Ein Artikel von T-Nation.com
Von James Heathers

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment: Wenn Du in Deinem Studio bist und dort die breitesten Typen nach "Muskeldysmorphie" befragst, wirst Du vermutlich einige Standardantworten bekommen, wenn Du nicht gerade ein CrossFit T-Shirt trägst oder sie mitten im Satz störst. Die meisten werden sagen, dass das alles Mediengequatsche ist. Andere schauen Dich nur an, als hättest Du sie gefragt, wo es das nächste vegane Abendessen gibt. Einige Mutige werden jedoch leise zugeben, dass das ein Problem sein kann – natürlich nicht für sie selbst. Die Muskeldysmorphie ist dadurch gekennzeichnet, dass man besessen von dem Gedanken ist, nicht muskulös genug zu sein. Bei der milden Form meidet ein Freizeit-Fitnesssportler Situationen, in denen breitere Bodybuilder anwesend sind, weil er sich zu schmächtig fühlt. In der extremen Form handelt es sich um eine 300 Pfund schwere, tickende Zeitbombe, die verzweifelt versucht weitere 10 Pfund aufzubauen, um sich endlich "breit genug" zu fühlen.

Steckt also nicht in jedem Kraftsportler ein wenig Muskeldysmorphie? Kann man nicht sagen, dass ein bisschen sogar förderlich ist? Können wir es als Krankheit bezeichnen?

Gute Fragen! Für die Antworten wenden wir uns an Dr. Stu. Dr. Stuart Murray ist kein normaler Psychologe. Er begann mit 15 Jahren Gewichte zu stemmen, zu einer Zeit, als Hardcore auch wirklich Hardcore war – kein Chrom, keine Frauen, nur viele Monster. Dr. Stu begann in etwa zur selben Zeit mit seinem ersten Abschluss in Psychologie. Bald darauf fragte er sich, was das im Studio alles zu bedeuten hat.

Einige Jahre später, als er seinen zweiten Doktortitel fertigstellte, nahm er sich zwischen all den Publikationen eine Zeitlang frei, um über die Besessenheit nach Muskulatur, das männliche Körperbild und Steroide zu sprechen, und wieso man als T-Nation-Leser wahrscheinlich nicht psychisch Krank ist. Also, Dr. Stu, wer zum Teufel bist Du?

Dr. Stuart Murray: Ich bin ein akademisch ausgebildeter klinischer Psychologe. Ich halte einen Doktortitel in klinischer Psychologie und habe soeben meinen Ph.D eingereicht, welcher hauptsächliche eine Sammlung meiner veröffentlichten Arbeiten zur Diagnose und Behandlung der Muskeldysmorphie darstellt. Der Großteil meiner Arbeit besteht in der Behandlung dieser Krankheit oder anderen Ess-Störungen. Ebenfalls wurde ich kürzlich eingeladen, der "National Eating Disorder Collaboration" als Experte bezüglich des männlichen Körperbildes beizutreten. preview

T-NATION:: Fangen wir ganz direkt an: Was ist Muskeldysmorphie (MD)?

DSM:: Eine totale Überzeugung nicht ausreichend muskulös zu sein. Dies beinhaltet Verhaltensweisen, die sich um den Muskelaufbau drehen, aber auch darum, schlank zu werden, weil das die Muskulösität besser zum Vorschein kommen lässt. Es wird durch einige Punkte charakterisiert, beispielsweise von einem intensiven Schuld- und Schamgefühl. Leute, die von MD betroffen sind, definieren sich vollständig über ihr Aussehen, da ihr Körperbild aber so stark verzerrt ist, bedeutet das, dass sie sich nie muskulös genug fühlen können. Das ist eine perfekte Umgebung für Unzulänglichkeitsgefühle. Jungs mit MD überprüfen häufig ihr Spiegelbild und fragen andere Leute, um sicherzustellen, dass sie breiter werden. All dies zielt darauf ab das Schamgefühl zu reduzieren, das sich aufbaut, weil sie glauben, zu schmal zu sein.

T-NATION:: Wie wissen wir, ob wir von MD betroffen sind?

