Teil 1 des Artikels findet ihr hier.

Die aktuellen Trends beim Proteinbedarf

Eine Anzahl aktueller Studien kam zu variierenden Ergebnissen für jede gegebene Proteinmenge, wenn Faktoren wie Timing der Proteinzufuhr, Schema der Proteinzufuhr und die Gesamtkalorienzufuhr bei den Probanden verändert wurde(18). In diesem Zusammenhang wäre es wahrscheinlich zu simplifizierend einen "allgemeingültigen" Wert für den Proteinbedarf festzulegen. Es ist jedoch bekannt, dass Aminosäuren wirkungsvolle anabole Prozesse anregen. Außerdem scheint es so, als ob eine relativ hohe Proteinzufuhr die körperliche Leistungsfähigkeit steigert, eine positive Stickstoffbilanz verbessert und den Aufbau magerer Körpermasse fördern kann. Wolfe fasst dies wie folgt zusammen: "Unsere Ergebnisse, zusammen mit nahezu allen Daten zu diesem Thema in der Fachliteratur, legen nahe, dass eine Erhöhung der Aminosäurezufuhr die Muskelmasse erhöhen wird, wenn alle anderen variablen Faktoren konstant bleiben. Auch wenn dieses Konzept im Gegensatz zur gängigen Sichtweise steht, gibt es eine Fülle von Beispielen aus dem richtigen Leben, bei denen übergewichtige Menschen ihre Muskelmasse trotz vorwiegend sitzender Beschäftigung signifikant erhöhen konnten. Folglich ist es wahrscheinlich, dass eine Erhöhung der Aminosäurezufuhr den Anabolismus der Muskulatur fördert und zwar egal, ob es sich um defizitäre Individuen, wie ältere Menschen, oder um körperlich aktive Sportler, die ihre Muskelmasse vergrößern wollen, handelt. Die genaue ernährungstechnische Vorgehensweise bestimmt das Ausmaß der anabolen Reaktion(18)." preview

Zusammenfassung zum Proteinbedarf

Wenn man alle Forschungsergebnisse zusammenfasst, dann scheint der Proteinbedarf bei Kraftsportlern erhöht zu sein. Dieser erhöhte Bedarf wird auf erhöhte Oxidationsraten körpereigener Aminosäuren während des Trainings(27), den erhöhten Bedarf an Baustoffen für die Reparatur des beschädigten Muskelgewebes(12) und die Kapazität einer erhöhten Proteinsyntheserate, um größere Mengen an Muskelgewebe aufrecht zu erhalten, (18) zurück geführt. Die zur Bestimmung des Proteinbedarfs verwendeten Techniken umfassen Methoden zur Bestimmung der Stickstoffbilanz (15 – 17) , Tracertechniken (13), sowie die Bestimmung von körperlicher Leistungsfähigkeit und Körperzusammensetzung(28, 29).

Studien, die mit der Bestimmung der Stickstoffbilanz arbeiten, legen nahe, dass die Proteinmenge zum Erreichen einer ausgeglichenen Stickstoffbilanz im Bereich von 1,2 bis 2,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht liegt(1,7,14,23,24,31-33). Weiterhin gibt es Hinweise darauf, dass die Stickstoffeinlagerung sich erhöht, wenn die Stickstoffzufuhr steigt(16) . Hengsted(16) präsentierte eine Serie von Studien, die zu dem Schluss kommen, dass 20 % des über dem Bedarf zugeführten Stickstoffes im Körper einbehalten wird. Diese Ergebnisse können jedoch nicht in einen Aufbau magerer Muskelmasse umgerechnet werden(13, 15 – 16). Es gibt zwei Begründungen für diese Ergebnisse.

