Von Helen Kollias
Wahrscheinlich erinnert man sich noch an seine Zeit in der Mittelstufe, als man vor dem Gruppenzwang gewarnt wurde. Man wurde davor gewarnt, dass Freunde Druck auf einen ausüben würden nachts lange weg zu bleiben, Alkohol zu trinken, Drogen zu konsumieren oder sogar Twinkies zu essen! Okay, wahrscheinlich wurde man nicht vor den Twinkies gewarnt, doch sind die eigenen Freunde dafür verantwortlich, dass man übergewichtig ist? (Und würde man von einer Brücke springen, wenn jeder andere springt?)
In den letzten paar Jahrzehnten gab es mehr übergewichtige und fettleibige Menschen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es ist kein Zufall, dass es jetzt mehr außergewöhnliche Wege als je zuvor gibt, um zu versuchen fette Menschen schlank zu machen: extreme Diäten, Medikamente, radikale Trainingsprogramme, Magenbypässe...
Doch was ist mit der großen Frage? Warum? Warum gibt es mehr übergewichtige und fettleibige Menschen? Es wurden einige Hauptgründe vorgeschlagen, zu denen auch die folgenden gehören:
- Billige Nahrungsmittel
- Ein Mangel an sportlicher Betätigung
- Genetische Veranlagung
- Freunde
Es ist die Schuld der Bauern
Inwiefern billige Nahrungsmittel zu einer Gewichtszunahme führen können ist recht einfach verständlich. Man isst mehr, da man sich mehr Nahrungsmittel leisten kann, mehr Nahrung führt zu einer Steigerung des Gewichts und irgendwann wird man fett - macht Sinn. Doch das Argument der billigen Nahrungsmittel ist komplexer als einfach nur der Verzehr von mehr Nahrung. Ich glaube, dass fettleibige Menschen nicht nur mehr essen, sondern auch Nahrung bevorzugen, die eine höhere Kaloriendichte und einen schlechtern Nährwert aufweist. Extra mageres Rinderhackfleisch, Spinat und brauner Reis sind alle recht billig und man könnte von diesen Nahrungsmitteln so viel essen, wie man wollte und wahrscheinlich trotzdem nicht fett werden. Eine Ernährung, die aus Donuts, Chips und Cola besteht, wird einen hingegen recht schnell fett machen.Das Auto ist schuld
Die nächste Möglichkeit, ein Mangel an Bewegung, ist auch ziemlich selbsterklärend. Menschen sind übergewichtig, weil sie nicht genug Sport treiben. Das Argument ist, dass die Durchschnittsperson in der heutigen Zeit geringeren körperlichen Anforderungen ausgesetzt ist, als dies bei unseren Vorfahren der Fall war. Im Vergleich zu früheren Generationen laufen die Menschen weniger, fahren mehr und verbringen mehr und mehr Zeit online oder vor dem Fernseher, anstatt Rad zu fahren oder spazieren zu gehen. Auch dieses Argument macht Sinn. Die meisten würden wahrscheinlich mit der Aussage übereinstimmen, dass schlechte Ernährung und Inaktivität Übergewicht und Fettleibigkeit verursachen.Es ist Darwins Schuld
Ein anderes Argument für die moderne Ursache des Übergewichts ist die Genetik. Die Idee ist, dass es in den letzten Jahren eine Zunahme an Genen gab, die Übergewicht verursachen. Das ist richtig, die Leute werden fett, da es plötzlich eine Zunahme an "Fettgenen" gab. Wie genau dies geschehen sein soll ist unklar. Bei dieser Argumentation gibt es zwei große Probleme:- Warum und wie sollte es eine natürliche Selektion geben, die zur Folge hat, dass Menschen übergewichtig und fettleibig werden (insbesondere angesichts der Tatsache, dass diese Eigenschaften wahrscheinlich die Überlebensoptionen limitieren)?
- Wie könnte so etwas innerhalb einer Generation geschehen?
