Liebes Tagebuch,es ist viel passiert, seit ich Dir das letzte mal geschrieben habe. Wo soll ich anfangen zu erzählen? Ach ja, die Sache mit Sabrina hat sich „Aus-Sabrinat“ und der Herrgott hat mir innerhalb 36 Stunden mein 1a Single-Dasein zurück gegeben. OK, ganz so angenehm wars vielleicht doch nicht, aber mir ist immerhin die Nummer mit dem „Ich will Dich nie wieder sehen...“, „Du Schwein...“ und „Wenn Du jetzt gehst, gehst Du für immer!“ erspart geblieben. Das Resultat ist jedoch trotzdem das gleiche. Meine vier bis 16 Wände haben mich wieder ganz für sich und meine Freund wissen mittlerweile auch wieder, dass ich noch lebe.
Und was tut man so als erstes wenn man seine Lebensfreiheit vom lieben Gott zurück geschenkt bekommen hat? Trainieren gehen, richtig. Und als sei das nicht schon genug Spaß, geht man direkt danach seit zwei Jahren das erste mal wieder in ne Disse um so richtig abzuzappeln und die Reaktionen auf das äußere Erscheinungsbild abzuchecken. Als Training kommt natürlich nur Brust, Rücken und Arme in Frage, um alles mal so richtig aufzupumpen vor dem großen Auftritt im „Mode:One“, der angesagten Szene-Disse vor Ort.
Schon beim betreten des Studios ist klar, dass dieser Tag mit ordentlich Spaß verbunden ist. Am Empfang steht ein Hautständer Marke XS mit einem Gütestempel aus Sachsen, zumindest dem Sprachgebrauch nach. „Güdden Toach! Isch trainiere nörmolerweise im Stüdiö in Drösden.“ Oh Mann denke ich mir, jetzt weiß ich wieder was uns vor 1989 erspart geblieben war. Aber OK, Sprachbarrieren sind ja kein Problem. Wie sagte Andy Möller so schön: „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“
Ich nenne unsern sympathischen Vogel mal „Ronnie“. Ronnie erhält also nach dreimaliger Erklärung eine Gästekarte für unseren Tempel der Schmerzen und folgt mir unaufgefordert in Richtung Umkleide, wohlwissend, dass ich vermutlich das gleiche Ziel habe. Dort angekommen geht es auch direkt los:
„Weißt Dü, wö man dösen Schrank hier benützen tüt?“ „Ja, Du hälst die Karte davor und dann aktiviert sich die Verriegelung.“
„Ach sö. Ölso nix mit Schlüssel öda sö?“ „Nöö, nix mit Schlüssel oda sö!“ entgleist es mir. Ronnie verzieht das Gesicht und scheint zu checken, dass ich ihn ein wenig verarschen wollte. „Isch kann öch nix dafür, des isch ös Söchsen kömme!“ entgegnet er sichtlich gekränkt. Ich auch nicht!, denke ich mir, aber egal. Konzentration aufs Pumpen erinnere ich mich selbst. Du hast heute noch was vor!
Auf der Trainingsfläche gibt sich die Geisterbahn heute wieder alle Ehre. Mit dabei auch wieder die üblichen Verdächtigen. Mit dem Hühnen der bereits wieder mal mit 210 Kilo Kniebeugen macht geht’s heute Abend auf die Rolle. Das wird bestimmt lustig und ich frage mich, was wohl die Türsteher zu ihm sagen werden...
Gonzo bricht gerade am Allerwertesten bei dem Versuch eine 12,5er KH zu tragen ab und Sancho und Pancho huldigen Ihren Herren Slatko mit gierigen Blicken auf seinen Bizeps. Kurz gesagt, der ganz normale Wahnsinn.
Nach dem man alle begrüßt und kurz geschnackt hat geht’s ans Eisen. Und schon wieder habe ich Ronnie an mir kleben, der langsam lästig wird wie eine Scheisshausfliege.
