Hallo liebe Eisenfreunde,

sicherlich hat der eine oder andere von Euch auch schon ähnliche Erfahrungen mit einem angesehenen Schicki-Micki Studio der High Society gemacht. Meine Erlebnisse des letzten halben Jahres möchte ich in diesem Artikel in humoristischer Weise zum besten geben. Alle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind natürlich ungewollt und frei erfunden.

Der Text besteht aus sieben Teilen, welche in Form eines Tagebuches abgefasst sind. Ich hoffe, Euch amüsiert es...

Tag eins – ein Montag irgendwann im August

Liebes Tagebuch,

heute ist Montag und traditionell mein Tag für Brust und Trizeps. Nach dem Aufstehen habe ich brav alle meine Muskeln begrüßt und die kleinen Babys mit einem anständigen Frühstück gefüttert. Danach ging es direkt zur Arbeit.

Die nette Kollegin aus dem Nachbarbüro war schon wieder schneller und hat den Kantinenplan ergattert. Schnell eine Kopie gezogen und grob überschlagen, ob sich das Gebotene denn wohl mit BB-Ernährung vereinbaren lässt. Fazit: Durchwachsen wie das Nackenkotelett vom letzten Dienstag, aber nicht umsonst lagert im Abteilungskühlschrank eine halbe Europalette Quark, Magerstufe selbstverständlich. Die kleinen Getränkeflaschen für hohen Besuch wurden kurzerhand zurück in die Kiste verbannt. Man muss eben Prioritäten setzen, sagt der Chef schließlich immer.

Nach 8,54 Stunden Fingertraining an der Tastatur geht es endlich in den Tempel der Qualen. Das Studio. preview
Der Fahrstuhl summt – Ping – angekommen. Ein dezenter Bass schleicht sich ins Ohr, zwei freundliche weibliche Thekenkräfte säuseln das obligatorische „Hallo Daniel" in einer Engelstonlage und meine Mitgliedskarte schwuppt über das Drehkreuz. Jaaaa, hier bin ich.

Keine zwanzig Meter weiter ist der Spaß vorbei. Unmittelbar vor der Tür, die zu den Umkleiden führt, begegne ich meinem Feindbild. Vielleicht hat der eine oder andere von Euch schon den Videoausschnitt mit Ronnie Rockel bei Oliver Geissen hier auf Andro gesehen. Wer sich an das undefinierbare etwas zu Beginn, Ihres Zeichens alleinerziehende Mutter zweier Kinder und im Hauptberuf Abendschülerin erinnern kann, weiß, was ich meine. Ein undefinierbares, vermutlich weibliches Wesen mit der berüchtigten Aerodynamik des Schlosses Neuschwanstein. Quadratisch, praktisch, aber alles andere als gut. Ein kurzes "Hallo" knurrt aus ihrem Mund, während sie anstatt mir kurz die Tür für eine Sekunde länger aufzuhalten selbige demonstrativ vor meiner Nase zuklappen lässt. Ich denk mir nur ruhig bleiben – genug Aggressivität fürs Training hätten wir ja nun schon mal getankt.

Noch eine Tür und endlich in der Umkleide. Echtholzschränke, elektrisches Schließsystem, alles vom Feinsten. Von den Wänden dudelt eine leichte Mischung aus Jazz und Drum’n’Bass. Schwenk mit dem Blick in Richtung der Waschbecken, da passiert es: Die Tür zu den Toiletten geht auf und das Licht wird dunkler. Keine drei Meter vor mir steht ein Gerät von Mann, ein Traum in Schleiflack, geschätzte 120 Kilo Abtropfgewicht bei einem Fettanteil auf den jede Öko-Milch stolz wäre. Er grinst kurz, sagt freundlich "Hallo" und zieht seines Weges ins Studio. Die Lichtstärke erhöht sich gefühlt um das doppelte und meine Klaustrophobieattacke beruhigt sich auch langsam wieder. Schnell hinterher - den MUSS man beim Training sehen.

