Ein Donnerstag, irgendwann im September


BodybuildingLiebes Tagebuch,

Es ist der Tag zwei nach X und ich muss unbedingt noch den Rest des gestrigen Abends erzählen. Nach der Diskussion über Vegetarier in der Sauna durfte ich mir von Sabrina, ihres Zeichens Ex-Hardcore-Ich-Ess-Kein-Fleisch-Weil-Ehemals-Lebendes-Tier-Verfechterin, einen 1a Vortrag in Spielfilmlänge zum Thema Massentierhaltung, Antibiotikamissbrauch in der Fleischbranche und die Niedlichkeit von Hausschweinen anhören. Jetzt erklär mal einer 23 Jährigen Frau, die 4 Jahre Ihres Lebens um tierische Proteine, Antibiotika, „Masthilfsmittel“, Pökelsalz und Natriumcitrat betrogen wurde, wo beim Angusbullen das Rumpsteak sitzt.

Ich hatte ja die glorreiche Idee sie von zu Hause abzuholen, um sie dann anschließend noch mit einer kulinarischen Köstlichkeit zu verwöhnen. Immerhin durfte ich sie dann doch noch bekochen und zauberte ein zart gebratenes Putenbrustfilet mit Reis und Gemüse. Kurz: BB-Standard EPA-Pack. Sie nahm es wirklich gelassen und nach dem Essen wurde unsere Unterhaltung dann philosophisch. Es ging um den Sport an sich und alles, was dazu gehört. Wir rekapitulierten gemeinsam die Eigenarten der Showteilnehmer aus der Muppet-Show und da fällt mir auf, das ich einen noch gar nicht erwähnt habe: Gonzo! preview

Gonzo heißt im echten Leben Hermann und betätigt sich nebenberuflich als Beamter im Postamt Bochum-Stahlhausen 3. Warum nebenberuflich braucht man denke ich jedem, der sich dem normalen Berufsalltag stellt nicht zu erklären. Den Spitznamen Gonzo hat er nicht zuletzt seinem Riechkolben zu verdanken der bei kurzer Betrachtung an einen Maiskolben erinnert. Es gibt allerdings auch Menschen, die darin schon einen verunglückten Massagestab erkannt haben wollen. Auch egal, seiner Frau ist es offenbar egal.

Das besondere an Gonzo nun ist es, dass er die im Berufsleben (wenn man das überhaupt so nennen kann) eingesparte Energie ins Training im Studio investiert. An sich eine feine Sache, wenn da nicht Gonzos Eigenarten wären, die einen echten Beamten auszeichnen. So schafft er es mit seinen smarten 42 Jahren nicht einmal, seine 4 Kilo Kurzhanteln nach den Bizepscurls wieder in die Halterung zu legen. Und das heißt es immer, Beamte sind die Träger unserer Nation. Zum Hanteln tragen reichts jedenfalls nicht. Aber träge ist er schon. Sein gepflegter Pilsfriedhof rund um den Bauchnabel ist ein geschätztes Vermögen wert. Zumindest angesichts des zum Erreichen dieser Masse konsumierten Gerstensaftes. Equivalent dazu verhält es sich mit der Menge vernichteter Gehirnzellen bei Gonzo. Ich mach mir persönlich immer einen Spaß daraus und überrasche Gonzo bei jedem Training mit einem neuen Beamtenwitz.

Gestern z.B. als er in der Umkleide zum Klo verschwand hab ich ihm eine Rolle Klopapier extra in die Hand gedrückt. Er schaute mich ganz verwirrt an und fragte „Warum gibst Du mir die? Da ist doch noch genug.“ „Das hier ist dreilagig. Damit Du für Deinen Scheiss auch zwei Durchschläge hast wie im Büro!“

