Der neue Trend aus den USA findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Self-Tracking wird in den USA immer beliebter, doch was steckt hinter dem Begriff?

Schon vor Jahren wurden Messgeräte verwendet, um die Messbarkeit von verschiedenen Parametern zu ermöglichen. Einer der wohl ersten Geräte auf diesem Gebiet ist die Stoppuhr, welche die Zeit für eine bestimmte Aktivität genau festhalten kann. Digitale Stoppuhren wurden in den 70er Jahren das erste Mal eingesetzt. Es folgten Messgeräte für den Puls, die Wattzahl, Geschwindigkeit oder zurückgelegte Strecke. Vor allem im Fahrradsport wurden Messgeräte schon sehr früh genutzt, um Vergleichswerte nutzen zu können und so die Leistung des Sportlers zu optimieren. Die ersten wirklich aussagekräftigen Messgeräte, außerhalb der Medizin, wurden im Profisport eingesetzt. Die Industrie entdeckte schnell einen wachsenden Bedarf im Hobbysport, wobei sich ein neuer Markt entwickelte. Der Freizeitsportler wollte ebenso wie der Kaderathlet seine Daten analysieren, verarbeiten und seinen Körper und die Aktivität optimal aufeinander abstimmen können. Leistungsdiagnostik wurde und wird im Freizeitsport immer attraktiver und somit auch die eingesetzten Hilfsmittel. Auch im medizinischen Bereich ist der Prozess zu erkennen, zwar nicht mit einer solchen Wachstumsrate, wie es im Sportbereich der Fall ist, jedoch gibt es auch hier immer mehr Messgeräte und Möglichkeiten für den normalen Bürger, seine Gesundheitsdaten zu erfassen und auszuwerten. Seit der Smartphonegeneration und der Vernetzung von mehreren Geräten miteinander ist eine Datenerhebung, sowie Übertragung und Auswertung immer einfacher. Durch die einfache Bedienungsoberfläche von Geräten und Software ist es auch nicht mehr nötig gewisse Kenntnisse oder großartiges Wissen mitzubringen. Self-Tracking ist durch die heutigen technischen Möglichkeiten für Jedermann umsetzbar und wird im Detail sicher immer komplexer.

Woher kommt der Begriff Self-Tracking?

Der Begriff Self-Tracking (Selbstvermessen) stammt von Kevin Kelly und Gary Wolf, welche die Bewegung "The Quantified Self" (Das gemessene Selbst) im Jahre 2007 ins Leben gerufen haben. Schnell haben sich in den USA viele Anhänger der Bewegung gefunden. Sie bilden ein Netzwerk aus Anwendern, Herstellern, Tools und Methoden auf Basis von persönlichen Daten. Das Ziel ist es durch eine Sammlung von Daten und Dokumentation den Alltag, die Gesundheit, die Leistungsfähigkeit, den Lebensstil oder andere Einflussfaktoren unsers Lebens zu verbessern.

Self-Tracking zur Verbesserung der Lebenssituation

Quantified-Self spricht von Zielsetzungen, welche sich in 5 spezifische Ziele aufteilen:
  1. motivationsbestimmt: Ziel und Weg sind bekannt, jedoch ist die Entwicklung bis zum Erreichen des Ziels die bestimmende Größe, welche durch Dokumentation erschlossen wird.
  2. unterstützend: Ziel und Weg sind bekannt, die Erhebung und Datenauswertung und dessen Verbesserung ist die eigentliche Absicht oder die Auswertung an sich.
  3. experimentell: Das Ziel ist klar, die Methode und der Weg sind jedoch unbekannt und müssen gefunden werden.
  4. dokumentativ: Die Verfolgung des Dokumentierens von Daten mit seinen spezifischen Zielen. Dabei steht die komplette Durchführung und auch dessen Veröffentlichung und Hilfestellung an oberster Stelle.
  5. kollaborativ: Mit Anderen, durch die Erhebung von Daten, neue Wissenschaftliche Erkenntnisse zu finden und so den Datenpool zu erweitern oder eigene Projekte zu führen, ist das Ziel.

