Ziemlich genau ein Jahr später, also im Mai 2009, entschied ich mich dazu, es nochmals zu versuchen. Ganz nach dem Motto Neues Jahr, neues Glück startete ich dann überpünktlich zum 01. Juni 2009 meine Wettkampfdiät für die anstehende Herbstsaison. Die Teilnahme an einer IFBB/DBFV-Veranstaltung kam für mich aus verschiedenen Gründen jedoch nicht mehr in Frage. Als Natural-Bodybuilder erschien mir die GNBF als bessere Anlaufstation. Vom 01. Juni bis zum 31. Oktober, an dem die Deutsche Meisterschaft dieses Natural-Verbandes stattfand, waren es nun noch 24 Wochen.

Im Gegensatz zum Vorjahr veränderte ich auch meine Wettkampf-Strategie: Ich nahm mir vor, dass zu tun, von dem ich eigentlich immer abrate: eine Vorbereitung OHNE Betreuer anzugehen. Da die Ernährungsberatung jedoch mein Beruf ist und ich mittlerweile selbst schon erfolgreich Athleten auf Wettkämpfe vorbereitet hatte, sollte das kein Problem darstellen. Lediglich innerhalb der letzten entscheidenden Woche nahm ich die Dienste eines Athletenbetreuers in Anspruch, der mich noch mal fit machen sollte, was das Posing angeht.
Soweit lief dann eigentlich auch alles sehr gut! So gut, dass ich 11 Wochen vor Tag X einen einwöchigen All-Inclusive Urlaub an der türkischen Riviera antrat und selbst dort diszipliniert meine Diät verfolgte. Lediglich das Training wurde in dieser Woche gestrichen, was mir mehr als gut bekam, im Nachhinein betrachtet. Die letzten 10 Wochen liefen dann anfänglich wie am Schnürrchen! Die Form verbesserte sich stetig und ich stand bereits 6 Wochen vor dem eigentlichen Termin in ähnlicher Verfassung da, als das Jahr zuvor kurz vor meinem Debüt! Ich war zufrieden. Ich muss jedoch dazu sagen, dass ich auch einiges dafür tun musste. 4-6 Trainingstage pro Woche mit meist 2 Trainingseinheiten pro Tag waren eher die Regel als die Ausnahme. Aber es hat sich im Endeffekt gelohnt! Erstaunlicherweise war sogar meine Stimmung, abgesehen von den beiden finalen Wochen, recht gut in diesem Jahr. Das kann ich von 2008 nicht behaupten, was mein Umfeld mir auch immer wieder gerne bestätigte.
Und so ging die Zeit ins Land. Plötzlich war es Ende September. Am letzten Wochenende dieses Monats fand dann ganz ums Eck bei mir, in Ludwigsburg, der alljährliche Studio-Wettkampf von SRS-muscle, die SRS-Body-Challenge, statt, die ich zusammen mit meinem damaligen Schützling Domenico, der sich mittlerweile den Klassensieg der Süddeutschen Meisterschaft des DBFV in der Männerklasse 3 sichern konnte – Glückwunsch an dieser Stelle! – besuchte und wir dort dann direkt auch teilnahmen. Und so konnte ich das erste Mal nach über einem Jahr wieder das Bühnen-Adrenalin fühlen! Und wer dieses Gefühl kennt, der weiß, es ist schwer die Finger davon zu lassen. Nun waren es aber noch fünf lange Wochen bis zur endgültigen Meisterschaft. Ich wollte aber nicht mehr so lange warten und sah es irgendwie auch nicht ein, mich wochen- und monatelang zu quälen für gerade mal einen einzigen Event!

