Vorurteil Nr. 1: Schweine sind dumm und dreckig
Schweine gelten gemeinhin als dumme Tiere, was jedoch keineswegs wissenschaftlich zu belegen ist. Ganz im Gegenteil: Studien zeigen, dass Schweine außerordentlich intelligent sind (ihre Intelligenz war bei verschiedenen Tests denen von Primaten gleichzusetzen). In den Niederlanden konnte man beobachten, wie Tiere, die mit einem Darm-Antiseptikum behandelt wurden, anfingen den Urin ihrer Artgenossen zu trinken. Genauere Untersuchungen des Medikaments zeigten, dass das Medikament ein Absterben der Nebennierenrinde zur Folge hatte, wodurch der Aldosteron-Spiegel im Blut massiv absank. Das Trinken des Urins der Artgenossen sorgte dafür, dass dieser wieder ausgeglichen wurde. Die Tiere heilten sich somit instinktiv selbst.Viel schwerwiegender ist jedoch das Vorurteil, dass Schweine dreckige Tiere seien. So sind auch die religiös motivierten Verbote des Verzehrs von Schweinefleisch meist auf diesen Punkt zurückzuführen. So heißt es im 3. Buch Mose:
"Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. […] Ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut. Ihr dürft von ihrem Fleisch nicht essen und ihr Aas nicht berühren; ihr sollt sie für unrein halten."
3. Buch Mose 11
Aber nicht nur das Judentum, auch der Islam verurteilt den Verzehr von Schweinefleisch. So steht im Koran:
"Verboten hat Er euch nur (den Genuss von) natürlich Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber etwas anderes als Allah angerufen worden ist. Wenn aber jemand (dazu) gezwungen ist, ohne (es) zu begehren und ohne das Maß zu überschreiten, so trifft ihn keine Schuld; wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig."
Koran 2, 173
Vor allem aus der Zeit ab dem 12. Jahrhundert sind Schilderungen bekannt, die die Verbote des Verzehrs von Schweinefleisch mit deren Unreinheit begründen. Der jüdische Arzt Maimonides, Leibarzt des muslimischen Sultans Saladin schrieb hierzu:
"Wenn das Gesetz das Schweinefleisch verbietet, so vor allem deshalb, weil die Lebensgewohnheiten und die Nahrung des Tiers höchst unsauber und ekelerregend sind. […] Das Maul eines Schweines ist so schmutzig wie der Kot selbst."
Wie man heute weiß, sind Schweine bei artgerechter Haltung jedoch keineswegs unrein. Ganz im Gegenteil: Sofern sie über ausreichend Platz verfügen, werden sie ihre Notdurft immer in einer bestimmten und gleichbleibenden Ecke ihres Geheges verrichten. Das typische Suhlen ist für die Tiere lebensnotwendig, da sie nicht über Schweißdrüsen verfügen und somit den feuchten Schlamm zum Abkühlen der Körpertemperatur benötigen. Das Suhlen im eigenen Kot ist ein Verhalten, dass die Tiere nur dann an den Tag legen, wenn ihnen die Möglichkeit des Suhlens in feuchtem Schlamm verwehrt bleibt, wie es in der modernen Massentierhaltung Gang und Gebe ist. Auch die Tatsache, dass Schweine Allesfresser sind, kann man nur schwerlich als Indiz für eine Unreinheit heranziehen, es sei denn, man möchte sich selbst auch entsprechend einordnen (wie Schweine und Ratten sind auch Menschen Allesfresser). preview
Was sind also die wahren Gründe für diese Verbote und Vorurteile?
Den wohl bedeutendsten Erklärungsansatz liefert der US-Anthropologe Marvin Harris, der diese Verbote auf ökologische und ökonomische Faktoren zurückführt. Betrachtet man die Ursprungsländer dieser religiös motivierten Verbote, so kann man sie lokal auf den Nahen Osten und Nordafrika begrenzen. Diese Regionen waren ursprünglich von ausgedehnten Wäldern überzogen, welche in der Zeit um 2000 v. Chr. immer stärker verschwanden. Als Grund ist neben Erosion und Holzeinschlag vor allem der zunehmend um sich greifende Ackerbau zu nennen. Das Verschwinden der Wälder raubte den Schweinen ihren natürlichen Lebensraum, der ihnen sowohl Futter als auch ausreichend feuchten Schlamm zum Suhlen bot. Die Schweine wurden somit zum Nahrungskonkurrenten der Menschen, denn ohne die Wälder hätten sie mit Getreide und Wasser versorgt werden müssen. In der Folge wurde die Haltung von Wiederkäuern wie Kühen, Schafen und Ziegen rentabler, da diese mit deutlich weniger Wasser auskommen und von Pflanzen ernährt werden können, die für Menschen unverdaulich sind. Seit dieser Zeit war der Verzehr von Schweinefleisch verpönt; entsprechende Belege fand man für Babylonien, Phönizien und Ägypten. Die religiösen Verbote im Judentum und dem Islam resultieren wohl aus diesen Vorläufern.