Diese 5 Rubriken lassen sich natürlich in der praktischen Umsetzung meist nicht einzeln betrachten oder differenzieren und sollten es auch nicht. Die Bewegung des Quantified-Self weist immer wieder auf die positiven Aspekte der Messungen hin und zeigt, dass durch die richtigen Ansätze Wege gefunden werden können, um zum Beispiel Krankheitsbilder zu verhindern, die Koordination zu verbessern oder die Lerneffizienz zu steigern. Diese Ansätze sind durch Self-Tracking möglich, denn nichts anderes macht die Wissenschaft um neue Methoden und Möglichkeiten zu erschließen.

Self-Tracker können sich in die jeweiligen Rubriken einordnen, dabei dienen diese nicht als Grundsätze, sondern nur als Hilfestellung um herauszufinden was wirklich gesucht wird. Personen, welche das Self-Tracking verfolgen schätzen die Freiheit ihre Daten zu erheben, sie zu analysieren, zu vergleichen und über soziale Netzwerke zu teilen. Ob Sitzpositionen, Körpertemperatur, Blutzuckerspiegel, Stimmungsbarameter, Lerneffizienz, Leistungssteigerung oder sogar die Vermessung der eigenen Organe, Self-Tracking kennt keine Grenzen.

Jede Datenerhebung kann dazu beitragen, unbeachtete Zusammenhänge zu erkennen und kann zum Beispiel zur Verbesserungen der eigenen Gesundheit und Leistungserbringung führen. Jeder Mensch lernt sich und seinen Körper über die Jahre kennen, doch dieser Prozess lässt sich durch Messungen spezifizieren und beschleunigen. Sportler haben dies schon lange erkannt, denn ohne die richtige Dosis an Schlaf, eine individuelle Nahrungsaufnahme, einer stabilen psychischen Verfassung, ärztlichen Betreuung und optimalen Vorbereitung auf den Wettkampf, kann er seine Spitzenleistung nicht erbringen.

Die Anhänger der Quantified-Self Gemeinde spricht von Selbstmotivation und Selbsterkenntnis, welche man durch Messungen erlangen kann. Dabei wird eine Basis geschaffen um ein besseres Leben zu führen, egal in welchem Bereich das Self-Tracking eingesetzt wird. Die Messungen sollten kontrolliert durchgeführt werden und immer ein Ziel vor Augen haben. Je nach Einsatzgebiet unterscheiden sich auch die eingesetzten Messmethoden und Ansätze zur Durchführung.

Self-Tracking als Krankheitsbild?

Self-Tracking kann jedoch auch nach den ersten Messungen und Erfolgen schnell zum eigenen Sport werden. In diesem ist es eine Kompetenzfrage die Daten aufzubereiten, zu analysieren und immer mehr Daten zu sammeln.

Der Gesundheitsaspekt kann somit leider schnell seine Bedeutung verlieren. Self-Tracker können so ihre anfänglich kontrollierten Analysen aus den Augen verlieren. Es kommt zu einer "Mess-Wut" und sie fangen an zu viele Daten zu verarbeiten. So kann Self-Tracking zum Zwang werden und der eigentliche Gesundheits- und Optimierungsgedanke krank machen. Die Sucht nach der Datenerhebung und der ständigen Vermessung des Körpers wird dabei leider unterschätzt. Personen mit Beratertätigkeiten im Sport-, Ernährungs- und Psychologiebereich sollten sich in dieser Thematik unbedingt beschäftigen, um Klienten in diesem Bereich richtig beurteilen und beraten zu können und keine falsche Diagnose aufzustellen. Wobei die wohl schwierigste Frage sein sollte, wann Self-Tracking als Krankheit gesehen werden kann und sollte. Wann ist der Klient in der Lage mit den Messungen noch umzugehen?

Schwierig finde ich die Frage, inwiefern ein Berater eine Person die sportlich aktiv ist, überhaupt einschätzen sollte, wenn er selbst nie Sportler war. Der Berater hat jedoch einen motivierten Sportler vor sich sitzen, welcher nach Ernährungsplan, Trainingsplan und einem gewissen Zeitmanagement trainiert. Ich denke, dass der Zeitpunkt in Deutschland noch nicht gekommen ist, um Berater diesen Zusammenhang einschätzen zu lassen. Den Zusammenhang halte ich für ähnlich schwierig wie beim Adonis-Komplex. Wenn jedoch ein eindeutiges verzerrtes Selbstbild oder eine Art der Zwangsneurose oder ähnliches vorliegt, sollte der Berater den Klienten immer an psychologische Betreuung weiterleiten.