Die erste ist, dass die Stickstoffeinbehaltung durch den Körper von Natur aus überschätzt wird(16), da die Stickstoffausscheidung unterschätzt wird(16). Eine zweite Erklärung ist, dass die Gesamtdauer der meisten Studien zur Stickstoffbilanz zu kurz ist, um eine signifikante Zunahme an fettfreier Körpermasse messen zu können(1).
In jüngster Vergangenheit wurden Tracer-Techniken angewendet und die Ergebnisse unterstützen die durch Studien zur Stickstoffbilanz festgestellten Werte bzgl. des Proteinbedarfs(13, 24). Tarnopolsky und Kollegen(13) fanden heraus, dass die Proteinsynthese bei moderater Proteinzufuhr (1,4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) stärker ausfiel, als bei geringer Proteinzufuhr (0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag). Auch wenn es zu einer Steigerung der Proteinsyntheserate um 8,6 % bei einer Steigerung von moderater zu hoher Proteinzufuhr (2,4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) kam, ist diese Steigerung zu gering, um als signifikant angesehen werden zu können. Die Autoren der Studie vermuten, dass dieser nichtsignifikante Verlauf die Vermutung unterstützt, dass der Proteinbedarf von Sportlern näher bei 1,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag liegt. Weiterhin stieg die Oxidationsrate von Leucin bei hoher Proteinzufuhr im Vergleich zu moderater Proteinzufuhr stark an. Dies wurde als Hinweis darauf gedeutet, dass eine Proteinzufuhr, über den Bedarf hinaus, zur Energieversorgung heran gezogen wird.

Unglücklicherweise werden diese Ergebnisse dadurch etwas verfälscht, dass die erhöhte Proteinzufuhr durch eine Supplementation mit Wheyprotein erreicht wurde, welches die Proteinqualität der Ernährung verbessert. Dies könnte zu einer Unterschätzung des Proteinbedarfs von Sportlern führen, welche ihren zusätzlichen Proteinbedarf durch eine erweiterte Zufuhr von Protein aus natürlichen Proteinquellen decken. Weiterhin ist Whey ein schnellverdauliches Protein, welches dafür bekannt ist, dass es die Lecinoxidation steigert
(5, 6). Aus diesem Grund könnte die beobachtete Erhöhung der Oxidationsrate sowohl durch eine Erhöhung der Gesamtproteinzufuhr, als auch durch eine prozentuale Erhöhung des Wheyproteinanteils der Gesamtproteinzufuhr hervorgerufen werden. Es bedarf also weiterer Studien, um zwischen diesen beiden Faktoren zu unterscheiden.

In letzter Zeit hat eine ganze Anzahl von Studien den Einfluss einer höheren Proteinzufuhr auf die körperliche Leistungsfähigkeit und die Körperzusammensetzung untersucht(28 – 30). Ein Teil dieser Studien unterstützt die Effizienz einer höheren Proteinzufuhr und wiesen eine Kraftsteigerung sowie eine Zunahme an fettfreier Körpermasse nach(28 – 30). Dies führte Wolfe zu der Schlussfolgerung, dass eine Erhöhung der Proteinzufuhr "eine Zunahme an Muskelmasse bewirkt, wenn alle anderen variablen Faktoren gleich bleiben (40)."

Es ist weiterhin bekannt, dass eine Anzahl variabler Faktoren die benötigte Proteinzufuhr beeinflussen. Der wahrscheinlich kritischste dieser Faktoren ist die Energiezufuhr. Wenn bei einem Individuum ein Kaloriendefizit auftritt, ist der Proteinbedarf höher als bei Zufuhr der Erhaltungskalorienmenge oder eines Kalorienüberschusses(34).

Schließlich wurde in letzter Zeit die These aufgestellt, dass ein allgemeingültiger Wert für den Proteinbedarf nicht gefunden werden kann, da viele Studien zeigen, dass unterschiedliche Ergebnisse bei der selben Proteinmenge erzielt werden, wenn eine Anzahl variabler Faktoren verändert wird(1). Der Rest dieser Veröffentlichung wird sich mit einer Anzahl dieser variablen Faktoren im Detail beschäftigen.

