Es ist schon später geworden, als ich eigentlich wollte. Ich sehe auf meine Armbanduhr- die Zeiger stehen kurz vor Mitternacht. Die Bedienung, eine hochgewachsene Blondine, kommt zu uns an den Tisch und macht uns mit ihrem polnischen Akzent darauf aufmerksam, dass das Lokal bald schließen wird. Wir sind die letzten Gäste an diesem Abend im Hotelrestaurant. Er blickt mir tief in die Augen, ein Blick, der Bände spricht, der Verheißung verspricht, der eine intensive Nacht erahnen lässt: "Kommst noch mit zu mir aufs Zimmer, Baby?"

Wohl drei Stunden sind wir uns gegenüber gesessen, haben miteinander gelacht, ein bisschen geflirtet, getrunken, er hat ein riesen Rinder-Steak mit Kartoffeln verdrückt, ich einen Salat mit Putenstreifen. Die große Essensportion brauchte er, schließlich ist er ein ganzer Mann: 110 kg muskelbepackter Charme sitzt vor mir. Ein Typ, den bestimmt keine Frau von der Bettkante stoßen würde. Und er weiß um seine Wirkung auf Frauen, er, der Wettkampfbodybuilder, Mitte Dreißig, solariumgebräunt, mit seinen markanten, aber doch attraktiven Gesichtszügen, dem Grübchen im Kinn, den kurzgeschorenen blonden Haaren.

Er wusste, auf was er sich einließ, wusste weshalb ich gekommen war und hat es sichtlich genossen. Freizügig hat er mir in den vergangenen hundertachtzig Minuten auf meinen Wunsch hin die Sexbeichte seines Lebens geliefert - und ich weiß, alles ist wahr, nichts hinzugedichtet, weshalb auch? Ich kenne ihn schon länger, konnte beobachten und vieles erahnen, aber nicht alles.

Nun, ich bin dabei, das Balzverhalten paarungswilliger "Bodybuilder-Männchen" etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, den Eros dieser Spezies an Mann zu erkunden, dem Mythos nachzugehen, dass Bodybuilder sexsüchtig seien.


Doch was ist eigentlich Sexsucht?

Sexsucht, in Medizin, Sexualwissenschaft und Psychologie auch als Hypersexualität bezeichnet, wird als gesteigertes sexuell motiviertes Handeln definiert, das die verschiedensten Ursachen haben kann. Es aber äußerst schwierig Grenzen zu ziehen, ab wann, bzw. ab welcher Häufigkeit von Sex innerhalb eines bestimmten Zeitraumes von einer derartigen Sucht gesprochen werden kann - dies ist von sehr vielen Faktoren wie den persönlichen charakterlichen Eigenschaften, dem Kulturkreis, der sexuellen Orientierung, der Religionszugehörigkeit, dem sozialen Umfeld und vielem mehr abhängig.


So meinte der inzwischen verstorbene Sexualwissenschaftler Alfred Charles Kinsey 1953 augenzwinkernd in seinem "Kinsey-Report" über die Nymphomanie bei Frauen (als Nymphomanie wird der gesteigerte Sexualtrieb bei Frauen bezeichnet, bei Männern als Satyriasis): "Eine Nymphomanin ist eine Frau, die mehr Sex hat als du!", während Martin Kafka, Psychiater von der Harvard Medical School, versucht, das Ganze mit wissenschaftlicher Präzession zu umschreiben:
    "Menschen sind sexabhäng bzw. sexsüchtig, wenn sie über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen haben und sich täglich ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen. Als pathologisch, also krankhaft, sind aber nur solche Personen einzustufen, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen so viel Raum einnehmen, dass sie für sonstige, nichtsexuelle Aktivitäten und Pflichten kaum noch Zeit finden und das übersteigerte sexuelle Verlangen mit einem Leidensdruck verbunden ist."
Ich kann mich an jede Einzelheit meines Gespräches mit meinem attraktiven Gegenüber erinnern, an jeden Augenblick der letzten Stunden. Sein jungenhaftes Grinsen, die intensiven Blickkontakte, die zufällig wirkenden flüchtigen Berührungen, das Spiel seines mächtigen Bizeps, selbst wenn er nur sein Trinkglas zum Mund führt, das interessierte Mustern meines Ausschnittes, der heute nicht allzu tief ist, denn ich habe ein Tank Top an.

Irgendwann zwischen dem Hauptgericht und der Nachspeise hält er mir sein Handy unter die Nase, das Ding, das mich die letzte halbe Stunde nervte, da immer wieder einmal der Signalton einer ankommende Nachricht ertönte und er sich anschickte, die meisten gleich zu beantworten.

"Sieh mal, das ist Nicole, eine meiner letzten Freundinnen. Ich will schon längst nichts mehr von ihr, aber sie läuft mir immer noch nach, schreibt mir andauernd irgendwelchen Liebeskram. Lies, was sie wieder mal von sich gibt."

Auf dem Display kann ich ein außerordentlich hübsches, blondgelocktes Mädchen, höchstens Anfang Zwanzig sehen, doch es ist mir peinlich, die intimen Worte, die sie ihrem vermeintlich Geliebten in vollstem Vertrauen zukommen ließ, zu lesen.

Ich mache ihm klar, dass ich nicht die Intention hätte, meine Nase zu tief in seine Angelegenheiten zu stecken, und schon im nächsten Augenblick zeigt er mir Bilder anderer Mädchen auf seinem Handy, Nachrichten versehen mit Herzchen, alles Freundinnen von ihm, wie er versichert. Auch Nacktbilder kommen zum Vorschein, die ihm irgendwelche Frauen über Facebook schickten, um auf sich aufmerksam zu machen und ein Date herauszuschinden.