Das fand Gonzo gar nicht lustig und grunzte irgendwas in meine Richtung. Dann ging es zum Training - Gonzo beim Bankdrücken. 25 Kilo liegen an, inklusive Stange versteht sich. Nach 10 Wiederholungen ist Schluss, Gonzo aber überglücklich da er noch NIE mit aufgelegten Scheiben trainiert hat. Auch wenn diese nur 1,25kg pro Stück hatten ein Erfolg. Und ob ihrs glaubt oder nicht, ich hab mich wirklich für ihn gefreut. Für 3 Sekunden zumindest. Dann kam der Sadist in mir durch und ich schlug Gonzo vor, doch mal einen Maximalkraftversuch zu machen. Jetzt hatte ich Gonzo an der Ehre gepackt, sozusagen bei den Eiern gegriffen und feste zugeschnappt. „Wie viel meinst Du denn?“ „So mit 40 Kilo? Komm Hermann, dass schaffst Du!“ – „OK!“

Gonzo hat schon kurz Gewicht nachgelegt, alles festgeschnallt, einmal durch das fettige Resthaar gegriffen damit die Stange auch gut fluppt und schreitet in atemberaubender Arme-Vom-Körper-Weghalt-Weil-Ich-So-Breit-Bin-Pose zur Ausgangsposition der Übung. Erst jetzt bemerke ich die Stille um mich herum. Jeder, aber wirklich jeder vom Greisen bis zur Kackerlake an der Wand scheint sehen zu wollen, wie Gonzo sich mal ganz derbe blamiert. Gonzo setzt an, hebt die Hantel raus und federt mit galantem Schwung von 40 Kilo auf der Brust ab. Hätte er da nicht so viel Fett, die Stange wäre wohl durchgeschlagen bis in den Keller, soviel Schwung hatte das Ganze. Ich nehm schnell die Hände dran während Gonzo unbeeindruckt der Flugeinlage seiner Hantel beginnt gegen das Gewicht nach oben zu drücken. Das kurze Raunen in der Menge verstummt und man hört nur Gonzos gequältes Grunzen. Die Stielaugen der Umstehenden nehmen üble Ausmaße an. Einige sehen aus, als versuchten sie gerade ein ordentliches Stück Lehm aus dem Rücken zu drücken oder einen grätenlosen 6-Pfünder in den Teich zu schicken. Gonzo merkt das alles nicht, drückt weiter. Noch drei-vier Zentimeter fehlen, da krampft er erneut an und drückt, was die 27er Oberarme hergeben. Geschafft. Oben. Doch jetzt geht’s los. Anstatt die Hantel nach hinten ins Safety zu legen schwingt er nach vorne!

Ich kann gerade noch dagegen halten und die Stange sinkt mit einem lauten Knall in die Halterung. Gonzo jubelt, die Masse staunt, und der Ober******* von Trainer scheißt mich an, warum ich die Stange so knallen lasse und ich solle doch mal ruhiger trainieren. Hermann alias Gonzo ists egal, er ist stolz wie Oskar aber guckt eher wie ein sizilianischer Dackel nach einer Haupthaarbehandlung mittels fahrbarem Rasenmäher.

Neben uns stehen zwei albanische Stelzböcke die durch den Knall in ihrer Meditation gestört worden zu seien scheinen. Mir drängt sich die Befürchtung auf, dass Ärger im Verzug ist. Doch die Jungs schauen nur einmal auf mich, einmal auf Gonzo und kommen offenbar zu dem Schluss, dass wir höchstens Opfer wären, keine Gegner. Schwein gehabt denk ich nur. Da legt Gonzo los: „Brauchst gar nicht so zu gucken, schaffste wohl nicht, was?“ Ich denk mir nur SCHEISSE, Gonzo halts Maul oder möchtest Du mit Betonschuhen im Morgengrauen in Duisburg in der Wedau versenkt werden und erst in Amsterdam von irgendeinem besoffenen Grachtenpisser beim Frühbaden im Watt ausm Kanal gezogen werden? Ich NICHT!

„Hey kleiner, wir zeigen Dir, wie geht. Damit Du kannst lernen!“ spricht er, legt 120 Kilo auf die Bank und drückt ganz locker raus während er Gonzo mit einem Blick fixiert, der vermutlich in Star Wars als Lichtschwert benutzt worden wäre und eigentlich unters Kriegsrecht fällt. Nach 6 Wiederholungen scheint Gonzo überzeugt und entschuldigt sich in aller Form bei Mr. Albanien. Dieser geht gelassen drüber hinweg und setzt dich wieder auf eine Matte um sich zu dehnen. Ich schnapp mir erstmal Gonzo und geh mit ihm die Umkleide.