In meinen Augen ist diese Argumentation blanker Unsinn! Ich würde sagen, dass das Argument der genetischen Ursache für die Entwicklung von Übergewicht den grundlegenden Prinzipien der natürlichen Selektion widerspricht:
- Dass eine Veränderung einen Vorteilt mit sich bringt
- Dass eine Veränderung über längere Zeiträume stattfindet - Jahrhunderte oder Jahrtausende und nicht innerhalb einer Generation
Die Freunde sind schuld
Doch was ist mit den Freunden? Das ist das Thema dieses Artikels: Beeinflusst das soziale Netzwerk - die Menschen, mit denen man regelmäßig Zeit verbringt - das eigene Gewicht?Cohen-Cole E und Fletcher JM. Is obesity contagious? Social networks vs. environmental factors in the obesity epidemic. (Ist Fettleibigkeit ansteckend? Faktoren sozialer Netzwerke vs. Umweltfaktoren bei der epidemischen Ausbreitung von Fettleibigkeit) Journal of Health Economics 2008 Vol 27(5):1382-1387
Die Ausbreitung von Fettsucht in unserer Gesellschaft – Christakis and Fowler
Diese Studie unterscheidet sich etwas von anderen Studien, die ich mir bisher angesehen habe. Diese Studie ist eine direkte Antwort auf eine frühere Studie von Christakis und Fowler aus dem Jahr 2007.(1) Man könnte Cohen-Cole und Fletchers Studie als Gegenbeweis zur ersten Studie ansehen. Während beide Studien zu dem Ergebnis kamen, dass fettleibige Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit fettleibige Freunde haben, wartet die erste Studie mit drei möglichen Gründen für die Resultate auf:- kausal,
- kontextuell und
- korrelativ.
Cohen-Cole und Fletcher antworteten, indem sie ihre eigene Analyse durchführten und nachwiesen, dass einer der drei Gründe nicht weiter untersucht werden muss - vielleicht kann der Leser ja erraten, welcher hiermit gemeint ist. Ich werde diese Frage am Ende beantworten.
Kausal – Du hast mich dazu gebracht es zu tun.
Bevor wir auf die Details eingehen, ist es wichtig etwas Klarheit in die Terminologie zu bringen. Was meinen wir mit kausal, kontextuell und korrelativ? Zuerst werde ich die Begriffe kausal und korrelativ erklären, da sie häufiger verwendet werden und häufig bei der Interpretation von Daten falsch verwendet werden.Kausale Beziehungen sind Beziehungen, bei denen eine Sache (A) eine andere Sache (B) verursacht.
Wenn ich dem Leser z.B. mit einem Baseballschläger auf den Kopf schlagen würde, dann würde ich ihm hierdurch Kopfschmerzen bereiten. Im Fall des Übergewichts würde eine kausale Erklärung besagen, dass wenn man übergewichtige Freunde hat, diese einen dazu bringen, seine Ess- und Trainingsgewohnheiten zu verändern. Diese Freunde könnten sich z.B. nur in Fast Food Restaurants oder in einer Kneipe treffen und indem man Zeit mit ihnen verbringt, steigt sie Wahrscheinlichkeit, dass man sich überfrisst und keinen Sport treibt.
Korrelativ - wir haben es zufälligerweise zur selben Zeit getan.
Unter einer korrelativen Beziehung versteht man ein Szenario, bei dem eine Sache (A) zur selben Zeit wie eine andere Sache (B) geschieht, A jedoch nicht für B verantwortlich ist. Sagen wir z.B., dass ich den Leser treffe, während ich meinen Baseballschläger in der Hand halte, den Leser jedoch nicht damit schlage, sondern nur ruhig dasitze und der Leser zur selben Zeit Kopfschmerzen bekommt. In diesem Fall haben ich und mein stumpfer Gegenstand, auch wenn wir verdächtig aussehen, die Kopfschmerzen nicht verursacht.Häufig gibt es Hinweise auf eine Korrelation, aber keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang. Es ist schwieriger zu beweisen, dass eine Sache für eine andere verantwortlich ist oder diese verursacht, als einfach nur zu beweisen, dass beide zur selben Zeit stattfinden. Über viele Jahre hat die Tabakindustrie argumentiert, dass die Beziehung zwischen Rauchen und Lungenkrebs korrelativer Natur ist - es wurde behauptet, dass Menschen, die eine Veranlagung dazu haben, zum Raucher zu werde, auch eine Veranlagung zur Entwicklung von Lungenkrebs haben. Erst durch sorgfältig gestaltete wissenschaftliche Studien konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass Rauchen tatsächlich Lungenkrebs verursacht.
