Ein Dienstag, irgendwann im August…



Training
heute ist wieder einer der schönen Tage im Leben. Nein, nicht das ich mich auf die Arbeit freuen würde oder so, quatsch. Aber ist schon lustig mit anzusehen, wie die halbe Abteilung mit den Köpfen aus dem Büro hängt, wenn man ansprechenden weiblichen Besuch bekommt. Das Fräulein Stolzenfels aus dem Einkauf hat sich angekündigt, um ein paar denkbar unwichtige Einstellungen in Ihrer SCM-Software verpasst zu bekommen.
Tja, und wie der liebe Gott es so wollte, gibt’s nur einen, der es kann. Mich.
Ist natürlich glatt gelogen, aber ich bin der einzige, der es verdient hätte, mit Fräulein Stolzenfels gemeinsam an Problemen zu arbeiten. Um Punkt halb neun war es also soweit. Der Flur war leergefegt, und die cleveren Kollegen hatten schon im Gruppenkalender erkannt, was die Stunde heute geschlagen hatte. „Oh, Du bekommst wohl gleich Besuch, was?“ Mehr Neid kann einfach keine erdenkbare Tonlage eines Menschen aufnehmen. Mein Kollege von schräg gegenüber ging sozusagen neben seinem Bauch gleich doppelt schwanger. Einmal eine 1a Nahrungsmittelschwangerschaft zwischen Brustkorb und Genitalbereich, und dann noch die Eifersucht zwischen den Ohren. Nun ja, es kam wie es kommen musste.
Fräulein Stolzenfels betritt den Flur - drei Sekunden, die wie dreißig wirken. preview Zweimal hört man das Knacken ausgerenkter Halswirbel, gefolgt von einem leisen „Scheisse“ aus den vorderen Büros. Dann erfüllt ein Hauch von zartem Duft mein Büro. Es folgen zwanzig Minuten Problemvortrag von ihr, die man auf zwei hätte reduzieren können, was mich jedoch nicht sonderlich stört. In meinem Kopf ist jetzt jedenfalls ein Ganzkörper-MRT von Fräulein Stolzenfels abgespeichert - zumindest was die Oberfläche angeht. ;-)

So schnell sie kam, ist sie dann auch wieder weg. Ich vergnüge mich die nächsten drei Stunden mit der Umsetzung ihrer Wünsche. Schließlich möchte ich die Mittagspause nutzen, das erreichte zu verkünden. Gesagt getan, Punkt viertel vor zwölf geht die neue Version Online und Madame kann wieder kräftig in die Tasten hauen. Auf dem Weg von der Kantine zum Büro kommt es zum Small-Talk zwischen einem Kollegen und mir. „Du hast aber auch gut zugelegt in letzter Zeit. Das scheint den Damen hier ja zu gefallen, oder warum war die süße aus der zweiten Etage heute den halben Vormittag bei Dir?“ fragt der Kollege mit einem unverkennbaren Unterton. „Nun ja, darüber haben wir uns eigentlich wenig unterhalten. Aber jetzt wo Dus sagst, stimmt natürlich. Das ich solche Sachen immer erst auf den zweiten Blick sehe…“. Das war natürlich nicht, was der Herr Kollege hatte hören wollen. Nun ja, ich hatte jedenfalls ein komisches Gefühl bei der ganzen Sache. Irgendwas stimmte nicht mit diesem Tag…

