Von Alan Palmieri
Was ist Old School Bodybuilding? Ich denke, es hängt davon ab wie alt man ist und welchen Zeitraum man als Old School ansieht. Der Ausdruck Old School bedeutet für unterschiedliche Leute auch unterschiedliches. Für mich ist es die Zeit der frühen und mittleren 60er Jahre, das ist der Zeitpunkt den ich heute als „damals vor langer Zeit“ bezeichnen würde. Es war die "goldenen Ära" oder die "goldenen Jahre" des Bodybuildings, aber das wussten wir damals natürlich noch nicht. Ich denke oft darüber nach, wie ich wohl gewesen wäre, wenn das Bodybuilding damals den Stellenwert von heute gehabt hätte. Damals wurden die meisten von uns noch als Gewichtheber bezeichnet, nicht als Bodybuilder… Eigentlich ist es so, dass die meisten von uns sich gegenseitig eher als Gewichtheber anstatt als Bodybuilder bezeichnet haben. Der Begriff "Bodybuilder" oder "Bodybuilding" war damals noch nicht gängig, nicht einmal unter denen von uns die es damals schon selbst betrieben.
Wir waren eine Gruppe die allein für sich war; missverstanden oder besser noch, überhaupt nicht verstanden. Es wurde sich über uns lustig gemacht, mit dem Finger auf uns gezeigt und wir wurden als unnützer Teil der Gesellschaft betrachtet. Sogar andere Leute, die mit Gewichten trainierten, wie Powerlifter und Gewichtheber, sahen auf das Bodybuilding herab.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass Larry Scott Gegenstand mehrerer Diskussionen war, die die Menge an bewegtem Gewicht bei einigen Übungen zum Inhalt hatten. Gewichtheber, wie die damals tonangebende York-Gruppe aus Pennsylvania, konnten nicht nachvollziehen, warum wir Bewegungen ausführten, die darauf ausgerichtet waren den Körper zu formen und nicht darauf maximale Kraft aufzubauen. Bob Hoffman und die York-Gruppe sahen einfach keinen Sinn in dem was wir taten und haben das auch später nicht getan. Ich persönlich denke, dass Hoffman das Bodybuilding nie wirklich akzeptiert hat, er tolerierte es bis zu einem gewissen Grad.
Es war eine besondere Zeit. Die Wirtschaft, das Geschäftsleben und das Leben an sich unterscheiden sich von der heutigen Zeit. Das sagt nicht viel aus, da jede Generation das ebenso von sich behaupten kann. Jede Generation trägt ihre eigenen Überzeugungen und Erinnerungen mit sich herum. Da Gott mir das Glück schenkte, über verschiedene Generationen hinweg leben zu dürfen, kann ich aber ehrlich behaupten, dass die 60er für mich besonders waren. Eine Zeit, für die ich sehr dankbar bin, dass ich sie erleben durfte. Ich glaube ich sollte hier eine Sache klarstellen: Die 60er waren auch die Zeit, in der sich die Hippie-Bewegung über das Land ausbreitete. Ich war kein Teil dieser Bewegung, ich rauchte kein Gras und experimentierte nicht mit Drogen. Ich war einfach nur ein junger Bursche aus dem ländlichen Osten Tennessees, der sich mit Problemen plagte breiter und stärker zu werden um so an die großen, breiten Jungs heranzukommen, die in den Magazinen abgebildet waren. Ich kam sehr gut damit zu Recht introvertiert zu sein und das ist heute auch immer noch so. Ich bin total glücklich, wenn ich für mich allein, nur um des Trainings Willen, trainieren kann. Ich brauche nicht mehr oder weniger als die Liebe zum Eisen.
Die Workouts waren Trainingseinheiten, die Stunden dauerten. Jeder Teil des Körpers wurde jede Woche drei Mal, nicht zwei Mal, nicht ein Mal, nein, drei Mal bis zur vollkommenen Erschöpfung trainiert. Vince Gironda redete von Übertraining. Die meisten von uns, die nicht regelmäßig mit ihm zu tun hatten, lasen oder hörten von seinem Übertrainings-Konzept (Vince nannte es Overtonis) um es sofort als sinnloses Geschwätz abzutun. Viel half viel und wir wollten immer mehr. Wie Larry Scott zu sagen pflegte: "Jede Wiederholung ist ein Satz."
Es ging um das, was jenseits von intensiv ist, das war der Kampf den wir kämpften. Schreie, Entschlossenheit und Hingabe wurden als Ehrenabzeichen angesehen.
