Das Problem bei natürlichen Androgenen
Testosteron ist das wichtigste Androgen im menschlichen Körper und die "Messlatte", mit der alle anderen anabolen Steroide verglichen werden. Leider ist die Bioverfügbarkeit von Testosteron sehr schlecht, wenn man es oral zuführt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Testosteron nicht-oral zu verabreichen - also per Injektion, durch subkutane Implantate oder transdermal mittels Gel oder Pflaster.17alpha alkylierte anabole Steroide
Wissenschaftler haben mehrere synthetische Testosteronabkömmlinge entwickelt, bei denen die orale Bioverfügbarkeit deutlich verbessert worden ist. Die erste synthetische Modifikation, von der die Wissenschaft Gebrauch machte, ist als 17alpha Alkylierung bekannt. Bei der 17alpha Alkylierung wird eine Alkyl-Gruppe (Methyl oder Ethyl) an der alpha-Position des 17. Kohlenstoffatoms im Steroidgrundgerüst angebracht. Durch die Alkylierung an dieser Position wird der Hauptweg zur Deaktivierung des Androgens versperrt - die Oxydation zu einem 17-keto Steroid. Dadurch übersteht ein Großteil des Steroids den First-Pass in der Leber. Beispiele für 17alpha alkylierte Steroide sind Methyltestosteron und Norethandrolon (Nilevar).
Testosteron - keine Alkylierung an Position 17alpha

Methyltestosteron und Norethandrolon - 17alpha alkyliert
Die 17alpha Alkylierung ist eine sehr wirkungsvolle Möglichkeit anabole Steroide oral aktiv zu machen, jedoch hat sie einen großen Nachteil. Denn solche Steroide sind alle zu einem gewissen Grad lebertoxisch. Einige sind gemeiner zur Leber als andere, aber das Problem besteht bei allen. Zu einer Gelbsucht kommt es zwar selten und eher bei Personen, die für Leberprobleme prädisponiert sind - doch möglich ist es. Und auch einige Fälle von Leberkrebs sind mit der Einnahme von 17aa Steroiden in Verbindung gebracht worden, auch wenn das nicht definitiv belegt ist. Auf der anderen Seite wird oft eine Erhöhung Leberwerte, wie z.B. der BSP-Retention beobachtet. Und es kommt auch manchmal zur hepatischen Cholestase (Gallenstau).
Die Gefährlichkeit von 17alpha alkylierten Steroiden ist ein ernstzunehmendes Thema, aber da einige der potentesten anabolen Steroide zu dieser Gruppe gehören, werden sie weiterhin benutzt. Die meisten erfahrenen Bodybuildern wissen aber von der potentiellen Schädlichkeit dieser Steroide und verwenden sie daher mit Bedacht.
Fettlösliche Steroid Derivate
Nach Einnahme gehen die meisten Steroide den Weg über den Darm in den Portalkreislauf. D.h. - sie werden aus dem Darm ins Blut aufgenommen und gelangen dann über die Pfortader zur Leber. Zu den Aufgaben der Leber gehören der Abbau und die Ausscheidung von Stoffwechselprodukten, Medikamenten und Giftstoffen. Folge davon ist, dass nur sehr wenig von dem anabolen Steroid durch die Leber gelangt, wenn es nicht irgendwie geschützt ist. Und daher kann es im Körper auch nicht seine Wirkung entfalten.Außer dem Portalkreislauf gibt es noch einen anderen Weg, über den Substanzen vom Darm in den Körper gelangen können. Wenn eine Substanz ausreichend lipophil (fettlöslich) ist, dann wird sie so wie Fette aus der Nahrung aufgenommen. Fette aus der Nahrung werden nämlich in den sogenannten Chylomikronen inkorporiert - das sind kleine Kügelchen die aus Fett und Eiweiss bestehen. Die Chylomikronen wiederum gelangen in das lymphatische System, über das die Leber umgangen wird. Ändert man daher die Struktur eines Steroids so, dass es fettlöslich genug wird, dann wird es ebenfalls in den Chylomikronen inkorporiert und gelangt so in das lymphatische System. Einmal dort angekommen, kann es in den allgemeinen Blutkreislauf eintreten ohne dem Abbau ausgesetzt zu werden, der in der Leber stattfindet.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass anabole Steroide zu einem gewissen Grad in das lymphatische System gelangen, wenn man sie mit lipophilen Seitenketten ausstattet - an das Steroid also einen Ester anhängt. Wenn die Seitenkette so angebracht wird, dass sie nach Absorption leicht abgespalten (hydrolisiert) werden kann, so wird das Steroid "oral aktiv". Zwei solche Seitenketten, mit denen man die orale Bioverfügbarkeit durch vermehrte lymphatische Absorption verbessert hat, sind langkettige Alkyl-Ester-Gruppen wie bei Testosteron Undecanoat (Andriol), und Enyl-Äther-Gruppen wie bei Quinbolon (Anabolicum Vister).

