Hier sehe ich ( lauter schöne Menschen!) … und kann nicht anders!
Welchem Posten auf der langen Liste zu organisierender Dinge gesteht man die höchste Priorität zu, wenn man im Ausland angekommen ist? Kontoeröffnung, Wahl des Handyanbieters, Erkundung des Arbeitsweges, Einkauf von Basis-Lebensmitteln? Seien wir ehrlich: Die Suche nach einem Fitnessstudio drückt doch spätestens nach dem Ausschlafen des Jetlags ziemlich arg auf die Seele. Gyms sind hier in der Stadt ja ungefähr so schwer zu finden wie "I love New York"-Tshirts. Es achtet seinen Körper, wer sich in einer In-Sadt behaupten will!An einem ungemütlichen Novemberwochenende, mitten im Zeitraum meines Suchprozesses, hatte mich ein Kollege mitgenommen zum Finale der "New York Fittest", eine Art Stadtliga aller New Yorker Crossfit-Boxen. Wer hier in die Runde der besten 30 einzieht, ist in meinen Augen so gottgleich, dass ich ihn mir nur schwerlich beim Stuhlgang vorstellen kann.
Klar, ich hatte von Crossfit gehört, gelesen, sogar selber einmal einen Abstecher in die Hamburger Box unternommen, zu Weihnachten hat man mir eine Kettlebell geschenkt, manchmal hat meine Mutter mich heimlich in die Sporthalle der Schule, an der sie unterrichtet, gelassen, da habe ich dann meine Swings gemacht und solche Sachen. Dann ging es wieder zurück in mein Wellness-Studio mit den netten Rentnern und der Sauna hinterher. Zurück in die Komfortzone.
Bei diesem Wettkampf in Crossfit Dumbo, da fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Ja klar, ein Youtube-Video ist das eine, aber in Live zu sehen, dass es diese unwirklich leistungsfähigen und attraktiven Männer und Frauen tatsächlich gibt, das andere. Ich bin mir ohnehin noch nie im Leben kleiner und unbedeutender vorgekommen als unter den 8,5 Millionen hier. Jetzt gesellte sich zu hierzu auch noch das Bewusstsein um meine totale Unsportlichkeit.
Es geht mir nicht so sehr um ihre Schönheit:

sondern viel mehr um das, was sie können. Hier einmal eine Impression des auf dem Wettkampf geltenden Anspruchsniveaus:

(was zur Hölle, 40 Toes to Bar??!) Es war also einer dieser augenöffnenden Erlebnisse. Ein Gefühl von Wann-wenn-nicht-jetzt, das mich plötzlich überkam.
Somit endete meine Fahndung nach dem geeigneten Studio. Ich befreite endlich meine Nike Free aus dem Koffer, und anstatt auf dem Stepper eines Rooftop-Gyms den Ausblick über die Downtown zu genießen und hinterher mein New York Vitamine Water (übrigens neuerdings auch in Deutschland erhältlich und unbedingt empfehlenswert!) am Marmorthresen zu schlürfen, fand ich mich in einer unbeheizten Garage ohne Duschen und Umkleidekabinen wieder.
Mögen die Spiele beginnen!
Vom Would-be zum WOD-be?
Jetzt bin ich hier also im Herzen von Brooklyn gelandet. Dies ist mein neues Wohnzimmer:
Ich kann nicht überschauen, wie viele wir sind, 40, 50, 60, vielleicht, es sind niemals mehr als 10, die zu den einstündigen Classes zugelassen werden. Individualisierte Betreuung ist ein Kernelement des Konzeptes. Das hat natürlich seinen Preis. Der ist dreistellig. Das liegt nicht (nur) an New York. Wer sich in Deutschland schon mal umgeschaut hat, wird selbiges feststellen. Franchise-Gebühren, Trainerausbildung, geringe Größe des Kundenstamms, oder einfach, weil sie es können – lasst uns nicht darüber streiten! Es ist wie es ist.
Sie sind alle herzlich und lieb bei Columbiastreet Crossfit. Die berühmte amerikanische Freundlichkeit eben. Mein Coach ist unter die Top Ten gekommen bei besagter Competition. Hier fühle ich mich also bestens aufgehoben. Ein Körper wie gemalt. Gut, die habe ich zugegeben in meinem deutschen Studio auch hin und wieder zu sehen bekommen. Nur kaum einen Körper, der so viel kann.
Ein ständig frierender Junge, der noch vor kurzem aus Miami kam, ehemals Highschool-Sportler, Baseball, Football, und später Wettkampf-Motorcrosser, der irgendwann im Zuge einer Fitness-Challenge mit einem Freund feststellte, dass da doch noch, gelinde gesprochen, Luft nach oben ist.
Genau wie ich!
Es ist ja nicht so, dass man es nicht irgendwo tief im Innersten weiß. Dass man langsam, unbeweglich und steif geworden ist mit der Zeit. Ich habe versucht, Maschinentraining so weit es geht zu meiden, auch mal nur mit dem eigenen Körper gearbeitet, auch mal zu laufen und zu springen, gern auch draußen. Sogar zum Dehnen konnte ich mich das ein oder andere Mal aufraffen. Aber seien wir ehrlich: Die Diskrepanz zwischen unserer Optik und unserem Leistungsvermögen hat schon etwas beinah Karikatives.- ____________________________________________________________________
Der Einstieg in das funktionale Training fordert vor allem eins: Demuth..
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Ich schaute mich täglich im Spiegel an (warum sollte ich lügen?) und glaubte, gute Bauchmuskeln zu haben – bis man mir auftrug, den L-Sit zu versuchen. Ich bin Halbmarathons gelaufen und dachte, ich wäre gut konditioniert – bis ich Box Jumps und Sprints im Wechsel absolvieren musste. Und so ließe sich die Liste beliebig fortsetzen.
Also sage ich jetzt mir selber den Kampf an! Oder besser gesagt: Meinem Unvermögen. Ich weiß, 5 Monate sind in einer Sportart, in der man eher in Jahren und Dekaden denkt, nicht viel Zeit. Aber was ich mitnehmen kann, nehme ich mit. Das Gefühl ist erhebend, wenn ich spät abends in dieser echt nervenaufreibenden Subway auf dem Weg nach Hause sitze (oder auch stehe wegen Überfüllung oder allzu mangelhafter Siztplatzhygiene). Ich glaube seit langem mal wieder, das es vorwärts geht. Man lernt schnell hier. Es ist wie in den Anfangszeiten im Bodybuilding, als man noch mit 7er-Split und 1000 Kalorien am Tag Erfolge feierte.
So viel zum allgemeinen Wohlbefinden. In späteren Artikeln werde ich voraussichtlich die sich unendlich im Kreis drehende Diskussion um die Vor- und Nachteile des Crossfit gegenüber dem konventionellen Krafttraining aufgreifen. Ich muss ja, bei aller Begeisterung, weiterhin reflektieren, was ich tue. Bevor ich noch in die Fänge dieser Zeugen Jehovas-artigen Spiritualität hier gerate. Fühlt euch frei, eigene Meinungen kundzutun!
Bis hierhin: ein großes Dankeschön für euer Interesse, viele Grüße über den großen Teich und bis zum nächsten Mal!