Der östliche Teil Tennessees ist meine Heimat und dafür bin ich dankbar. Ich liebe es und kann mir nicht vorstellen irgendeine andere Gegend mein Zuhause zu nennen. Jedoch war es mitten in den 60ern für einen aufstrebenden Bodybuilder nicht der beste Ort, an dem man sein konnte. In meiner Gegend waren die meisten Trainer und Ärzte dagegen Gewichte zu heben und das "Muscle-Bound-Syndrom" (Anmerkung des Übersetzers: der Glaube, dass die Beweglichkeit eines Menschen durch exzessives Muskelwachstum erheblich eingeschränkt sei, er nicht so stark und leistungsfähig sei wie andere, die nicht so große Muskeln hatten. Daher wurde die traditionelle Leibesertüchtigung dem Bodybuilding aus gesundheitlichen Gründen vorgezogen und das Training mit Gewichten als eher Schädlich für die körperliche Entwicklung angesehen.) hielt sich noch hartnäckig. "Du ruinierst Dir nur den Körper", "Du brichst Dir nur was", "was nützen Dir die ganzen Muskeln denn" und "Gewichte heben macht Dich nur lahm" war, was man zu hören bekam. Mein Artikel, "The Carport" (den man in der Artikel-Spalte meiner Webseite finden kann), ist ein Tatsachenbericht meiner Erfahrungen und legt das Erlebte ziemlich exakt dar. Es ist irgendwie lustig, dass gerade diese Ärzte, die so gegen das Bodybuilding wetterten als ich jung war, meine Freunde wurden und meinen Rat einholten, wenn es um die richtigen Methoden und Techniken beim Gewichtheben, Bodybuilding und Fitness ging.
Obwohl ich so stark isoliert war, dass ich nicht täglich und zu jeder Zeit an dem Treiben der Bodybuilding-Szene der Ost- oder Westküste teilhaben konnte, ist es mir glücklicher Weise doch gelungen einige Beziehung zu einflussreichen und hilfreichen Personen der Szene aufzubauen. Joe Wieder, in seinem Union City Büro, kam mir bei jeglichen Anfragen die ich hatte, mehr als nur entgegen. Das erste Treffen mit Joe ist immer noch so in meinem Hirn eingebrannt, als hätte es erst heute Morgen stattgefunden. Aus diesem ersten Treffen ergab sich eine nun mehr als vierzig Jahre lange Freundschaft. Die Bekanntschaft mit dem alternden Ben Wieder war auch so eine Freundschaft, die ich immer in guter Erinnerung behalten werde. Weder Joe noch Ben haben mir jemals auch nur eine Bitte oder Hilfe verweigert und ich kann Euch versichern, dass es derer eine Menge gab. Vince Gironda war ein Schatz. Ich rechne ihm hoch an was er für mich getan hat. Ich hatte damals nicht daran gedacht, dass unsere Beziehung und seine Angebote solch einen Einfluss auf mich haben würden. Rock Stonewall war für mich von so unvorstellbarem Wert, wie er es sich selbst niemals eingestehen würde. Ich erfreute mich an der Energie die er versprühte und an den netten Worten, die er mir gegenüber äußerte, weil sie so motivierend waren. Viele waren beteiligt, deren Namen heute schon fast heilig sind und ich habe an anderer Stelle schon viel von ihnen erzählt. Es gibt unzählige Personen deren Namen man nie in einem Bodybuildingmagazin finden wird, die mich aber dennoch direkt und positiv beeinflusst haben. Eine dieser Personen war Angelo, mein Vater.
Paps half mir mit dem Bodybuilding anzufangen. Mama war eher diejenige, die anfeuerte und Papa derjenige, den man als Quelle für das Wissen braucht. Paps wurde in Paterson, New Jersey, geboren und hatte in seinen jungen Jahren ordentlich trainiert. Er war nie wirklich ein Gewichtheber oder Bodybuilder, aber er hat etliche Stunden Training runter gerissen. Paps folgte dem Charles-Atlas-System und trainierte mit vielen verschiedenen Leuten, wovon der große John Grimek wohl einer der bekanntesten sein dürfte.