Noch schlimmer ist aber, dass er einen extremen Drang zur Kommunikation hat und dabei keine Rücksicht darauf hat, wenn man nicht gerade Bock hat mit ihm zu quatschen. Nach anderthalb Stunden weiß ich, dass er in Oma Ernas Garage angefangen hat zu trainieren mit alten Autoreifen und Bierkisten. Viel gebracht hats wohl nicht denke ich mir, aber Ronnie gibt eine Story nach der andern zum besten. Wie er damals seine Freundin auf dem Balkon des Ferienhotels „Freundschaft“ auf Rügen für Kniebeugen auf die Schultern genommen hat, wie er dann zum Gewichtheben kam und schließlich erst am Systemdoping seines zuständigen Blockwartes ähhh, Offiziers verzweifelte. Ich glaube, ich hatte noch NIE so ein schlechtes Training.
Aber das ändert sich schlagartig, denn die Sonne geht auf. Jule (eine Trainerin) kommt auf mich zugestürmt und fragt, ob ich nicht vielleicht mal beim „Iron Pump“ oder sowas mitmachen möchte. Das ist ne Art LH-Training für Kriegsversehrte und andere körperlich Indisponierte, doch alleine Jules Blick lässt mich zustimmen. Denn hey, man ist ja wieder Single und muss (und darf wieder) was für den Ruf tun.
Nach 10 Minuten mit einer 20er LH bin ich kax und alle. Jule grinst nur und Gonzo und Erwin in der letzten Reihe eisen ihre Blicke doch tatsächlich mal von den sündigen Hintern der 18-Jährigen Mädels vor ihnen im Kursraum los um meine Schmach zu begutachten. Da rächt sich dann doch das man NIE Kraftausdauer trainiert hat. Aber immerhin bekommt man Aufmerksamkeit geschenkt. Ein schwacher Trost. Die Mädels ziehen mit ihren 5er oder 10er Hanteln ganz locker durch und nur das Hohe Gewicht rettet meine miese Performance. Doch nach einem Wechsel auf eine 15er LH geht’s super weiter. Endlich habe ich die zeit, mal die unterschiedlichen Stilistiken der Teilnehmer wahrzunehmen. Gonzo hat schon mal keine. Er scheint wirklich nur dabei zu sein, um die Frauenkörper vor ihm zu betrachten. Das ist wie im Schulbus, die letzte Reihe war immer die schlimmste. Ist hier auch nicht anders,
Daneben Erwin, seines Zeichens ausgemusterter Justizvollzugsbeamter und ebenfalls mit einem göttlichen Testosteronpegel ausgestattet. Zumindest pumpt auch er immer noch die alte Übung weiter, obwohl die Mädels schon bei tiefen Kniebeugen sind. Die Spannerfraktion hat jedenfalls mächtig Spaß und Jule zwinkert mir nur wissend zu. Die Mädels scheint es nicht zu stören, also egal denke ich mir. Nach einer Stunde geht bei keinem mehr was und der Kurs ist zu Ende. Gepumpt bin ich jetzt jedenfalls genug für die Disse und der Hühne wartet auch schon auf unseren gemeinsamen Gang zum Amerikaner um schnellstmöglich Nahrung nachzulegen. Jule nehmen wir gleich mit nach kurzem Gespräch und es folgt der Start in eine berauschende Nacht...
Beim Amerikaner kommt die nächste Überraschung. Zumindest für mich. Es ist schon erstaunlich, dass man als Single so schnell wieder mit der Wahrnehmung schöner Frauen um sich herum beginnt. Ein echtes Phänomen. Die Bedienung nutzt jedenfalls ihre unübersehbaren Argumente um uns schon mal einen Vorgeschmack auf unser Essen zu geben. Eine Vorspeise die sich zumindest für die Augen wirklich lohnt.