DIE VERDAUUNGSRATE ALS UNABHÄNGIGER REGELFAKTOR DER STICKSTOFFBILANZ

Die Nettostickstoffbilanz kann als Differenz zwischen durch Proteinsynthese aufgebautem und durch Proteinabbau abgebautem Protein definiert werden.
Studien haben sowohl die körperweite Proteinsynthese (WBPS = whole body Protein Synthesis)(25,44), als auch die Proteinsynthese der Skelettmuskulatur (MPS = skeletal muscular protein synthesis)(45) untersucht. Unterschiedliche Substanzen können einen Zuwachs an Protein im Körper, einerseits durch die Anregung einer Verringerung des Proteinabbaus oder eine Anregung der Proteinsynthese, erwirken(44). Während des letzten Jahrzehnts wurde der Fokus bei vielen Untersuchungen auf die Verdauung von Proteinen als unabhängigen regulierenden Faktor für WBPS und MPS gelegt(25, 25, 44). Dieser Bereich der Veröffentlichung wird sich mit der Analyse der wichtigsten Daten zur Proteinverdauungsrate beschäftigen.

Wheyprotein und Kasein

Wenn es um die Untersuchung der Wirkung von schnell und langsam verdaulichem Protein auf die WBPB geht, werden in der Regel Wheyprotein und Kasein verwendet(25, 26, 44).
Wheyprotein ist wasserlöslich, löst sich gut auf und wird schnell verdaut(25). Im Gegensatz hierzu ist Kasein wasserunlöslich, gerinnt im Magen und wird langsamer als Wheyprotein verdaut(25). Kasein hat außerdem einige spezifische Eigenschaften, wie z.B. die opioider (opioid = Substanz mit Schmerzstillender Wirkung) Peptide, welche die Verdauungsgeschwindigkeit im Magen beeinflussen(47). Opioide Peptide ahmen einige pharmakologische Eigenschaften von Opiaten nach.

Es wird vermutet, dass das Andocken der im Kasein vorkommenden opioiden Peptide an die Opiatrezeptoren, die Verdauungsgeschwindigkeit verlangsamt(47, 48). Diese Vermutung wird durch Daniel(47) bekräftigt, welcher herausfand, dass die Unterschiede bei der Magenentleerungszeit zwischen Wheyprotein und Kasein verschwanden, wenn zuvor ein Opiatrezeptorantagonist (Rezeptorblocker) verabreicht wurde.

Eines der inhärenten Probleme beim Vergleich zwischen Wheyprotein und Kasein zur Messung der Verdauungsrate ist jedoch, dass sich die Aminosäureprofile beider Proteinsorten voneinander unterscheiden(46). Wheyprotein hat z.B. einen höheren Leucin Gehalt als Kasein(25). Die verzweigtkettige Aminosäure (BCAA) Leucin wird als Molekül zur Bewertung der Quantität und Qualität der Proteinzufuhr verwendet(46). Es gibt auch Hinweise darauf, dass Leucin ein wirkungsvoller Stimulator für die Proteinsynthese ist(46). Außerdem werden BCAAs im Gegensatz zu anderen Aminosäuren nicht generell im Gewebe des Verdauungstrakts zerlegt, was dazu führt, dass sie die Verfügbarkeit von Aminosäuren zur Anregung der Proteinsynthese der Muskulatur erhöhen(48). Um diese Diskrepanz zu korrigieren, erhöhen viele Studien die Kaseinzufuhr, um den Leucingehalt der Proteinzufuhr zu erhöhen. Ein Ungleichgewicht bzgl. der Gesamtstickstoffzufuhr kann dann jedoch die ermittelten Ergebnisse verfälschen(26).

