Ein Artikel von PartyBoy (MuscleTalk Moderator)
Den meisten Menschen ist bekannt, dass sich Nikotin in Zigaretten und anderen Tabakprodukten befindet und dass Nikotin die Substanz ist, die verantwortlich für eine Abhängigkeit von Tabakerzeugnissen ist. Aber was genau ist Nikotin, wie wirkt es genau und gibt es evtl. sogar Anwendungsgebiete für Bodybuilder? Das klingt auf den ersten Blick vielleicht abwegig, aber suchen Bodybuilder nicht ständig nach neuen Möglichkeiten bereits bekannte Wirkstoffe für ihre Zwecke, welche meist nichts mit dem eigentlichen Verwendungszweck zu tun haben, einzusetzen.
Was ist Nikotin?
Nikotin ist ein organisches Alkaloid, welches hauptsächlich in der Tabakpflanze vorkommt und ca. 5% des Trockengewichts der Pflanze ausmacht. Auch wenn Nikotin in größerer Menge giftig ist, wirkt es in niedriger Dosierung angenehm anregend. In einer Zigarette befinden sich durchschnittlich 0,8 bis 1 mg Nikotin.Wie wirkt Nikotin?
Nikotin wirkt antagonistisch an den nikotinempfindlichen Acetylcholin Rezeptoren. Die Anregung dieser Rezeptoren durch Nikotin führt zu einer verstärkten Ausschüttung von Adrenalin. Dies führt wiederum zu einem Anstieg des Blutdrucks, einer Erhöhung der Herzfrequenz und einem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Bei chronischer Anwendung zeigt Nikotin eine entspannende Wirkung, welche wahrscheinlich jedoch auf der Unterdrückung kurzfristiger Entzugserscheinungen beruht, zu welchen Nervosität, Kopfschmerzen und Erregungszustände gehören. Neben dem Adrenalinspiegel erhöht Nikotin auch den Dopaminspiegel im menschlichen Hirn, was zu einem Gefühl des Wohlbefindens führt. Diese Eigenschaft des Nikotins ist hauptsächlich für eine mögliche Abhängigkeit verantwortlich.Nutzen für den Bodybuilder
Wie man es von einem anregend wirkenden Wirkstoff (insbesondere bei einer die Adrenalinausschüttung anregenden Substanz wie Nikotin) erwarten würde, ist Nikotin eine in Bezug auf den Fettabbau vielversprechende Substanz. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits die Gabe von 1mg Nikotin den Kalorienverbrauch durch Erhöhung der Stoffwechselrate und Thermogenese steigern kann. 1, 2, 3, 4, 5, 6 preview Weiterhin konnte gezeigt werden, dass dieser thermogene Effekt durch die begleitende Gabe von 50 mg Coffein um 100% verstärkt werde kann, ohne dass es zu nennenswerten Nebenwirkungen kommt. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass Nikotin die Insulinausschüttung reduziert, was zu einer verstärkten Verwertung von Fett, Protein und Glykogen7, 8, 9 und einer verringerten Lust auf zuckerhaltige Lebensmittel führt. (Anmerkung des Übersetzers: viel interessanter dürfte dieser Effekt sein, da Insulin a) die Lipolyse (= Aufspaltung von Körperfett) unterdrückt und b) die Einlagerung von Fett in die Fettzellen fördert) Nikotin wirkt nachgewiesenermaßen als Appetithemmer. 10, 11, 12, 13 Dies wird auch durch die Aussagen vieler ehemaliger Raucher unterstützt, welche in der Regel nach Absetzen der Zigaretten an Gewicht zunehmen. 14Ein weiterer erwähnenswerter Effekt von Nikotin ist, dass es wahrscheinlich die Lipolyse anregt, was zu einer verringerten Speicherung von Fett in den Fettdepots führt (15). Nikotin scheint auch stimulierend auf das Entkopplerprotein 1 (Uncoupling Protein 1 (UCP1)) im Fettgewebe zu wirken. Das Entkopplerprotein 1 entfaltet in den Mitochondrien seine Wirkung und führt zu einer weniger effizienten Konvertierung von Adenosin Triphosphat (ATP), was eine erhöhte Wärmefreisetzung bewirkt. Für die Mitochondrien ist es somit schwieriger eine bestimmte Menge ATP zu produzieren, was wiederum zu einer erhöhten Stoffwechselrate führt. Die selbe Wirkung tritt in erheblich größerem Maßstab bei der Anwendung von 2,4-Dinitrophenol (DNP) auf, welches auch für den Fettabbau eingesetzt wird.
