Selbsttäuschung
Der erste Kommentar, den ich erhielt war folgender:
"Wir geben einen feuchten Dreck darauf, wir sind Zicken, Idealisten, Typ-A Perfektionisten. Wir glauben daran, dass die Welt größer, besser und schneller sein kann, wenn die Menschen dazu in der Lage wären, etwas zu machen, daran fest zu halten. Wir leben mit unseren individuellen Zielen, waren mittelmäßig, werden außergewöhnlich, und selbst wenn wir außergewöhnlich werden, erkennen wir doch wie weit wir noch gehen müssen und auch können. Aber viele bringen dafür nicht den nötigen Einsatz – oder viel schlimmer, verstecken ihre Faulheit durch Selbsttäuschung – und haben deshalb bald keine Lust mehr."
Der zweite Kommentar schnürte den Sack zu:
"Der Artikel zur Selbsttäuschung verdient einen besseren Platz im Forum als den in deinem ein-Tages-Thread. Ich denke es ist wichtig, dass jeder der die Website betritt, ihn lesen kann."
Na gut. Warum nicht? Laber ruhig weiter, Johnny.
In einer Passage aus "Die Philosophie des Risikos" beschreibt Jeff Connor eine Szene, in der ein Klient, der über alle Maße hinaus über sich selbst Unsinn erzählte: "Ich tat dies, und ich tat das.", in der Hoffnung Dougal Haston mit seinen Leistungen zu beeindrucken. Laut einem Zeugen, stand Haston summend und ruhig da, der Kerl hielt für kurze Zeit inne und Dougal sagte dann: "Nein, erzähl uns noch ein wenig darüber, wie gut Du bist." Es erinnerte mich an ähnliche Persönlichkeiten und Erfahrungen.
Hin und wieder schweife ich geistig ab, und beginne im Internet zu surfen. Das Abschweifen des Urteilsvermögen lässt mich den Kopf schütteln aber auch nicht mehr, wenn ich auf die Fehleinschätzungen und Behauptungen von manchen Leuten treffe, die über ihre physischen und psychischen Möglichkeiten fehlinformiert sind. In erster Linie bringen mich Täuschungen zum Lachen, und manchmal durchsiebe ich den ganzen Unsinn, da auch ich, wie jeder andere, eine richtig gute Trainingseinheit zu schätzen weiß. Ich erkenne solche Fantasien, weil ich auch einmal ein Teenager war. Jedoch hat der von mir auserwählte Sport diese Täuschungen zerstört, die meisten auf dem Weg den ich gegangen bin, und irgendwie habe ich "seine" Tests bestanden. Durch mangelnde ähnliche Tests, oder Grenzen, oder irgendjemand der das Schwachsinn nennen mag, wird der Internetposer nie geheilt werden. Lieber gedeiht er vor einem Publikum, die den Unterschied nicht erkennt.
Erst vor Kurzem bin ich auf einen Blogger gestoßen, der sich selbst für einen guten Rennradfahrer hält, dessen tatsächliche Leistung auf der Straße eher durch Abwesenheit auffiel. Damit alles in richtigen Dimensionen verlief, musste er die Saris Website beobachten, auf der die Leistungen von richtigen Weltklasse Fahrern bei den härtesten Events der Welt aufgezeichnet wurden. Ein Blick auf die elektrische Leistung, die Martijn Maaskant, der 2008 bei dem Paris-Roubaix Vierter wurde, vollbracht hat, sollte alle Missverständnisse beseitigen, die man über seinen Platz in der Nahrungskette der Radfahrer haben könnte. Um zu verstehen was der Graph bedeuten soll, muss man ein Leistungsmessgerät an das Fahrrad hängen, und versuchen 2 Stunden lang (Maaskant tat es 6 Stunden) eine konstante Leistung von 272 Watt aufzubringen. Am Ende der 2 Stunden, muss man für 5 Minuten noch einmal 340 Watt aufbringen. Hat man nicht dieses genetische Geschenk erhalten, das durch hartes Training zusätzlich verbessert wurde, sollte diese Arbeit möglich sein, wenn die Hölle zufriert.
