Zu Proviron gibt es die (etwas älteren) Ansichten im grünen Buch, die oft noch älteren Ansichten, die in so manchem Bodybuilduing-Studio herumgeistern, die Ansichten der Ami-Gurus (B. Roberts, W. Llewellyn, L. Rea, ...), und natürlich ist auch in den Bodybuilding-Foren im Web schon sehr viel dazu gesagt worden.

Manches von dem widerspricht sich. Ich habe mir daher vor einiger Zeit mal vorgenommen, ein wenig Licht in diese Proviron-Düsternis zu bringen. Nach Lektüre diverser MedLine-Studien habe ich einige deutliche Hinweise finden können und will hiermit meine Erkenntnisse weitergeben.
Dazu werde ich einige der gängigen Ansichten zu Proviron durchgehen, ein paar Quellen zitieren und dann versuchen, die jeweilige Behauptung zu bestätigen oder zu widerlegen. preview
Proviron als Aromatasehemmer
Proviron soll sich an das Aromatase-Enzym binden und dieses dadurch unbrauchbar machen. Dadurch, so wird angenommen, steht dieses Enzym nicht mehr (oder in geringerer Menge) zur Verfügung, um Testosteron in Östradiol umzuwandeln.Folgendes ist hierzu im grünen Buch (Anabole Steroide 1994, von Grundig/Bachmann) zu lesen:
Im Gegensatz zu dem Antiöstrogen Nolvadex ... verhindert Proviron schon von Grund auf ein Aromatisieren der Steroide. ... Man kann durchaus sagen, dass Proviron das Übel an seiner Wurzel packt, während Nolvadex lediglich seine Symptome bekämpft.
Die Autoren des grünen Buches wollen das Übel also (mit Hilfe von Proviron) an der Wurzel packen. Dies ist eine weit verbreitete Ansicht, die man auch bei den Amerikanern findet:
W. Llewellyn in "Anabolics 2002":
Among athletes Proviron is primarily used as an antiestrogen. ... The result is somewhat comparable to Arimidex, the drug acting to prevent the buildip of estrogen ... . This is in contrast to Nolvadex, which only blocks the availability of estrogen to bind and activate receptors ...
L. Rea in "Chemical Muscle Enhancement":
Unlike Nolvadex (which only keeps estrogen from bonding with its receptors by blocking them), Proviron actually prevents the formation of estrogen.
Klingt fast so, als hätten die beiden da ein wenig vom grünen Buch abgekupfert.
Ein klein wenig vorsichtiger äußert sich da Bill Roberts, indem er das Wörtchen "probably" einfügt. Zu finden unter Differences Between the Antiestrogens, Anti-aromatases versus Estrogen Antagonists
Competitive aromatase inhibitors, such as Cytadren, Arimidex, and probably Proviron, bind to the same binding site on the aromatase enzyme that testosterone does. By doing this, they allow less testosterone to bind to aromatase. So, less testosterone is converted to estradiol (estrogen).
Ist es möglich, dass alle diese Koryphäen beim Thema Proviron irren?
In einer belgischen Studie1, die 1991 veröffentlicht wurde, erhielten 27 Männer 12 Monate lang täglich 150 mg Mesterolon (Proviron). Wie bei solchen Studien üblich, gab es auch noch eine Kontrollgruppe von 25 Männern, die statt Proviron einen Placebo bekam.
Vor Beginn der Studie, sowie nach 3, 6, 9 und 12 Monaten wurden die Hormonwerte bestimmt. Bei der Messung vor Beginn der Studie ergaben sich in der Proviron-Gruppe im Mittel die folgenden Werte für LH, Testosteron und Östradiol:
- Testosteron: 5,1 ng/ml
- LH: 5,64 IU/l
- Östradiol: 60,7 pg/ml
Bei der Proviron-Gruppe wurde ein signifikanter Rückgang des Testosteronwertes beobachtet. Die Verminderung schwankte etwas im Zeitablauf und lag zwischen 20 und 40 %. Auch der LH-Wert ging tendenziell zurück
Der Östradiolwert änderte sich nicht signifikant. Lediglich ein leichter Rückgang war nach 12 Monaten zu beobachten (etwas über 10%).
Was kann man nun also folgern?