"Natürlich nehme ich die Angebote an, wenn sie sich mir bieten!“, meint er schmunzelnd. "Ich bin schließlich kein Kostverächter." Und weiter erzählt er mir: "Ist schon öfters vorgekommen, dass ich in einer Woche auf zehn verschiedene Frauen gekommen bin, von meinen Freundinnen einmal abgesehen. War eben jedes Mal dann ein One-night-stand. Das Problem ist dann leider manchmal, sie danach wieder loszuwerden - manche hängen wie Kletten an einem."


Bodybuilder: Frauen stehen auf muskulöse Männer

Dass viele Frauen auf muskulöse Männer stehen, ist keine Neuigkeit. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass ein durchtrainierter männlicher Körper Aufmerksamkeit erregt und begehrenswert wirkt. Dies liegt wohl noch von der in Urzeiten geprägten Rolle begründet, als die Weibchen noch Sammler waren und auf ihren Nachwuchs aufpassten, während die stärkeren Männchen auf die Jagd gingen und darüber hinaus ihre Familie beschützten. Nur die stärksten und vitalsten Männer hatten so eine Chance sich fortzupflanzen - die Weibchen suchten sich ihre Partner dementsprechend aus.

Bodybuilder und Sexsucht

Zwar ist heutzutage in Zeiten der Emanzipation das Sicherheitsdenken der Frauen in Hinblick auf ein "Beschützt werden" durch ihren Partner in physischer Hinsicht fast vollständig in den Hintergrund gerückt und kaum mehr nötig, aber Muskeln strahlen nichtsdestotrotz auf Frauen noch immer eine gewisse Faszination aus.

Welche Frau genießt es nicht, wenn sie sich mit ihrem durchtrainierten Partner in der Öffentlichkeit zeigt, wissend, dass ihre Geschlechts- Genossinnen ihn anstarren und sexy finden? Laut vieler Umfragen hat sich aber noch ein anderes Bild gezeigt:

Zu viel des Guten kommt bei Frauen nicht besonders an. Ist ein Mann extrem muskulös, gefällt dies in der Regel nur Frauen, die selbst trainieren oder sportlich ambitioniert sind, "normale Frauen" stoßen Muskelberge sogar ab, zumal sie diejenigen Männer dann häufig in eine Schublade stecken, mangelnde soziale Kompetenz und psychische Schwäche durch physische Stärke kompensieren zu wollen.

Doch es gibt auch die Redensart: "Erfolg macht sexy". Selbst Schwergewichts-Wettkampfbodybuilder mit ihren extrem muskelbepackten Körpern, die nicht unbedingt dem Schönheitsideal aller Frauen entsprechen, können sich vor weiblichen Zustrom nicht retten in dem Moment, in dem sie erfolgreich sind und sich in der Bodybuilding-Szene einen Namen gemacht haben.

Erfolg lässt sich in diesem Zusammenhang nicht über die Menge des Geldes definieren, denn mit Bodybuilding verdient man alles andere als gut, sondern viel mehr über die Stärke, das Ansehen und die Macht, die mit dem Erfolg einhergeht. Insbesondere erfolgreiche Männer geben dann der Frau ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit - mit dem Ergebnis, zahlreiche willige Sexpartnerinnen an der Hand zu haben, sofern ihnen daran liegt.

Viele dieser Männer spielen ihre Macht aus, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne auch nur die geringste Empathie für Frauen zu zeigen, die sich unglücklicherweise in sie verliebt haben; die Frau als ein Objekt, das zur persönlichen Befriedigung dient, aber darüber hinaus keinen Part im Leben dieser Männer spielt.

Nun die Frauen aber in eine Opferrolle drängen zu wollen, entspricht auch nicht der realen Verhaltensweise des vermeintlich schwachen Geschlechts. Eine große Anzahl der Frauen weiß worauf sie sich einlässt, wenn auch oftmals mit der geheim gehegten Hoffnung, sie könnten eine Ausnahme sein und das Herz eines solchen Mannes im Sturm erobern- in der Regel ein vergebliches Unterfangen.

Ich muss schlucken, und ich weiß nicht, ob es meinem Gesprächspartner auffällt, dass mein Blick immer nachdenklicher wird, sogar vielleicht eine Spur von Enttäuschung annimmt als er weitererzählt, wie erfolgreich er beim Abschleppen ist und wie sehr er die Abwechslung liebt.

"Aber nicht nur das", erzählt der Bodybuilder mir heiter und lehnt sich weiter zu mir vor, "ich gehe auch noch seit Jahren einmal im Monat in einen FKK-Club, lasse es mich richtig was kosten, werfe ein paar Viagra ein und vögle dort alle Mädchen die ganze Nacht lang durch, manchmal allein, manchmal mit anderen Bodybuildern zusammen, mit denen ich befreundet bin. Das sind richtige Sexorgien."

Doch plötzlich wird seine Miene ernster und er fügt hinzu: "Naja, ich brauche das, um zu beweisen, was für ein toller Hecht ich bin. Früher, in meinen Anfängen des Bodybuildings, war das anders. Ich war ein eher schüchterner, zurückhaltender Jugendlicher und meine erste Beziehung zu einem Mädchen hielt sogar ein paar Jahre, in denen ich total treu war. Doch irgendwann legte sich ein Schalter bei mir um und ich fand Gefallen daran, möglichst viele Mädchen in möglichst kurzer Zeit flach zu legen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich führe ein ziemliches Lotterleben und ich weiß, dass ich sexsüchtig bin, es ist wie ein Zwang, und ich kann nichts dagegen tun."


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Bild: Matthias Busse