"Kann mal bitte jemand über meine Ausführung schauen?" Ob in unserer Video-Analyse-Ecke hier im Forum oder im Studio an der Ecke: Kaum jemand wird sich einer Anfrage nach Unterstützung beim Training oder Optimierung einer Technik von vornherein verweigern. Man hilft, wo man kann – Eine Ehrensache unter Gleichgesinnten. Ob wir unserem Gegenüber hingegen wirklich helfen können, darüber entscheidet nicht alleine unser Wille und noch weniger unser eigenes Können...

Was ist das eigentlich: Lernen

Wie? Das eigene Können ist nicht entscheidend als Trainer? Eine kluge Antwort darauf wäre, wie so oft ein: Ja und Nein.

Sicherlich sollte ein Skilehrer souverän am Hang sein und ein Tanzlehrer auch die Schritte beherrschen. Wahr ist aber auch, dass ab einer gewissen Leistungsstufe kaum ein Trainer seinem Athleten ebenbürtig ist.

Nachdem selbst Olympiasieger ihre Trainer haben, kann der Leistungsstand selbst also nicht der Knackpunkt beim "Lehren" sein. Es geht dabei vielmehr um Wissensvermittlung, Fehlersehen, Methodik und Didaktik.

Nun werden sicherlich die Wenigsten von uns jemals in die Bedrängnis kommen, einem international erfolgreichen Wettkämpfer zu helfen. Ein grober Überblick über das Lehren und das motorische Lernen schadet darüber hinaus aber sicher auch nicht. Eine fundierte Bewegungskorrektur hilft uns und dem Anderen – Doch dazu gleich mehr...

Lernstufen

Werden wir im Forum oder Studio um kurzen Beistand gebeten, benötigt der Andere in irgendeiner Form Hilfe. Ein Technikcheck bei der Kniebeuge oder im Kreuzheben? Wie auch immer. – Ehe wir die Ausführung selbst beurteilen, ist es wichtig, erste Informationen zu sammeln. Grundsätzlich von Bedeutung ist zum einen das Alter des Sportlers, zum anderen das Trainingsalter (wie lange ist er schon am Eisen?). Beides ist entscheidend, weil davon mitunter die Bewegungsqualität der Technik abhängig ist. Doch der Reihe nach:

Beim Bewegungslernen kann man sich in der Rolle des Trainers mit 3 Lernstufen in der Entwicklung vom Anfänger zum Profi behelfen. – Ein Gedankenmodell also, das uns bei der Einschätzung der Leistung hilfreich zur Seite steht. Und um es an dieser Stelle vorneweg zunehmen:
Es macht einen Unterschied, ob der gleiche Fehler in der Ausführung bei einem Anfänger oder einem erfahrenen Wettkampfathleten auftritt. Nicht im Ergebnis daraus, aber in der Art und Weise, wie wir dem Gegenüber mit Rat und Tat helfen können.
Gemeinhin unterscheidet man nach Grobform, Feinform und Feinstform. Bei der ersten Lernphase – der Grobform – geht es um die Entwicklung der Grobkoordination. Anfänger haben beispielsweise bei neuen Bewegungen oftmals auch die Antagonisten (Gegenspieler) der beteiligten Muskulatur involviert. Der Körper reagiert damit auf eine neu zu erlernende Bewegungsform, die er noch nicht mit entsprechenden Mustern abgleichen und in Einklang bringen kann. Der Kraft- und Energieaufwand ist entsprechend hoch, die Bewegungsqualität noch minder und der innere Focus stark auf sich selbst zentriert.

In der zweiten Lernphase – der Feinform – bezieht der Sportler schon zunehmend mehr eigene Reizsignale ein, die Bewegungen werden flüssiger und ökonomischer, die Koordination feiner. Je weiter fortgeschritten der Sportler, je höher darf hier auch unser Anspruch auf die Bewegungsausführung sein.

Wann habt ihr selbst das letzte Mal über den Gangwechsel im Auto nachgedacht? Es ist eine zwischenzeitlich automatisierte Bewegung, die noch in der Fahrschule teils große Schwierigkeiten bereitete. – Und der Weg zu einer automatisierten Bewegung ist mit mehreren tausend Wiederholungen, abhängig von der Komplexität und etlichen anderen Faktoren, durchaus lang!

Letztlich folgt mit der dritten Lernphase – der Feinstform – irgendwann also auch die Automatisierung, die folgend mit einer Stabilisation der Bewegung und der Feinkoordination einhergeht. Zu diesem Zeitpunkt richtet sich das Techniktraining dann vornehmlich an der "variablen Verfügbarkeit" der Technik aus. Verschiedene Umstände, verschiedene Gegebenheiten, variable Einsätze.