Das klingt doch sehr vielversprechend, oder? Wenn Nikotin wirklich hilfreich für all diejenigen ist, die versuchen ihr Körperfett zu reduzieren, sollte man dann die Empfehlung aussprechen während einer Diät am besten 20 Zigaretten am Tag zu rauchen? Ich hoffe mir wird hier jeder zustimmen, dass dies keine besonders sinnvolle Empfehlung ist. Doch zum Glück gibt es heutzutage nikotinhaltige Produkte wie Nasensprays, Inhalatoren, Nikotinkaugummis oder sublinguale Tabletten, welche es ermöglichen Nikotin auf eine sichere, kontrollierte Art und Weise zuzuführen, ohne dass es zu negativen Begleiterscheinungen wie beim Rauchen kommt.
Für unsere Zwecke wären Nikotinkaugummis am Besten geeignet. Das Nikotin hieraus wird beim Kauen über die Mundschleimhäute aufgenommen, wobei der Kaugummi nicht durchgehend gekaut werden sollte, um die Nikotinabgabe über einen längeren Zeitraum zu verteilen. Das Schlucken von Nikotin in Form von Tabletten wäre nicht effektiv, da das Nikotin durch die Leber abgebaut würde, noch bevor es seine Wirkung entfalten kann. Nikotinkaugummis gibt es in den Stärken von 1, 2 und 4 mg. Somit wären 1 mg Nikotinkaugummis ideal um die 1 mg Nikotin der erwähnten Studien zu erhalten. 1 Es wäre allerdings billiger die höherdosierten Kaugummis zu verwenden und diese auf mehrere Einzeldosierungen aufzuteilen. Direkt vor und während des Kauens des Nikotinkaugummis sollte auf säurehaltige Getränke und Kaffee verzichtet werden, da diese die Nikotinaufnahme über die Mundschleimhaut behindern.
(Anmerkung des Übersetzers: In der Praxis hat sich gezeigt, dass besonders zu Beginn der Anwendung von Nikotin eine Dosierung von 1 mg als Nikotinkaugummi mehr als ausreicht, und dass es bei höherer Dosierung leicht zu Übelkeit kommen kann. Somit bietet es sich an, einen 4 mg Nikotinkaugummi (welcher fast genauso viel kostet wie ein 1 mg Nikotinkaugummi) in 4 Teile zu zerteilen und jedes Viertel zusammen mit einem normalen Kaugummi zu kauen um mehr Kaumasse zu haben. Hier noch der Hinweis, dass falls man in der Nähe der französischen Grenze wohnt, Nikotinkaugummis dort um bis zu 30% billiger bekommt. Hier lohnt sich der Preisvergleich in mehreren Apotheken, da die Preise für nicht verschreibungspflichtige Medikamente dort von Apotheke zu Apotheke stark variieren. Noch ein Hinweis, dessen Nichtbeachtung mir eine schlaflose Nacht in inniger Umarmung mit meiner Kloschüssel eingebracht hat: Als Nichtraucher sollte man niemals auf die Idee kommen Nikotinpflaster zu verwenden. Die abgeggebene Nikotionmenge ist nur schwer kontrollierbar und selbst nach Abziehen des Pflasters befindet sich noch genug Nikotin in der obersten Hautschicht, welches nach und nach absorbiert wird. Was noch gemeiner ist: wenn man versucht dieses Nikotin mit Seife abzuwaschen, führt dies nur dazu, dass es noch schneller vom Körper aufgenommen wird. Wenn es hingegen bei einem Nikotinkaugummi zu ersten Übelkeitserscheinungen kommt, kann man diesen einfach ausspucken und spätestens 30 Minuten später sollte es einem wieder besser gehen.)