Eine Alternativlösung musste her. Übers Forum schrieb mich dann plötzlich ein Athlet per PN an, der mir erzählte, er würde am 17. Oktober in Lebach bei der Deutschen Meisterschaft der NABBA teilnehmen. Zunächst dachte ich mir nichts bei. Doch dann wuchs die Idee in mir, einfach auch dort mitzumachen. Anfänglich sah ich es noch als Spaßveranstaltung. Einfach hin, mitmachen und ohne Ziele und Erwartungshaltung ein bisschen Spaß und gute Laune haben. Doch dann kam die letzte Woche vor dem besagten Wettkampf. Plötzlich merkte ich in mir, dass die SRS-Body-Challenge Spaß genug war. Die NABBA-Veranstaltung hingegen ist eine RICHTIGE Meisterschaft. Und Spaß hin oder her – lächerlich machen wollte ich mich natürlich auch nicht. Und so ging ich zum Telefon und rief den mehrfachen Deutschen Meister, Weltmeister und Mr. Universe im Figur-Bodybuilding, Thilo Pasch an, den ich ohne Zweifel als eines meiner Vorbilder nennen kann an dieser Stelle und den ich im Sommer persönlich in seinem Studio in Gelsenkirchen kennen lernen durfte, um ihm von meinem Vorhaben zu berichten. Er war sofort begeistert und erklärte mir den Ablauf und was ich noch organisatorisch zu beachten hatte. Schließlich war ich zwecks Starterlizenz usw. eine Woche vor der Deutschen recht spät dran! Und auch hier möchte ich mich an dieser Stelle bedanken: Danke Thilo, dass du das alles noch so optimal in die Wege geleitet hast und ich am Wettkampftag dadurch keinen Stress hatte! Und auch Danke für das kurzfristige Besorgen eines Farbmannes. Denn darin bestand schon das nächste Problem. Ich musste an diesem Tag leider vollkommen alleine und ohne Betreuung anreisen! Somit hatte ich auch niemand, der mich einklatschen konnte. Aber wie bereits erwähnt, Thilo sei Dank und vor allem auch vielen Dank an die beiden Herrschaften, die mir dann letztlich die Bräune verabreicht haben!
Der Tag selber war dann für mich eher ungewohnt. Das Prozedere mit Sichtung usw. kannte ich bis dato nicht. Jedenfalls wurde ich in die Figur-Leistungsklasse gesteckt. Das hat auch ganz gut gepasst, würde ich sagen.
Dann ging es los! Nach dem Line-Up, der Kür und den sieben Pflichtposen ging ich mit einem recht guten Gefühl von der Bühne. Platz 3 sollte drin sein, dachte ich. Als dann jedoch im Backstage-Bereich schon die ersten Athleten auf mich zu kamen und meinten, ich müsste das Ding eigentlich in der Tasche haben, dachte ich zunächst daran, dass diese Personen Spaß daran haben müssen, einen Verbandsneuling zu veräppeln. Als ich dann bei der Siegerehrung jedoch nur noch mit einem einzigen weiteren Teilnehmer meiner Klasse hinter der Bühne stand und bei der Verkündung von Platz 2, nicht meine Startnummer, nicht mein Bundesland und auch nicht mein Name aus den Lautsprechern zu hören war, realisierte ich, dass die Aussagen wohl doch ernst gemeint waren. Und so kam es wie es kommen musste:
Als ich als Deutscher Meister der Figur-Leistungsklasse ausgerufen wurde und zu allem Überfluss auch noch den Siegerpokal von Thilo Pasch überreicht bekam, war ich erstmal völlig perplex. Die Worte von Thilo, er wolle mich in zwei Wochen wieder auf dieser Bühne bei den Weltmeisterschaften der WFF sehen, machten diesem Umstand nicht besser. In zwei Wochen? War da nicht was? Ja, da war was: Und zwar die ursprünglich angepeilte Deutsche Meisterschaft der GNBF in Lübbenau! Somit fällt die WM-Teilnahme wohl flach. Egal. Ich fuhr jedenfalls überglücklich nach Hause! Naja…fast überglücklich: Das Wort Weltmeisterschaft brannte sich immer mehr und mehr in meinem Kopf ein! Ich versuchte es mit 2 Proteinriegeln, einem belegten Brötchen, einem Wrap, 2 Sandwiches, einem kleinen Milchshake und einem Cappuccino auf der Fahrt zu verdrängen. Half alles nichts!
Am nächsten Tag war dann nach dieser kleinen Fressattacke erstmal wieder Training angesagt. Denn ob nun WM oder nicht, auf die Bühne ging es auf jeden Fall noch mal! Aber immer wieder dasselbe Wort in meinem Kopf: WELTMEISTERSCHAFT! Ich begann sogar schon damit, die User im Forum und die restlichen Mods hier zu penetrieren. Und von allen Seiten die gleiche Aussage: WELTMEISTERSCHAFT! Danke dafür auch an Euch! Denn letztlich hab ich mich genau dafür entschieden. Und es war genau die richtige Entscheidung!
