
Axel ist auf Stoff
Der Artikel startet mit einem Zitat von „Axel“, eine zufällige Studiobekanntschaft des Autors. Axel ist seit Jahren auf Stoff – womit wir auch gleich beim Thema wären. Der Text steigt ohne Warmup gleich in den Aspekt ein, auf den unser geliebter Sport in der Folge reduziert werden soll.
Dass in der Eingangspassage „… der Besitz und Gebrauch von Stoff, sprich Anabolika, sind in Deutschland illegal“, gleich zwei Fehler stecken, spricht nicht grade für die Sorgfalt der Recherche. Weder ist „Stoff“ ein Synonym für Anabolika, denn darunter fallen noch andere Mittel wie Wachstumshormone oder Aufputschmittel, die sogar im Folgesatz genannt werden. Noch sind Besitz (geringer Mengen) und Gebrauch (im Freizeitbereich) per se verboten.
Aber na ja, der Schocker zum Einstieg ist gelungen: Nebendarsteller Axel konsumiert im Jahr Hilfsmittelchen fast im Wert eines Kleinwagens.
Unter Daniel Gildner: drei Monate Selbstversuch
Nach einem ersten ernüchternden Training mit Axel im Berliner Gold’s Gym startet der Reporter in einen dreimonatigen Selbstversuch. Er will schließlich wissen, ob Axels Leistung nur zustande kommt, „weil Axel auf Stoff ist“. Es sollte klar sein, dass drei Monate bei weitem nicht ausreichen werden, um die finale Antwort darauf zu finden. Aber lesen wir mal weiter.
Betreut wird der Journalist durch den bekannten Natural-Bodybuilder Daniel Gildner. Gildners Trainings- und Ernährungsplan widerspricht auf den ersten Blick allem, was wir Anfängern immer wieder predigen. Dem Kraftsportneuling wird gleich ein 5er-Split mit fünf Trainingstagen pro Woche an die Hand gegeben. Aber gut, die Beginner-Gains werden sich davon nicht aufhalten lassen. 4000 Kalorien für einen Einsteiger, der in jedem Fall weniger wiegt als die 80 Kilogramm Kurzhantel im Gold’s Gym, dazu einer sitzenden Tätigkeit nachgeht und kein Cardio betreibt, erscheinen auch großzügig. Eine Zunahme ist hier garantiert, mit welcher Gewebeart steht dabei auf einem anderen Blatt.
Der obligatorische Geschädigte
Der Autor ist trotz radikaler Einschnitte in seinen gewohnten Lebensstil bereits nach sechs Wochen merklich angefixt. Jetzt kommt aber der obligatorische reuevolle „Stoffer“ zu Wort: Marcel, der die mustergültige Karriere von der „einmaligen Kur“ bis in die Sucht durchlief und alle Warnzeichen des Körpers ignorierte. Heute warnt er alle vor der Anwendung.
Marcel ist allerdings Kickboxer und wirkt daher in einem Abschnitt über „die Pumperszene“ etwas fehl am Platze. Wo ist Jörg Börjesson, wenn man ihn braucht? Scheinbar weit weg, denn seit der Veröffentlichung seines Krimidebüts 2018 hat es kein Lebenszeichen mehr von ihm gegeben.
Unter Influencern
Weiter im Text: Der Autor verbringt ein Wochenende mit den Fitnessinfluencern Kay Gedan, dessen Freundin Lehonie Kommoss und Paul Unterleitner. Namen, die keiner weiteren Erklärung bedürfen sollten. Hier erzählen 20-Jährige vom Leben: Richtiges Bodybuilding sei eben ein Vollzeitjob.
Eine Episode, in der sich Leonie weigert, etwas von ihrem Apple Crumble abzugeben, da dieser so grammgenau für sie abgewogen sei, wirkt etwas konstruiert. Derartige Akribie wäre vielleicht auf den letzten Metern einer Diät für den Mr. Olympia akzeptabel. Für eine Frau mit einem Körperfettanteil von fast 30 Prozent erscheint sie überzogen.
Eines muss Leonie aber angerechnet werden: Sie spricht offen an, dass das konsequente Abwiegen und Tracken fast jeden Bodybuilder in die Essstörung treiben. Dem kann nicht widersprochen werden.
Süchtig in die Sommerpause
In den ersten zwei Monaten hat der Autor fast acht Kilo zugelegt. Die Zunahme dürfte zu stark ausgefallen sein, um vor allem auf Muskelzuwachs zu beruhen. Aber bei einer sehr dünnen Ausgangslage ist ja jede Form der Masse ein optischer Gewinn, entsprechend positiv reagiert das Umfeld.
Auch gesteht der Verfasser, ehrliche Freude am Training gefunden zu haben. Weil er hier wirklich abschalten kann – allerdings nicht vom stressigen Alltag, wie du und ich es empfinden mögen. Sondern vom Terror der Selbstoptimierung. Irgendwie ironisch.
Die Begeisterung für den Sport und das gute Feedback vom Umfeld gilt es, jetzt noch einmal zu relativieren. Die Szene „kann einen krank machen“. Und der Sport an sich beinhaltet ein gewaltiges Suchtpotenzial, dem der Autor am Ende des Experiments auch zum Opfer gefallen ist. Umso erstaunlicher, dass er sich trotzdem erstmal mit seinem Bier „in die Sommerpause“ verabschiedet. Respekt, könnte ich nicht so einfach (und mich treibt nicht die Angst vor der psychischen Abhängigkeit um)!
Das Spiegel-Selbstexperiment Bodybuilding
Natürlich ist von einem Journalisten eines Privatmediums keine Neutralität zu erwarten. Die habe ich mit diesem Artikel weiß Gott auch nicht grade unter Beweis gestellt. Ich bin eigentlich schon immer grundgenervt, sobald ich eine sportbezogene Überschrift in einem Nicht-Fachmagazin lese. Und ich wurde bislang noch immer in meinem präventiven Groll bestätig.
Der Spiegel-Autor bestätigt wie all seine Vorgänger wieder nur die eigenen Fehlannahmen die da wären:
- Alle Bodybuilder stoffen.
- In einem Fitnessstudio treibt sich nicht etwa der Durchschnitt der Bevölkerung rum, sondern ausschließlich ein Haufen selbstverliebter Asketen.
- Bodybuilding bedeutet zwangsläufig Alles-oder-nichts und kommt nicht etwa in tausenden Schattierungen, die sich durchaus auch mit einem gewöhnlichen Leben kombinieren lassen.
- Alle Hobbybodybuilder sind naive Idioten, die gar keine Kenntnisse davon hätten, dass sich die IFBB-Spitzenliga kräftig an den Heilkräutern bedient.
- Wer sich als natural bezeichnet, sagt zwangsläufig die Wahrheit. Etwaige Zweifel hegen nur die Neider.