Worin bestehen die Risiken einer Nikotinsupplementation?
Da Nikotin eine blutdrucksteigernde Wirkung hat, sollte dieser regelmäßig kontrolliert werden um das Nikotin bei einem Anstieg über den Normalwert hinaus rechtzeitig absetzen zu können. Bei einigen Anwendern kann es zu Übelkeit oder gar Erbrechen kommen, was auch vielen Nichtrauchern noch von ihrer ersten Zigarette oder Zigarre her bekannt vorkommen dürfte. Auch wenn Nikotin an sich nicht krebserregend wirkt, kann es doch die Apoptose (programmierter Zelltod) behindern, welche vom Körper verwendet wird um unerwünschte Zellen abzutöten. Da die Apoptose dabei hilft mutierte oder beschädigte Zellen, welche sich zu Krebszellen entwickeln können, zu zerstören, kann die Unterdrückung der Apoptose durch das Nikotin somit indirekt das Risiko der Krebsentwicklung aus mutierten Zellen erhöhen. Das Risiko der Schädigung eines ungeborenen Kindes durch Nikotin ist zwar nicht sonderlich groß, sollte jedoch trotzdem von schwangeren Frauen, welche Nikotin konsumieren, beachtet werden.Doch wie sieht es mit einer möglichen Abhängigkeit aus? Es ist erwiesen, dass das Rauchen von Zigaretten zu einer Abhängigkeit von Nikotin führen kann. Ist es somit auch möglich, dass eine Abhängigkeit durch das Kauen von Nikotinkaugummis entstehen kann? Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist eher gering. Gerade einmal 1 % der Anwender von Nikotinkaugummis entwickeln eine Nikotinabhängigkeit. Die Entwicklung einer Abhängigkeit von Nikotin scheint nach neueren Erkenntnissen hauptsächlich von der Geschwindigkeit der Nikotinabsorbtion abzuhängen. Das Nikotin einer Zigarette erreicht das menschliche Gehirn innerhalb von 7 Sekunden, wobei eine maximale Blutkonzentration von 22 ng Nikotin/ml nach 5 Minuten erreicht wird. Beim Kauen eines Nikotinkaugummis hingegen wird erst nach 30 Minuten eine maximale Blutkonzentration von 7 ng Nikotin/ml erreicht.
Lohnt sich die Supplementation?
Es ist unbestritten, dass Nikotin ein vielversprechendes Hilfsmittel für den Fettabbau ist, und einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Aufgrund der relativ hohen Kosten und dem negativen Stigma, welches dem Nikotin anhaftet, ist jedoch nicht zu erwarten, das sich dessen Anwendung im Bereich der Diätunterstützung in großem Maße durchsetzen wird.Quellen:
1 Jessen AB, Toubro S, Astrup A. Effect of hewing gum containing nicotine and caffeine on energy expenditure and substrate utilization in men, Am J Clin
2 Nutr, 2003 Jun;77(6):1442-7.
3 Glouser et al (1970)
4 Hofstetter (1986)
5 Schechter and Cook (1976)
6 Grunberg, Bowen and Morse (1984)
7 Grunberg (1982)
8 Grunberg et al (1988)
9 Tjalve and Popov (1973)
10 Florey, Milner and Miall (1977)
11 Grunberg (1986)
12 Blaha et al (1998)
13 Li et al (2000)
14 Zhang et al (2001)
15 Chen H, Vlahos R, Bozinovski S, Jones J, Anderson GP, Morris MJ. Effect of short-term cigarette smoke exposure on body weight, appetite and brain neuropeptide Y in mice. Neuropsychopharmacology2005 Apr;30(4):713-9.
16 Sztalryd et al (1996)
17 Aria et al (2001)
18 Klesges et al (1989)
Teil II mit der Studie dazu (Effect of chewing gum containing nicotine and caffeine on energy expenditure and substrate utilization in men) folgt bald!