STUDIEN, DIE LANGSAM UND SCHNELL VERDAULICHE PROTEINE VERGLEICHEN

Eine Studie, die sich zu einem modernen Klassiker entwickelt hat, wurde von Boirie und Kollegen durchgeführt(25). Die Wissenschaftler untersuchten den Einfluss der Verdauungsrate auf die Leucinkinetik. Die Leucinkinetik wurde als Indikator für die Proteinsynthese, den Proteinabbau und die Proteinverbrennung verwendet. In dieser Studie wurde Kasein als langsam verdauliches und Whey als schnell verdauliches Protein verwendet. Um den unterschiedlichen Leucingehalt der beiden Proteinquellen auszugleichen, wurden 43 Gramm Kasein im Vergleich zu 30 Gramm Whey an 16 Probanden verabreicht.

Die Wheygruppe zeigte 100 Minuten nach dem Konsum des Wheyproteins eine rapide Erhöhung der Aminosäurekonzentration. Nach 300 Minuten gelangte die Aminosäurekonzentration wieder auf dem Ausgangswert an. Im Gegensatz hierzu zeigte sich bei der Kaseingruppe ein langsamer Anstieg der Aminosäurekonzentration, welche auch 300 Minuten nach dem Kaseinkonsum noch erhöht war.

Das Wheyprotein erhöhte die Proteinsynthese um 68 % im Vergleich zu 31 % bei der Kaseingruppe. Interessant ist auch, dass die Oxidation von Protein bei der Wheygruppe höher ausfiel als bei der Kaseingruppe. Bei der Kaseingruppe zeigte sich außerdem eine starke Reduzierung des Proteinabbaus, wogegen Whey den Proteinabbau nicht signifikant reduzierte. Insgesamt war die Leucinbilanz bei der Kaseingruppe positiver als bei der Wheygruppe.

In der Studie werden zwei mögliche Erklärungen für den Unterschied beim Proteinabbau angeboten. Die erste Erklärung beruht auf Unterschieden bei der Insulinkonzentration. Dies scheint jedoch nicht die wahre Ursache zu sein, da keine signifikanten Unterschiede bei der Plasmainsulinkonzentration zwischen den beiden Gruppen festgestellt werden konnten. Die zweite Erklärung war, dass die Eigenschaften von Aminosäuren, welche für eine Unterdrückung des Proteinabbaus verantwortlich sind, vielleicht nur in Verbindung mit längerer Hyperaminoacidemie (Überschuss von Aminosäuren im Blut) zum Vorschein kommen.

Auch wenn während den Untersuchungen von Boirie und Kollegen(25) die Leucinzufuhr genau kontrolliert wurde, unterschieden sich die Aminosäureprofile und die Gesamtstickstoffmenge zwischen den beiden beobachteten Gruppen. In diesem Zusammenhang setzten Dangin und Kollegen(26) diese Untersuchungen fort, indem sie die Wirkungen einer schnell verdaulichen Aminosäuremischung mit der Wirkung von Kasein verglichen. Bei dieser Studie hatte die schnellverdauliche Aminosäuremischung im Vergleich zu Kasein ein fast identisches Aminosäureprofil und beide Proteinvarianten wurden in derselben Dosierung von 30 Gramm verabreicht. Die Untersuchungen wurden, um eine weitere Versuchsreihe erweitert, bei der die Wirkungen einer einmaligen Gabe von 30 Gramm Wheyprotein mit der verteilten Gabe der selben Wheymenge alle zwanzig Minuten über einen Gesamtzeitraum von 240 Minuten verglichen wurde. Durch die verteilte Zufuhr von 2,5 Gramm Whey alle 20 Minuten, sollte das langsame Verdauungsschema von Kasein nachgebildet werden.
Die Aminosäurekonzentration im Blut stieg sowohl nach der einmaligen Gabe von 30 Gramm Whey, als auch nach der Zufuhr der schnellverdaulichen Aminosäuremischung 20 Minuten nach der Einnahme stark an und blieb für 180 bis 200 Minuten erhöht. Im Gegensatz hierzu wurde nach der Gabe der langsamverdaulichen Proteine (Kasein und die multiple Gabe geringer Wheymengen), 20 bis 40 Minuten nach der Einnahme, eine Erhöhung der Aminosäurekonzentration im Blut festgestellt, welche für 420 Minuten anhielt. Es wurde herausgefunden, dass die schnellverdaulichen Proteinmahlzeiten die Proteinsynthese rapide erhöhten, wenig zur Unterdrückung des Proteinabbaus beitrugen und die Proteinoxidation im Vergleich zu den langsam verdaulichen Proteinmahlzeiten erhöhten. Im Gegensatz hierzu erhöhten die langsam verdaulichen Proteinmahlzeiten die Proteinsynthese nur langsam, unterdrückten den Proteinabbau deutlich und erhöhten die Proteinoxidation nur moderat. Die multiplen verteilten Wheygaben in geringer Dosierung bewirkten einen stabilen Verlauf der Aminosäurekonzentration, der dem Verlauf nach der Gabe von Kasein sehr ähnlich war.

