Ich habe den gesamten Prozess und den eigentliche Wettkampf wirklich genossen und ich freue mich schon auf die Junior Nationals im nächsten Jahr", sagt er. "Was das Ergebnis angeht, war ich extrem enttäuscht, dass ich nicht den Gesamtsieg mit nach Hause nehmen konnte. Doch Bodybuilding ist ein subjektiver Sport und das muss man ganz einfach akzeptieren, wenn man daran teilnimmt."
Nette Worte, doch irgendetwas sagt mir, dass Matt das nicht akzeptieren wird.
Was ist falsch an ein bisschen Blut?
Damals, als es noch ein paar Wochen bis zum Bodybuilding Wettkampf waren, ging Matt ein paar mal pro Woche in dieses kommerzielle Fitnessstudio – ein "Fitnessstudio für normale Leute", wie er es nannte.Er lud im Power Cage 185 Kilo auf die Stange und führte Kniebeugen aus. Nach der Hälfte seiner 20 Wiederholungen begann seine Nase zu bluten.
Das störte ihn nicht – verdammt, das war auch schon früher geschehen – und so beendete Matt seinen Satz mit am Gesicht hinunterlaufendem Blut.
Als er das Gewicht wieder auf der Ablage ablegte stand ein Typ mit einem Handtuch in der Hand und einem entsetzten Gesichtsausdruck hinter ihm.
"Er fragte mich, ob ich ins Krankenhaus müsste."
Normale Leute scheinen so etwas einfach nicht zu verstehen.
Habe keine Angst
Er sitzt am Computer und kontrolliert seine Emails. Oder er ist im Fitnessstudio und redet mit einer Gruppe junger Männer. Oder er ist bei einer Fitnesskonferenz und schüttelt jedem die Hand, der dies möchte.Er weiß wie es ist zu anderen hinauf zu schauen und er nimmt die Bewunderung seiner Fans sehr ernst.
"Ich denke daran, wenn ich trainiere", sagt er. "Ich möchte sie nicht im Stich lassen. Ich möchte weiterhin Menschen inspirieren."
Matt Kroczaleski — Kroc, wie ihn seine Freunde nennen – ist 37 Jahre alt und ein Elite Powerlifter. Er hat Kniebeugen mit 460 Kilo, Bankdrücken mit 335 Kilo und Kreuzheben mit 368 Kilo ausgeführt. Doch am wichtigsten ist, dass er ein guter Mensch ist, der nach einem Codex lebt: um zu bekommen, was man möchte, muss man seinen Geist überwinden und gewillt sein Dinge weiter zu treiben als jeder andere.
"Ich habe vor nichts Angst", sagte er mir. "Und wenn ich vor etwas Angst hätte, dann würde ich das ändern."
Wie Matt mir schon früher gesagt hat, können Ängste einen hemmen. Sie können einen schwach machen. "Man muss sich allem, was einem Angst einjagt, so lange aussetzen, bis es normal wird."
Im Grunde genommen muss man es – was immer "es" auch ist - beherrschen und nicht anders herum.
Und niemand praktiziert das, was er predigt, mehr als Kroc.