Vorwort

Vor gut 4 Jahren, also Anfang 2003, setzte BBSzene ein Dokument online, das ich nach ca. einem halben Jahr Recherche fertiggestellt hatte - die Prohormon-Fibel. Damals gab es - wenn man von den Studien bei Medline absieht - praktisch keine ernsthafte Literatur zu dem Thema. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Urlaub Ende 2002 die Tauchgänge ausließ, um stattdessen eine der letzten der knapp 20 Medline-Studien in das Dokument einzuarbeiten. Mein Ziel war damals eigentlich ein ganz einfaches. Ich war auf der Suche nach der Wahrheit.

Und die kristallisierte sich recht schnell heraus. Die Prohormone, die zu dieser Zeit den Markt dominierten - nämlich DHEA, Androstendion, Androstendiol und auch die Norandro-Prohormone - sind erwiesenermaßen wirkungslos. Angeblich sollten diese Produkte den Testosteron-Spiegel erhöhen, doch in Wirklichkeit gehen eher Östradiol, Östron und Östriol rauf (die weiblichen Hormone also). Testosteron dagegen änderte sich kaum, und eine Wirkung auf die Muskulatur war nicht nachweisbar.

1-Testosteron
Also alles Humbug ? Nicht ganz, denn schon 2002 war ein Produkt auf dem Supplement-Markt erschienen, das anders war als der Rest. Und das hieß 1-Testosteron. Interesanterweise hatte man diesen Wirkstoff (Androst-1-ene) unter der Bezeichnung "Steroidsubstanz 082" auch schon zu DDR-Zeiten näher unter die Lupe genommen und wohl für ziemlich aussichtsreich gehalten. In der Prohormon-Fibel ist nachzulesen, welche Erfahrungen ich selbst damit gemacht habe - es hatte eine deutliche Wirkung, die etwas stärker als ausfiel als bei oralem Primobolan.

1-Testosteron war also der erste echte "Treffer", den die Supplement-Hersteller landen konnten. Anscheinend hat dieser Erfolg den Markt aber erst richtig angespornt, denn einige Monate nach Erscheinen der PH-Fibel kamen neue Produkte mit neuen Wirkstoffen auf den Markt.

Ich will in diesem neuen Text zunächst einen Rückblick geben, in dem ich zusammenfasse, was sich seit Erscheinen der Prohormon-Fibel auf dem Supplement-Markt getan hat. Anschließend werde ich detailliert auf die einzelnen Substanzen eingehen. Man darf gespannt sein - ich denke, dass ich einige Fakten zusammentragen konnte, von denen man bisher noch nichts gelesen hat. Insbesondere werde ich der Frage nachgehen, wie die Supplement-Hersteller eigentlich auf ihre Kreationen gekommen sind, und wie man diese einzuordnen hat. preview

Rückblick

M1T

Methyl-1-Testosteron
Den Anfang der neuen Generation von Wirkstoffen machte M1T (Methyl-1-Testosteron), bei dem man das an sich schon recht wirkungsvolle 1-Testosteron noch einmal chemisch modifiziert hatte. Als ich zum ersten Mal die chemische Formel von M1T vor Augen hatte, fragte ich mich, ob das wirklich sein kann. Denn da tauchte plötzlich das Kürzel "17alpha-methyl" vor dem "Androst-1-ene" auf. Und daraus ergaben sich Fragen, die sich zunächst nicht so einfach beantworten ließen.
  1. "17alpha-methyl" bedeutet ja, dass der Wirkstoff, genauso wie z.B. Dianabol, die leberschädigende 17alpha-Alkylierung besitzt. Wie kann es sein, dass so etwas in den USA "over the counter" (also rezeptfrei) verkauft wird ?
  2. Laut DSHEA (Dietary Supplent Health and Education ACT - das amerikanische Supplement-Gesetz) darf ein Wirkstoff nur dann als Supplement verkauft werden, wenn er "naturally occurring" ist, also natürlich vorkommt. Das ist aber bei einem 17alpha-alkylierten Steroid sicher nicht der Fall. Warum durfte es dann überhaupt auf den Markt gebracht werden ?
  3. Und die interessanteste Frage - wie waren die Supplement-Hersteller darauf gekommen, dass 1-Testosteron mit 17alpha-Alkylierung auch wirklich eine Wirkung besitzt ? Hatten sie es einfach ausprobiert ?