Kurzer Sprint über den Flur und ab ins Getümmel. Keine vier Meter vor mir bahnt sich der Hüne aus der Umkleide den Weg zum Eisen. Wie Moses durchs Rote Meer schreitet er durch den Freihantelbereich. "Das wäre ein prima Werbeträger für die Zahnarztinnung", denk ich mir, "angesichts der vielen offenen Münder die dieser Mann auf seinem Weg so hinterlässt."

Seine erste Station: Kniebeugen. Damit erwischt er natürlich das zentralste Gerät im ganzen Freihantelbereich. Die Gaffer-Fraktion rundherum hat schon die drei Kilo Kurzhanteln schnell zurück an die dafür vorgesehenen Plätze gelegt, es ist Shwotime. Der Hüne legt sachte 70 Kilo auf und macht locker 15 Wiederholungen zum dezenten Aufwärmen. Die Masse scheint enttäuscht – "Wie, einer der sich aufwärmt? Was soll das denn? Und jetzt dehnt der sich auch noch. Ist bestimmt 'ne Tunte." So oder so ähnlich geistert es in den Köpfen vieler offensichtlich herum. Schade für einige, dass ihr Gesichtsausdruck so wenig Spielraum zum Verheimlichen gibt. Aber Intelligenz wird vom lieben Gott nun mal nicht mit der Gießkanne verteilt.

Der Hüne tritt an zum ersten "Kampfsatz". 240 Kilo freie Kniebeugen. Mittlerweile hat er einen Kumpel und mich zur Assistenz gekürt und der Rest würdigt uns keines Blickes. – "Tja, Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man geschenkt.", denk ich mir nur.
Und ein – zwei – drei - ... – das ganze geht bis 9, dann ist Ende für den Hünen. Er setzt ab, wir drehen uns um und schauen in den Rund. Keiner der 14 Anwesenden macht einen Satz. Alle sitzen nur da und schauen. Langsam beginnt das Geflüster: "Hast Du das gesehen?" - "Der nimmt doch was!" ...

Den Hünen stört's nicht. Er schaut uns nur freundlich an und sagt ganz locker auf mein Augenzwinkern: "Das kenn ich jetzt seit Jahren. Aber gönnen wir ihnen noch was zum Meckern." Der nächste Satz geht mit 250. Nach sieben Wiederholungen ist Ende, und wie auf Kommando sagt Hautständer A zu Hautständer B: "Siehste, jetzt wirkt das Creatin nicht mehr." Der Hüne dreht sich nur smart um, grinst die beiden an (während diese die Panik in den Augen haben, was falsches gesagt zu haben), dreht sich zu uns und fragt ganz locker: "Creatin, bringt das was? Hat das von Euch schon mal einer probiert?" begleitet von einem Augenzwinkern. Hautständer A wird sofort nervös und fühlt sich offensichtlich berufen, seine 62 Kilo auf 1,80m in Bewegung zu setzen, um dem Hünen die Wirkung der neuesten Creatin-Produkte zu erläutern. Doch die Angst scheint zunächst größer. Mein Kumpel sagt nur "Kannst Du Dir schenken, Dein Körper braucht das noch nicht als Anfänger!"

Hautständer A wird immer nervöser. Es lockt der erste Preis: Dem Hünen etwas erzählen, was er noch nicht weiß. Nur wie stellt man es am geschicktesten an? "Erstmal ins Gespräch kommen", denkt er sich offenbar und fragt unangemeldet von hinten in Richtung Hüne, ob er mit den freien Kniebeugen fertig sei und er an das Gerät könne. Nach den drei Sekunden, die der Hüne für die Drehung braucht und der Beseitigung der aus der Drehung entstandenen Verwirbelungen in der Frisur von Hautständer A sagt der Hüne nur trocken: "Soll ich Dir helfen, oder machst Du die 250 alleine?" Mit einer todernsten Stimme, ohne jegliche Anwandlung ihn ve****** zu wollen. Hautständer A wird kreidebleich und stottert nur "Nee, lass mal. Ich nehm die Scheiben schon ab." Antwort des Dicken: "Wenn Du auch noch Rückentraining machen willst, ..., Danke!"

Damit war das Thema Creatin vorerst erledigt. Mein Training hatte einen super Unterhaltungsfaktor und der Hüne ist seitdem mein häufiger Begleiter im Training und auch abseits des Studios.