Einer von Paps Cousins trainierte regelmäßig mit Grimek. In diesen wie auch in heutigen Tagen bildeten Freundschaften, Beziehungen und Familien all ihre eigenen kleinen Grüppchen. Erzählungen von denen die hierzu gehörten, wie sie es machten und was sie machten, waren die Quellen aus denen ich mein Wissen zog. Paps war kein großer Redner. Die meisten Leute die beim Militär waren erzählten immer wieder gern von ihrer Zeit dort.
Sie erzählten von Ehre und Respekt, verbunden mit tiefer Dankbarkeit die sie füreinander verspürten. Ich hab mir die Geschichtsstunden, die diese Männer da ablieferten, immer gern angehört. Paps kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Patton’s drittem Heer und es wäre einfacher gewesen einen Stummen zum Sprechen zu bewegen, als ihm auch nur ein Wort von damals zu entlocken. Einmal habe ich ihn dazu gebracht etwas über Grimek und die alten Tage mit ihm zu erzählen und selbst da waren die Informationen spärlich und wenig erleuchtend. So ist Paps nun mal.
Ich möchte nicht zu weit ausschweifen während ich die Geschichte erzähle wie ich zum Bodybuilding kam, da es sicherlich tonnenweise Leute gibt, die das Selbe oder Ähnliches durchgemacht haben wie ich. Trotzdem glaube ich, dass es einige Einblicke in die Anfänge des Bodybuildings bringt, da die damalige Zeit sich doch stark von der heutigen unterschied.
Nachdem ich einige Zeit mit Freiübungen - dynamische Spannungsübungen und Fernkurse; dem "George Jowett Fulcrum Lever Course", der dann als der "Ben Rebhuhn American Bodybuilding Club Course" vertrieben wurde, und dem "Joe Weider 7 Lesson Mr. America Course" – zugebracht hatte, fing ich an mit richtigen Gewichten zu trainieren, mit beladenen Lang- und Kurzhanteln. Ab hier begann also die Verwandlung, nichts ist mit freien Gewichten vergleichbar. Das liegt einfach am Klang, am Gefühl und dem Geruch von kaltem Eisen in Deinen Händen. Zugegeben, einige können diesen Geruch nicht leiden, eine nehmen ihn einfach hin und wiederum andere wenden sich deshalb von diesem Sport ab. Man kann kein richtiger Bodybuilder sein, wenn man keine Leidenschaft für den Klang und das Gefühl von Eisen hat. Irgendwann im Laufe der Zeit sollten Maschinen dazukommen um verschiedene Bewegungen zu vereinfachen oder zu unterstützen, aber es lässt sich nichts mit freien Gewichten vergleichen.
Old School bedeutet für mich, dass eine Bank und ein paar Racks mit Lang- und Kurzhanteln beladen sind… kaltes, hartes Eisen, das ist Old School. Ich begann, wie die meisten damals, mit einem Ganzkörperplan, den ich montags, mittwochs und freitags durchzog. Dabei arbeitete ich mich von einem Satz mit zehn Wiederholungen pro Übung rauf bis zu drei Sätzen mit sechs bis zehn Wiederholungen. Nachdem ich das erreicht hatte, machte ich mit einem konventionellen 4er-Split weiter. Da ich sehr dünn war machte ich danach für ungefähr sechs Monate eine ausgiebige Masse-/Kraftaufbau-Phase, bevor ich dann zu einem Split wechselte, bei dem ich sechs Mal die Woche trainieren ging.
Sechs Tage die Woche jeden Körperteil drei Mal pro Woche trainieren: Wenn es Übertraining tatsächlich geben sollte, dann war mein Workout prädestiniert dafür es zu beweisen. Jedes Workout dauerte von eineinhalb bis zu drei Stunden. Letztendlich traf es sich so, dass sich ein 2er-Split, manchmal auch ein 3er-Split, ergab. Ich trainierte nicht um an Wettkämpfen teilzunehmen, ich trainierte für mich selbst, für die Verbesserung die man an sich selber feststellt und für das, was diese für dein Ego bedeutet. Ich kann es nicht wirklich erklären – es ist etwas, das man selber erfahren muss.
Vince Gironda war der erste und damals auch der einzige, der über Übertraining redete.