„Bist Du eigentlich noch zu retten? Beim nächsten mal erklärt der Dir mit der 9mm was er von Deinem scheiß Gelaber hält. Wenn Dein Job Dich nicht fordert, musst Du nicht gleich die Urlaubsvertretung von Bruce Willis in Stirb Langsam übernehmen!“ Gonzo scheint zu kapieren, worauf ich hinaus will. Er entschuldigt sich auch bei mir und wir kehren ruhig und gelassen zurück zur Trainingsfläche. Das war knapp...

...doch eigentlich schweife ich ja total ab vom Thema. Wir waren bei Sabrina und der Diskussion über Nahrung. Da kommt auch schon die zweite heiße Diskussion. „Hast Du morgen früh Termine?“ fragt sie mich mit einer Engelsstimme. „Ja, aber erst um 9.“ (Eine glatte Lüge, aber man weiß ja nie, worauf sie hinaus will ;-)

„Ich muss morgen um 8 mit Chef zu ner Spedition. Die haben uns eingeladen. Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll?“ Ich will erst „Nichts!“ sagen, beherrsch mich dann aber. „Was steht denn zur Auswahl?“ „Na Rock oder Hose, also Hosenanzug.“ Puhh, schwierige Frage. Der Rock wäre vermutlich nicht länger als die Trainingshotpants und von daher ein Fall für die Genver Konvention. Ein Hosenanzug sehe wahrscheinlich ein bischen aus wie Catwomans Latex-Swuit und würde die Stilettos bei der Spedition vermutlich zum plötzlichen Herztod führen. Abgesehen davon, dass ich mir noch irgendwas einfallen lassen müsste, um mitzufahren zu der blöden Spedition um mir das Spektakel live und in Farbe zu geben.

„Wir können ja noch zu mir fahren, und ich zeig Dir die Sachen...“ BING BING BING BING BING – Hauptgewinn, Jackpot!!!! „Ähh, ja klar, können wir machen. Wenn ich Dich nicht störe?“ Was für ein Scheiß Spruch denk ich mir nur, aber da ist er schon raus. „Ne ne, Du störst nicht“ säuselt sie in einem Ton, der gutes ahnen lässt.

Keine 15 Minuten später sind wir bei ihr. Lumpi die alte Fusshupe setzt sich gottseidank direkt an seinen Platz und hält die Luft an. Sabrina wohnt im Haus ihrer Eltern in einer Souterrainwohnung und die Hütte ist wirklich geschmackvoll eingerichtet. Ich werde auf der Wohnzimmercouch platziert und habe die glorreiche Aufgabe, einfach nur da zu sitzen und zu warten, bis Fräulein Stolzenfels sich in die entsprechenden Klamotten geworfen hat. Keine leichte Aufgabe, wenn man weiß das hinter der Tür zum Schlafzimmer die wohl verlockendsten Rundungen lauern, die ich seit langem zu Gesicht bekommen habe. Die Tür geht auf und sie steht in einer adretten, wirklich business-like Garderobe aus Rock und Bluse vor mir. „Das ist doch super für morgen!“ Platzt es mir raus „aber Du kannst sowieso alles tragen...“ „Ich nehm das mal als charmantes Kompliment“ fange ich mir ihren Konter und spätestens durch die zu diesem Dialog gehörenden Blicke war uns beiden klar, was los war. Zum anprobieren des zweiten Satzes Klamotten kam es nicht mehr. Wir haben uns nur einige Zeit später beide in einen Bademantel gepackt und gemeinsam mit Lumpi noch ein bisschen in die Glotze geschaut. Wohl um das alles zu verarbeiten, was heute so passiert war....

Was passiert als nächstes in der Muppet-Show? Bekommt der tragische Held unserer Geschichte seine Angebetete endgültig in seine Fänge oder bleibt es bei dem, was bisher geschah? Teil V bringt uns dem Rätsel ein wenig näher ...