Methyl-Dien

Methyl-D
Mit Methyl-D (Gaspari Nutrition), auch verkauft als M-Dien (Xtreme Formulations) und MaxMethyl-Dien (ALRI) erblickte kurz darauf ein weiteres Produkt das Licht der Welt, das ich noch weniger verstand. Methyl-D ist ein 17alpha-alkylierter Nandrolon-Abkömmling, der strukturell dem "Übersteroid" Metribolon ziemlich ähnlich ist. Es unterscheidet sich von Metribolon an einer Stelle - es fehlt die sogenannte 11-12 Doppelbindung. Wie waren die Supplement-Hersteller auf diesen Wirkstoff gekommen ? Wenn man z.B. über Medline danach sucht, dann findet man schlicht und einfach gar nichts. Methyl-D ist zwar ähnlich aufgebaut wie Metribolon, aber ich wusste aus der Literatur, dass schon geringe Modifikationen am Steroidgrundgerüst die Wirkung einer Substanz grundlegend ändern können. Und die meisten Wirkstoffe, die man in den 50er und 60er Jahren ausprobiert hatte, waren schlicht wirkungslos. Dass die Supplement-Hersteller sich den Wirkstoff selbst ausgedacht hatten, schien mir deshalb recht unwahrscheinlich. So etwas wäre nämlich äußerst aufwendig und teuer, weil man die Substanzen zumindest im Tierversuch ausprobieren müsste. War es vielleicht möglich, dass stattdessen jemand alte Forschungsergebnisse aus den 60er Jahren ausgegraben hatte ?

Oxanavar und 4-OH-Testosterone

Oxanavar
Zwei weitere Wirkstoffe brachte der Hersteller H.M. Gear auf den Markt - Oxanavar und 4-OH-Testosterone. Oxanavar klingt nach Oxandrolon, ist aber ebenfalls ein 17alpha-alkylierter Nandrolon-Abkömmling mit einer Hydroxygruppe an Postion 4 des Steroidgrundgerüsts. Daraus ergibt sich dann auch das Kürzel für den Wirkstoffnamen: M4ohn (Methyl-4OH-Nandrolon). 4-OH-Testosteron hat die Struktur von Testosteron selbst, wobei aber an Position 4 ebenfalls eine Hydroxygruppe angebracht ist.
Auch bei diesen Wirkstoffen war unklar, wie der Hersteller darauf gekommen war. Vor allem die Hydroxygruppe an Position 4 irritierte mich. Denn beim Metabolismus von Steroiden spielen ja bekanntlich auch die CYP 450 Enzyme eine Rolle - und die verrichten ihr Werk, indem sie an diversen Stellen Hydroxy-Gruppen anfügen. Konnten diese Steroide also eine Wirkung haben, oder waren es nur unwirksame Metaboliten ?

THG und Prohormon-Verbot

Patrick Arnold
Patrick Arnold
Während die Supplement-Hersteller im Jahr 2003 so munter an ihren neuesten Kreationen werkelten, ahnten sie wahrscheinlich noch nicht, dass sich da gerade reichlich Unbill über ihnen zusammenbraute. Wesentlichen Anteil an diesem Unbill hatte ironischerweise genau der Mann, der im Jahr 1996 mit Androstendion das erste Prohormon auf den Markt gebracht hatte. Gemeint ist Patrick Arnold, Leiter der Supplement-Firma ERGOPHARM. Keine Ahnung, ob dem studierten Chemiker einfach langweilig geworden war, auf jeden Fall war er auch noch für Victor Conte, den Chef von Balco Labs im kalifornischen Burlingame tätig. Und für den synthetisierte er eine Substanz, die im Oktober 2003 weltweit einen hohen Bekanntheitsgrad erlangen und den Begriff "Designer-Steroid" prägen sollte - Tetrahydrogestrinon (THG). Den Wirkstoff nannten sie auch "The Clear", und wenn Conte in seinen E-Mails von "The Clearman" sprach, dann meinte er damit Pat Arnold.