Testosteron ohne Ester

Andriol und Quinbolon - mit Alky-Ester bzw. Enyl-Äther
"Oral aktiv" ist dabei ein ziemlich "relativer" Begriff. Denn auch wenn ein anaboles Steroid der "lipophilen Art" eher oral aktiv ist als seine nicht modifizierten Eltern, so kommt es in puncto Bioverfügbarkeit doch niemals an 17alpha alkylierte Steroide heran. Testosteron Undecanoat ist das gebräuchlichste Steroid, das man durch einen Ester lipophil gemacht hat. Aber es gilt als wenig potente Substanz - die empfohlene tägliche Dosis liegt bei 240 mg. So kam man dann auch in einer Studie zu der Erkenntnis, dass orales Testosteron Undecanoat gerade mal eine absolute Bioverfügbarkeit von 6,83 +/- 3,32 % besitzt. Das ist nicht gerade wiel - besonders, wenn man berücksichtigt, dass dieselbe Studie bei oraler Gabe von "nacktem" Testosteron auf eine Bioverfügbarkeit von 3,56 +/- 2,45 % kam (Eur J Drug Metab Pharmacokinet 1986 Apr-Jun;11(2):145-9). Das bedeutet dann, dass die Bioverfügbarkeit von Testosteron Undecanoat nur knapp zweimal so hoch liegt, wie die von nicht verestertem Testosteron - und das beeindruckt recht wenig.
Das andere Problem von lipophilen anabolen Steroiden ist die hohe Varianz bei der Aufnahme, wenn man verschiedene Personen betrachtet. Das heißt, dass der eine die Substanz sehr gut aufnehmen wird, der andere dagegen sehr schlecht. Es gibt auch eine hohe Varianz, wenn man einzelne Personen betrachtet - je nachdem, was sich gerade im Magen-Darm-Trakt tut. In einer anderen Studie wurde bei zehn post-menopausalen Frauen die maximale Blutkonzentration nach Gabe von 40 mg Testosteron Undecanoat bestimmt. Die Ergebnisse reichten von 5,8 nmol/L bis 64,0 nmol/L und unterschieden sich damit um den Faktor 10 (J Clin Endocrinol Metab 1998 Nov;83(11): 3920-4).
Es gibt meines Wissens keine Studien, in denen spezifisch die Bioverfügbarkeit von Enyl-Äther-Verbindungen untersucht worden ist. Aber da ihre Funktionsweise die gleiche ist, wie bei langkettigen Alkyl-Ester-Verbindungen (also wie bei Testosteron Undecanoat), kann man wohl annehmen, dass weder die orale Bioverfügbarkeit, noch die Konstanz bei der Aufnahme ausgesprochen gut ausfallen werden. Ich weiß aber, dass das einzige orale Enyl-Äther-Steroid, das es heutzutage auf dem Markt gibt (Quinbolon), bei den europäischen Bodybuildern als so schwach gilt, dass es noch nicht einmal darüber nachzudenken lohnt.
Steroide mit Modifikationen im A-Ring
Es gibt noch eine weitere Klasse von oral aktiven anabolen Steroiden. Diese Steroide haben jeweils eine einzelne strukturelle Modifikation im A-Ring. Solche Modifikationen helfen die 17beta-Hydroxyl-Gruppe des Steroids zu schützen und minimieren so die Oxidation zu einer inaktiven 17-keto-Form.Bei Androgenen wie Testosteron gibt es im Körper immer ein Gleichgewicht zwischen der aktiven 17beta-Hydroxyl- und den inaktiven 17-keto-Formen.

Aktive Hydroxyl-Form (Testosteron) und inaktive Keto-Form (Androstendion)
Normalerweise liegt dieses Gleichgewicht ganz deutlich auf der rechten Seite (also bei den inaktiven 17-keto-Formen). Bei einigen Steroiden mit einer Modifikation im A-Ring verschiebt sich dieses Gleichgewicht jedoch deutlich zur linken Seite hin (also zur aktiven 17beta-Hydroxyl-Variante).
Die gängigsten Modifikationen im A-Ring, die das Gleichgewicht zwischen 17beta-Hydroxyl- und 17-keto-Formen nach links verschieben, sind die Methylierung an der 1alpha-Position und das Einfügen einer c1-2 Doppelbindung (Acta Endocr, 41, (1962) 494). Beispiele für oral aktive anabole Steroide mit einer oder mehreren dieser Modifikationen sind Metenolon (Primobolan), Mesterolon (Proviron) und 1-Testosteron.

Modifikationen im A-Ring bei Mesterolon, Metenolon und 1-Testosteron
Von Mesterolon und Metenolon hat wahrscheinlich jeder schon gehört, der diesen Artikel liest. Von 1-Testosteron eher noch nicht. Dabei handelt es sich bei 1-Testosteron um eine sehr interessante Substanz - nicht nur, weil es oral aktiv ist, sondern auch, weil es eine ausgeprägte anabole Wirkung besitzt. In einer Studie, die vom Pharmariesen Searle durchgeführt wurde, fand man heraus, dass es sieben mal anaboler als Testosteron wirkt (J Org Chem, 27 (1962) 248). Und da es 5alpha-reduziert ist, kann es nicht zu Östrogenen aromatisieren.
Autor: Patrick Arnold