Vorwort
Vor gut 4 Jahren, also Anfang 2003, setzte BBSzene ein Dokument online, das ich nach ca. einem halben Jahr Recherche fertiggestellt hatte - die Prohormon-Fibel. Damals gab es - wenn man von den Studien bei Medline absieht - praktisch keine ernsthafte Literatur zu dem Thema. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Urlaub Ende 2002 die Tauchgänge ausließ, um stattdessen eine der letzten der knapp 20 Medline-Studien in das Dokument einzuarbeiten. Mein Ziel war damals eigentlich ein ganz einfaches. Ich war auf der Suche nach der Wahrheit.Und die kristallisierte sich recht schnell heraus. Die Prohormone, die zu dieser Zeit den Markt dominierten - nämlich DHEA, Androstendion, Androstendiol und auch die Norandro-Prohormone - sind erwiesenermaßen wirkungslos. Angeblich sollten diese Produkte den Testosteron-Spiegel erhöhen, doch in Wirklichkeit gehen eher Östradiol, Östron und Östriol rauf (die weiblichen Hormone also). Testosteron dagegen änderte sich kaum, und eine Wirkung auf die Muskulatur war nicht nachweisbar.

1-Testosteron war also der erste echte "Treffer", den die Supplement-Hersteller landen konnten. Anscheinend hat dieser Erfolg den Markt aber erst richtig angespornt, denn einige Monate nach Erscheinen der PH-Fibel kamen neue Produkte mit neuen Wirkstoffen auf den Markt.
Ich will in diesem neuen Text zunächst einen Rückblick geben, in dem ich zusammenfasse, was sich seit Erscheinen der Prohormon-Fibel auf dem Supplement-Markt getan hat. Anschließend werde ich detailliert auf die einzelnen Substanzen eingehen. Man darf gespannt sein - ich denke, dass ich einige Fakten zusammentragen konnte, von denen man bisher noch nichts gelesen hat. Insbesondere werde ich der Frage nachgehen, wie die Supplement-Hersteller eigentlich auf ihre Kreationen gekommen sind, und wie man diese einzuordnen hat. preview
Rückblick
M1T

- "17alpha-methyl" bedeutet ja, dass der Wirkstoff, genauso wie z.B. Dianabol, die leberschädigende 17alpha-Alkylierung besitzt. Wie kann es sein, dass so etwas in den USA "over the counter" (also rezeptfrei) verkauft wird ?
- Laut DSHEA (Dietary Supplent Health and Education ACT - das amerikanische Supplement-Gesetz) darf ein Wirkstoff nur dann als Supplement verkauft werden, wenn er "naturally occurring" ist, also natürlich vorkommt. Das ist aber bei einem 17alpha-alkylierten Steroid sicher nicht der Fall. Warum durfte es dann überhaupt auf den Markt gebracht werden ?
- Und die interessanteste Frage - wie waren die Supplement-Hersteller darauf gekommen, dass 1-Testosteron mit 17alpha-Alkylierung auch wirklich eine Wirkung besitzt ? Hatten sie es einfach ausprobiert ?
Methyl-Dien

Oxanavar und 4-OH-Testosterone

Auch bei diesen Wirkstoffen war unklar, wie der Hersteller darauf gekommen war. Vor allem die Hydroxygruppe an Position 4 irritierte mich. Denn beim Metabolismus von Steroiden spielen ja bekanntlich auch die CYP 450 Enzyme eine Rolle - und die verrichten ihr Werk, indem sie an diversen Stellen Hydroxy-Gruppen anfügen. Konnten diese Steroide also eine Wirkung haben, oder waren es nur unwirksame Metaboliten ?
THG und Prohormon-Verbot