Hindernisse auf dem Weg nach oben

Unser obiges Gedankenmodell ist eine Theorie und berücksichtigt dabei noch keine Hindernisse, die sich uns und anderen auf dem Weg zu einer guten oder gar perfekten Technik in den Weg stellen. Und davon gibt es fürwahr sehr viele.

Ein großer Bereich betrifft etwa die Leistungsfähigkeit des Sportlers in der Koordination. Nicht wenige weisen große Defizite beim Neuerlernen oder der Kombination von Bewegungen auf und treffen schon beim Kurzhanteldrücken in der Schräg- oder Negativbank auf ein Problem.

Einschränkungen in der allgemeinen Beweglichkeit, Schäden im Bewegungsapparat, Unfallfolgen werden in der Praxis ebenfalls dazu führen, dass eine Technik, auch nach endlosem probieren, nicht in der gewünschten Form ausgeführt werden kann. Allerdings stellt sich hier zunächst die Frage: Welche Technik ist überhaupt die richtige?


Was ist das eigentlich: Technik

Wollen wir jemanden in seiner Technik korrigieren, so müssen wir zwangsweise ein Bild davon in Augen haben, wie der Bewegungsablauf am Ende konkret aussehen soll. Wir benötigen davon ein Technikleitbild. Diese Leitbilder sind in aller Regel über viele Jahre Praxiserfahrung gereift und werden von allen erfolgreichen Athleten auch so angewendet. Diese gereiften, zweckmäßigen Abläufe haben in diesem Sinne eine Vorbildfunktion und damit Modellcharakter, weshalb man landläufig auch gerne von einem Technikmodell spricht.

In der Schwerathletik, dem Bodybuilding, Strongman und Powerlifting treffen wir just an dieser Stelle auf ein erstes, ernstes Problem: Entgegen anderer Disziplinen existieren bei uns in der Regel keine festgeschriebenen und allseits anerkannten Technikleitbilder. Anders etwa beim olympischen Gewichtheben, in dem seit Jahren feste und vielfach bewährte Vorgaben bezüglich der Bewegungsausführung veröffentlicht wurden.

In der Praxis werden sich auf die Frage nach der Technik auf Grund dessen teils völlig unterschiedliche Antworten ergeben, die jede für sich genommen durchaus richtig sein kann. – Hier mal beispielhaft an der Technik der Kniebeuge dargestellt:

Problembeispiel Kniebeuge

Schwerathleten querbeet durch die Disziplinen werden beim Kniebeugenstand gemeinhin wohl eine Mehrbelastung auf den Fersen fordern. Aber wie breit sollte der optimale Stand beim Kniebeugen eigentlich sein?

Athleten aus dem Gewichtheben und dem Bodybuilding werden in der Regel einen etwa schulterbreiten Stand fordern, Powerlifter wählen hierfür vermutlich (auch abhängig ob RAW oder EQUIPPED) eine sehr viel breitere Basis. Und wie beginnt die Beuge, wie erfolgt die Auftaktbewegung? Auch hier werden sich die Aussagen unterscheiden.

Wenn die Anforderung - wie im Kraftdreikampf - auf dem maximalen Output liegt, bietet der Backsquat mit dem Bewegungsauftakt nach hinten Vorteile, weil die Last dadurch auf eine stärkere Muskelschlinge verlagert wird. Das interessiert einen Bodybuilder mit Focus auf die Muskelentwicklung im vorderen Oberschenkel indessen wenig und auch ein Gewichtheber wird an dieser Ausführung wenig Freude haben.

Es ergeben sich also Diskrepanzen zwischen den einzelnen Disziplinen, weil auch die Aufgabenstellung, innerhalb derer die Kniebeuge trainiert wird, unterschiedlich ist. Einfacher wird es für uns an dieser Stelle deshalb sicherlich nicht.

Ist also alles richtig?

Selbst im Spitzensport unterscheiden sich bisweilen die Techniken der Athleten untereinander; wir sprechen wohlwollend vom "Stil" des Sportlers und meinen damit die individuelle Ausprägung des Technikleitbildes.

Und auch auf breiter Ebene, im Verein, im Gym oder hier im Forum ist das nicht recht viel anders. Jeder Mensch ist ein Individuum, hat eigene Gelenkswinkel, Maße und Größenverhältnisse, die seine Technik beeinflussen werden. Dazu haben wir eben die Problematik auf Grund der unterschiedlichen Zielsetzungen aufgeführt. Ist also alles richtig, was trainiert wird, oder gibt es überhaupt einen Ansatz in Richtung der Technik zu korrigieren?

Es hilft alles nicht, wir benötigen Informationen: Je mehr, je besser – und die kann uns nur der Fragesteller selbst liefern.

