Training Liebes Tagebuch,

heute ist ein besonderer Tag. Heute Abend ist Studioparty angesagt, und Sabrina und ich haben uns entschieden, dem Tod ins Auge zu schauen und uns den Spaß des Jahres live und in Farbe reinzuziehen.

Der beste Teil des ganzen beginnt zu Hause - bei der Auswahl der Garderobe. Der Dresscode sieht lässige Freizeitkleidung vor, wobei es wohl mehr als eine Definition gibt, was darunter fällt. Vor meinem geistigen Auge ziehen gerade unterschiedlichste Varianten lässiger Freizeitkleidung vorbei; Von Oma Ernas Ausgehkittel bis zu Tommeks Sonntagshose in XXXL mit FuBu Logo und obligatorischer Portemonnaie-Kette am rechten Gürtelloch, damit man den Kleinen auch vorm Supermarkt anketten kann. (Wir müssen draussen bleiben!)

Sabrina entscheidet sich für Jeans mit Top, ich bevorzuge Jeans und T-Shirt. Nachdem ich zwei Stunden darauf gewartet habe, dass Sabrina das Bad räumt und noch mal eine halbe Stunde, bis die Luftfeuchtigkeit im Badezimmer trotz intensivsten Lüftens unter 95% sinkt, seh ich mich dann auch selbst wieder im Spiegel. - Den kenn ich nicht, den wasch ich nicht! - schießt es mir durch den Kopf, letztlich siegt aber doch der Verstand. :)

Nachdem Sabrina durch die ambulante Lackierstrasse gelaufen ist und, ich meinen Astralkörper unter Zufuhr von H20 von Trainingsresten in Form von Schweiß befreit habe, geht es in Richtung Studio.

Dort angekommen, tobt bereits das Leben. Eine angesichts der Uhrzeit von 22:15 beachtliche Menschenmasse steht bereits mit gefüllten Gläsern rhythmisch wippend überall rum. Unser erster Weg führt zur Theke, hinter der meine beiden speziellen Freundinnen schon das obligatorische "Hallo Daniel..." säuseln. Ja, der Abend kann beginnen. Und das tut er, und zwar gewaltig.
Als Showakt der besonderen Art haben sich zwei "Artistengruppen" angekündigt. Die eine ist der Stepdance-Kurs 2 vom Dienstag Nachmittag, die andere stellt "unser Jürgen" in Personalunion als Ein-Mann-Feinripp-Armee im Stile von Steven Seagal mit einer Bodybuilding-Kür.
Ich frage mich, bei was ich wohl mehr zu lachen bekomme, die Antwort lässt aber nicht lange auf sich warten.

Um Punkt 22:30 kommt der Auftitt der Stepdancer. Sieben Frauen und ein vollkommen indisponierter männlicher Vertreter eilen mit Ihren Step-Blöcken unterm Arm in Richtung provisorischer Showbühne und schon beginnt die Musik.

Ghostbusters wäre wohl der passende Titel gewesen, angesichts der Zusammenstellung der Beteiligten, statt dessen gibt es jedoch "Bad" von Michael Jackson. Ein großer Spaß für alle Umstehenden!
Vorne Links steppt eine Dame mittleren Alters, die am Morgen wohl nicht die sonst üblichen Psychopharmaka bekommen hat, angesichts der antirhythmischen Zappelbewegungen, die ihre Performance zum Highlight machen. Daneben die drei Zentner Variante von Angela Merkel, nur mit ner Scheiss Frisur. Während alle andern zwei Drehungen machen, macht sie eine. Allerdings nur mit dem Arm. Ich kann mir diese Frau in diesem Bereich nur für die Position "Base" als Cheerleader vorstellen, verwerfe aber auch diesen Gedanken schnell wieder. An dritter Stelle steht der männliche Vertreter mit weißem Stirnband und Tennissocken bis knapp unter den Knien. In den Siebzigern hätte man solchen Leuten sofort nen Joint in die Hand gedrückt, die Umständen waren diesmal allerdings nicht so günstig dafür. :) Erschwerend hinzu kommt für ihn, dass er dank Blumengärtchen auf dem Kopf (andere nennen es Halbglatze) und Brille mit Glasbausteinen optisch eher zu den benachteiligten Menschen gehört. Präzise sieben Minuten dauert die Vorführung der Geisterbahngruppe - ääääh Stepdancetruppe. Dann sind die Umstehenden erlöst. Verhaltener Applaus erfüllt den Raum und die Beteiligten scheinen zu spüren, dass sie sich gerade mal richtig derbe zum Affen gemacht haben. Doch schlimmer geht’s immer. Keine zwanzig Minuten später kommt der Tag-X für Jürgen. Aber Moment mal, Ihr kennt Jürgen ja noch gar nicht.