Patrick Arnold

Don Catlin
Mit dem neuen Verfahren wurden dann viele alte Dopingproben analysiert, außerdem gab es Anfang September 2003 bei Balco eine Hausdurchsuchung, bei der auch diverse Kundendaten sichergestellt werden konnten. Mitte Oktober ließ man schließlich die Bombe platzen und informierte die Presse. Danach verging im Oktober 2003 kaum ein Tag, an dem nicht neue Doping-Fälle ans Licht gekommen wären (siehe z.B.: Zwischenstand THG 30.10.2003. THG entwickelte sich zum größten Doping-Skandal in der amerikanischen Geschichte und zog auch international immer weitere Kreise. So erwischte es auch den britischen 100-Meter-Europameister Dwain Chambers und die griechischen Weltklasse-Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekatherina Thanou.
Pat Arnold selbst musste auch Federn lassen. Im Zusammenhang mit der Balco-Affäre gab es insgesamt fünf Verurteilungen und seine war die letzte. Hat über drei Jahre gedauert, aber am 04.08.2006 holte ihn die Geschichte schließlich ein, und er erhielt 3 Monate Gefängnis (+ 3 Monate Hausarrest). Pat's Kreativität hatte übrigens nicht nur THG hervorgebracht - von "The Clear" gab es verschiedene Versionen. Die beiden anderen waren Norbolethon und DMT (Madol). Im Unterschied zu THG waren diese aber keine Neuentwicklungen sondern alte Bekannte aus den 60er-Jahren, die nie als pharmazeutische Produkte auf den Markt gebracht worden waren.
Man mag sich nun fragen, was die ganze THG-Geschichte mit dem amerikanischen Prohormon-Markt zu tun hat, denn THG wurde ja nicht offiziell als Supplement verkauft, sondern heimlich an Spitzensportler "vertickt". Nun ja - wie man sich denken kann, waren die amerikanischen Politiker "not amused", und die Welle der THG-Enthüllungen rollte Anfang 2004 noch. So brachten sie dann im März 2004 ein neues Gesetz auf den Weg, den "Anabolic Steroid Control Act of 2004". Und der bezog sich nicht nur auf Designer-Steroide wie THG, sondern schloss (mit Ausnahme von DHEA) auch sämtliche Prohormone und die sogenannten "Prosteroide" ein. Das Gesetz passierte Repräsentantenhaus und Senat und wurde am 22.10.2004 von George Bush unterzeichnet. Am 20.01.2005 trat es schließlich in Kraft.
War das nun das Ende der Hormon-Produkte auf dem amerikanischen Supplement-Markt ? Nein, definitiv nicht. Alles, was bis dahin an Wirkstoffen aufgetaucht war und in dem neuen Gesetz aufgelistet wurde (siehe z.B. Anabolic Steroid Control Act of 2004), konnte nun natürlich nicht mehr verkauft werden. Aber es ist ein großer Unterschied in den USA, ob man es mit der Anti-Doping-Agentur USADA oder nur mit der FDA (Food and Drug Administration) zu tun hat, die für den Supplement-Markt zuständig ist. Und so kamen die Supplement-Hersteller einfach mit neuen Wirkstoffen auf den Markt, die nicht auf der Liste standen.
Superdrol

FiniGenX Magnum

Auch von FinGenX gab es später Klone, so z.B. TrenaPlex (BCS Labs) und Tren-X (Juggernaut Nutrition).
Madol aka DMT aka ErgoMax LMG

Tja, wenn man sich diese Zusammenhänge vor Augen führt, dann kann man sich wohl ein Schmunzeln nicht verbeißen, zumindest ging es mir so. Die WADA entdeckt ein neues Designer-Steroid und stellt rechtzeitig zur Markteinführung fest, dass sie diesmal die Nase vorn hat.
Auch DMT wurde später noch von vielen anderen Hersteller auf den Markt gebracht, z.B. Phera-Plex (Anabolic Xtreme), Methyl-Plex XT (SNS), Phera-Max (Generic Labz), Phera-Bol (Juggernaut Nutrition), Phera-Vol (EST) und D-Stianozol (Fast Action Nutrition).
Prostanozol

Der Wirkstoff aus Prostanozol wurde unter anderen Produktnamen auch noch von wenigstens zwei weiteren Herstellern verkauft: Orastan-E (Gaspari Nutrition) und WinZtrol (Juggernaut Nutrition).
Halodrol