Im Bereich der Self-Tracker gibt es immer mehr Extremfälle, welche ihren kompletten Tagesablauf durchplanen und messen, um Verbesserungen einzuleiten. Ein solcher Kontrollwahn kann nicht gesund sein, denn trotz des Grundsatzes der Freiheit Messungen durchzuführen, sind alltägliche Messvorgänge, wie zum Beispiel die Auswertung von Reinigungsarbeiten im Haus und Zählen von alltäglichen Gegenständen, in unserer Gesellschaft verpönt. Sogenannte Zwangsneurosen kommen dem Verhalten solcher Leute oft sehr nah. Die Frage, wo bei einem überzeugten Self-Tracker die Grenze bis zum Krankheitsbild liegt, ist schwer zu sagen. Man sollte meinen, dass besonders Neurotiker in das Schema des Self-Tracking passen, jedoch sind es derzeit meist junge Leute, welche technikbegeistert sind. Oft sind es auch Sportler, welche ihre Erfolge im Sport auf alltägliche Dinge übertragen möchten. Möglich wäre es, dass Dysmorphophobie Leidende (Personen mit einem stark verzehrten Selbstbild – bis hin zu Selbsteckel) sich in die Gemeinde der Self-Tracker integrieren könnten. Allgemein gibt es in diesem Bereich noch keine Analysen, welche Aufschluss darüber geben. Im Sportbereich gibt es schon lange viele Hilfsmittel zum Messen von Größen, ob man jedoch unbedingt eine Skibrille mit integriertem Display benötigt, welche Körpertemperatur, zurückgelegte Strecke und andere Daten preisgibt unbedingt braucht, ist eine andere Frage. Die Nachfrage nach einer solchen Brille war jedoch so groß, dass die erste Auflage des Herstellers sofort ausverkauft war.

Trainingscoaches raten jedoch davon ab sich nur auf seine Messinstrumente zu verlassen. Der Fachmann habe immer noch das Auge fürs Detail, die Anstrengung, Bewegungsabläufe und vieles mehr. Die Argumentation von überzeugten Self-Trackern ist in diesem Fall sehr simpel, denn die Technik mit welcher diese Größen zu messen sind wird sicher noch kommen oder ist schon erhältlich. Ein Beispiel in diesem Bereich wäre eine moderne Messtechnik eines US-Herstellers. Dieser entwickelt Shirts für Football-Spieler. Die Shirts erfassen die Bewegungen beim Laufen, Fangen und Werfen des Spielers. Die Erfinder des Shirts sind überzeugt davon, dass der professionelle Football-Sport damit revolutioniert werden kann. Die intelligente Sportbekleidung wird schon vom Nachwuchs der National Football League getestet und wird sicher ihre Abnehmer finden.

Betrachtet man die Bewegung "The Quantified Self" von außerhalb, kann man jedoch bei Meetings in diesem Bereich etwas Angst bekommen. Wenn die neuesten Gadgets vorgestellt werden ist man doch erstaunt wie weit das Ganze schon geht. Ein Beispiel wäre ein Chip, welcher in Tabletten oder Nahrungsmittel eingebracht werden kann und Magenverweildauer, Bestimmungsort und viele andere Daten weiterleitet. Die Frage des finanziellen Aufwandes und des täglichen Zeitmanagements für die ganzen Erhebungen und Auswertungen sollten in Extremfällen schon sehr hoch sein.

Wenn man jedoch von den Extrem-Self-Trackern wegschaut und sieht, was die Industrie in diesem Bereich entwickelt und vor allem mit welcher Geschwindigkeit, kann das unser Gesundheitswesen, ebenso wie die Datenerhebung im Sportbereich verbessern und positiv verändern. Jedoch auch diese Medaille hat ihre Kehrseite, denn Messgeräte sind leichter zu manipulieren und Messwerte schneller schön zu reden, als die Meinung einer Person mit Erfahrung und Fachkenntnissen im betreffenden Gebiet. Die Objektivität eines Messgerätes kann dabei großzügig oder gnadenlos sein, je nach Sichtweise der Person die sie nutzt. Das Gerät, die Auswertung und Anzeige wird dabei nicht auf die Emotionen der Person eingehen, was Berater und Personen mit Fachkenntnissen im jeweiligen Bereich mit einbringen können.