Don Catlin
Don Catlin
Die Konsumenten von dem Stoff waren (größtenteils) amerikanische Spitzensportler, die "The Clear" sehr geschätzt haben müssen. Das lag sicher auch an der Wirkung, aber hauptsächlich hatte THG den Vorteil, dass es beim herkömmlichen Doping-Screening unsichtbar blieb und damit nicht nachzuweisen war. Wie anhand von diversen Mails rekonstruiert werden konnte, hatte Pat Arnold THG Anfang 2001 fertiggestellt, und bald darauf begann es für sportliche Bestleistungen zu sorgen. Das Ganze ging gut bis ein rachsüchtiger Trainer (Trevor Graham), der sich wohl mit Victor Conte zerstritten hatte, im Juni 2003 die amerikanische Anti-Doping-Agentur (USADA) anrief und von einem nicht nachweisbaren Steroid erzählte. Kurz darauf schickte er der USADA noch eine THG-Spritze. Das rief den Anti-Doping-Spezialisten Don Catlin (aus dem Dopinglabor an der Universität UCLA in Los Angeles) auf den Plan. Und der quälte sein Massenspektrometer so lange, bis er die unbekannte Substanz identifiziert hatte, die da in der Spritze war. Anschließend synthetierte Catlin den Wirkstoff selbst und entwickelte darauf basierend ein Nachweisverfahren.

Mit dem neuen Verfahren wurden dann viele alte Dopingproben analysiert, außerdem gab es Anfang September 2003 bei Balco eine Hausdurchsuchung, bei der auch diverse Kundendaten sichergestellt werden konnten. Mitte Oktober ließ man schließlich die Bombe platzen und informierte die Presse. Danach verging im Oktober 2003 kaum ein Tag, an dem nicht neue Doping-Fälle ans Licht gekommen wären (siehe z.B.: Zwischenstand THG 30.10.2003. THG entwickelte sich zum größten Doping-Skandal in der amerikanischen Geschichte und zog auch international immer weitere Kreise. So erwischte es auch den britischen 100-Meter-Europameister Dwain Chambers und die griechischen Weltklasse-Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekatherina Thanou.

Pat Arnold selbst musste auch Federn lassen. Im Zusammenhang mit der Balco-Affäre gab es insgesamt fünf Verurteilungen und seine war die letzte. Hat über drei Jahre gedauert, aber am 04.08.2006 holte ihn die Geschichte schließlich ein, und er erhielt 3 Monate Gefängnis (+ 3 Monate Hausarrest). Pat's Kreativität hatte übrigens nicht nur THG hervorgebracht - von "The Clear" gab es verschiedene Versionen. Die beiden anderen waren Norbolethon und DMT (Madol). Im Unterschied zu THG waren diese aber keine Neuentwicklungen sondern alte Bekannte aus den 60er-Jahren, die nie als pharmazeutische Produkte auf den Markt gebracht worden waren.

Man mag sich nun fragen, was die ganze THG-Geschichte mit dem amerikanischen Prohormon-Markt zu tun hat, denn THG wurde ja nicht offiziell als Supplement verkauft, sondern heimlich an Spitzensportler "vertickt". Nun ja - wie man sich denken kann, waren die amerikanischen Politiker "not amused", und die Welle der THG-Enthüllungen rollte Anfang 2004 noch. So brachten sie dann im März 2004 ein neues Gesetz auf den Weg, den "Anabolic Steroid Control Act of 2004". Und der bezog sich nicht nur auf Designer-Steroide wie THG, sondern schloss (mit Ausnahme von DHEA) auch sämtliche Prohormone und die sogenannten "Prosteroide" ein. Das Gesetz passierte Repräsentantenhaus und Senat und wurde am 22.10.2004 von George Bush unterzeichnet. Am 20.01.2005 trat es schließlich in Kraft.

War das nun das Ende der Hormon-Produkte auf dem amerikanischen Supplement-Markt ? Nein, definitiv nicht. Alles, was bis dahin an Wirkstoffen aufgetaucht war und in dem neuen Gesetz aufgelistet wurde (siehe z.B. Anabolic Steroid Control Act of 2004), konnte nun natürlich nicht mehr verkauft werden. Aber es ist ein großer Unterschied in den USA, ob man es mit der Anti-Doping-Agentur USADA oder nur mit der FDA (Food and Drug Administration) zu tun hat, die für den Supplement-Markt zuständig ist. Und so kamen die Supplement-Hersteller einfach mit neuen Wirkstoffen auf den Markt, die nicht auf der Liste standen.

