Ein Freitag, irgendwann im September...



Liebes Tagebuch,

Bodybuildingmeistens kommt es sofort, und häufig anders als erwartet. So oder so ähnlich war es für mich heute morgen vor der Arbeit, als plötzlich zwei Jungs in grün-weißen Trachtenanzügen vor meiner Haustür standen als ich gerade zur Arbeit wollte. Schock lass nach dachte ich mir, jetzt bist Du dran. Warum auch immer. Ich wusste zwar noch gar nicht, was ich getan haben sollte aber die sahen nicht aus, als wollten sie beim mir vor der Tür ihre Kaffeepause machen.

„Sind Sie der Herr XY?“
„Jo, das bin ich.“
„Ist das Ihr Motorrad hier vor dem Haus?“
„Ja, das ist meine Maschine.“
„Mit diesem Motorrad ist vor zehn Tagen eine rote Ampel überfahren worden.“

Da machte es Klick bei mir. Die erste Fahrt mit Sabrina. SCHEISSE! Nur vorne Nummernschild, ja Pustekuchen. Die beiden uniformierten Bewegungsmelder zauberten eine offenbar unbestechliche 83-jährige Zeugin aus dem Hut, die während meines Vorbeifahrens mein Nummernschild aufgeschrieben hatte. So ist der Deutsche Rentner – Nix zu tun, aber aufschreiben wer bei Rot über ne Ampel knallt. Egal, passiert war passiert, ich entschloss mich zur Wahrheit und erklärte den Jungs den Sachverhalt. Betonte jedoch stets, die Ampel sei gerade umgesprungen und auf keinen Fall eine Sekunde rot gewesen.
Mein schnelles Geständnis schien die Jungs zu überzeugen und ich sammelte anstatt einem Monat Fahrverbot nur Treuepunkte für mein Rabattheftchen in Flensburg. Blöde nur, dass man da keinen Katalog bekommt um sich die Prämien auszusuchen.
Somit war der Tag schon so gut wie gelaufen. Doch der Lichtblick war ein früher Feierabend und das Training am Abend. Zu Sabrina wollte ich erst danach, sie hatte noch Muskelkater vom Tag zuvor. Vom Beintraining versteht sich. ;-)

Es begann wie immer im Studio – „Hallo Daniel...“ säuselte es wieder und ich bahnte mir den Weg zur Umkleide. Darin angekommen fiel mein Blick auf einen 16-jährigen Bombenleger, der schon aussah wie ein echter Experte. Uncle Sam Hose, Bruce-Willis-Gedenken-Feinripp-Shirt und die guten Zughilfen von Body-Attack. Den linken Delta mit asiatischen Mustern tätowiert und darunter „I am a Killer!“. Zweimal rum um den 32er Oberarm versteht sich. Die Frisur sah aus wie eine Mischung aus frisch ge****** Eichhörnchen und Drehstrom-Gel, die Schuhe waren knallrote Sportschuhe.
Ich zog locker neben ihm blank und konnte förmlich seinen Blick auf meinem Rücken fühlen. Nicht das das erotisch gewesen wäre, keineswegs. Lustig wurde es jedoch, als der Vollspacko sein Handy aus der Tasche zog und in Werner Hansch Manier eine Livereportage an seinen „Kollega“ irgendwo in der Duisburger-Bronxx startete. „Ey Alter, ich geh jetzt fette Bizeps machen.“ Der hat definitiv nicht „hier“ geschrien, als Gott das Hirn verteilte dachte ich mir, und schmiedete einen teuflischen Plan. Mein neuer Freund, ich nenne ihn ab jetzt einfach mal Tomekk, „bouncte“ sich den Weg zur Trainingsfläche. Allein schon dieser Gang, als wenn er nen grätenlosen 6-Pfünder in die Hose abgeseilt hätte bringt mich der Versuchung näher, ihm ein Bein zu stellen. Der Anblick wenn er zur Begrüßung aller mit einem lauten Knall auf der Kinnlade in den Freihantelbereich rutscht wäre ein Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung schon fast wert. Ich entschließe mich aber als überzeugter Zivildienstverweigerer trotzdem für die pazifistische Variante und lasse ihn weiter laufen wie 50 cent nach der ersten Kastration.

Im Freihantelbereich geht er zielstrebig auf die SZ-Isolierung zu und legt unglaubliche 15 Kilo auf. Insgesamt versteht sich. Nach vier sauber aus den Waden gefederten Wiederholungen (zur Erinnerung, er wollte Bizepscurls mit der LH machen) schien er zu merken, dass das Gewicht nicht so ganz passte. Als Reaktion fragte er einen der Umstehenden, ob er ihm helfen könnte. Der brummte nur etwas von „Dir ist nicht mehr zu helfen...“ und drehte sich wieder weg. Dann war ich dran. „Kannst Du mir helfen?“ „Er hat zwar recht, aber bevor Du hier am Allerwertesten abbrichst helf ich Dir lieber beim Wadentraining.“ Das schien Tomekk nicht zu gefallen, er resignierte jedoch aus Mangel an Alternativen und sah zu, wie ich seine 15 auf 10 Kilo reduzierte. Nach drei – vier Kommandos á la „Kneiff die Backen zusammen, Arme an den Oberkörper und schööönn langsam!“ wusste Tomekk dann auch wie man Bizepscurls macht. „Ey Alter, das ist ja voll krass. Burnt Dir voll den Muskel!“
Das diese Typen jedes Wort aus dem Wortschatz eines Coolen mit „B“ anfangen lassen müssen ... – bouncen, burnen, breit ...