Was soll die Übung bezwecken, wofür wird trainiert und wohin soll das führen. Erst aufgrund dieser Zielsetzung ist es uns überhaupt möglich die Bewegungsausführung funktionell zu bewerten. Und selbst dann können noch Hindernisse, wie weiter oben aufgeführt, auf die Bewegungsqualität Einfluss nehmen.

Für denjenigen, der dem Gegenüber helfen soll, bürdet sich unter all diesen Gesichtspunkten eine große Verantwortung auf, und in aller Regel wird eine fundierte Bewertung nicht eben leicht. Klar ist: Um dem Anderen wirklich zu helfen, müssen wir zunächst einiges in Erfahrung bringen. – Und uns selbst dann ein Stück weit danach ausrichten. Erst dann heißt es: Augen auf und zusehen....

Ursache – Fehler – Folgefehler

Mit die größte Herausforderung bei einer Technikbewertung ist sicherlich das Fehlersehen: Worin begründet sich der Fehler, den wir erkennen.

In vielen Fällen hilft es, hier den Weg durch den Bewegungsablauf gedanklich nach hinten zu gehen. Bleiben wir zunächst beispielhaft beim Kniebeugen, genauer bei einer Powerlifting-Beuge (Back-Squat).

Ein Kriterium hierbei: Eine nahezu lotrechte Stellung der Schienbeine über den gesamten Verlauf der Bewegung. Erkennen wir beim Gegenüber als Fehler, dass die Knie weit über die Fußsohle hinweg schieben, so kann dies mehrere Ursachen – auch zeitgleich – haben. Es kann zum einen etwa an einer mangelhaften Beweglichkeit in der Hüfte, zum anderen an der unbewussten Angst nach hinten zu kippen liegen. Ursache kann eine zu geringe Last auf der Hantel, oder auch eine falsche Auftaktbewegung ganz zu Beginn der Beuge sein.


Ehe wir uns also voreilig zu einer ersten Korrektur hinreißen lassen, muss die Quelle des Fehlers herausgefunden werden. – Und selten liegt die so offensichtlich, wie es unser Beispiel vermuten lassen würde. In diesem Zusammenhang noch ein Tipp am Rande. – Wir beachten als "Coach" weder die erste noch die letzte Wiederholung, um auf einen Zusammenhang zu treffen, denn – so zeigt sich in der Praxis – dort ist eine Bewegung erst auf einem sehr hohen Niveau stabil und kongruent in der Ausführung.

Zurück in die Praxis – Wie können wir helfen

Angenommen, wir haben für uns als Fehlerursache des Back-Squat eine falsche Auftaktbewegung erkannt. Welche Information geben wir unserem Gegenüber nun mit auf den Weg?

Wir könnten den Fehler schlichtweg so benennen und dazu auffordern, die Bewegung mit dem Verschieben der Hüfte nach hinten zu beginnen, und nicht nach unten. Sicherlich werden wir Athleten finden, die sich mittels dieser Information weiter in der Technik verbessern können, der überwiegende Anteil aber wird damit zunächst nicht viel anzufangen wissen. Pfiffiger ist es also, über möglichst viele Sinne einen Weg zur Optimierung anzubieten.

Haben wir die Gelegenheit direkt live bei den Versuchen zu sein, so können wir direkte (und zeitnahe) Rückmeldung geben alsbald die Bewegung passt, wir können die Bewegung auch demonstrativ (überzeichnet) vorführen und damit ein Bewegungsbild beim Athleten entstehen lassen. Je mehr verschiedene Kanäle der Rückmeldung wir beim Sportler ansprechen können, je höher wird die Erfolgsquote in der weiteren Ausführung sein.

Lernplateaus

In der Praxis hat sich ein Fehlerbild aber oftmals bereits eingeschliffen, ehe zur Hilfestellung gerufen wird. Ein Fall, der weitere Maßnahmen als eben aufgezeigt erfordert. Lernplateaus sind nicht gerade selten und hindern uns, wie andere auf dem bereits eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, um ans Ziel zu kommen.

Ein probates Mittel entgegen dieser Lernplateaus sind etwa sogenannte Auffangübungen. Der Trick: Wir verlassen die eigentliche Zielübung, gehen einen Schritt zurück und überlagern das bereits entstandene (falsche) Bewegungsgefühl mit neuen, artverwandten Reizen. Ein allseits bekanntes und hinlänglich erprobtes Mittel für unseren beispielhaften Fehler der falsch gerichteten Auftaktbewegung wären etwa die Box-Squats. Durch die vorhandene Absitzmöglichkeit wird die innere Angst des "nach hinten Kippens" umgangen, die Fehlerursache kann gezielt abtrainiert und die Stellung der Schienbeine in der sitzenden Position sogar noch eingehend überprüft werden.