Heute, da ich zurückschauen kann und mehr über meine ungünstige Genetik weiß, habe ich erkannt, dass ich meinem Körper damals mit all dem vielen Training eher geschadet als geholfen habe. Bedenke noch mal: ich bin drogenfrei, war es immer und werde es auch immer bleiben. Es war für meinen Körper schlichtweg unmöglich sich zu erholen, während ich jede Muskelgruppe so oft und hart trainierte. Unmöglich! Aber davon wusste ich in meiner frühen Zeit und auch lange Zeit später nichts. Im berühmten Mid-City Gym, in New York, sah ich Poole, Draper und andere, über die die damals aktuellen Zeitschriften berichteten, auf dieselbe Art und Weise trainieren. Warum machten die Fortschritte und sahen massiv aus? Wir trainierten doch nach demselben Schema und unsere Diäten glichen sich auch! Die gottgegebene Genetik machte hier den größten Unterscheid, aber das hatte ich zu dieser Zeit noch nicht verstanden. Wenn ich das allerdings damals schon erkannt und meinen Trainingsplan besser meinem Körpertypus angepasst hätte, dann hätte ich wesentlich bessere Fortschritte gemacht. Wenn ich heute darauf zurückblicke, bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es an der Genetik gelegen hat. An zweiter Stelle kommen dann die Entschlossenheit und die Beständigkeit. An dritter Stelle die Diät und die Ernährung und dann macht alles andere Sinn.
Für lange Zeit waren Magazine meine einzige Informationsquelle und nicht das persönliche Gespräch mit anderen. Schließlich änderte sich auch dies durch Bekanntschaften die man machte, aber selbst dann bestand das Training immer noch aus hartem, wildem Herausdrücken einer jeden Wiederholung jedes Satzes, wobei ich bei jedem Workout ans Limit ging. Wurde das so überall im Land gehandhabt? Da bin ich mir nicht so sicher, da einige, die ich von der Ostküste bis nach Kalifornien und vielen kleinen Plätzchen dazwischen kennen gelernt hatte, dasselbe machten wie ich. Von einigen wurde groß berichtet. Für die meisten von uns bestand die "Ehre" damals einfach nur darin zu trainieren und im Studio die eigens gesteckten Ziele zu erreichen, vielleicht eine Erwähnung in einem Magazin, aber es war mit Sicherheit nicht das Erreichen einer Schlagzeile. Zumindest war es das für die meisten von uns nicht. Wir hatten so viele andere Dinge die uns beschäftigten; Arbeit, Schule und einige von uns auch Familien. Damals gab es einen richtigen "Hype", genau wie es heute auch der Fall ist. Aus irgendeinem Grund war es, genau wie auch heute noch, schwierig an ehrliche Berichte über Messungen, Gewichte die bei den Übungen benutzt wurden, Diäten und Supplemente zu kommen. An dieser Seite des Sports hat sich bis heute nichts geändert. Ehrlichkeit in Werbungen und Berichten, in denen es um Bodybuilding geht, ist kaum vorhanden.
Ich war in den Streit zwischen der Bob-Hoffman (York Barbell)-Gang und den Joe Weider (Master Blaster)-Anhängern verwickelt….und oh ja, Dan Lurie und seine Leute beteiligten sich später auch noch daran. Ich fand das alles ganz interessant und hatte Spaß an den Sticheleien und verbalen Attacken, die hier und da ausgeteilt wurden. Ich entwickelte eine Vorliebe und eine Beziehung zu Joe Wieder und seinem Unternehmen. Ich kannte die Hoffman Gruppe durch meinen Vater und dessen Verbindung zu Grimek, aber es war die moderne, gewiefte Werbung von Weider, die meine Aufmerksamkeit erregte. Ich mochte die Informationen nicht nur, ich fand auch dass sie und die Werbung in Joes Zeitschriften moderner und aktueller waren. Neben den moderneren Zeitschriften und Kursen sprachen mich die Supplemente und Produkte von Weider auch eher an, da sie, verglichen mit denen anderer Wettbewerber, modern, sauber und new-age-mäßig aussahen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich nichts bereue und dass ich Joe sicherlich dankbar für all die Dinge bin, die er für mich getan hat und auch für die Art und Weise wie er mich behandelt hat.
Später entwickelte sich das Training zu einer dauernden Folge von Veränderungen. Harten Workouts folgten leichtere. Powertraining, olympisches Gewichtheben und Hardcore-Gewichtheben wechselten sich in meiner Trainingsplanabfolge ab. Manchmal kam der Wechsel ein Mal im Monat, ein anderes Mal hatte ein Trainingsplan nur eine oder zwei Wochen Bestand, hin und wieder wurde auch mal nur alle drei Monate gewechselt. Die Idee dahinter war dauernd zu trainieren, ohne sich eine Pause zu gönnen. Wir taten das, von dem wir dachten, dass es getan werden müsste und schauten nicht zurück. Der kontinuierliche Wechsel gab der Langeweile keine Chance. Außerdem brachte der häufige Wechsel schnellere und anhaltende Zuwächse.