Überhaupt scheint der ganze Laden voll zu sein mit schönen Frauen und ich frage mich langsam wirklich, ob irgendwas in der Cola war oder ich einfach zuviel Testo getankt habe in den letzten Tagen. So was ist mir früher nicht passiert. Endlich checke ich dann, dass Jule auch schon ziemlich nervös wird, da sowohl Andy (der Hühne) als auch ich unsere Augen mehr auf anderen Tischen (und Frauen) haben, als am eigenen. Ich diszipliniere mich und fange ein Gespräch mit ihr an um nicht wie der allerletzte Depp rüber zu kommen. Dabei erzählt sie mir dann, wie ihr armer Königspudel den sie mit 14 hatte von einem bösen bösen Autofahrer von Castrop-Rauxel bis nach Unna mitgeschleift wurde. Die Beerdigung fiel entsprechend knapp aus, da es nicht mehr viel zum unter die Erde bringen gab, was nicht schon die Fahrbahnmarkierung der A42 farblich in rot intensivierte. Ach ja, und nicht zu vergessen ihr Ex-Freund der total darauf stand sich als Krankenschwester zu verkleiden bevor die beiden ins Bett gingen. OK OK, dachte ich mir. Es gibt ein paar Dinge zwischen Himmel und Erde die musst Du nicht verstehen, Junge.
Jule hatte sich dank diverser Geschichten somit als Reinfall erwiesen und Andy und ich suchten nunmehr den Absprung ins Mode:One. Und wunders was passierte, Jule wollte mitkommen. „Ja klar, komm doch mit!“ sagte Andy und grinste mich breit an. Ich ahnte, was er vorhatte. Er wollte mich in aller Seelenruhe mit dieser geistig leicht umnachteten Frau verkuppeln um mir mein Single-Dasein offensichtlich so angenehm wie möglich zu gestalten. Schon vorher hatte er gesagt „Der erste Schuss in Freiheit ist immer der Beste!“ OK, jetzt war mir auch klar, was er meinte.
Im Mode:One boxte schon der Papst im Kettenhemd als wir ankamen. Die Türsteher wichen knapp einen Schritt nach hinten als Andy vorging und grinsten nur polite um offensichtlich keinen Unmut zu provozieren. Von denen könnte Andy jeweils zwei gleichzeitig am langen Arm verhungern lassen. Trotzdem ließen sie uns rein.
Drinnen tobte das Leben und der DJ legte gerade eine Mischung aus House und Trance auf. Eine Musikrichtung die man sich zwar mal geben kann in meinen Augen, aber zur Dauerbeschallung eines Abends irgendwie ungeeignet ist. Jule wars egal, sie brauchte gerade mal einen halben Long Island Ice Tea um auf der Tanzfläche zu landen. Andy parkte mich mit einem beherzten Griff direkt vor ihrer Nase und somit musste ich mich in mein Schicksal ergeben, während er locker an der Theke stand und Voska-O inhalierte. Inhalierte, weil er für einen 0,3er Vodka-O mit ordentlich Vodak und wenig O keine 10 Minuten brauchte. Nach 40 Minuten Kampfbetankung war er dann auf Normalniveau angekommen und kam zu uns auf die Tanzfläche. Bei jeder Drehung von ihm wichen die Menschen drum herum zur Seite und es sah ein wenig so aus, als wenn ein Bär mit einem Schwarm Hornissen kämpft. Nur das Andy der Bär war und alle andern die Hornissen.
Nach zwei Stunden war ich nass geschwitzt und Jule sternhagelvoll. „Sollen wir uns ein bisschen ausruhen und hinsetzen?“ fragte sie und ich stimmte ihr zu. Andy blieb auf der Tanzfläche und lächelte sich bereits seit 10 Minuten eine hübsche Brünette an, die ob seiner Statur sichtlich beeindruckt war.
Jule und ich parkten auf einem Sofa an Tisch 16 ein und sanken erst mal zurück. Es kam, was kommen musste. Sturzbetrunken wie Jule war erzählte sie mir den Rest ihrer Lebensgeschichte inklusive der wirklich schmutzigen Details. Ich hatte den Eindruck, das gehörte für sie schon zum Vorspiel auf irgendwas, an das ich jetzt bei weitem noch nicht denken wollte. Es würde jedenfalls kein Stossgebet im Kirchenchor werden, soviel lies sie durchblicken.
Nach einer halben Stunde schmutziger Geschichten über ihre Tragegewohnheiten bezüglich Unterwäsche und ihrer Vorlieben für verspiegelte Schränke in Hotelzimmern war mir eigentlich alles klar. Diese Frau hatte ein echtes Problem. Nur sollte ich heute Abend die Lösung werden und war mir noch lange nicht sicher, ob das alles so gut war.