…und ich wusste vier Stunden und siebenundvierzig Minuten später, was nicht stimmte. Ping - das Drehkreuz im Studio dingelt, „Hallo Daniel“ säuselt es von schräg links hinter der Theke. Freundlicher Gruß zurück und mein Blick schweift in Richtung Gang zur Umkleide. - BUMM! - Meine Augen scheinen nen Totalschaden zu haben oder mein Großhirn hat den Vormittag nicht verkraftet. Ich könnte schwören, vorne auf dem dritten Stepper steht , na wer wohl, Fräulein Stolzenfels. Wenn ich nun schreibe, sie hatte einen Hauch von eng anliegender Sportshorts an, ist das noch ordentlich untertrieben. Es war eigentlich mehr eine halbierte Hotpants. Ein leicht verbreiteter Gürtel. Darüber ein Oberteil, hinter dem sich nicht mal ein Stammesfürst aus Biafra hätte umziehen können, ohne gesehen zu werden. Ich dachte immer, Kleiderordnung gäbe es nur beim Beach-Volleyball. Aber so irrt man sich. Ich wähle den Weg vor der Stepper-Reihe entlang in Richtung Umkleide. Und Tatsache, sie ist es. Lächelt mich freundlich an und grüßt. „Haallooo!“ Ein ganz anderer Ton als noch einige Stunden zuvor in der Firma. Was soll ich denn nun davon halten? Nichts, denke ich mir erstmal und grüße freundlich zurück.

Auf dem Weg zur Kabine laufe ich fast vor jeden der 23 Pfosten, die den Weg zieren. Die Stolzenfels, hier bei mir im Studio. Auf heiligem Boden. Was denn nun? Ich stell mir gerade vor, wie sie vorbeiläuft, wenn der Hühne und ich mal wieder Bankdrücken oder Kreuzheben machen. Dann erzählt sich morgen die ganze Firma, was ich denn wohl für ein bekloppter Vollpfosten bin. Na ja, da muss ich nun durch, egal.

Zurück auf der Trainingsfläche mach ich erstmal meinen ganz normalen Turn. Bloß nix anmerken lassen, denke ich mir. Aber natürlich geht alle 5 Sekunden der Scanblick in Richtung Ergo-Geräte um zu checken, ob die gute Madame mich denn auch im Blick hat. Und ja, das hat sie zur Genüge. Nach 23 Minuten und 14 Sekunden hat sie erbarmen und steigt vom Stepper. Ihr Blick geht schnurstracks zu mir, ihr Gang auch. Noch sechs Meter, noch drei…

… „Wie lange trainieren Sie denn schon hier?“ fragt sie mit aller Förmlichkeit. Ich nehme allen Mut zusammen und kontere „Ich bin jetzt seit nem halben Jahr hier. Und Sie? Wobei wir doch auch einfach „Du“ sagen können, oder?“. - Bumm - Der hat gesessen. Ein Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und sie entgegnet freundlich „Ja klar, ich bin die Sabrina. Hab mich erst vor einer Woche hier angemeldet. Aber das ich Dich hier treffe… Ich wollte um halb sechs den Kurs mitmachen. Hast Du Lust?“ - Tilt, Error, Absturz - „Ja, äh, klar!“ stammelt es aus meinem Mund, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, was denn „der Kurs um halb sechs“ eigentlich ist. Bauch Beine Po? Atemübungen für angehende schwangere Väter? Kochen mit Biolek? Ernährungsseminar mit Ottfried Fischer? Ich habe keine Ahnung - aber noch sieben Minuten. „Ich hol mir kurz was zu trinken“ rette ich mich zunächst. Auf dem Weg zur Theke schnell ein Blick auf den Kursplan. „Hottest Iron“ nennt sich das ganze. Langhantel Muskelverar**** also. Na noch mal knapp am Tod vorbei denk ich mir. Gibt zwar optimaleres nach 25 Minuten Rückentraining, aber egal. Jetzt oder nie.

Exakt sechs Minuten später finde ich mich im Kursraum wieder. Zusammen mit 13 Irren Frauen, einer noch bekloppteren Trainerin und einer Konkursmasse von sechs kümmerlichen Hautständern. Hautständer B aus Teil 1 des ganzen ist auch wieder mit von der Partie und guckt ziemlich dämlich, als ich den Kursraum betrete. Da wildert einer in seinem „Wellness-Revier“. Mit dem Allerwertesten zu wackeln ist schließlich der Obrigkeit mit Gefährt aus Stuttgart in der Tiefgarage und karierter Golfhose im Echtholzschrank der Umkleide vorbehalten. Ich lasse mich jedoch nicht beirren und hole mir eine Kurzhantel. Na ja, denke ich. 30 Kilo müssen es schon sein. Da sollte eigentlich alles mit klappen. So was haben die Vorfahren schließlich als Uhrkette getragen. Der Rest sieht das wohl etwas anders. Sabrina legt sich eine Zehner zusammen und die Hautständer-Fraktion kommt auf grandiose 78. Zusammen versteht sich.

