Gestern kam sie endlich an: die lang erwartete DVD "Evolution of Bodybuilding", produziert von Trick Entertainment und Shawn Ray Productions und präsentiert von Muscular Development. Der Film, den Shawn Ray mit seinem Partner Patrick Rivera gedreht hat, stellt eine Zeitreise auf die letzten gut 100 Jahre unseres Sports dar, von den Anfängen bis zu der heutigen Zeit.

Gleich vorweg: Wer visuell geprägt ist, wer auf Bildgewalt hofft, der ist hier völlig falsch. Der Film erscheint als Dokumentation, als Zusammenschnitt vieler einzelner Interviews, die man mit den Größen unseres Sports geführt hat. Szenen aus Trainingsvideos oder Posingclips sucht man vergebens, die einzelnen Interviews werden nur durch das Einfügen einiger Bilder und kurzer Dokumentarteile unterbrochen. Wer sich hiervon nicht abschrecken lässt, den erwartet eine hochinteressante Doppelstunde Bodybuildinggeschichte.

Die DVD beginnt mit der Darstellung der Anfänge unseres Sports im 19. Jahrhundert, als Kraftathleten als Schausteller oder Artisten die Kirmesplätze dieser Welt bereisten um dort mit ihren unfassbaren und oftmals sehr skurrilen Kraftleistungen auf sich aufmerksam zu machen. Bis zu Eugen Sandow stand dabei die körperliche Entwicklung klar im Schatten der Körperkraft. Muskeln waren Mittel zum Zweck. Sandow entwickelte ein neues Bewusstsein für die Macht, die Präsenz der Physis. Als windiger Geschäftsmann erkannte er schnell die Möglichkeiten, die sich hier boten und vermarktete seine Trainingsheftchen mit Hilfe seines beeindruckenden Körpers. Hier beginnt also nun unsere Reise durch die Zeit… preview

Nachdem die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die beiden Weltkriege geprägt war, dauerte es bis in die 50er Jahre des Jahrhunderts, bis sich Bodybuilding auf die nächste Stufe erheben konnte. Die DVD lässt uns hier an dem Aufstieg der IFBB unter den Brüdern Joe und Ben Weider teilhaben. Bis dato war die Welt des Kraftsports in den USA geprägt durch Bob Hoffman und seine AAU. Bodybuilding spielte hier jedoch nur klar die zweite Geige, war Rahmenprogramm für die Powerliftingevents, die Hoffman veranstaltete. Mit unendlicher Energie und Willenskraft drückten die Weiderbrüder Hoffmann mehr und mehr aus dem Geschäft, die IFBB übernahm ihre Führungsrolle im Wettkampfbodybuilding und hat sie bis heute nicht mehr abgegeben, zu einem sehr großen Teil sicherlich auch durch den Mr. Olympia, den Joe Weider als Wettkampf der Besten etablierte und der fortan den roten Faden der DVD darstellt.

Die Geschichte des Mr. Olympia steht also klar im Fokus des Interesses. Bei der Darstellung werden chronologisch die bedeutendsten und markantesten Ereignisse der Geschichte dieses Wettbewerbs thematisiert, wobei viele Titelträger wie der erste Mr. Olympia Larry Scott, der Ästhet in Person Frank Zane, die Seriensieger Lee Haney, Dorian Yates, Ronnie Coleman und Jay Cutler und der amtierende Mr. Olympia Phil Heath zu Wort kommen. Sie alle beschreiben ihren Weg zum Bodybuilding, ihre Eindrücke und Erinnerungen und haben allesamt interessante Anekdoten parat. Dazu gesellen sich viele ihrer Zeitgenossen; große Bodybuilder, denen es nie vergönnt war sich den bedeutendsten Titel im professionellen Bodybuilding zu holen, wie Lou Ferrigno, Boyer Coe, Rich Gaspari, Lee Labrada, Shawn Ray und Kevin Levrone. Etwas schade ist die Tatsache, dass viele andere Legenden des Sports nicht zu Wort kommen. Kommentare von Arnold Schwarzenegger, Sergio Oliva, Franco Columbo, Flex Wheeler und einigen anderen hätten die DVD sicherlich noch enorm bereichert.

Der wahre Star der DVD ist aber eh jemand anderes. Kein Athlet, sondern Peter McGough, der ehemalige Chefredakteur des FLEX-Magazins. Peter ist ein wandelndes Geschichtsbuch in Sachen Bodybuilding. Kein Athlet, kein Wettkampf, keine Kontroverse, zu der ihm nichts einfällt, zu der er keine interessante Anekdote zu erzählen weiß. Ihm zuzuhören ist für den begeisterten Bodybuildingenthusiasten einfach ein Hochgenuss.

Positiv überrascht war ich von der Tatsache, dass durchaus auch kritische Töne zu hören waren, so zum Beispiel über die Entwicklung im professionellen Bodybuilding in den letzten zwei Dekaden. Enttäuschend fand ich, neben dem Fehlen von aussagekräftigem Bild- und Videomaterial, die Tatsache, dass manche Themen – wohl aus produktionstechnischen Gründen – schlicht unter den Tisch gekehrt wurden, so die Rivalität zwischen Wieder/AMI und Muscular Development.

Insgesamt bleibt ein zweigespaltener Eindruck haften: Wer sich für die Geschichte und Entwicklung unseres Sports interessiert und vor allem wer Spaß an den Berichten und Erzählungen von Zeitzeugen hat, dem sei diese DVD absolut ans Herz gelegt, auch wenn der Mangel an visuellen Reizen durchaus schade ist. Menschen, denen bei Trainingsvideos schon langweilig wird, wenn ein Athlet einmal länger als 5 Minuten am Stück redet, sollten einen großen Bogen um diese DVD machen.

So viel Spaß sie mir bereitet hat, so sehr bleibt der bittere Beigeschmack haften, dass man hier viele Chancen vergeben hat. Ein Extended Cut, der die durchaus hochinteressanten Interviews mit ein paar Wettkampf- und Trainingsszenen untermalt, wäre ganz sicher ein Kassenschlager. So bleibt die DVD etwas für Enthusiasten, die sich gerne einmal in einer ruhigen Minute an den Geschichten aus alten Tagen erfreuen.