Wie dem auch sei, Tomekk schritt nach drei Sätzen zur nächsten Station; Fliegende KH für die Brust. OK, dachte ich mir, Frauen und Kinder in die Boote und wer noch laufen kann sollte sehen, dass er in Sicherheit kommt, da hatte Tomekk schon die 12,5 Kilo Hanteln in den Händen und schritt majestätisch wie ein taiwanesisches Flusspferd – von der Schwerkraft der 25 Kilo an seinen Armen um 10cm geschrumpft – zur KH-Bank. Dort angekommen machte es einmal laut „RUMMMMS“ und die Hantel lagen unbeweglich am Boden. Jetzt wusste Oma Erna aus dem Erdgeschoss auch, dass Tomekk „in da House“ war, und ich stellte mir dabei vor, wie Tomekk bouncender Weise von Oma Erna das Nudelholz über den Schädel gezogen bekommt während er gerade den achten Joint an diesem Tag im Mundwinkel hat. Mein Hass auf den Typen schlich langsam in mir hoch.

Dann setzte er an, nahm die KH auf die Knie und warf sich mit Schwung nach hinten um durch diesen Schwung die Hanteln in die Ausgangsposition für die Übung zu bekommen. Doof nur, dass auf Hanteln Gesetze der Physik wirken, und die Physik kann man nun mal nicht bescheißen wie den Dealer um die Ecke. Es kam, wie es kommen musste; Die Hanteln wurden durch Impulserhaltung getrieben NICHT durch Tomekks kläglichen Versuch zu bremsen abgestoppt sondern begaben sich über seine Kopfhöhe hinweg weiter nach hinten. Er liess natürlich los und die Hanteln polterten mit Vollgas durch den Freihantelbereich. Ich folgte einer dieser mit den Augen bis sie sanft von einem Fuß gestoppt wurde. Ich sah an dem Fuss hoch und da stand – na wer wohl – dreimal dürft ihr raten – Mr. Albanien mit Slatko (seinem Bruder) und Sancho und Pancho im Schlepptau. „Du haben hier was verloren!“ Schnauzte Eddi, wie Mr. Albanien richtig hieß, in Richtung Tomekk. Dieser sprintete an um wieder der Hanteln habhaft zu werden. Doch Slatko war schneller und hob die Hanteln auf und hielt sie grinsend am ausgestreckten Arm nach vorne, ohne ein Zeichen körperlicher Anspannung. Tomekk hielt erwartungsvoll die Hände darunter. Slatko macht sich den Spaß und lässt die Hanteln los, die beide nach unten rauschen und auf Tomekks Hände treffen. Dieser knickt nach vorne ein und erneut macht es „RUMMMS“ und die Dinger liegen wieder am Boden.


Jetzt kommen Sancho und Pancho – Ihres Zeichens Seifenwarte in der JVA Wolfsbüttel – dazu und bringen die Hanteln zurüc zur Halterung. „Du – gehst in Zirkeltraining und machst Fitnes für Lady!“ mault Slatko Tomekk an, der offenbar den dringenden Wunsch hat zu sterben. „Ey Alter willst Du mich anmachen?“ erwiedert er und schaut grinsend in die Runde. Mr. Albanien schaut einmal zu Sancho, einmal zu Pancho und scheint dabei zu überlegen, ob Sancho ihn lieber vorne ansaugen und hinten wieder ausscheissen soll, oder ob lieber Pancho aus Tomekk Futter für die Bottroper Asia-Bar machen sollte. Eine Entscheidung wird ihm von Slatko abgenommen, der Tomekk am nicht vorhandenen Kragen packt und ihn rund 10 cm über dem Boden tippeln lässt. „Du haben Problem mein kleiner Freund?“ – „Isch will nur in Ruhe trainieren, Alter!“ – „Siehst Du, wir auch. Und Deine Scheiss Hanteln stören meine Bruder bei Meditation. Das ist nix gut für Ruhe von meine Bruder. Und wenn Bruder nicht ruhig, Tag für Dich wird ziemlich bescheiden.“

OK, denk ich mir, Tomekk hats kapiert, hoffentlich. Und Tatsache, Tomekk nickt fleißig und hat drei Sekunden später wieder Kontakt zur Bodenstation. Er nimmt sich die 8er Hanteln und zieht einsam seine Runden. Slatko grinst mich noch kurz an und ein Augenzwinkern besiegelt unsere Verbundenheit. Der Rest des Trainings verlief wie gewohnt locker...

Am Abend erzählte ich Sabrina von Tomekk und sie meinte, dass sei doch bestimmt ein schöner Punkt für mein Tagebuch. Als ich ihr dann aber von der Geschichte mit den Ordnungshütern erzählte sagte sie nur: „Na da hast Du ja noch mal Glück gehabt. Da wird’s dann wohl aber jetzt Zeit, das ich das deutsche Volk vertrete und Dir den Rest der Strafe in Selbstjustiz zuführe! ;-)“ Und Leute, ich glaube so viele rote Ampeln gibt’s in meiner Heimatstadt nicht, wie ich seit gestern überfahren möchte...

Teil sechs folgt in Kürze – darin: Studioparty mit der Muppetshow und der Tag X ...