Wir sehen: Schweine sind keineswegs dumm und dreckig, sofern man ihnen die Möglichkeit eines artgerechten Lebens bietet.
Vorurteil Nr. 2: Schweinefleisch hat einen hohen Fettgehalt
Schweinefleisch wird gemeinhin mit einem hohen Fettgehalt in Verbindung gebracht. Auch dieses Vorurteil ist primär historisch begründet. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in England die Rassen Large White und Middle White auf den Markt gebracht, ab 1860 wurden diese auch nach Deutschland importiert. Zuchtziel waren Tiere mit hohem Fettanteil für die Mast bei reiner Stallhaltung. Das Fleisch dieser Tiere war in der Tat äußerst fettreich. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach weniger fettreichem Fleisch. Entsprechend wurde das Zuchtziel angepasst, so dass die heutigen Schweine einen deutlich geringeren Fettanteil und mehr Muskelfleisch besitzen. Weiterhin wird bei der Schlachtung heute deutlich mehr Fett entfernt, als dies früher der Fall war.Wie alle anderen Tieren auch, besitzen Schweine mehr und weniger fettreiche Teile. Besonders fettreich ist neben dem Speck (65g Fett auf 100g) vor allem das Backenfleisch (55,5g). Keule, Bauch und Schulter schlagen mit gut 20g zu Buche. Besonders fettarm sind das Filet und Schnitzel aus der Oberschale mit jeweils rund 2g Fett, was dem Fettanteil von magerem Geflügel entspricht.
Wer beim Einkaufen also die richtigen Teile in den Einkaufskorb legt, braucht sich um einen hohen Fettanteil keinerlei Gedanken machen.
Vorurteil Nr. 3: Schweinefleisch enthält besonders viel Cholesterin und verursacht daher Herz-Kreislaufkrankheiten
Zunächst ist festzuhalten, dass über die Nahrung aufgenommenes Cholesterin für einen gesunden Organismus keineswegs ein Problem darstellt. Zahlreiche Studien belegen, dass der Einfluss der Ernährung auf den Cholesterinspiegel keineswegs so groß ist, wie oft behauptet wird.Neben diesen Punkten muss man auch festhalten, dass der Cholesteringehalt des Schweinefleischs keinesfalls deutlich über dem von anderen Fleischsorten liegt.
Vorurteil Nr. 4: Schweinefleisch enthält besonders viel Purine und führt daher zu Gicht
Im Grunde können wir hier die Argumentation aus dem vorangegangenen Punkt komplett wiederholen. Zunächst einmal ist es so, dass ein gesunder Organismus in der Regel sehr gut mit über die Ernährung zugeführten Purinen umgehen kann. Problematisch wird es, wenn eine genetisch verminderte Harnsäureelimination vorliegt. Aber auch dann sind die exogen zugeführten Purine nicht Auslöser der Erkrankungen, sondern verstärken nur deren Symptome. Wer entsprechend genetisch vorbelastet ist, muss sich entsprechend ernähren, für alle anderen gilt, dass hier – wie eigentlich immer – die Menge das Gift macht.Und auch bei den Purinen sei angemerkt, dass die meisten Fleischsorten über relativ hohe Purinanteile verfügen. Auch dieses "Problem" ist also keineswegs auf das Schwein begrenzt.