Ein Aspekt des Trainings, die Ausführung der Bewegung, wurde in Zeitschriften und Kursen immer betont, "strikt – volle Dehnung und volle Kontraktion." Als ich ein Neuling war, habe ich diesen Anweisungen genauestens gefolgt. Später, nachdem ich beobachtet und auch tatsächlich mit einigen Stars der damaligen Zeit trainiert hatte, fiel mir auf, dass nicht alle, aber dennoch die meisten, mit teilweisen Wiederholungen und hoher Geschwindigkeit trainierten. Deren Bewegungen hatten überhaupt nichts von voller Dehnung und voller Kontraktion, wie die Zeitschriften es immer vorgaben. Sie machten schwankende Bewegungen mit einem gehörigen Schuss Schwung aus dem Körper. Es gab nur wenige von denen ich weiß, dass sie es anders gemacht haben, aber diese blieben die Ausnahme. Auch stellte ich einen großen Unterschied zwischen Ost- und Westküsten-Bodybuilding fest.
Es war das Tempo in dem das Workout absolviert wurde. Die Bodybuilder von der Westküste trainierten schneller, mit kürzeren Pausen zwischen den Sätzen, während die Bodybuilder der Ostküste längere Pausen zwischen den Sätzen und den Übungen machten.
Damals gab es solche Sachen wie den PC oder das Internet nicht. Keine VHS oder DVDs und ganz sicher kein YouTube. Jegliche Information kam aus eigener Erfahrung oder durch das Lesen von Zeitschriften. Ein Beispiel war das Zusehen bei Sergio Olivas Bizepstraining. Bei Langhantelcurls streckte er die Arme nie ganz durch. Die Bewegungen die er machte waren sehr schnelle und kurze Curls. Die Bewegung hatte höchstens einen Bewegungsumfang von ¾ des normalen Umfangs. Arnold nahm auch viel Schwung aus dem Körper bei seinen Übungen, obwohl auch er ab und an die strikte Ausführung benutzte. Die meiste Zeit machte er es aber mit Schwung und ziemlich ruckartig.
Schließlich lernte ich, mit all den Aspekten des Trainings zu experimentieren. Aufgrund meiner Beobachtungen und dem Training mit vielen erfahreneren und bekannteren Athleten begann ich, ihre schlampigere Art der Ausführung in mein Training zu integrieren. Nicht regelmäßig, aber ab und an tat ich das schon. Meine Workouts waren immer eine Abfolge von regelmäßigen Trainingseinheiten, die dann aus variierenden Bewegungen, Tempos, Sätzen, Wiederholungen und Gewichten bestanden. Grundübungen haben immer Vorrang und Maschinen und Seilzüge werden mit rein geworfen wie ich es eben brauche. Manchmal arbeite ich einfach mit voller Kraft und ein anderes Mal mit starkem Fokus auf die exakte Ausführung der Übung. Leichtere Gewichte gepaart mit höheren Wiederholungszahlen geben mir dann was ich brauche. Insgesamt ein astreines Old School Training. Ich habe gelernt mich auf die Ausführung der Übung zu konzentrieren und wenn man sich stark genug konzentriert kann man ein leichtes Gewicht wählen und es sich schwer anfühlen lassen, wobei man den Muskel auf eine ganz andere Art beansprucht.
Ich habe jede Woche dazugelernt und herumexperimentiert. Ich lernte auch zwischen den Zeilen zu lesen und mehr Zeit damit zu verbringen die Informationen der Artikel auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Nachdem man das Basiswissen zum Thema Bodybuilding verinnerlicht hat, ist alles andere so ziemlich eine Sache des Ausprobierens.
Old School war das Auswendiglernen der Muskeln, was sie taten und wie sie funktionierten, das Skelett verstehen, wie viele Knochen es gibt und wie sie miteinander verbunden sind, das Nervensystem und der Verdauungstrakt, Ernährung und Supplementierung. Das ist Old School und das ist das, was wir gemacht haben. Es war unser Lifestyle, aber nicht alles worum sich unser Leben drehte. Wir hatten andere Sachen zu tun und auch andere Verpflichtungen. Der Sport warf nicht mal für die Allerbesten genug ab um davon leben zu können.