Alles in allem bewirkte Kasein eine positivere Stickstoffbilanz als die Aminosäuremischung, während die verteilte Zufuhr von Wheyprotein eine positivere Stickstoffbilanz, als die einmalige Gabe einer größeren Menge Whey, bewirkte.

Die verteilte Wheyzufuhr bewirkte eine positivere Stickstoffbilanz als die Kaseinzufuhr. Dies könnte auf dem Einnahmeschema oder der höheren Proteinqualität beruhen. Da die Verläufe der Erhöhung der Plasmaaminosäurenkonzentration sehr ähnlich waren, ist es jedoch wahrscheinlicher, dass dieses Ergebnis auf einer höheren Proteinqualität des Wheyproteins beruht. Da der Leucin- und Gesamtstickstoffgehalt in dieser Studie genau kontrolliert wurde, unterstützt das Ergebnis dieser Studie die These, dass die Verdauungsrate ein unabhängiger Faktor bei der Regulierung der Proteinkinetik ist. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass langsamere Verdauungsraten des Proteins zu einer positiveren Stickstoffbilanz führen, als schnellere. Weiterhin scheint auch die Qualität des Proteins einen Einfluss auf die Stickstoffbilanz zu haben, da bei der verteilten Gabe von Whey eine positivere Stickstoffbilanz, als bei Kasein, festgestellt wurde, wenn die Verdauungsrate gleich war.

Der Einfluss von zusätzlich zu schnell oder langsam verdaulichen Protein hinzugefügter Energie

Auch wenn Wheyprotein und Kasein unterschiedliche Auswirkungen auf die Proteinkinetik haben, werden sie in der Praxis selten, ohne zusätzliche Energiequellen, konsumiert. In diesem Zusammenhang untersuchten Dangin und Kollegen(6) den Einfluss von Whey und Kasein in Kombination mit Kohlenhydraten (54 % Sucrose, 46% Maltodextrin) und Fetten (91 % Sonnenblumenöl, 9 % Monoglyceride) auf die Proteinkinetik des gesamten Körpers bei jungen und älteren Probanden. Die Probanden wurden auf verschiedene Gruppen aufgeteilt. In den beiden Isoleucingruppen (d.h. der Leucingehalt der Mahlzeit war bei beiden Gruppen gleich) bekamen junge und ältere Probanden 34 Gramm Kasein bzw. 22 Gramm Whey in Form einer Mahlzeit mit jeweils 850 Kalorien verabreicht. Die Probanden der dritten Gruppe bekamen 34 Gramm Whey, was dem Stickstoffgehalt der 34 Gramm Kasein entspricht.

Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die zusätzlich zugeführte Energie die Verdauung des Proteins verlangsamte und sich deshalb der Zeitpunkt der höchsten Blutaminosäurekonzentration bei beiden Mahlzeiten zeitlich nach hinten verschob. Wie bereits in früher durchgeführten Studien beobachtet, stieg bei der Wheygruppe der Aminosäurespiegel schneller an und fiel auch schneller wieder ab, als bei der Kaseingruppe. Diese Unterschiede waren jedoch nicht so deutlich wie bei der isolierten Verabreichung von Whey und Kasein in anderen Studien. Die Stickstoffbilanz war bei allen Gruppen der Studie positiver, als in früheren Studien, bei denen Protein isoliert zugeführt wurde. Dies wurde zum Teil auf den "proteinsparenden" Effekt zusätzlich zugefügter Energie zurückgeführt. Die weiteren Ergebnisse waren faszinierend. Bei den Isoleucingruppen verursachte das Whey, bei älteren Probanden, eine positivere Stickstoffbilanz, während bei jüngeren Probanden das Kasein zu einer positiveren Stickstoffbilanz führte. Wenn die Menge des Wheyproteins jedoch auf 34 Gramm angehoben wurde, verursachte dies bei jungen und älteren Probanden eine positivere Stickstoffbilanz. Die zusätzlich zugeführte Energie hatte bei allen Gruppen keinen Einfluss auf die Proteinsynthese, reduzierte jedoch den Proteinabbau bei den Wheygruppen stark und bei der Kaseingruppe leicht.
Für diese Ergebnisse gibt es eine Reihe von Erklärungen:

Erstens ist die Magenentleerungsgeschwindigkeit bei älteren Menschen langsamer, als bei jüngeren. Dies könnte den Effekt einer positiveren Stickstoffbilanz, bei Whey als bei Kasein, bei älteren Menschen erklären. Die positivere Stickstoffbilanz bei der Wheygruppe wurde dem höheren Leucingehalt zugeschrieben, wenn Whey und Kaseingruppe die gleiche Stickstoffzufuhr bekamen (34 Gramm Whey vs. 34 Gramm Kasein). Die positivere Stickstoffbilanz in Verbindung mit zusätzlich zugeführter Energie wurde auf die stärkere Insulinausschüttung aufgrund der Kohlenhydratzufuhr und den dadurch reduzierten Proteinabbau zurückgeführt. Dieser Effekt war bei der Kaseingruppe nicht so stark ausgeprägt, was an der bereits durch das Kasein reduzierten Proteinabbaurate liegen könnte, welche auch ohne zusätzliche Energiezufuhr zustande kommt.

Der Einfluss von sportlicher Aktivität auf die Proteinkinetik bei Zufuhr von schnell und langsam Verdaulichem

Der Einfluss von sportlicher Aktivität auf die Stickstoffbilanz bei Zufuhr eines langsam oder schnell verdaulichen Proteins wurde erst vor Kurzem erstmalig untersucht. In diesem Zusammenhang verabreichten Tipton und Kollegen(49) 20 Gramm Wheyprotein oder Kasein exakt eine Stunde nach dem Training. Die Verdauungsrate der Proteine entsprach dem Schema früherer Studien. Anstatt die WBPS (Proteinsynthese auf Ganzkörperebene) zu messen, untersuchten die Forscher nur die Proteinsynthese im Bereich der Beine. Hierbei wurden keine signifikanten Unterschiede, bezüglich der Proteinsynthese zwischen Wheygruppe und Kaseingruppe, festgestellt. Dies kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden. Erstens maßen die Forscher die muskuläre Stickstoffbilanz, anstelle der WBPB. Bei Studien, welche die WBPB untersuchten, bewirkte Kasein eine positivere WBPB, als Whey. Wenn man jedoch die muskuläre Proteinsynthese gezielt untersucht, kann es zu abweichenden Ergebnissen kommen.

Eine Erklärung ist, dass die WBPS die muskuläre Proteinsynthese aufgrund der Aufnahme von Aminosäuren durch innere Organe nicht korrekt widerspiegelt. Laut Nair und Kollegen(50) macht die muskuläre Proteinsynthese nur 27 % der Proteinsynthese des gesamten Körpers aus. Dies liegt an der Aufnahme von Aminosäuren durch die Organe und die Verwendung von Aminosäuren für die Proteinsynthese.