Superdrol

Superdrol
Noch Ende 2004 platzierte der Hersteller Designer Supplements sein neues Produkt Superdrol. Damit war erstmals ein Wirkstoff auf dem Markt, dessen Nähe zu einem bekannten anabolen Steroid eigentlich unübersehbar war. Superdrol ist nämlich nichts anderes als 17alpha-alkyliertes Masteron. Also ein DHT-Abkömmling mit einer Methyl-Gruppe an Position 2 und einer 17alpha-Alkylierung. Den gleichen Wirkstoff gab es später noch von vielen anderen Herstellern, z.B. Methyl-Drol (SNS), Methyl Masterdrol (Legal Gear), M-Drol (CEL), Methyl Vol (EST), Methyl DX3 (PEI) und S-Drol (Fast Action Nutrition).

FiniGenX Magnum

FiniGenX Magnum
Im Jahr 2004 erschien auch noch FiniGenX Magnum von PharmaGenX auf dem Markt. Sein Wirkstoff ist angegeben mit "19-Norandrosta-4, 9 diene-3-,17-dione". Also so eine Art entschärftes Methyl-Dien, ohne 17alpha-Alkylierung und mit einer Keto-Gruppe (statt einer Hydroxy-Gruppe) an Position 17. In der Werbung hieß es, dass es keinen anderen Wirkstoff gibt, der Trenbolon ähnlicher ist. Aber Werbung ist bekanntlich geduldig, und mit der 17-Keto-Grupppe gehört FiniGenX eher in die Prohormon-Ecke und ist kein oder nur ein wenig aktives Hormon.
Auch von FinGenX gab es später Klone, so z.B. TrenaPlex (BCS Labs) und Tren-X (Juggernaut Nutrition).

Madol aka DMT aka ErgoMax LMG

ErgoMax LMG
Der Knaller kam im Februar 2005 von ALRI: ErgoMax LMG. Zunächst war nicht klar, was es enthielt, aber bald wurde bekannt, dass der Hersteller hier eine von Pat Arnold's "The Clear"-Varianten abgefüllt hatte. Und zwar DMT (Desoxymethyltestosteron), das in den 60er Jahren schon einmal unter dem Namen Madol patentiert worden war. Interessanterweise kam ErgoMax genau dann auf den Markt, als die WADA (World-Anti-Doping-Agency) der Presse verkündete ein neues Designer-Steroid namens "Desoxymethyltestosteron" entdeckt zu haben. Im Dezember 2003 war ein Sprinter namens Derek Dueck mit einer ganzen Ladung Ampullen an der kanadischen Grenze erwischt worden - angeblich 70 Ampullen STH, 1 Ampulle THG und dann auch noch eine oder mehrere Ampullen mit einer unbekannten Substanz. Anscheinend hat die WADA später einen anonymen Hinweis per E-Mail erhalten, in der auf die Geschichte aufmerksam gemacht wurde, was dazu führte, dass man die Sache bald mit Nachdruck verfolgte. Die Entschlüsselung des Wirkstoffs begann. Nachdem das geschafft war, wurden ähnlich wie nach der THG-Entdeckung monatelang alte Urinproben auf den Wirkstoff getestet. Aber die waren alle negativ. Oliver Rabin, wissenschaftlicher Direktor von der WADA verkündete daher Anfang Februar 2005: "Wir glauben, dass DMT nicht benutzt worden ist, und dass wir diesmal den Dopern einen Schritt voraus waren".
Tja, wenn man sich diese Zusammenhänge vor Augen führt, dann kann man sich wohl ein Schmunzeln nicht verbeißen, zumindest ging es mir so. Die WADA entdeckt ein neues Designer-Steroid und stellt rechtzeitig zur Markteinführung fest, dass sie diesmal die Nase vorn hat.
Auch DMT wurde später noch von vielen anderen Hersteller auf den Markt gebracht, z.B. Phera-Plex (Anabolic Xtreme), Methyl-Plex XT (SNS), Phera-Max (Generic Labz), Phera-Bol (Juggernaut Nutrition), Phera-Vol (EST) und D-Stianozol (Fast Action Nutrition).