Dann kam gottseidank Andy doch was er zu berichten hatte, war nicht so toll: „Du, Steffi (die Brünette) hat mich gefragt, ob ich sie wohl nach Hause bringen kann mit nem Taxi. Ihr kommt doch irgendwie nach Hause, oder?“ „Ja klar, kein Problem. Fahr mal mit Steffi nach Hause!“ antwortete ich und fügte im Geiste hinzu „und tu nichts, was ich nicht auch tun würde!“. Aber da Andy was so was angeht immer sehr vernünftig ist, hatte ich keine Sorgen. Schließlich war er schon einmal ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil er sich mit seiner Ex und deren Piercings verfangen hatte. Details erspare ich Euch an dieser Stelle. Es sei nur soviel gesagt: Die Piercings hingen echt richtig blöde zusammen. Keine Feine Sache so was. Die Rettungssanis zückten direkt mal ihre Handys und dokumentierten den Fall für die Nachwelt. Ein Spaß für groß und klein.
Aber zurück zu meinem Problem. Ich saß also mit einer granatenvollen, gottseidank sehr ansehnlichen gerade mal 22 Jährigen Fitnesstrainerin im Mode:One und wusste nicht, ob ich ihrem teuflischen Plan mich heute Nacht zur Befriedigung ihrer Gelüste zu benutzen stattgeben sollte. Doch je länger wir so saßen und uns unterhielten, desto klarer wurde mir, dass es keinen Sinn machen würde der Situation auszuweichen. Da musste ich jetzt wohl oder übel durch.
Eine Stunde später fand ich mich in Jules Wohnung wieder. Sie wohnte auf dem Dachboden ihrer Eltern und ich wurde fachfrauisch mittels Resten von Stoff ans Bett gefesselt. „Warum mach ich sowas hier mit?“ schoss es mir durch den Kopf, doch da war es auch schon zu spät. Es folgte eine ganze Reihe wilder Ideen von Jule an deren Ende jedes mal eine Pause kurz vor knapp stand. Die Frau wusste jedenfalls, wie Mann so tickte.
Hatte ich mich doch getäuscht? War alles gar nicht so schlimm und ich doch nicht dem Verderben geweiht? Plötzlich verschwand sie für ein paar Sekunden und kam mit einer Schere wieder, zerschnitt die Stoffreste und sagte nur „So, das war mein Spaß. Jetzt bist Du dran...“ Ich weiß nicht mehr alles zu 100%, aber als ich am nächsten morgen aufwachte hatte ich an den Handgelenken und Fußgelenken ziemlich fiese rote Striemen. Es roch nach Kaffee und Dusche. Jule hüpfte in Unterwäsche in ihrem kleinen Reich umher und fragte nur trocken, ob ich Lust zu frühstücken hätte.
Mein Handy zeigte 12 Anrufe in Abwesenheit von Andy und mein Gefühl sagte mir, dass es nicht die letzte nacht auf diesem Dachboden gewesen sein würde...
Bis es klopfte und auf ein mal Jules Vater in der Tür stand. Ich hatte gerade mal 0,0 an und konnte noch mit einem beherzten Griff einen Stoffrest von gestern Abend erwischen und als Lendenschurz missbrauchen.
„Ohhh, Entschuldigung. Jule kommst Du gleich mal? Wir müssen heute Nachmittag noch bei Tante Wilma vorbei. Und Jens hat gefragt, ob ihr heute noch golfen geht?“ Golfen - schoss es mir durch den Kopf. Nee, ne. Bitte nicht dachte ich mir. So eine verwöhnte Göre die golfen geht und sich Männer abschleppt um ihre Domina-Triebe auszuleben. Oh Mann, und ich Depp bin drauf reingefallen.
Und das schlimmste dabei: Der Vater, der aussah als wenn er Hauptschullehrer im Bezirk „Bochum Drei“ wäre ließ sich noch nicht mal von dem nackten Mann im Bett seiner Tochter irritieren. Entweder war der Alte ne verdammt coole Fritte, oder es ging hier jeden Tag so ab. Auch egal dachte ich mir. Was solls. Sieh zu dass Du Land gewinnst und Andy fragst, was da so los war.
Doch die Geschichte war noch nicht zu Ende. Zumindest für Jule und mich nicht ...