Die Aufnahme von Aminosäuren nach deren Verzehr durch Organgewebe (Leber und Verdauungstrakt) erfolgt in zwei primäre Aminosäurepools: zum einen im Organgewebe selbst und zum anderen durch die Synthese von Proteinen, welche in das Blutplasma geleitet werden (z.B. Albumine)(51). Untersuchungen von De Feo und Kollegen(52) deuten darauf hin, dass die Albuminsynthese alleine 28 % der WBPS ausmacht. Diese Vorgänge könnten sich natürlich durch Widerstandstraining verändern.

Eine zweite Erklärung besteht darin, dass die Studie ein Protokoll verwendet, bei dem beide Gruppen 20 Gramm Protein verabreicht bekamen. Vielleicht beeinflusste der zusätzliche Stickstoffgehalt bei der Wheygruppe das Ergebnis. Diese Vermutung wurde jedoch durch die Studie von Dangin und Kollegen(44) nicht bestätigt.

Eine dritte Möglichkeit ist, dass das Training einen unterschiedlichen Einfluss auf die Proteinkinetik hatte. Es ist interessant, dass Wheyprotein nach dem Training eine ähnliche Wirkung auf die Stickstoffbilanz hatte wie Kasein. Wenn die zusätzliche Zufuhr einer Energiequelle einen ähnlichen Einfluss auf Whey und Kasein hat, wie in der von Dangin und Kollegen(6) durchgeführten Studie, könnte dies eine große Bedeutung für die Nährstoffzufuhr nach dem Training und eine positivere Stickstoffbilanz haben.

Ein weiteres Studienthema betrifft die zeitliche Abfolge der Proteinzufuhr. Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Timing der Proteinzufuhr relativ zum Training, einen starken Einfluss auf die Stickstoffbilanz hat(2-4) und das eine Proteinzufuhr direkt nach dem Training, eine anabolere Wirkung haben könnte, als eine Proteinzufuhr 1 Stunde nach dem Training(2-4). Wenn dies der Fall ist, dann wären die unterschiedlichen Wirkungen einer Whey- und Kaseinzufuhr direkt nach dem Training, im Vergleich zu einer zeitversetzten Zufuhr, von großem wissenschaftlichem und praktischem Interesse.

Zusammenfassung des Einflusses der Verdauungsgeschwindigkeit auf die Ganzkörperstickstoffbilanz

Eine WBPS Analyse deutete darauf hin, dass langsam verdauliche Proteine eine vorteilhaftere anabole Reaktion hervorrufen, als schnellverdauliche Proteine, wenn Protein ohne zusätzliche Energiequellen zugeführt wird(25, 26). Langsam verdauliche Proteine heben die Aminosäurespiegel im Körper moderat an, doch diese Erhöhung hält über einen längeren Zeitraum an(25). Eine moderate und lang andauernde Hyperaminoacidemie (Überschuss von Aminosäuren im Blut) verringert den Proteinabbau und regt die Proteinsynthese moderat an(25). Im Gegensatz hierzu, verursachen schnellverdauliche Proteine einen rapiden Anstieg der Proteinsynthese, dem bald darauf ein rapider Abfall der Proteinsynthese folgt. Der Proteinabbau wird hierdurch nur geringfügig reduziert(25). Wenn man den Verlauf von Proteinsynthese und Proteinabbau über einen längeren Zeitraum (z.B. 7 Stunden) betrachtet, dann scheinen langsam verdauliche Proteine anaboler zu wirken(25). Wie dies in den täglichen Mahlzeitenplan passt, wird in einem folgenden Teil besprochen, wenn das Schema der Proteinzufuhr näher betrachtet wird.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kasein eine positivere Stickstoffbilanz als Wheyprotein bewirkt. Wenn man jedoch beide Proteinquellen mit einer Energiequelle kombiniert, dann bewirkt Wheyprotein eine positivere Stickstoffbilanz als Kasein(6). Da Kraftsport betreibende Athleten selten Protein alleine konsumieren, dürfte das letztgenannte Studienergebnis in der Praxis von größerer Bedeutung sein.

Teil 3 des Artikels findet ihr hier.