Studium geschmissen, Job verloren, Frau weggelaufen und die Haare liegen auch nicht? Wenn Du mal wieder Deine Mühen hast, den roten Faden des Lebens aufzunehmen, möchte ich Dir hiermit einen konstruktiven Vorschlag unterbreiten: Erfinde etwas Neues und mach Dein Geld damit! Das Rad rollt bereits, ein Perpetuum Mobile wird, daran ändern auch mehrere dutzend pro Jahr eingereichte Anträge beim Deutschen Amt für Patent- und Markenschutz nichts, niemals erschaffen werden und ein weiteres Soziales Netzwerk kann diese Welt auch nicht gebrauchen (#justmy2cents). Aber versuch es doch noch mal mit einer neuen Trendsportart! Gut, auch da ist schon das ein oder andere am Markt vorhanden, aber noch gibt es Sitzplätze im fahrenden Zug, also spring auf!

New York City Crossfit Blog


Eines sollte Dir dabei von Anfang an klar sein: Mach keine halben Sachen, die bringen auch nur halben Erfolg. Kennst Du eigentlich schon dieses Crossfit? Na siehst Du! Es ist also durchaus möglich, eine im Grunde schlichte Idee in kürzester Zeit zur Berühmtheit zu frisieren. Von Crossfit kann ganz bestimmt jeder etwas lernen, der ein Business betreiben will. Und die essentielle Lektion lautet hierbei: Schaffe ein Gesamtpaket, oder besser noch ein Gesamtkunstwerk – und erzeuge somit emotionale Abhängigkeit.

Crossfiter sind nicht nur Sportler. Sie sind Kunden. Kunden, die der Crossfit Inc. USA einen 100-Millionen-Dollar-Umsatz im Jahr 2013 beschert haben. Kunden müssen in jeder Branche, in Abhängigkeit von der Höhe der Wechselbarrieren, bei Laune gehalten werden (ich studiere übrigens BWL). Die Wechselbarriere für Fitnessprodukte ist erschreckend niedrig, vor allem, wenn der Wechsel in der Rückkehr auf die Couch besteht. Bevor es soweit kommt, sollte lieber ein Paket geschnürt werden, dass dem Trainierenden das Gefühl gibt, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Wichtig ist erst einmal sein Gesicht zu zeigen. Anonymität gibt es weiß Gott genug auf dieser Welt. Greg Glassman, eine Art Claus Hipp der Fitness-Industrie, hat erkannt, dass Menschen Menschen wollen. Also gab dieser freundliche, ältere Herr mit akzeptablem sportlichen Hintergrund seinen Namen her, ließ einige heiter-bedeutsame Sprüche fallen (, die sich nebenbei noch zu Merchandise-Artikeln verarbeiten ließen,) und tat somit den für seine Corporation so wichtigen Schritt aus der Anonymität heraus.

Man sollte mit der Präsentation von Führungspersonal eben nicht immer bis zum ersten pressewirksamen Skandal warten. Religionen ohne einen wenigstens schemenhaften Gott haben sich historisch auch noch nie flächendeckend durchsetzen können. Grade in den USA kann man ruhigen Gewissens an die Öffentlichkeit treten, der Sozialneid ist hier wohltuend unterentwickelt.

Menschen wollen auch Geschichten. Solche mit Gänsehautgarantie am besten. Ich selber werde immer wieder bei schlechtem Wetter von Depressionen heimgesucht, die sich aus meiner Verzweiflung darüber ergeben, nicht selber auf diese Idee mit dem Hero-WOD gekommen zu sein. Dagegen waren diese Schamhaar-Schaufensterpuppen ja ein marketingstrategischer Patzer! Ich selber bin zwar meilenwert davon entfernt, auch nur eines dieser Benchmark-Workouts zu bewältigen. Aber lesen kann ich noch.

Von "Michael" beispielsweise, Marine-Leutnannt aus Portville, der 2005 im Afghanistan-Einsatz erschossen wurde, von Captain "Warren Frank", der im Alter von 26 Jahren sein Leben im Irak-Krieg ließ, oder auch von "Paul", dem Police Officer, der im April 2009 kurz vor seiner Hochzeit im polizeilichen Einsatz erschossen wurde (seine Verlobte hieß übrigens Lisa Esposito). Hinter jedem WOD steht ein reales Schicksal. Gerade in einem Land, in dem jeder Uniformträger und ganz besonders solche in Fleckentarn Heiligenstatus besitzen, lässt sich die Genialität dieser Namensgebung gar nicht in Worte fassen.

Auch "die Ladies" sind nicht zufällig, sondern inspiriert von tropischen Stürmen getauft worden. Auch hierzu weiß Glassman mit einem schmissigen Spruch zu glänzen:
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    "Alles, was Dich flach auf Deinem Rücken liegen und, mit einem Blick in den Himmel, fragen lässt: 'Was zur Hölle ist da grade mit mir geschehen?!', verdient einen weiblichen Namen."
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Die Nummer mit dem Heldentum ist nun also schon weg. Die mit dem WOD leider auch (und wer schon mal eins gemacht hat, der wird bestätigen, dass auch das sehr ärgerlich ist). Bleibt doch noch diese eine Sache, das wir von Glassman lernen können: militarisiere und elitarisiere Dein Konzept!

