Die Studie von Rasmussen et al.8, ebenfalls im Jahr 2000 erschienen, untersucht die Wirkung von Androstendion auf den Protein-Anabolismus und geht damit der Frage nach, ob Androstendion auch ohne die Umwandlung zu Testosteron Muskulatur aufbauen kann.
Zunächst ein kurzer Überblick über das Design der Studie:
- Insgesamt nahmen 12 Personen an der Studie teil.
- Sechs Männer erhielten fünf Tage lang jeweils 100 mg Androstendion, die Einnahme erfolgte morgens.
- Die Kontrollgruppe bestand ebenfalls aus sechs Personen. Ein Placebo wurde nicht verabreicht, da die zu bestimmenden Parameter nicht dem Placebo-Effekt unterliegen.
- Einen Tag vor der ersten Einnahme sowie am fünften und letzten Tag der Einnahme wurde in Androstendion- und Placebogruppe der Protein-Anabolismus gemessen.
- In der Androstendiongruppe wurden zusätzlich einige Hormone bestimmt.

Die Messungen am Tag vor der ersten Einnahme von Androstendion zeigen eigentlich nur, dass Hormonbestimmungen immer gewissen Schwankungen unterliegen, Androstendion ist hier noch nicht im Spiel.
Die basale Messung (vor der Androstendion-Einnahme) am letzten Tag lässt die Auswirkungen der Androstendion-Verabreichung in den vergangenen vier Tagen erkennen. Androstendion ist deutlich erhöht, Testosteron praktisch unverändert, Östradiol ist tendenziell etwas erhöht. Vier Stunden nach der Einnahme ist der Androstendionwert noch mal um etwa das Dreifache gestiegen, Östradiol ist ebenfalls signifikant erhöht, Testosteron nicht.
Dies sind ähnliche Ergebnisse wie in den beiden Studien zuvor.
Kommen wir nun zur Ermittlung des Protein-Anabolismus. Dies ist ein interessantes Verfahren, das die Proteinsynthese und den Proteinabbau misst. Die Kennzahlen der beiden Vorgänge zusammen ergeben dann, ob eine anabole oder katabole Gesamtsituation vorliegt.
Der Gedanke hinter dem Verfahren kann wie folgt skizziert werden:
Über arterielles Blut gelangen Proteine in den Muskel und werden dort zum Aufbau von Muskelgewebe verwendet (Proteinsynthese). Gleichzeitig findet ein Abbau von Muskulatur statt, was dazu führt, dass Proteine über venöses Blut vom Muskel wegtransportiert werden (Proteinabbau).
Um diese Vorgänge in Zahlen ausdrücken zu können, werden dem Probanden zunächst verschiedene Katheter angelegt, u.a.
- ein Katheter für eine Infusion
- ein Katheter, mit dem an einem Beinmuskel, dem Rektor Femoris, arterielles Blut abgenommen werden kann
- ein weiterer Katheter, der eine Abnahme von venösem Blut am Rektor Femoris erlaubt.
Es folgt darauf eine Infusion mit radioaktiv markiertem Phenylalanin über fünf Stunden. Phenylalanin ist ein Protein, das vom Körper zum Aufbau von Muskulatur verwendet wird. Deshalb kommt es hier zur Anwendung.
Während der letzten Stunde entnimmt man am R.F. mehrere Blutproben mit arteriellem und venösem Blut. Am Ende erfolgt dann noch mal eine Muskelbiopsie.
Aus den Blutproben bestimmt man dann die folgenden Werte:
- Konzentration Phenylalanin im arteriellen Blut
- Konzentration Phenylalanin im venösen Blut
- Anreicherung Phenylalanin im arteriellen Blut
- Anreicherung Phenylalanin im venösen Blut
- Anreicherung Phenylalanin im entnommenen Muskelgewebe.
Zusammen mit dem Blutfluss kann aus diesen Werten errechnet werden, wie viel Phenylalanin im Muskel eingelagert wird, und wie viel Phenylalanin den Muskel verlässt. Oder in anderen Worten: Proteinsynthese und Proteinabbau können berechnet werden.
Wendet man dieses Verfahren z.B. 5 Tage nach einer Injektion mit 200 mg Testosteron-Enantat an, so lässt sich zeigen, dass die Proteinsynthese sich verdoppelt.
Schauen wir nun, welche Kennzahlen (in nmol/min pro 100 ml Volumen) für Androstendion- und Kontrollgruppe im Durchschnitt ermittelt wurden:

Es fällt auf, dass in der Kontrollgruppe zu Beginn sowohl die Proteinsynthese, als auch der Proteinabbau höher liegen, als in der Androstendiongruppe. Wobei in der Kontrollgruppe zu Beginn die Nettobilanz schlechter ausfällt.
Am letzten Tag haben sich die Werte dann ziemlich angenähert. D.h.: In der Androstendiongruppe erhöhen sich sowohl Proteinsynthese als auch Proteinabbau stärker, als in der Kontrollgruppe. Der Proteinabbau steigt in der Androstendiongruppe allerdings deutlicher als die Proteinsynthese. Die Nettobilanz fällt daher am Ende zwischen Androstendion- und Kontrollgruppe etwa gleich aus.
Betrachtet man die prozentuale Änderung, so ergibt sich in der Kontrollgruppe eine Erhöhung der Proteinsynthese um 34,1 % und eine Erhöhung des Proteinabbaus um nur 13 %. In der Androstendiongruppe erhöht sich dagegen die Proteinsynthese um 57,1 %, während der Proteinabbau um 54,1 % steigt.
Die Autoren der Studie legen daher nahe, dass Androstendion im Endeffekt eher eine muskelabbauende Wirkung besitzt und sehen als Ursache die etwas erhöhten Östradiolwerte.
Um ehrlich zu sein - ich halte diese Schlussfolgerungen für etwas gewagt. Die Messungen von Proteinsynthese und Proteinabbau scheinen mir einfach eine ziemlich hohe Varianz zu besitzen. Und wenn am Ende die Nettobilanz in Kontroll- und Androstendiongruppe etwa ausgeglichen ist, so scheint mir das einfach darauf hinzudeuten, dass Androstendion schlicht nichts (also auch nichts Negatives) bewirkt.
Fazit aus dieser Studie:
Was die Hormone angeht, bestätigt sich das, was auch schon in den beiden zuvor vorgestellten Studien beschrieben wurde. Bei 100 mg Androstendion/Tag erhöhen sich nur Androstendion und Östradiol, Testosteron nicht.Wird die Messung 24 Std. nach der Einnahme durchgeführt, so sind die Werte mäßig höher. Misst man dagegen wenige Stunden nach der Einnahme, so sind die Werte deutlich erhöht.
Auf den Protein-Anabolismus scheint Androstendion in einer Dosierung von 100 mg/Tag keine positive Wirkungen auszuüben, es besitzt also kein oder nur ein sehr geringes anaboles Potential.
Ich möchte an dieser Stelle noch kein Gesamtfazit zu Androstendion abgeben, weil unter den Studien, die noch folgen, auch zwei sind, in denen Androstendion und Androstendiol miteinander verglichen werden.
Aber wie der aufmerksame Leser wahrscheinlich schon festgestellt haben wird - Wunder scheint Androstendion nicht zu vollbringen.