Prostanozol

Prostanozol
Mitte 2005 brachte ALRI ein weiteres Produkt heraus, bei dem die Nähe zu einem bekannten anabolen Steroid sehr deutlich war - Prostanozol. Diesmal war auch der Wirkstoff ziemlich unverschleiert angegeben: "[3,2-c]pyrazole-5alpha-etioallocholane-17beta-tetrahydropyranol". Das ist im Prinzip die Formel von Stanozolol (Winstrol) ohne 17alpha-Alkylierung. Das "tetrahydropyranol" am Ende bedeutet, dass der Wirkstoff genauso wie auch schon 1-Testosteron mit einem Äther versehen ist, der wohl die orale Aufnahme ermöglichen soll. Ein kleiner Kunstgriff bei der Wirkstoffbezeichnung ist das Kürzel "etioallocholane". Das ist nämlich einfach ein anderer Begriff für "androst". Man findet das seit dem Prohormone-Ban des öfteren, genauso wird gerne "etiocholan" statt "androstan" verwendet.
Der Wirkstoff aus Prostanozol wurde unter anderen Produktnamen auch noch von wenigstens zwei weiteren Herstellern verkauft: Orastan-E (Gaspari Nutrition) und WinZtrol (Juggernaut Nutrition).

Halodrol

Halodrol
Im Herbst 2005 hatte Gaspari Nutrition die Nase vorn und brachte sein neues Produkt Halodrol-50 auf den Markt. Auch hier wurde eine Weile gerätselt, was es eigentlich enthielt, da die Beschreibung des Inhalts mit "polydehydrogenated, polyhydroxylated halomethetioallocholane" zwar recht ausfürlich klingt, aber in Wirklichkeit nichtssagend ist. Das Geheimnis wurde Anfang November 2005 gelüftet, wie bei Bodybuilding.com nachgelesen werden kann. Demnach enthält Halodrol "4-chlorodehydromethylandrost-4-ene-3,17b-diol" und ist damit so eine Art Prohormon von Oral Turinabol mit einer Hydroxy- statt einer Keto-Gruppe an Position 3. Mit Halodrol war also erneut ein Produkt auf dem Markt erschienen, bei dem man die Struktur eines bekannten anabolen Steroids geringfügig verändert hatte.
Auch Halodrol wurde vielfach kopiert - Klone gab (bzw. gibt) es unter den Namen Halo-Mass (BCS Labs), Oral Turinadrol (Juggernaut Nutrition), H-Drol (CEL), Hemadrol (EST), MethAndrol-50 (Webber) und H-DROL (Fast Action Nutrition).

Washington Post macht Ärger

Das Jahr 2005 war bisher ein gutes Jahr für die Hersteller von Hormon-Supplements gewesen, doch im Oktober kündigte sich erneut Unheil an. Diesmal in Form des Artikels Chemists Stay a Step Ahead of Drug Testers, der am 18.10.2005 bei der Washington Post erschien. Die wissbegierigen Journalisten hatten sich nämlich im August fünf Produkte über das Internet bestellt, und diese dem Anti-Doping-Spezialisten Don Catlin zur Analyse überlassen. Also genau demselben Don Catlin, der zwei Jahre zuvor die Struktur von THG entschlüsselt hatte. Bei den Produkten handelte es sich um Methyl 1-P (Legal Gear), Prostanozol (ALRI), ErgoMax LMG (ALRI), FiniGenX Magnum (PharmaGenX) und Superdrol (Anabolic Xtreme). Also die "Haut-Couture" auf dem Supplement-Markt. Und Catlin's Urteil fiel recht deutlich aus:
  • Alle Produkte enthalten anabole Steroide.
  • In vier Produkten sind bisher unbekannte Steroide.
  • ErgoMax LMG enthält das anabole Steroid DMT (Madol).
  • Die Wirkstoffbezeichnungen auf den Etiketten der Produkte sind unkorrekt.
    • Methasteron (bei Superdrol) und Pherobolix (bei ErgoMax) haben keinerlei wissenschaftliche Bedeutung.
    • Bei Prostanozol ist die Formel zwar angegeben, aber es wird eine veraltete Nomenklatur verwendet.
    • Methyl 1-P enthält zwei Wirkstoffe: ein synthetisches anaboles Steroid und ein Progestin. Aber der Inhalt stimmt nicht mit dem überein, was auf dem Label steht.
Und die Sache schien zu eskalieren - fünf Tage später (am 23.10.2005) folgte der nächste Artikel unter dem Titel Davis Gives FDA Deadline for Steroid Explanation. Hier setzte der Kongressabgeordnete Thomas M. Davis der FDA eine Art Ultimatum bis zum 7. November. Die FDA sollte darstellen, was getan wird um sicherzustellen, dass "Dietary Supplements" keine anabolen Steroide enthalten.