Was nun jedoch folgten, waren die beiden härtesten und schrecklichsten Wochen meines Lebens! Mehr Training und weniger Kalorien als je zuvor, inklusive einem kleinen Kreislaufzusammenbruch. Alles war dabei. Aber die Form wurde immer besser und besser. Bis zum Tag vor meinem Saisonhöhepunkt. Plötzlich ging es rückwärts! Ich hatte wohl irgendeinen Fehler beim Entwässern bzw. Laden gemacht. Das führte letztlich dazu, dass ich extrem nervös wurde. So kenne ich mich eigentlich gar nicht. Normalerweise bin ich selbst oder gerade am WK-Tag die Ruhe selbst. Diesmal war ich schon am Tag zuvor wie Espenlaub! Aber nun gut. Ändern konnte ich jetzt sowieso nicht mehr viel bzw. gar nichts mehr. Und so ging es am nächsten Tag wieder los nach Lebach. Diesmal jedoch mit Begleitung und Betreuung.
Der Tag an sich war mörderisch lang, die Nervosität am WK-Ort selber dann aber wie verflogen – Gott sei Dank! Diesmal wurde ich aufgrund des noch mal gefallenen Gewichtes in die Figur-Fitness-Klasse gesichtet. Perfekt! preview
Nach langen und noch längeren Wartezeiten durfte ich dann endlich nach 9 Stunden in der Halle herum liegen, gegen 20:00 Uhr auf die Bühne! Ich konnte mich gar nicht einschätzen. Doch wieder die Anmerkungen des Publikums: Platz 1 oder 2. Schlechter hat mich keiner eingestuft! Ich konnte das alles gar nicht fassen. Und so kam es letztlich auch: Ich konnte mir den zweiten Platz sichern. Plötzlich war ich Vize-Weltmeister! Vorneweg: Realisiert habe ich das bis heute noch nicht! Und ich denke ich werde auch wohl noch einige Zeit brauchen, bis das alles bei mir angekommen ist. Hätte mir vor Beginn der Wettkampfdiät jemand gesagt, ich würde die Herbstsaison 2009 mit einem Deutschen Meister und einem Vize-Weltmeister Titel abschließen, ich glaube ich hätte ihn ausgelacht.
Nun begann dann aber endlich das, auf was ich schon wochenlang gewartet hatte: Das große Fressen, vor allem aber, das große Trinken! Und dementsprechend sehe ich derzeit auch aus. Ein Wasserballon auf Beinen, würde ich sagen. Aber ein überglücklicher Wasserballon, der sich nun vorgenommen hat, Revanche zu üben! Das neue Ziel: Projekt WM 2010! Sollte es mir zeitlich möglich sein, so möchte ich nächstes Jahr versuchen, mir den Titel zu schnappen! Bis dahin wird wie im Jahr zuvor trainiert, trainiert und nochmals trainiert!
Abschließend möchte ich aber nun noch eines loswerden: Ich bin äußerst positiv überrascht von den NABBA- bzw. WFF-Wettkämpfen. Was ich hier erleben durfte, hat mir gezeigt, dass es doch noch Sportsgeist und faire Sportskammeraden gibt! Hinter den Kulissen herrschte ein derart freundlicher Umgangston und eine Hilfsbereitschaft, die ich von anderen Verbänden bisher nicht kannte! Alleine deshalb wird mich die WFF wieder sehen! Selbst direkt Konkurrenten halfen sich mit Farbe, Nahrungsmitteln und Equipement aus. So was ist wirklich schön zu sehen. Auch ich durfte viele neue Freundschaften knüpfen und freue mich daher auch besonders darauf, all diese Personen hoffentlich bald wieder treffen zu dürfen!
Doch jetzt geht es erstmal in die Off-Season.
Grüße, Euer strictly-natural
Philipp aka Philo84
Der Autor dieses Textes besitzt einen Bachelor-Grad in Ernährungsberatung und ist im Bereich des Ernährungscoachings vor allem für (Leistungs-)Sportler tätig und hat sein erstes Buch zum Thema mit Logisch Ernähren bereits veröffentlicht. Weitere Informationen sind unter www.logisch-ernaehren.de erhältlich.