Auch Halodrol wurde vielfach kopiert - Klone gab (bzw. gibt) es unter den Namen Halo-Mass (BCS Labs), Oral Turinadrol (Juggernaut Nutrition), H-Drol (CEL), Hemadrol (EST), MethAndrol-50 (Webber) und H-DROL (Fast Action Nutrition).
Washington Post macht Ärger
Das Jahr 2005 war bisher ein gutes Jahr für die Hersteller von Hormon-Supplements gewesen, doch im Oktober kündigte sich erneut Unheil an. Diesmal in Form des Artikels Chemists Stay a Step Ahead of Drug Testers, der am 18.10.2005 bei der Washington Post erschien. Die wissbegierigen Journalisten hatten sich nämlich im August fünf Produkte über das Internet bestellt, und diese dem Anti-Doping-Spezialisten Don Catlin zur Analyse überlassen. Also genau demselben Don Catlin, der zwei Jahre zuvor die Struktur von THG entschlüsselt hatte. Bei den Produkten handelte es sich um Methyl 1-P (Legal Gear), Prostanozol (ALRI), ErgoMax LMG (ALRI), FiniGenX Magnum (PharmaGenX) und Superdrol (Anabolic Xtreme). Also die "Haut-Couture" auf dem Supplement-Markt. Und Catlin's Urteil fiel recht deutlich aus:- Alle Produkte enthalten anabole Steroide.
- In vier Produkten sind bisher unbekannte Steroide.
- ErgoMax LMG enthält das anabole Steroid DMT (Madol).
- Die Wirkstoffbezeichnungen auf den Etiketten der Produkte sind unkorrekt.
- Methasteron (bei Superdrol) und Pherobolix (bei ErgoMax) haben keinerlei wissenschaftliche Bedeutung.
- Bei Prostanozol ist die Formel zwar angegeben, aber es wird eine veraltete Nomenklatur verwendet.
- Methyl 1-P enthält zwei Wirkstoffe: ein synthetisches anaboles Steroid und ein Progestin. Aber der Inhalt stimmt nicht mit dem überein, was auf dem Label steht.
Drei Tage später (26.10.2005) dann noch ein Artikel, in dem zu lesen war, dass der erste Hersteller aufgibt. ALRI nahm seine Produkte Prostanozol und ErgoMax LMG vom Markt.
Ein wenig anders klang dann schon der nächste Text, der am 10.11.2005 unter Congress Unhappy With FDA erschien. Es ging hier nochmal um den Kongressabgeordneten Davis, dem die 5-seitige Antwort der FDA (ergänzt um einen 28-seitigen Anhang) wohl etwas zu allgemein gehalten war. Er hätte sich lieber eine Antwort mit mehr Fakten gewünscht, auch wenn diese später gekommen wäre. Ansonsten fand er noch, dass die Maßnahmen der FDA unzureichend wären. Diese sahen so aus, dass die FDA begonnen hatte, die Sachverhalte in dem Artikel vom 18.10.2005 zu untersuchen und deshalb Don Catlin um weitere Informationen gebeten hatte. Denn der hatte ja die Produkte untersucht.
Auch die DEA (Drug Enforcement Agency), die wohl wesentlich mehr Ärger hätte machen können, zeigte sich an dem Fall interessiert. Allerdings reicht die Befugnis der DEA bei Steroiden nicht sehr weit, einen "emrgency ban" konnte sie daher nicht verhängen.
Aber die Washington Post und Don Catlin wollten es dann doch noch wissen - am 30.11.2005 nahmen sie mit einem weiteren Text (Steroids Detected In Dietary Tablets) Halodrol-50 von Gaspari Nutrition aufs Korn. Das, was Catlin zu sagen hatte, klang ähnlich wie schon zuvor:
- Es enthält eine anaboles Steroid, das dem bekannten Oral Turinabol sehr ähnlich ist.
- Es enthält auch DMT.
- Das, was der Hersteller auf der Verpackung als Inhaltsstoff angibt ("polydehydrogenated, polyhydroxylated halomethetioallocholane"), ist "Hokus-Pokus".
Anscheinend war der Post aber noch eine andere E-Mail zugespielt worden - die hatte Gaspari Nutrition an einen Distributor geschickt. Und darin war zu lesen, dass für Halodrol-50 (und Orastan-E) auf der Gaspari-Website keine Werbung mehr gemacht werden würde, dass man es aber weiter an ausgewählte Kunden verkaufen sollte, und dass man hoffe, Presse und Regierung würden sich nun auf andere Firmen konzentrieren ...
Bis die FDA dann konkret etwas unternahm, sollte es aber noch drei Monate dauern. Anfang März wurden vier "Warning Letters" an Firmen verschickt, die Methyl 1-P und Superdrol weiterhin verkauften. Diese gingen an Affordable Supplements, Anabolic Resources, Legal Gear und Supplementstogo.com. "Warning Letter" bedeutet in dem Fall, dass den Firmen eine Frist von 15 Tagen gesetzt wird, innerhalb derer sie die FDA unterrichten müssen, welche Maßnahmen sie eingeleitet haben. Auch der Washington Post war dies unter Companies Receive Warning From FDA noch einmal einen Artikel wert.
Und danach schien die Sache praktisch niemanden mehr zu interessieren. Bemerkenswert auch, dass von allen Produkten, die aufgrund der Washington Post Story vom Markt genommen wurden, anschließend "Klone" aufgetaucht sind. Die hießen dann natürlich anders, und die Bezeichnungen auf dem Etikett wurden umformuliert.
Habe mich eben zum Spaß mal durch das Sortiment von Bodybuilding.com geklickt - und da gibt es auch jetzt noch Klone von Methyl 1-P, ErgoMax LMG und Superdrol.
Vergleicht man die Folgen der Washington Post Geschichte mit den Aktivitäten, die die Entdeckung von THG augelöst hatte, dann sollte klar werden, von welchen staatlichen Institutionen in den USA der größere Ärger droht. Es scheint aber auch nicht so zu sein, dass die FDA gar nichts tut. Denn es passiert immer mal wieder, dass ein an sich erfolgreiches Produkt plötzlich vom Markt genommen wird.
Orastan-A
Mitte 2006 brachte Gaspari Nutrition noch eine Variante des Produktes Orastan heraus, diesmal mit dem Namen Orastan-A (statt Orastan-E). Während das ältere Orastan-E den gleichen Wirkstoff wie Prostanozol (ALRI) enthielt, war Orastan-A etwas Neues. Der Wirkstoff (5alpha-androstano[2,3-c]furazan-17beta-tetrahydropyranol) besitzt prinzipiell die Struktur von Furazabol mit dem Unterschied, dass Orastan-A nicht 17alpha-alkyliert ist. Also ein DHT-Abkömmling, der einen Furazan-Ring analog zum Pyrazol-Ring (bei Winstrol) besitzt.Havoc