Selbstverständlich wird immer eine gewisse Nachfrage nach "Fit ohne Anstrengung" und "Abnehmen ohne Diät" bestehen. Aber die Menschen der ersten Welt haben sich lange genug als rolltreppen-abhängige Weicheier beschimpfen lassen müssen. Schwitzen ist wieder salonfähig geworden, von Bootcamp bis Ultralauf, wir sind doch jetzt diese sogenannte "Leistungsgesellschaft".

Schweiß ist auch, neben Körpern jenseits jeder ästhetischen Machbarkeit, die zentrale Requisite all dieser Crossfit-Werbeclips. Crossfit gibt seinen Teilnehmer das Gefühl, etwas zu leisten, dass das durchschnittliche Zivilisationsopfer nicht zu leisten im Stande ist. Wer könnte sich davon wieder trennen?

Such dir Verbündete. Eine Bekleidungsmarke beispielsweise. Ohne dieses kryptische rote Dreieck, wer weiß, würde Reebok vielleicht heute im Company-Himmel mit Schlecker und Praktiker Doppelkopf spielen. Ich selber hätte auch bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass ich in diesem Leben noch mal einen erheblichen Anteil meines Praktikantengehalts für Reebok-Schuhe auf den Tisch legen würde. Hatte ich diese Marke doch eigentlich immer mit geschmacklos bunt gemusterten Pullis im 90er-Style, die mein Vater zur Gartenarbeit anzog, und mit sonstigem Plunder, der zu beschämenden Preisen in der real-Sportabteilung verscherbelt wurde, verbunden.

Mittlerweile hat sich Reebok zu einer derartigen Autorität im Fitnesssport aufgeschwungen, dass selbst der am Ende gerichtlich quittierte Kundenbetrug mit den Easytone-Schuhen der Marke nichts anhaben konnte. Die Symbiose zwischen einem Trainingskonzept und einem Sportartikelhersteller resultiert auf jeden Fall in eine Win-Win-Situation. Crossfit seinerseits profitiert von der großzügigen Sponsorentätigeit Reeboks bei Events und Competitions und deren Engagement beim Ausbau des Boxen-Netzes.

Denk also drüber nach. Fila zum Beispiel könnte auch mal eine Image-Aufpolierung vertragen (oder zumindest eine Zerschlagung des populären Irrglaubens, es heiße "Fils").

Man braucht es ja eigentlich fast gar nicht mehr erwähnen aber: Vergiss nicht das Internet! Wusstest Du, dass Crossfit eigentlich irgendwann nur mal eine schlicht programmierte Webside war? Jeden Tag ein Foto und ein WOD – damit fing alles an! Bis heute posten täglich unfassbar viele Menschen aus aller Welt ihre Leistungen unter das Workout des Tages. Vergiss nicht, das Web 2.0 funktioniert viral (warum sonst filmen sich tausende Halbstarke im ganzen Land beim Bier-Exen?). Ohne diesen virtuellen Schwanzvergleich wäre, so glaube ich, die ganze Crossfit-Idee wirkungslos verpufft.

Hättest Du gern einen weiteren völlig offensichtlichen Hinweis? Hier ist er: Sex sells! Glassmans beste Kunden sind auch seine besten Werbeträger. Vorausgesetzt natürlich, dass sie sich ausziehen. Nackter ist nur das (Profi-)Boxen! Eventuell wird auch einem Zehnkämpfer irgendwann mal im Laufe des Wettkampfs ein wenig warm, die lassen aber trotzdem das T-Shirt an. An deren Optik hängt ja auch nicht die Existenz einer Firma.
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    Crossfit ist kein selbsterklärendes Konzept, da muss man optische Verlockungen bemühen, um den kurzen Aufmerksamkeitsspannen des gemeinen Volkes ein Schnippchen zu schlagen.
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Und natürlich erweist sich hierbei vor allem das weibliche Geschlecht als besonders effektiv. Die Crossfit Inc. hat ihre Aushängeschilder sorgfältig ausgewählt. Mir jedenfalls kommt es etwas suspekt vor, dass Kristan Clever, immerhin Siegerin der Games 2010 und somit einstige "Fittest Women on Earth", in der Öffentlichkeit so gar keine Rolle spielt (bitte nach Verwendung der Google-Bildersuche ein eigenes Urteil über diese Tatsache fällen).

Fazit: Verankere eine FKK-Kultur, das kann so schwer nicht sein, immerhin ist ja schon mal ein ganzer halber Staat darauf angesprungen.

Aber schließlich nützt das ausgefeilteste Markenkonzepts nichts, wenn nicht auch der rechtliche Schutzpatron angerufen wird. Die Crossfit Inc. gönnt sich eine aus sieben Mitarbeitern bestehende Rechtsabteilung und kooperiert mit ca. 20 Kanzleien und Rechtsberatungen. Hier liegt die Messlatte! Glassmans Grundsatz: "Das Crossfit-Konzept ist ein offenes, ein lernendes System. Die Crossfit-Marke allerdings ist geschütztes Eigentum."

Er vergleicht dies mit einer Flasche Coca Cola. Du kannst sie kaufen, trinken, mit Deinen Freunden teilen. Aber Du kannst nicht Dein eigenes Getränk in die Flasche füllen und es als Coca Cola verkaufen.

Dieser Mann hat einfach auf alles eine Antwort!