Komisch ist man immer nur aus Perspektive der anderen. Schon heute bevölkert eine kleine große Randgruppe die Erde, die auch Außenstehenden derselben Spezies sehr befremdlich erscheinen mag: die Bodybuilder (und solche, die es glauben zu sein). Und dabei sind wird doch eigentlich so normal! Eine nur halbernst gemeinte kurze Einführung in die Geheimnisse des BB-Lifestyles.
1. Wir bewahren immer Haltung!
Der Tennisspieler trainiert nicht an der Supermarktkasse seine Rückhand. Der Schwimmer käme nicht auf die Idee, mitten im Büro seinen Beinschlag zu üben. Der Turner spickt den Weg zur Bushaltestelle nicht mit einigen gekonnten Saltos. Aber wer sich dem Bodybuilding verschrieben hat, der trägt die Moves seines Sportes 24/7 bei sich. Die Rasierklinge unter der Achsel gehört nun mal zum Leben dazu. Eine kurzer Bizeps-Check, eine Trizepspose oder auch schon mal die Most Muscular gehen immer. Besonders, wenn sich ein Spiegel in der Nähe befindet, sieht sich der Bodybuilder gezwungen, von den Früchten seiner Mühen zu naschen. Die Lichtverhältnisse jeder Räumlichkeit sind schnell auf einer Skala von "Motivationsschub" bis "Selbstbewusstseinskiller" eingeordnet. Seltsam anmutende Verrenkungen werden speziell in Gegenwart von Andersgeschlechtlichen oder vermeintlichen Konkurrenten zur Notwendigkeit erhoben. Wer das nicht versteht, ist einfach zu schlaff. Nichts geht über einen guten Muskeltonus! preview2. Wir absolvieren niemals ungerade Wiederholungszahlen!
Unter diesem Punkt ist zunächst zu betonen, dass sich im Bodybuilding unter gar keinen Umständen ein planloses Vorgehen finden lassen wird. Ein lose geplantes Treffen mit Mannschaftskameraden auf dem Bolzplatz, eine spontan gewählte Joggingrunde unbekannter Länge nach Feierabend – Freestyle-Loddertum überlassen wir den anderen Sportlern. Wir wissen immer, was wir tun und wie es heißt. Jeder Satz ist detailliert am Reißbrett geplant. Trainingsmethoden ohne Methodik sind ganz bestimmt um 30% weniger anabol!Und wenn wir uns dann aufmachen zum schnaufenden Muskelversagen oder zur gewünschten Wiederholungszahl, und dann das Gewicht doch zu schwer gewählt wurde – dann geht irgendwie immer noch was, bis man sich auf das psychologische rettende Ufer einer geraden Ziffer gerettet hat. Wer es siebenmal geschafft hat, schafft es auch ein achtes Mal. Warum das so ist? Wir wissen es auch nicht.
3. Montag ist Brusttag
Keine weiteren Erklärungen nötig. Ich schlage aber dem Interessierten oder Zweifler ein kleines Experiment vor, um sich von dieser eisernen Grundregel zu überzeugen: versucht doch einfach mal, am Montag in einem deutschen Fitnessstudio die Flachbank zu erobern.4. Wir sind immer zu fett und zu dünn zugleich
In einer Gesellschaft, in der jeder Zweite ein Übergewicht auf der Waage verbucht, stellt sich für viele Menschen gar nicht die Frage nach dem gesundheitlich sinnvollsten Lebenswandel bzw. nach dem Ziel, das es (theoretisch) anzuvisieren gilt. Ganz so einfach hat es der gemeine Bodybuilder nicht. Er wandelt stets auf der stressig dünnen Grenze zwischen Lauch, Kartoffelkloß und Wasserball. Ausgefülltes Tshirt oder Sixpack, 50er-Ärmel oder Feuerwehrschläuche auf dem Quadrizeps? Ein Konflikt, der vom Außenstehenden unmöglich verstanden werden kann. Das zwanghafte Verlangen nach strikt regelmäßiger Nährstoffversorgung im Sinne des Masseaufbaus kollidiert auf den ersten Blick mit der phobischen Zurückhaltung vor allem, was nicht abgewogen, mit einem annehmbaren Verhältnis der Makros gesegnet oder gar schmackhaft ist. Die genusslose Funktionalität der Beziehung, die der ambitionierte Sportler mit dem Essen führt, versteht niemand, der nicht auch das Anspruchsdenken des Bodybuilders bezüglich der eigenen Person durchdrungen hat. Dieses ist keineswegs konstant, sondern den Einflüssen verschiedenster externer Faktoren wie Beziehungsstatus, Wassertemperatur im Freibad, Sitz der aktuellen Bekleidung, Wochentag (ist ein Diskobesuch in absehbarer Zeit zu erwarten?), Lichtverhältnissen bei der letzten Spiegel-Begutachtung (s. Punkt 1), Kriminalitätsrate im unmittelbaren sozialen Umfeld etc. unterworfen. Da gibt es wohl nur eine Zielstellung, auf die sich alle Trainierenden einigen können: Hauptsache kein "Skinnyfat"!5. Wir mögen es schmuddelig
Ein Bekannter legte sich kürzlich ein Rennrad zu, dessen Schaltung allein tatsächlich mehr Wert besitzt als mein (noch voll fahrtüchtiges!) Auto. Wer schon einmal bei einem Volkslauf oder gar Triathlon gewesen ist, dem wird dort vor allem die heftige Materialschlacht aufgefallen sein. Hypermoderne Trainingszentren, Hightech-Leistungsdiagnostik, Kompressionsaerodynamischhaifischhautsilferfadenantibakterien-Bekleidung: Anhänger jeder Sportart sind nahezu besessen von immer besserem Equipment und immer elitäreren Bedingungen.Nicht so der Bodybuilder! Ähnlich wie das Sesamstraßen-Monster Rumpel aus der Mülltonne mögen sie es, mit Verlaub, eher schmuddelig und unzeitgemäß, oder, wie es ein intern gern verwendeter Euphemismus benennt: "Oldschool". Weil sie es auf Videos von Arnold dem Großen so gesehen haben, trauern sie der guten alten Zeit hinterher – vielleicht reflektiert sich hier auch unbemerkt die Sehnsucht nach dem Schönheitsideal von damals. Der Anblick verrosteter Olympiastangen, vergilbter Autogrammkarten, in Kuchenbackformen selbst gegossenen Gewichten und versiffter Bänke, die von den schweißverklebten Achselhaaren längst vergangener Generationen sichtbar strapaziert wurden, erfreut das Sportler-Herz. Alles andere ist Wellness! Die anabolen Auswirkungen des Workouts verhalten sich ganz bestimmt umgekehrt proportional zur Modernität der Studioausstattung. Der Betreiber tut seinem Klientel also keinen Gefallen, wenn er Investitionen in Modernisierung tätigt. Die Uncle Sam-Jogginghose aus den späten 70er-Jahren und das ausgeleierte Golds Gym-Shirt runden das kleinkindliche Verlangen nach einem keimfreundlichen, belastbaren Spielplatz ab. Nichts geht über eine angemessene Atmosphäre!