Die Show beginnt und die irre Trainerin startet mit gemütlichem Langhantelziehen vom Knie in Brusthöhe. Scheiße nur, dass mir keiner verraten hat, wie viel Wiederholungen man in so einem Kurs macht. Nach drei Minuten Dauerheben meiner 30 Kilo Hantelmasse pfeiff ich aus dem letzten Loch wie ein Puma nach zwölf Kilometern sprint am Stück. Der Peter Frankenfeld Verschnitt von schräg rechts vorne kann sich’s nicht verkneifen und säuselt „Wohl doch ein bisschen viel, was?“ herüber. OK Du ******, Danke. Hast ja Recht. Sabrina scheint mehr Respekt als Belustigung zu empfinden und signalisiert mit ihrem Blick, dass der Kerl lieber in die Pampa gehen sollte, als mich bei der körperlichen Ertüchtigung zu nerven. Egal, denke ich. Es kann nur besser werden…
… und das wurde es. Nächste Übung: Kniebeugen. Ha Ha, dachte ich mir, alles klar. Schnell noch zwei fünfer Scheiben nachgelegt und mit 40 Kilo gaaannnzzz locker die drei Minuten und 17 Sekunden mitgemacht. Ruhe, kein Wort von Peter Frankenfeld für Arme. Stattdessen nur ein kurzer knapper Blick.

Nach dem Kurs ist vor dem Kurs und so ging das ganze noch ergötzliche 45 Minuten lang weiter. Danach war Sauna angesagt. Das beste nach so einem Programm. Doch vor diesen schönen Schweiß, hatten die Götter den Angstschweiß gesetzt. Ich konnte ja nicht so „mir nichts Dir nichts“ in die Sauna marschieren, wenn Sabrina da auch rumturnte. Zumindest nicht ohne sie vorher gefragt zu haben. Also noch mal allen Mut zusammen und freundlich und leise „Stört es Dich, wenn ich auch in die Sauna gehe?“ gefragt. „Kein Problem, gerne!“

Tilt, Error, Absturz Nummer zwei an einem Tag. Die drei Minuten zwischen Frage und Tat reichten gerade, um einem Herzklabaster zu entgehen. In der Sauna sitzt die ganze Muppetshow wieder zusammen. Die beiden Opas rechts oben auf der höchsten Stufe, Miss Piggy die ihr ja schon aus Teil 1 kennt (Neuschwanstein grüßt per Postkarte) und Kermit, alias Peter Frankenfeld, alias Nerventot. Er ergreift auch sofort das Wort und weiß genau, wie eine Sauna gebaut wird, verleimt wird, wahrscheinlich sogar wie oft ein durchschnittlicher Saunabauarbeiter am Tag zum Pott rennt und sich den Jürgen würgt. Und er lässt kein Detail aus. Wirklich keins. Nach 14 Minuten ist er fertig, und ich total zugeschweißt. Endlich nach draußen, Frischluft schnuppern. Sabrina tritt nur an mich heran und säuselt „Wenn der das nicht bekommt (und meint damit Kermit aus der Sauna mit der Rede an sein Volk), darf seine Alte die nächste Woche nicht ran…!“ Ich dreh mich leicht entsetzt zu ihr um und sie grinst nur Frech in mein Gesicht. „Hast Du noch Sex, oder spielst Du schon Golf?“ fügt sie mit einem unschlagbaren Grinsen hinzu und ich denke mir, lieber Gott, warum kann nicht jeder Tag ein solcher sein?

Teil Drei folgt bald. Darin: Herzschlag im Studio und wie man aus einem Brauereipferd einen Ferrari macht…