Die Übungen waren grundsolide, elementare Verbundübungen. Es ging mehr darum ja keine Trainingseinheit zu verpassen als um alles andere, die Diäten waren nicht gerade so gestaltet, dass die heutigen Experten auch davon überzeugt gewesen wären. Wir aßen Joghurt, Hüttenkäse, Eier, Fleisch und tranken Milch. Knox Gelatine nahmen wir ebenso als Proteinquelle wie auch Milchpulver, Soja und pulverisiertes Eiklar. Viele von uns haben sich selbst ihre Mixturen zusammengeschüttet. Als ich dann in die glückliche Lage kam etwas Geld übrig zu haben, kaufte ich mir Supplemente. Hoffmans, Weiders, Blairs, Nature’s Best, Luries und viele andere Marken. Ich habe fast alles ausprobiert was es damals gab. Einiges war der reinste Müll, anderes wiederum verdammt gut.
Da ich nun älter bin, wünschte ich mir, dass ich auch von mir sagen könnte, dass ich weiser bin als damals. Wenn ich mir aber die Fehler anschaue, die ich immer noch mache, kann ich das nicht reinen Gewissens behaupten. Ich habe viele Dinge gelernt. Das Old School Bodybuilding ist für mich eine Reise, die mein Leben veränderte und auf der ich immer noch bin. Ich schaue mir die Staturen der damaligen Athleten an und man könnte die Gesichter weg retuschieren und dennoch sagen, welches Gesicht zu diesem Körper gehört. Bei den heutigen Top-Bodybuildern kann ich das so nicht mehr behaupten. Die heutigen Wettkämpfer ähneln sich einfach zu sehr. Versteht mich nicht falsch, ich übe keine Kritik an den heutigen Athleten, ich sage nur was ich denke. Ich mag die Bodybuilder der 60er mehr als die aus allen anderen Zeiten der Bodybuildinggeschichte. Ich sehne mich nach dieser Zeit aus vielen Gründen zurück, nicht nur weil es meine Jugendzeit war.
Ich vermisse die Zeitschriften dieser Ära, die Bodybuilder über die berichtet wurde, die Anzeigen, die Supplemente, Autoren und Fotographen wie den großen Dick Tyler und Artie Zeller. Es war eine Zeit voller schöner Erinnerungen. Die Generationen die nachfolgten interessieren sich heute noch für diese spezielle Zeit und suchen nach Informationen darüber.
Die Zeiten vor den 60ern hatten Reeves, Ross, Delinger, Goldberg und andere hervorragende Bodybuilder. Welchen Zeitraum man auch im Bodybuilding betrachten möchte, die 20er – 30er – 40er – 50er, jede Generation hatte etwas, was es sich verdient hat in unserer Erinnerung zu bleiben. Jede dieser Generationen ist ein kleiner Punkt in der Geschichte des Bodybuildings. Irgendwann werden sie über die 1990er und die 2000er als von einer besondere Zeit in der Geschichte des Bodybuildings reden und es wird viele geben, die auch etwas über diese Zeit lernen und sich informieren möchten. Das Leben und die Zeit bewegen und verändern sich immer weiter.
Bodybuilding und die Bodybuilder sind etwas besonderes, egal aus welcher Generation sie kommen, ganz egal welchen Pfad sie auf der Reise des Bodybuildings einschlagen. Jeder von uns hat so seine Vorlieben; für mich sind das "damals", "das goldene Zeitalter", "die goldene Ära" und "Old School" die 60er Jahre. Sie waren eine Zeit von Träumereien und unrealistischen Visionen, die zum größten Teil nie verwirklicht werden konnten. Sich seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen in der Sonne zu liegen und wenn man das nicht tat zu trainieren, war ein Wunschtraum. Die Anzeigen in den Magazinen propagierten ein Leben das nicht machbar war, von dem es aber Spaß machte zu träumen.
Ich klinke mich nun aus, da ich mich in einen 60er-Jahre-Tagtraum hineingeredet habe.
Ah, die Sonne auf meiner Haut fühlt sich so warm an. Ich lass’ mich grillen und geh’ dann ins Studio. Der Traum ist vorbei! Hat nicht lang gehalten, meine Alte ruft mir zu ich solle den Müll endlich runter bringen… Träume sind wirklich ’ne feine Sache!
Macht’s gut!
Referenzen
- http://pierini-fitness.blogspot.com/2009/07/imaginary-or-real_20.html
- http://en.wiktionary.org/wiki/musclebound