Drei Tage später (26.10.2005) dann noch ein Artikel, in dem zu lesen war, dass der erste Hersteller aufgibt. ALRI nahm seine Produkte Prostanozol und ErgoMax LMG vom Markt.

Ein wenig anders klang dann schon der nächste Text, der am 10.11.2005 unter Congress Unhappy With FDA erschien. Es ging hier nochmal um den Kongressabgeordneten Davis, dem die 5-seitige Antwort der FDA (ergänzt um einen 28-seitigen Anhang) wohl etwas zu allgemein gehalten war. Er hätte sich lieber eine Antwort mit mehr Fakten gewünscht, auch wenn diese später gekommen wäre. Ansonsten fand er noch, dass die Maßnahmen der FDA unzureichend wären. Diese sahen so aus, dass die FDA begonnen hatte, die Sachverhalte in dem Artikel vom 18.10.2005 zu untersuchen und deshalb Don Catlin um weitere Informationen gebeten hatte. Denn der hatte ja die Produkte untersucht.
Auch die DEA (Drug Enforcement Agency), die wohl wesentlich mehr Ärger hätte machen können, zeigte sich an dem Fall interessiert. Allerdings reicht die Befugnis der DEA bei Steroiden nicht sehr weit, einen "emrgency ban" konnte sie daher nicht verhängen.

Aber die Washington Post und Don Catlin wollten es dann doch noch wissen - am 30.11.2005 nahmen sie mit einem weiteren Text (Steroids Detected In Dietary Tablets) Halodrol-50 von Gaspari Nutrition aufs Korn. Das, was Catlin zu sagen hatte, klang ähnlich wie schon zuvor:
  • Es enthält eine anaboles Steroid, das dem bekannten Oral Turinabol sehr ähnlich ist.
  • Es enthält auch DMT.
  • Das, was der Hersteller auf der Verpackung als Inhaltsstoff angibt ("polydehydrogenated, polyhydroxylated halomethetioallocholane"), ist "Hokus-Pokus".
Gaspari Nutrition scheint recht schnell reagiert zu haben. Bruce Kellner, Mitarbeiter von Rich Gaspari schickte eine E-Mail, in der zu lesen war, dass die Herstellung des Produktes schon vor einigen Wochen eingestellt worden wäre (nach dem Artikel vom 18.10.2005), und dass das Produkt nur drei Wochen auf dem Markt gewesen wäre.
Anscheinend war der Post aber noch eine andere E-Mail zugespielt worden - die hatte Gaspari Nutrition an einen Distributor geschickt. Und darin war zu lesen, dass für Halodrol-50 (und Orastan-E) auf der Gaspari-Website keine Werbung mehr gemacht werden würde, dass man es aber weiter an ausgewählte Kunden verkaufen sollte, und dass man hoffe, Presse und Regierung würden sich nun auf andere Firmen konzentrieren ...

Bis die FDA dann konkret etwas unternahm, sollte es aber noch drei Monate dauern. Anfang März wurden vier "Warning Letters" an Firmen verschickt, die Methyl 1-P und Superdrol weiterhin verkauften. Diese gingen an Affordable Supplements, Anabolic Resources, Legal Gear und Supplementstogo.com. "Warning Letter" bedeutet in dem Fall, dass den Firmen eine Frist von 15 Tagen gesetzt wird, innerhalb derer sie die FDA unterrichten müssen, welche Maßnahmen sie eingeleitet haben. Auch der Washington Post war dies unter Companies Receive Warning From FDA noch einmal einen Artikel wert.

Und danach schien die Sache praktisch niemanden mehr zu interessieren. Bemerkenswert auch, dass von allen Produkten, die aufgrund der Washington Post Story vom Markt genommen wurden, anschließend "Klone" aufgetaucht sind. Die hießen dann natürlich anders, und die Bezeichnungen auf dem Etikett wurden umformuliert.
Habe mich eben zum Spaß mal durch das Sortiment von Bodybuilding.com geklickt - und da gibt es auch jetzt noch Klone von Methyl 1-P, ErgoMax LMG und Superdrol.