Viele Sportarten – nicht nur die 3 von Hemingway - beinhalten objektive Maßstäbe und periodische Tests, bei denen ein Individuum seine eigenen Kapazitäten und Möglichkeiten herausfinden kann. Die schwachsinnige Begrenzung bei den 3 (Stierkampf, Motorsport, Klettern) bestraft Falscheinschätzungen jedoch mit Verletzungen oder dem Tod. Aber Sportarten oder Spiele ohne genaue Regeln oder objektive Beurteilungen, Maßnahmen und Vergleiche könnte man eventuell als solche, die keine Konsequenzen mit sich führen, interpretieren: man erinnert sich falsch an Ereignisse und liebäugelt eventuell mit der Erinnerung, da die Definition von Erfolg in diesem Fall der erste Platz ist. Die Welt der Internet-Poser ist vernebelt: der Poser geht an sportlichen Unterdisziplinen vorbei, um das Richtige zu tun, Dinge, die er vielleicht tut, dokumentiert Lückenhaft seine Leistung, verzichtet auf Wettkämpfe mit echten Vergleichen, führt im Studio knappe Wiederholungen aus, will keine objektiven Messmöglichkeiten nutzen (eventuell um der Wahrheit zu entfliehen) und erfindet virtuelle Wettkämpfe, die er für einen vollwertigen Ersatz für reale Wettkämpfe und Turniere hält. Von diesem Scheiß wird mir schlecht.
Es ist normal für Kletterer ihr Aktivitäten und Leistungen kurz, knapp und eventuell lückenhaft darzustellen. Die Jungs legen ihre Ausrüstung an wenn niemand zusieht und nennen es einen freien Aufstieg. Andere wiederrum umgehen die harten Teile des Aufstiegs und sagen sie haben die ganze Route geschafft, oder sie klettern vereiste Routen mit Grad 5 Zuständen aber verkaufen sie als Grad 7, weil es die Schwierigkeit während des Aufstiegs besser wiederspiegelt. Einst dachte ich, dass dieses Verhalten nur in dem Sport vorkommt, den ich gelebt und geliebt habe. Aber Aufmerksamkeitsbuhler die Halbwahrheiten verbreiten und Lügen damit sie Beachtung erhalten, gibt es überall.
Ich sollte längst aus dem Alter heraus sein, in dem mich das Verhalten der anderen stört, besonders wenn es mich nicht betrifft. Bin ich aber nicht. An manchen Tagen, wenn ich gerade unwichtige Wörter entdecke oder Aktionen, die den Wert einer Sportart, Disziplin oder eines Ideals zerstören, werde ich sauer. Heute ist einer dieser Tage.
Normalerweise, kümmert es mich nicht was andere tun, solang es die Wahrheit ist. Aber unsichere Menschen umschmücken ihre Leistungen, interpretieren die Wahrheit so, dass sie in Reichweite liegt, was den Wert der Leistungen derer, die es ernst meinen, verringert. Der Internet-Poser poliert sein Image, damit er Zustimmung und Anerkennung bekommt. Blogs machen das Ganze noch leichter als sonst. Jeder kann jeder und alles sein. "Freunde" schreiben, wie toll sie den Blogger finden, was das Verlangen, sich selbst zu überzeugen verringert. Wenn es bei den Kommentaren gepostet wird, muss es stimmen.
In dieser Gesellschaft wird niemand etwas überprüfen, weil wir es eigentlich nicht wissen wollen. Wir legen den Ball auf eine Abschlagvorrichtung, damit wir sicher seien können, ihn zu treffen. Teilnahme führt zu einer Trophäe. Die Tribünen haben 5 Stufen. Es gibt keine Bestrafung für eine Niederlage.
Aber genau das macht die Lehre einer Übungsstunde aus. Jeder Trainer, Spieler und Denker wird das bestätigen; während Gewinnen aus dem Gelernten resultiert. Wie soll man sich entwickeln, wenn man sich nicht wirklich misst? Wenn jeder ein Gewinner ist, wer bleibt dann übrig um aus der Niederlage zu lernen? Zurückweisung und objektive Messungen und Tests erzeugen einen Rückgang und den Fall der Menschheit. Heute sind wir eine Spezies von Vortäuschern, Möchtegerns, und (in diesem Land) Besessenheit. Mein Vorschlag, holt die Killerkakerlaken und wer sie überlebt, ganz die Ganze nochmal von vorne beginnen.