6. Wir sind so stark und schwach zur gleichen Zeit
Ausdauerathleten sind zähe Hunde. Zweistündige Läufe vor der Frühschicht, mehrtägige Radtouren im spanischen Hochgebirge, Neopren-Schwimmtraining in eiskalten Fluten – Erbarmungslosigkeit gegen die eigene Schwäche ist hier eine Selbstverständlichkeit. Auch von Mannschaftssportlern ist bekannt, dass sie sich der Maxime "Aufgegeben wird erst, wenn es blutet oder komisch verdreht ist" unterworfen haben.Es sind ausgerechnet die Muskelmänner, die doch augenscheinlich die Stärksten der Starken sein müssten, die aber eigentlich aus äußerst weichem Holz geschnitzt sind. Klar, hin und wieder überkommt es sie, da wird dann nach einer Einheit Beintraining mit Stolz erbrochen oder die schmerzende Schulter doch einige Zeit ignoriert. Ansonsten aber sind sie vor allem in einer Disziplin spitze: im Finden von Ausreden und Rechtfertigungen. Studien, die sich mit Übertrainingserscheinungen, den regenerationsbezogenen und orthopädischen Nachteilen des Kreuzhebens, den negativen Auswirkungen des Trainings mit Muskelkater und den eigentlich doch gar nicht so schlimmen Auswirkungen nachlässiger Ernährung beschäftigen, werden hier gierig aufgesogen und verbreitet. Vielleicht, weil sie kein messbares Ergebnis, keine Zeiten, Weiten und Höhen, kein grölendes Publikum, keine Tabellenplatzierung erreichen, keine meditativ-anaerobe Belastung genießen können, weil ihr einziges Ziel in den meisten Fällen ein schwammig definiertes Ideal ist, verabschiedet sich die Motivation nur allzu häufig in die trainingsfreie Phase. Muskeln wachsen eben nur, wenn sie ihre Ruhe haben. Eine Weisheit, die viel Leid ersparen kann.
7. Wir sind uns untereinander nicht grün
Der Marathonläufer akzeptiert die watschelnde Hausfrau neben sich, der Bundesliga-Profi stört sich nicht an der Existenz der Kreisklasse. Sie alle erinnern sich an die eigenen Anfänge oder akzeptieren ganz einfach, dass es verschiedene Methoden oder verschiedene Ambitionen gibt.Im Paralleluniversum Fitnessstudio tobt dagegen ständiger Kleinkrieg. Dem Kraftdreikämpfer ist der Bodybuilder zu schwach (und zu tuntig), dem Bodybuilder ist der Kraftdreikämpfer zu fett. Und selbst innerhalb der separaten Randgruppen stellen Intoleranz, Überheblichkeit und Häme keine Ausnahmeerscheinungen dar. Wer länger als die obligatorischen zwei Trainingsmonate kurz vor der Strandsaison durchgehalten hat, stellt sich himmelweit über alle anderen Anfänger. Wer die Begriffe Whey-Protein, DC oder Progression ungefähr einordnen kann, rümpft gegenüber denen, die vielleicht nur aus Gründen der Geselligkeit oder um sich fit zu halten im Gym auftauchen, die Nase. Die Kniebeuge-Fraktion hält mehr als drei Sätze Bizepscurls für eine Todsünde. Wer zu viel auf der Flachbank gedrückt hat, der hat so und so gestofft oder zumindest eine miese Technik gehabt. Die falsche Playlist, die falsch geschnittene Hose, ein überflüssiger Griff zum Handy – schon wird man zur Zielscheibe der Angriffslust.
Vielleicht ist es der für diese Sportart so typische hohe Anteil der inaktiven Phasen innerhalb einer Trainingseinheit, die zur wertenden Umschau im sozialen Rund einladen. Vielleicht die Tatsache, dass man mit so vielen unterschiedlichen Typen auf engstem Raum zusammen kommt. Oder vielleicht wieder nur der Mangel an wirklichen Gegner, abgesehen von der eigenen Person, der man ja so und so nie so richtig böse sein kann. In jedem Fall müssen wir uns positionieren, so wie man es auch in Thematiken wie Kindererziehung, Religion oder Automarken tun muss. Weil auch Bodybuilding eine Entscheidung für das Leben bleibt.
Das ist, warum wir so einzigartig sind.