Im Fall des Übergewichts ist die Idee die, dass man sich Freunde mit ähnlichen Vorlieben und Abneigungen sucht. Man befindet sich bereits auf dem Weg zum Übergewicht und man findet ganz einfach Freunde, denen es genauso geht. Vielleicht ist man ja zum vierten Mal innerhalb einer Woche im Eiscafe und erkennt ein bekanntes Gesicht, da diese Person mindestens genauso häufig ins Eiscafe geht, wie man selbst. Man beginnt irgendwann ein Gespräch, freundet sich an und wird gemeinsam fett.
Kontextuell - meine Umwelt war dafür verantwortlich, dass ich es tat
Die letzte Beziehung zwischen Freunden und Übergewicht ist kontextuell oder umgebungsbedingt. Kontextuelle Einflüsse sind Dinge wie die Eröffnung eines Fast Food Restaurants in der Nachbarschaft, in der auch die eigenen Freunde wohnen. Man selbst und seine Freunde gehen in dieses Restaurant und werden fett. Man selbst und seine Freunde nehmen also zu, doch nicht wegen einander. Man selbst und seine Freunde leben in einem Vorort und pendeln jeden Tag längere Zeit zur Arbeit und haben keine Zeit, um Sport zu treiben - auch hier ist es der Kontext bzw. die Umstände und nicht die Individuen.Ein zweiter Blick
Cohen-Cole und Fletcher wollten sich diese drei Erklärungen näher ansehen, um zu versuchen herauszufinden, welche dieser drei Erklärungen die mit größter Wahrscheinlichkeit zutreffende ist. Sie waren am meisten an einer näheren Betrachtung der kausalen und kontextuellen Einflüsse auf das Übergewicht interessiert. Durch die Verwendung größerer Kontrollgruppen fanden sie heraus, dass fast alle der scheinbar kausalen Effekte in Wirklichkeit kontextueller (umweltbedingter) Natur waren.Schlussfolgerung
Es ist klar, dass man ein Produkt seiner Umwelt und seiner Beziehungen ist, doch im Fall es Übergewichts scheint das Umfeld (kontextuelle Einflüsse) den größeren Einfluss zu besitzen. Die Autoren der Studie sind der Ansicht, dass Übergewicht stark mit dem Umfeld zusammenhängt, doch sie heben auch hervor, dass Gewichtsabbauprogramme erfolgreicher sind, wenn Freunde und Familienmitglieder dabei helfen, die Fettabbauanstrengungen zu unterstützen. Das Lustige ist, dass die Autoren dieser Studie Übergewicht aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit anstatt aus einer klinischen Perspektive betrachten.Auch wenn ich ihren Daten glaube, kann ich nicht sagen, dass ich ihre Schlussfolgerung unterstütze. Warum? Wenn Gruppenzwang beim Gewichtsabbau helfen kann, wie kann es dann sein, dass Gruppenzwang nicht auch die Gewichtszunahme unterstützt? Ich glaube das größte Problem beim Versuch den Einfluss von Umfeld und Freunden zu trennen besteht darin, dass diese Freunde Teil des Umfelds sind. Ich warte deshalb auf weitere Studien zu dieser Frage. Wenn ausreichend Daten vorliegen, die eine Seite unterstützen, dann werde ich an diese glauben, doch bis dahin glaube ich meinem Junior High School Lehrer und meide Gruppenzwang.
Referenzen
- Christakis, NA and Fowler JH. The spread of obesity in a large social network over 32 years. New England Journal of Medicine. 2007. Vol 357:370-379.