Obwohl Testosteron signifikant zurückgeht, ist dies bei Östradiol nicht der Fall. Das Verhältnis Testosteron / Östradiol verschiebt sich also unter Proviron mehr in Richtung Östradiol.
Eine aromatasehemmende Wirkung von Proviron scheint daher sehr unwahrscheinlich zu sein. Es ist sogar eher das Gegenteil der Fall.
Wäre eine ganz gute Idee, wenn Llewellyn & Co. da mal ein paar kleine Korrekturen an ihren Werken vornehmen würden.
Proviron erhöht die Wirksamkeit von Testosteron
Diese Ansicht findet man mehr bei den Amerikanern. Im Blut sind bekanntlich ca. 98% des Testosterons an SHBG (sex hormone binding globuline) und an Albumin gebunden. Nur 2% liegen im freien Zustand vor.Proviron hat bekanntlich ggü. SHBG eine deutlich höhere Bindeaffinität als Testosteron. Deshalb soll Proviron einen Teil des Testosterons aus der SHBG-Bindung verdrängen und somit den Anteil an freiem und damit aktivem Testosteron erhöhen.
W. Llewellyn in "Anabolics 2002":
In fact due to its extremely high affinity for plasma binding proteins such as SHBG, Proviron may actually work to potentate the activity of other steroids by displacing a higher percentage into a free, unbound state.
L. Rea in "Chemical Muscle Enhancement":
Proviron possesses the ability to bind SHBG at a high rate. By doing so other co-administered AAS (or endogenous testosterone) remained in an unbound/free state. This resulted in greater anabolic and androgenic activity realization with lower dosage requirements.
Ob die wohl wirklich nicht voneinander abschreiben ?
Aber anscheinend eine tolle Sache - einfach Proviron zum Testo stacken, schon steigt das freie Testo und man baut besser auf.
Die Wirkung von Mesterolon (Proviron) auf das freie Testosteron (sowie Gesamttestosteron, LH und FSH) wurde 1974 in einer norwegischen Studie2 untersucht.
Dazu erhielten 10 Männer zunächst 4 Wochen lang 75 mg Proviron pro Tag und danach für 4 weitere Wochen 150 mg pro Tag. Die Kontrollgruppe bestand aus 11 Personen mit Placebo.
Die Blutuntersuchungen fanden vor Beginn der Studie, nach 4 und nach 8 Wochen statt. In der Proviron-Gruppe ergaben sich bei der ersten Messung:
- Gesamttestosteron: 5,2 ng/ml
- Freies Testosteron: 0,37 ng/ml
Tja, Proviron scheint denn doch nicht der Bringer zu sein bzgl. freiem Testosteron.
Auch hier liegen die beiden Amerikaner wohl falsch.
Interessant ist aber noch die Begründung, die die Autoren der Studie für den Rückgang des Gesamttestos geben. Bei LH und FSH konnte in dieser Studie nämlich auch in der Proviron-Gruppe keine signifikante Änderung gefunden werden.
Es wird daher spekuliert, ob Proviron möglicherweise das Gesamttestosteron dadurch vermindert, daß es in der Tat Testosteron aus der SHBG-Bindung verdrängt und so für einen vermehrten Abbau sorgt.
Andererseits heben die Autoren aber auch hervor, dass die Methoden zur Bestimmung von LH und FSH nicht sehr genau sind und Probleme haben, zwischen normalen und subnormalen Spiegeln zu unterscheiden. Man bedenke hierbei das Entstehungsjahr der Studie (1974).
Bei den späteren Mesterolon-Studien, die ich kenne, ist ein Rückgang des Gesamttestosterons aber meist mit einem LH-Rückgang verbunden. Mir scheint daher die Ungenauigkeit der Meßverfahren aus dem Jahr 1974 die logischere Begründung.
Proviron zum Absetzen
Eine der bekannten Wirkungen von Proviron ist die positive Auswirkung auf die Libido. Evtl. hat es manchmal auch positive Effekte auf die Spermienparameter.Irgendwann ist man daher auf die Idee gekommen, Proviron in der Absetzphase nach einer Kur zu verwenden. Mir hat demletzt im Bodybuilding-Studio mal jemand diesen "heißen Tipp" gegeben. Der Arme mußte dann einen 10-minütigen Vortrag meinerseits ertragen.