Vergleicht man die Folgen der Washington Post Geschichte mit den Aktivitäten, die die Entdeckung von THG augelöst hatte, dann sollte klar werden, von welchen staatlichen Institutionen in den USA der größere Ärger droht. Es scheint aber auch nicht so zu sein, dass die FDA gar nichts tut. Denn es passiert immer mal wieder, dass ein an sich erfolgreiches Produkt plötzlich vom Markt genommen wird.

Orastan-A

Mitte 2006 brachte Gaspari Nutrition noch eine Variante des Produktes Orastan heraus, diesmal mit dem Namen Orastan-A (statt Orastan-E). Während das ältere Orastan-E den gleichen Wirkstoff wie Prostanozol (ALRI) enthielt, war Orastan-A etwas Neues. Der Wirkstoff (5alpha-androstano[2,3-c]furazan-17beta-tetrahydropyranol) besitzt prinzipiell die Struktur von Furazabol mit dem Unterschied, dass Orastan-A nicht 17alpha-alkyliert ist. Also ein DHT-Abkömmling, der einen Furazan-Ring analog zum Pyrazol-Ring (bei Winstrol) besitzt.

Havoc

Havoc
Der neueste Wirkstoff auf dem Prohormon-Markt erschien im November 2006. Das Produkt heißt Havoc, kommt vom Hersteller RPN und enthält ein reinrassiges Designer-Steroid. Es handelt sich hier um eine Variante von Mepitiostane - einem Wirkstoff gegen Brustkrebs, der in Japan entwickelt wurde und starke antiöstrogene Eigenschaften besitzt. Mepitiostane ist ein veresterter DHT-Abkömmling mit einem Schwefelatom, das gleichzeitig an der 2alpha- und an der 3alpha-Position sitzt. Infos dazu findet man in diversen medizinischen Studien, z.B. unter Anti Tumior Effects of Two Oral Steroids, Mepitiostane and Fluoxymesterone.
Lässt man bei Mepitiostane den Ester weg, dann erhält man das sogenannte Epitiostanol. Und versieht man die Struktur statt dem Ester mit einer 17alpha-Alkylierung, dann hat man den Wirkstoff von Havoc, nämlich 2alpha,3alpha-epithio-17alpha-methyl-17beta-hydroxy-5alpha-androstan, auch Epistane genannt.
Auch von Havoc gibt es mittlerweile ein Klon-Produkt. Dieses heißt Hemaguno (Spectra Force) und ist Anfang 2007 herausgebracht worden.

Ausblick

Tja, der amerikanische Hormon-Supplement-Markt hat offensichtlich eine bewegte Geschichte hinter sich und außer den Produkten, die ich hier kurz angerissen habe, sind seit 2003 natürlich auch noch eine Menge andere erschienen, die mir aber nicht so interessant vorgekommen sind. Dazu gehören auch die Progestin-Varianten, wie z.B. Methoxy-TRN (ALRI) oder Methyl 1-P. Auch möchte ich nicht näher auf Sachen eingehen, die offensichtlich nichts bringen, wie z.B. Methyl 1-D (ein Produkt von Legal Gear mit DHEA als Wirkstoff) oder auf Produkte, bei denen auch heute noch völlig unklar ist, welchen Wirkstoff sie eigentlich enthalten (z.B. Methyl 1-Alpha, ebenfalls von Legal Gear).

Die Frage, wie die Hersteller auf alle diese Wirkstoffe gekommen sind, habe ich bisher offen gelassen. Die Antwort dazu werdet ihr im nächsten Teil dieser Reihe erfahren. Sie liegt weit in der Vergangenheit bei einem Mann namens Julius Vida, der 1969 ein Buch fertiggestellt hat, von dem es heute in Deutschland nur noch ein einziges Exemplar gibt. Das Buch heißt Androgens and Anabolic Agents, und es enthält das geballte Wissen über anabole Steroiden aus den 50er und 60er Jahren. Ganz offensichtlich war dieses Buch der Schlüssel zu allen wirksamen Kreationen, die in den letzten Jahren auf Prohormon-Markt erschienen sind. Man darf also gespannt sein.