Lässt man bei Mepitiostane den Ester weg, dann erhält man das sogenannte Epitiostanol. Und versieht man die Struktur statt dem Ester mit einer 17alpha-Alkylierung, dann hat man den Wirkstoff von Havoc, nämlich 2alpha,3alpha-epithio-17alpha-methyl-17beta-hydroxy-5alpha-androstan, auch Epistane genannt.
Auch von Havoc gibt es mittlerweile ein Klon-Produkt. Dieses heißt Hemaguno (Spectra Force) und ist Anfang 2007 herausgebracht worden.
Ausblick
Tja, der amerikanische Hormon-Supplement-Markt hat offensichtlich eine bewegte Geschichte hinter sich und außer den Produkten, die ich hier kurz angerissen habe, sind seit 2003 natürlich auch noch eine Menge andere erschienen, die mir aber nicht so interessant vorgekommen sind. Dazu gehören auch die Progestin-Varianten, wie z.B. Methoxy-TRN (ALRI) oder Methyl 1-P. Auch möchte ich nicht näher auf Sachen eingehen, die offensichtlich nichts bringen, wie z.B. Methyl 1-D (ein Produkt von Legal Gear mit DHEA als Wirkstoff) oder auf Produkte, bei denen auch heute noch völlig unklar ist, welchen Wirkstoff sie eigentlich enthalten (z.B. Methyl 1-Alpha, ebenfalls von Legal Gear).Die Frage, wie die Hersteller auf alle diese Wirkstoffe gekommen sind, habe ich bisher offen gelassen. Die Antwort dazu werdet ihr im nächsten Teil dieser Reihe erfahren. Sie liegt weit in der Vergangenheit bei einem Mann namens Julius Vida, der 1969 ein Buch fertiggestellt hat, von dem es heute in Deutschland nur noch ein einziges Exemplar gibt. Das Buch heißt Androgens and Anabolic Agents, und es enthält das geballte Wissen über anabole Steroiden aus den 50er und 60er Jahren. Ganz offensichtlich war dieses Buch der Schlüssel zu allen wirksamen Kreationen, die in den letzten Jahren auf Prohormon-Markt erschienen sind. Man darf also gespannt sein.