Self-Tracking ist überall einsetzbar

Der Mensch produziert an jedem Tag eine Unmenge an auswertbaren Daten. Auch im Arbeitsleben kommen Self-Tracking-Methoden zum Einsatz. Apps und Gadgets, welche messen wie oft ich von meiner eigentlichen Arbeit abgelenkt werde oder wie schnell und effizient ich arbeite. Arbeitgeber könnten auch solche Methoden nutzen um eine Auswertung ihrer Arbeitnehmer vorzunehmen. Die Frage nach Kontrollwahn, Persönlichkeitsrechten und Überwachung ist auch hier allgegenwertig. Personen, welche solche Instrumente austesten haben jedoch oft ein ähnliches Ergebnis, sie sind erstaunt wie wenig Zeit sie am Stück wirklich mit ihren eigentlichen Aufgaben verbringen. Jedoch stellt sich an diesem Punkt wieder die Frage ob bei Änderung ihres Verhaltens die Arbeitsweise wirklich produktiver wird oder bei einer Anpassung das Ergebnis einfach nur schlechter.

Denke an Dich…

Jeder Mensch sollte für sich selbst wissen inwiefern er sein Leben vermessen möchte. Es gibt überzeugte Self-Tracker, welche es geschafft haben durch die neuen Messmethoden und viele Auswertungen ihre nicht gefundene Krankheit zu diagnostizieren oder das Leiden einer Krankheit zu vermindern, obwohl Ärzte dies nicht geschafft haben. Es gibt jedoch auch die ältere Generation, von denen sicher einige auch lange gesund und glücklich gelebt haben und leben, auch ohne den Zeitaufwand den heute viele mit Messgeräten betreiben. Diese Ansichten sind jedoch je nach Argumentation und dem jeweiligen Blickwinkel zu betrachten und sprechen für sich.

Das eigene Gefühl sollte jedoch im täglichen Leben und auch im Sport nicht verloren gehen, denn die emotionale Stärke des Menschen hilft ihm oft über seine Grenzen hinaus zu gehen und eine Situation unabhängig von Werten einzuschätzen.

Auch sind Messwerte nur so gut wie der Vergleichswert, welcher meist ein Durchschnittswert ist. Doch muss dieser Durchschnitt nicht auf die eigene Person zutreffen, somit stellt sich wieder die Frage, wie individuell Self-Tracking betrachtet werden kann?!

Self-Tracking - in gewisser Weise unausweichlich…

In unserer heutigen Zeit werden immer mehr Daten preisgegeben, von Firmen gesammelt und Messgeräte entwickelt, welche für uns alltäglich sind und es werden. Vor allem soziale Netzwerke und Einkäufe jeglicher Art durchleuchten uns nach Vorlieben und persönlichen Daten. Jeder nimmt in gewisser Weise am alltäglichen Self-Tracking teil. Das in dieser Gesellschaft auch der Wunsch nach Austausch von Daten gegeben ist, ist selbstverständlich. Self-Tracking wird nur der Anfang sein, ein neuer Trend als Vorreiter, vielleicht auf ein Gesundheitssystem, in welchem wir viel mehr selbst beobachten werden. Da solche Trends sowieso immer kritisch beobachtet werden, wird sich mit der Zeit zeigen ob die Self-Tracker-Gemeinde immer mehr ins Extreme neigt oder ob es vielleicht in eine andere Richtung geht. Auf der einen Seite stehen die Gesundheitsbewussten, welche ihr Leben durch das Datensammeln verbessern möchten und auf der anderen Seite ein mögliches Krankheitsbild was sich daraus entwickeln kann.

Sehen wir Self-Tracking als einen solchen Trend und nicht als Krankheitssynonym, dann könnte es sein, dass aus diesem viele neue Erkenntnisse entstehen könnten, welche nicht nur im Sport, sondern auch in der Medizin hilfreich sein könnten. Der gesundheitsbewusste Mensch wird immer mehr über sich wissen wollen und immer mehr von sich preisgeben. Inwiefern sich das Messen im Leben einer Person integriert hängt von vielen Faktoren ab, ob psychologischer Natur über die Möglichkeiten von Aktivitäten, bis hin zu Hochleistungssportlern, für welche Mess-Chips, Tests, Pläne und Auswertungen nichts Neues sind.

Mit unserem Gesundheitswahn und dem Verlangen nach Leistung und Jungerhaltung werden immer weitere Trends aufkommen. Inwiefern uns diese nutzen werden und wie sie sich weiterentwickeln wissen wir nicht, aber wir lassen uns gerne überraschen.