Vom Leichten zum Schweren – vom Bekannten zum Unbekannten

Tatsächlich wissen natürlich sehr viele Trainer um diese Möglichkeiten und bauen das Training von Athleten deshalb bereits bewusst unter Verwendung dieser Hilfsübungen auf. Der Lehrsatz "Vom Leichten zum Schweren" zielt auf eben genau diese methodische Linie ab und wird etwa im Westside Barbell direkt als Leitlinie verwendet.

Der Vorteil: Durch die systematische Hinführung werden Lernplateaus bereits im Vorfeld weitestgehend ausgeräumt und der Athlet profitiert gesamt von einer schnelleren Lern- und Leistungskurve.

Kontrastlernen

Als weitere Möglichkeit für die Praxis hat sich auch das Kontrastlernen als äußerst ergiebig herausgestellt. Hierbei wird versucht, über möglichst gegenteilige Bewegungsausführungen das Gefühl und das Gespür für die korrekte Ausführung herbei zu führen.

Der menschliche Geist liebt die Abwechslung und reagiert auf Monotonie – in Bewegung und Information – mit verzögerter Aufnahme. Gegenteilig weist die Lernkurve bei jeweils unterschiedlichen Inhalten, die aufeinander abfolgen, relativ steil nach oben. Je größer der Unterschied, je größer der Erfolg.

Wer jemals technische Probleme innerhalb einer anspruchsvollen Übung (etwa beim Reißen oder Stoßen) für sich erkennt, kann zwischen zwei Sätzen immer wieder mal eine andere Übung einbauen und sich überraschen lassen. Kein Wundermittel, aber immerhin eine adäquate Möglichkeit.

Nachbarschaftshilfe im Gym – Zum Geleit

Es heißt zu Recht: "Leicht ist schwer was" und selbiges gilt natürlich auch für Bewegungskorrekturen in unserem Forum oder real im Studio. Ein Tipp für das Gegenüber ist schnell gegeben, aber hilft ihm das wirklich weiter?

Das Einbringen in solche Hilfestellungen, wie auch das Wissen um diese Möglichkeiten hilft nicht nur dem, der um Hilfe anfragt. Es ist seit langem bekannt, dass auch das "Lehren" hilft, die Materie noch tiefer zu durchdringen und sich selbst auf eine neue Ebene zu bringen. Nicht nur deshalb ist eine aktive Teilnahme am Forumsgeschehen so ertragreich.

Die obigen Ausführungen sind weder umfassend, noch Ersatz oder Einstieg für eine Trainertätigkeit. Es schadet aber ganz sicher nicht, seine Gedanken auch mal für diese Richtung zu erweitern. Zum einen, weil man die eigene Betreuung mal ganz gut auf den Prüfstand stellen kann, zum anderen weil sich für jeden individuell eine Möglichkeit bietet, dem Sport und dem Gegenüber ein klein wenig zurückzugeben.

Schlechte Trainer machen immer die gleichen Fehler – Gute Trainer immer wieder neue...

Mehr vom Autor findet ihr auf seiner Homepage: www.moosbummerl.com – Neues aus dem Land der Hebewesen.

Quellen

  • Dr. Anton Weichenmeier
  • Neurophysiologische Gesichtspunkte für Sport, Sportler und Skifahrer Zeitschrift
  • "Sportunterricht" Februar 2009 zum Thema "Differenzielles Lernen"
  • Sportwissenschaftliche Skripte - Bewegungswissenschaft im Grundstudium Saarbrücken 2000
  • HHUD - Institut für Sportwissenschaften, WS 2003/04 Hauptseminar: Bewegungslernen im Sport
  • Bewegungskorrektur im Sportunterricht
  • PD Dr. Christian T. Haas, Prof. Dr. Klaus Blischke
  • Bedeutung der Repetition für das motorische Lernen – Lehren aus der Sportwissenschaft
  • Doktorarbeit Klaus-Joachim Wewetzer / Kiel 2008
    Motorisches Lernen in der Sportart Golf
  • Heiko Maurer & Jörn Munzert Universität Gießen Institut für Sportwissenschaft Auswirkungen psychischer Drucksituationen auf die Ausführung automatisierter Bewegungen
  • Dr. Peter Kuhn • Institut für Sportwissenschaft • Universität Bayreuth Vorlesung: Didaktische und pädagogische Aspekte des Sportunterrichts (Grundvorlesung für Studierende im didaktischen Wahlfach Sport) Tu-München - Fakultät für Sportwissenschaft
  • Prof. Dr. Peter Spitzenpfeil Bewegungslernen – zwischen Instruktion und Intuition
  • S. Panzer, F. Naundorf, J. Krug Motorisches Lernen: Lernen und Umlernen einer Kraftparameterisierungsaufgabe
  • Jörn Munzert Entwicklung und Lernen von Bewegungen