Vorurteil Nr. 5: Schweinefleisch enthält viel Histamin und ist somit hochgradig allergen
Histamin ist eine stickstoffhaltige Verbindung, die im Organismus als Neurotransmitter und Gewebshormon fungiert. Im menschlichen Körper spielt es eine bedeutende Rolle bei der Appetitkontrolle und der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus, weiterhin bei der Regulation der Magensäureproduktion. Auch im Immunsystem und bei der Entstehung allergischer Reaktionen ist Histamin beteiligt. Die natürliche Verträglichkeitsgrenze des gesunden Menschen wird auf ungefähr 10mg beziffert (bei Menschen mit einer Histamin-Intoleranz entsprechend deutlich geringer).Nun ist oft zu lesen, dass Schweinefleisch einen besonders hohen Anteil an Histamin aufweisen würde und somit schwere Allergien wie Neurodermitis massiv verstärken würde. Dies ist schlicht falsch. Frisches Schweinefleisch wird mit 0-4,5mg Histamin pro 100g angegeben, was keineswegs ein besonders hoher Wert ist (Huhn 0-12mg, frische Forelle 33mg, Gouda 1,3-85mg).
Vorurteil Nr. 6: Das Eiweiß des Schweinefleischs weist aufgrund seiner Struktur eine hohe Verwesungsrate auf und geht schnell in Fäulnis über
Dies ist schlichtweg Unfug! Wer frisches Fleisch verzehrt, braucht sich um solche Dinge keine Gedanken machen und wer verdorbenes Fleisch verzehrt, dem ist eh nicht zu helfen.Vorurteil Nr. 7: Da das Aminosäureprofil des Schweinefleisches dem des Menschen sehr ähnlich ist, wird es vom Körper nicht als Fremdkörper erkannt und nicht korrekt abgebaut
Hier wird angeführt, dass es in der Folge dazu kommt, dass die Aminosäuren unerkannt durch die Darmwand ins Lymphsystem gelangen kann, inklusive aller angeblich enthaltenen Toxine und Fäulnisprodukte.Auch dies ist schlicht falsch. Jedes von außen zugeführte Eiweiß wird im menschlichen Körper in die einzelnen Aminosäuren zerlegt. Die Ähnlichkeit des Aminosäureprofils hat nur zur Folge, dass die biologische Wertigkeit steigt. Die biologische Wertigkeit von Schweinefleisch liegt bei 85 und damit über der von Rind und Geflügel (80), Magerquark (81) und Thunfisch (72).
Schweinefleisch ist also eine Eiweißquelle, die der Körper äußerst gut verwerten kann und bei der wenig Aminosäurereste anfallen.
An dieser Stelle sollte noch einmal explizit festgehalten werden, dass Schweinefleisch kein Gift ist, sondern ein Nahrungsmittel wie andere auch und genauso wird es vom Körper auch behandelt.
Vorurteil Nr. 8: Schweinefleisch ist mit vielen Krankheitserregern infiziert, bzw. mit Antibiotika vollgepumpt, um dies zu bekämpfen
Hier sprechen wir von einem Problem, dass keineswegs nur die Schweinezucht betrifft. Das ist ein Problem der Massentierhaltung allgemein. Ob es dann nun die Schweinepest, die Vogelgrippe oder BSE ist, macht keinen Unterschied. Fakt ist, dass Tiere, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden (und davon kann bei Massentierhaltung keinesfalls die Rede sein), dazu neigen krank zu werden. Da die Fleischindustrie bestrebt ist, Lebensmittelskandale zu minimieren, werden den Tieren teils unvorstellbare Mengen an Antibiotika ins Fressen beigemischt um Erkrankungen vorzubeugen. Doch auch dies ist brandgefährlich, da somit antibiotikaresistente Keime entstehen, die die Wirkung entsprechender Medikamente im Bedarfsfall massiv beeinträchtigen können. Wie gravierend dieses Problem ist, zeigten erst kürzlich durchgeführte Stichprobenuntersuchungen.Aber noch einmal: Das ist ein Problem der industriellen Massentierhaltung allgemein, keineswegs ein Problem, dass man auf die Schweinezucht reduzieren kann. Grundsätzlich liegt es aber in der Hand der Verbraucher: Wer sein Fleisch für einen lächerlich geringen Preis beim Discounter kauft, sollte sich einmal fragen, wie dieser Preis überhaupt zu Stande kommen kann… Solange die Politik hier keinen Riegel vorschiebt, sollte man sehr bewusst darauf achten, woher das gekaufte Fleisch kommt, dann braucht man sich über solche Dinge auch kaum Gedanken machen.