Für welche Vorbilder begeistern sich die jungen Kollegen? – Gleich, ob ihre Helden tatsächlich gelebt haben, - alle sie sind Sinnbilder des Kampfes, vom Rocky Balboa bis zum neo-mythischen Conan dem Barbar. Auch sonst wird unsere tägliche Mühe im Gym gerne mit einer Schlacht verglichen. Mir würde eher ein langwieriger Stellungskrieg als Vergleich einfallen, doch sei es drum…

Aus der klassischen Lektüre meiner Kindheit habe ich ein Vorbild mitgenommen, - in würde ich am liebsten als Patron aller Kraftsportler sehen. - Den Sisyphos. - Der Sisyphos rollt nämlich seinen schweren Stein den hohen steilen Berg hinauf. Der Sisyphos rollt seinen Stein, - seit Ewigkeit schon, - und eine Ewigkeit steht ihm bevor. Am Ende jeden Tages fällt sein Stein wieder runter, - der neue Tag beginnt wie immer am Fuß des Berges…

Aber nein! Wer will sich schon neben diesen armseligen Typen stellen, der sich die Gunst der Götter verscherzte und nun seine endlose Strafe abbüßt? Wie konnte ich bloß unser Training mit seiner zwecklosen und jeder Hoffnung beraubten Anstrengung vergleichen? WIR sind ja nicht bestraft mit unserer Arbeit! – WIR haben Ziele. Nicht wahr?

Welche Ziele sind es denn? Ein paar Kilogramm mehr auf der Hantel oder am Muskelfleisch? Und dann noch ein paar Kilogramm mehr und noch und noch. Ist es alles? Wir meiden Sinndiskussionen, wie Teufel das Weihwasser. Und wenn wir nicht raus können, schieben wir Gesundheit und Wohlgefühl vor, Ästhetik und Erfolg bei Frauen. Damit kann man einen Laien irreführen. Doch wir, Kollegen, wir wissen doch genau, dass wir über jeden gesundheitlichen Nutzen und Wohlgefühl hinaus trainieren. Unsere Ästhetik ist eine eigene, die bloß der Rechtfertigung unserer Mühen dient. Wir führen einen asketischen Lebenswandel, der gewiss kein Gefallen bei Frauen findet. preview

Meine Erziehung hat noch eine festere Illusion hervorgebracht als "Gesundheit & Schönheit": man erklärte uns, unser Sport – unser täglicher Kampf – sei für die Heimat. "Süß und kostbar ist es, für die Heimat zu sterben", lasen wir im Lateinunterricht. Doch wenn man ein wenig Vernunft fasst, weiß man, wie wenig die Heimat von unseren Muskeln und Rekorden hat.

Es bleibt also bei Werten in Kilogramm von Eisen und Fleisch. Elend? Elend und beleidigend für unser Tun wären solche Ziele. Sollen alle Disziplin und Verzicht, Schmerz und Mühe diesen erbärmlichen Dingen dienen? NEIN. - Es gibt kein Ziel. – Jedenfalls kein Ziel, das solch fanatischer Lebenswidmung gerecht werden könnte. Und diese Ziellosigkeit ist befreiend und schön.

Wir können unseren Mühen Treue halten ohne einen Sinn dafür zu erfinden und ohne zu verzweifeln. Wenn man miese Dinge tut, braucht man wohl ein Ziel, damit es die Mittel heiligt. Unsere Arbeit ist aber in sich gut, - erfüllend genug um sich keinem Ziel verpflichtet zu fühlen. Und wenn man sich von Zielen befreit hat, hat man auch keine Angst zu versagen, keinen Neid und keine Trauer um Unerreichbares. – Wer käme auf die Idee, den Sisyphos nach dem Gewicht von seinem Stein und Höhenmetern seiner Bergstrecke zu fragen?

Man könnte alles, was ich schrieb, in diesem totzitierten fernöstlichen Spruch: "Der Weg ist das Ziel" zusammenfassen. – Doch ich mag ihn nicht. Er ist blutarm und lau. Gut für eine Küstenwanderung, gut zum Verweilen unter sanft wehender Brise… Wenn ich mir beim Kreuzheben wieder die Schwielen von der Hand abgerissen habe und trotzdem noch 2 Sätze machen muss, kommt mir dieser kontemplative Satz wie eine Verhöhnung. Nein, ich mag den nicht…

Der Sisyphos aber ist Unsereiner. - Ihm bluten die Hände, ihm schwillt die Zornader auf der Stirn. - Sein Körper ist durch äußerste Anstrengung geformt und geschliffen. - Der Sisyphos rollt seinen schweren Stein den hohen steilen Berg hinauf. Der Sisyphos rollt seinen Stein, - seit Ewigkeit schon, - und eine Ewigkeit steht ihm bevor. Der große französische Philosoph Camut schrieb: "Man soll Sisyphos als glücklichen Menschen denken." – Er hatte recht. Wir sind glückliche Menschen. Ja.