DSM:: Mit MD trainierst Du zwanghaft. Von Zeit zu Zeit trainieren wir alles etwas härter, aber diese Jungs treiben es bis ins Extrem. Einer meiner Patienten trainierte Bankdrücken mit einem gebrochenen Handgelenk und einer gerissenen Rotatorenmanschette. Seine Angst, das Training zu verpassen, war größer als der Schmerz beim Bankdrücken. Wenn man ein Training verpasst macht man sich Sorgen schmal zu werden und steht es nur mit recht intensiven Angstgefühlen durch.

Die Ernährung ist ebenfalls exzessiv kontrolliert. Ein Kerl hat beispielsweise exakt 124 Gramm Reis abgewogen, weil das nach dem Kochen exakt 100g Kohlenhydrate sind. Ein anderer nahm Tupperdosen mit zu Hochzeiten und formellen Ereignissen, viele andere nehmen Einladungen gar nicht erst an, wenn diese ihren Ernährungsplan durchkreuzen würden.

Ein weiterer Kerl hatte einen hohen Job in einer Firma und hatte einen Mixer auf seinem Schreibtisch, so dass er wie ein Uhrwerk alle zwei Stunden essen konnte. Er weigerte sich den Mixer wegzunehmen, so dass er letztendlich gefeuert wurde.

T-NATION:: Gut für ihn! Offensichtlich war sein schwabbeliger Chef nicht Hardcore genug und wird niemals breit werden. Sorry. MD muss auch schwierig für Beziehungen sein, oder?

DSM:: Es kann verheerend sein. Die Familie und Freunde denken, dass das Training und die Ernährung über allem steht. In extremen Fällen können solche Jungs sich bei Licht nicht anziehen oder Sex haben.

T-NATION:: Wann wird diesen Leuten schlussendlich geholfen?

DSM:: Normalerweise suchen diese Kerle sich wegen Depressionen Hilfe. Sie fühlen sich schrecklich, weil keine ihrer Beziehungen funktioniert, ihre Arbeit Mist ist und ihr Leben nicht funktioniert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich selbst vollständig über ihren Körper definieren.

Sie können niemals ihr Ziel von Muskularität erreichen, weil das ein bewegliches Ziel ist. In Folge dessen sind sie ständig enttäuscht über sich selbst. Es ist so viel Scham involviert, dass es lange Zeit dauert, bis sie letztendlich zugeben, dass sie von ihrem Körper angewidert sind und sich dessen schämen.

T-NATION:: Okay Freundchen, Stop. Ich muss hier für meine Bodybuilding-Brüder aufstehen. Sie Sir, versuchen ein exzentrisches, aber dennoch vollständig normales Verhalten zu verteufeln. Sie versuchen eine Subkultur als abnormal zu bezeichnen und ihr eine Krankheit anzuhängen. Sie verstehen nicht was wir tun und Sie haben keine Ahnung wovon Sie reden.

Für mich ist es ein abnormales Verhalten, wenn man auf seinem Hintern sitzt und "Dancing with the Douchebags" anschaut. Was ist das moderne, regierungsgeförderte Akronym dieser Tätigkeit?

DSM:: Nein, das stimmt nicht. Das Eisentraining und eine saubere Ernährung sind in absolut in Ordnung. Eine Störung entsteht durch den Stress und die Beeinträchtigung Deines Lebens. Nehmen wir als Beispiel die Angst: Wir alle vermeiden im Alltag bestimmte Dinge, aber wenn diese Vermeidung alles um Dich herum beeinträchtigt, dann nennen wir es eine Störung oder Erkrankung.

Wir versuchen nicht normalen Muskelaufbau in pathologisches Veralten umzuwandeln, weil es das nicht ist.

Ebenfalls versuche ich nicht jedem alles aufzuzwingen. Den Leuten, die bei uns nach Hilfe suchen, versuchen wir dadurch zu helfen, dass wir ein Muster in ihren Verhaltensweisen finden. Wir wollen nicht jedem sagen, dass er krank ist. Wie weit würde man damit als Therapeut kommen? Die Leute würden einem schnell die Meinung sagen.

Wenn ich all das von Dir gesagte tun würde, so wäre ich ein Heuchler. Die Fertigstellung meines Ph.D nimmt all meine Zeit in Anspruch, aber ich brenne schon darauf, wieder in Studio zu gehen.