Jürgen heißt mit vollständigem Namen Jürgen Kowalski, seines Zeichens von Berufswegen her "Berater für selbständig Tätige" (so die Nomenklatur für das Finanzamt), auf gut Deutsch gesagt "Zuhälter" (diesen Begriff verwendet die Staatsanwaltschaft), im Studio nur "Andy" genannt, in Anlehnung an Stuten-Andy aus dem "Letzten Luden". Eigentlich sind Menschen seines Schlages ja eher furchteinflößend, wäre da nicht Jürgens kleines Problem mit dem Fett. Genauer gesagt ein Problem mit regelmäßigen Ölwechseln. Jürgen hat sich nämlich seit einem halben Jahr dem Synthol verschrieben und seitdem wohl so ziemlich alles aufgespritzt, was sein Körper zu bieten hat. Glück für ihn, dass zwischen den Ohren nix ist, sonst wäre das wohl tödlich ausgegangen für ihn beim Versuch, es aufzuspritzen. Das liebste Anwendungsgebiet ist hierbei der gesamte Bereich oberhalb des Bauchnabels. Wie die Schnellen unter Euch sich an dieser Stelle gewiss denken können, hat Jürgen dazu passende Pommespiekser wo andere Menschen Beine haben. Es sieht ein bisschen so aus, als hätte jemand oben aufgepumpt, und unten das Ventil nicht gefunden.

Das Licht wird gedimmt, und Jürgen beginnt seine Show zu "Eye of the Tiger". Cool nur, dass er dabei eine Jogginghose in XXXL trägt, damit bloß niemand seine dünnen Stelzen sehen kann. Es folgen diverse Grundposen und einige extravagante Interpretationen dieser. Dabei muss selbst dem Blödesten klar sein, dass sein 56er Oberarm nur durch regelmäßiges Nachlegen von Frittenfett erhalten bleiben kann.
Nach drei Minuten Show ist das Elend vorbei. Beim Verlassen der Bühne streift Jürgen an mir vorbei. Auf meine Frage, ob er heute schon nen Ölwechsel gemacht hätte, ernte ich nur ein mieses Grummeln. Komisch.

Doch die Party ist noch lange nicht zu Ende. Nach ordentlich Alkohol-Konsum seitens aller Beteiligten ist es um kurz nach zwölf endlich soweit und eine Meute knallvoller 18-20 jähriger Mädels besetzt den ersten Tisch. Also besetzt die Tischfläche zum Tanzen besser gesagt. Ganz ganz großes Tennis also. Schnell stauen sich die Gaffer, als die Mädels anfangen lasziv an ihrer Kleidung zu fummeln. Ich schau rüber zum Barkeeper der sich gerade mit seinen Kumpels kaputt lacht, wohl weil die Mädels nicht gemerkt hatten, wie viel Sprit in ihren Margheritas wirklich drin war. Und es war ordentlich was drin, so wie die Show sich hier darstellte.

Dann kam Gonzos Auftritt. Er sprang zu den jungen Hüpfern auf den Tisch und tanzte mit. Es fielen einige Kleidungsstücke, bis Gonzo schließlich in Schiesser Feinripp Hemd á la Brice Willis Gedächtnis Masche auf dem Tisch tanzte, begleitet von frenetischen "Ausziehn-Ausziehn" Rufen der anwesenden Damen.
Es kam, was kommen musste und die Studioleitung hatte keine andere Wahl, als Gonzo zärtlich ein wenig runterzuholen und ihn erst mal wieder bekleidet an einem Stehtisch zu parken.

Sabrina war mittlerweile auch schon ordentlich betrunken und fragte "Darf ich das auch mal machen?" Mit einem Unterton, der mir echt Angst machte, denn es klang so, als ob sie es wirklich tun würde. "Du darfst machen, was Du willst. Aber ich leck Dir nachher nicht den Sabber von andern Kerlen vom Body!" gab ich nur knapp zurück. Das überzeugte offensichtlich und Sabrina entschloss sich gegen eine Performance auf dem Tisch.

Keine zwei Stunden später waren wir auf dem Weg nach Hause und hatten noch eine Begegnung der besonderen Art. Die Jungs in Grün hatten gefallen an uns gefunden, bzw. genauer gesagt an unseren Fahrrädern, und es kam, was kommen musste. Das volle Programm mit Alkoholtest etc. Wir blieben zwar beide knapp unter den problematischen Werten, bekamen aber dennoch eine Gratisfahrt nach Hause im grün-weißen Taxi und durften unsere Fahrräder am nächsten Tag wieder da abholen, wo uns die Polizei angehalten hatte. Und wer kommt natürlich gerade mit seinem 7er BMW vorbei? Na klar: Jürgen Kowalski und ruft noch kurz rüber "Na, da brauchste aber keinen Ölwechsel mit zu machen, Hääh, Häääh!"
Tja, manchmal kommt es halt doch anders, als man denkt ...