Auch in den BB-Foren taucht diese Frage öfter auf, hier im Posting eines (ungenannten) Users:
Wie setzt ich denn am besten ab? Dachte an Proviron. Wollte in der 14ten Wo beginnen mit einer Dosierung von 2 Tabs am Tag. Das ganze über 15 Tage.
Die Studien, die ich bisher genannt habe, legen nahe, dass es keine gute Idee ist, Proviron in der Absetzphase zu verwenden, da es das Testosteron zu vermindern scheint. Es gibt allerdings auch Studien, bei denen nur eine geringe oder keine Wirkung auf den Testosteronwert festgestellt wurde.
Eine solche Studie3 wurde 1988 veröffentlicht. Es wurden insgesamt 250 Männer für die Studie ausgewählt, die alle eine verminderte Spermienkonzentration hatten.
Die 250 Männer bestanden aus drei Gruppen - 110 Männer mit normalen Werten für Testosteron, LH und FSH, 85 Männer mit niedrigem Testosteron, LH und FSH und 55 Männer mit hohem LH und FSH, aber niedrigem Testosteron.
Ich will hier nur die für uns interessante Gruppe mit den 110 Männern betrachten. Diese erhielten 100 mg Proviron pro Tag über einen Zeitraum von 12 Monaten.
Von den 110 Männern änderten sich bei 94 die Werte für LH und FSH nicht. Bei 12 Männern ergab sich eine Verminderung <= 5% und bei 4 Männern eine Verminderung zwischen 6 und 10 %.
Testosteron verminderte sich bei 12 der 110 Männer um bis zu 25%. Es gab aber auch 12 Männer, bei denen sich der Testosteronwert um bis zu 10% erhöhte.
Auch wenn die Änderungen bei Testosteron, LH und FSH statistisch nicht signifikant sind, so sehe ich doch eine leichte Tendenz zur Verminderung.
Da es in der Absetzphase darum geht, die endogene Testosteronproduktion wiederherzustellen, hat Proviron zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit keinen Nutzen. Es hat sogar eher die Tendenz, Gonadotropinwerte und Testosteron zu unterdrücken.
Clomifen oder Nolvadex sind deshalb die weitaus bessere Wahl.
Proviron zum Erhalt der Libido während der Kur
Es gibt einige anabole Steroide, die selbst kaum androgen wirken, aber dennoch die endogene Hormonproduktion weitgehend lahmlegen. Ein Beispiel hierfür ist sicher Deca, und das entsprechende Phänomen nennt man dann "Deca Dick". Doch auch bei Primo kann die Libido ordentlich zurückgehen. Stackt man nun Proviron hinzu, so läßt sich die Libido wieder etwas anheizen.Diese Idee findet man z.B. im Web unter http://www.bodybuilding.com/fun/catprov.htm
Lastly Proviron is used during a cycle of certain hormones such as nandrolone, with a distinct lack of androgenic nature ... . Such compounds ... have been known to decrease libido ... . Proviron is also commonly prescribed by doctors to ... patients with chronic impotence. Its not perceived as a powerful anabolic, but it gets the job done ...
Unter dem Punkt "Proviron erhöht die Wirksamkeit von Testosteron" habe ich erwähnt, daß es die Ansicht gibt, Proviron würde Testosteron (oder auch andere AAS) aus der SHBG-Bindung verdrängen und so für deren Abbau sorgen.
Das scheint aber nicht sehr wahrscheinlich, denn
- sonst sollte sich in allen Studien ein stärkerer (negativer) Einfluß auf den T-Spiegel zeigen
- die Tendenz in den diversen Proviron-Studien zeigt nicht nur eine Verminderung von Testosteron, sondern auch eine Verminderung von LH
Referenzen
1 Gerris, Peeters, Comhaire, Schoonjans, Hellemans; Placebo-controlled trial of high-dose Mesterolone treatment of idopathic male infertility; 1991
2 Aakvag, Stromme; The effect of Mesterolone administration to normal men on the pituitary-testicular function; 1974
3 Varma, Patel; The effect of mesterolone on sperm count, on serum follicle stimulating hormone, luteinizing hormone, plasma testosterone and outcome in idiopathic oligospermic men; 1988