Eine Stunde Sport am Tag, wie weit beeinflusst das schon den Alltag? Das ist doch nicht viel Zeit, möchte man meinen? Falsch gedacht: Jeder halbwegs ambitionierte Sportler wird schnell festgestellt haben, dass Training nur die Spitze des Eisberges ausmacht. Rechnet man noch An- und Abfahrt dazu, wird das Ganze schon zeitaufwändiger. Damit ist es doch noch lange nicht getan.

Die wichtigste Rolle spielt die Ernährung, deren Vorbereitung und perfekter zeitlicher Verzehr nehmen ebenfalls nicht unwesentlich viel Zeit in Anspruch. Zu guter Letzt will der ausgiebige regenerierende Schlaf nicht vernachlässigt werden. Ehe man sich versieht, nimmt das Hobby plötzlich vier Stunden unseres Tages ein, was einem guten Viertel unserer Wach-Zeit entspricht.

Foto: Frank-Holger Acker

Die Tendenz des zeitlichen Aufwandes ist mit dem Fortschritt im Training dazu noch steigend. Man findet sich plötzlich in einer ganz neuen Situation wieder:
Wie integriere ICH eigentlich meinen Alltag in den Sport?
Ungeahnt haben wir uns zu Menschen entwickelt, die den Großteil ihrer Zeit und ihres Geldes in die körperliche Fitness investieren.

Das ist generell nicht verkehrt. Meiner Meinung nach ist Fitness das beste Hobby, das man haben kann. Neben den körperlichen Vorteilen wie Kraftzuwachs, Verminderung der Verletzungsgefahr, durch eine stärkere Muskulatur und eine allgemein verbesserte Gesundheit, die nicht zuletzt durch eine gut abgestimmte Ernährung zustande kommt und zu guter Letzt natürlich die optische Veränderung, wegen der wir wohl alle mit dem Kraftsport begonnen haben, hat der Kraftsport aber auch einen großen Einfluss auf unsere psychische Entwicklung.
Das Krafttraining lehrt uns Durchhaltevermögen, die Bereitschaft für eine uns wichtige Sache viel Zeit zu investieren und uns im Idealfall nicht von unserem Ziel abbringen zu lassen. Dies ist eine auch für den Alltag durchweg positive Eigenschaft.
Wir schulen unsere Disziplin, für ein höheres Ziel auf kurzfristige Freuden zu verzichten. Auch die Geduld lässt sich mit Hilfe dieses intensiven Hobbies verbessern. Entgegen aller Erwartungen sind gerade die schweren Jungs meist sehr geduldige und genügsame Wesen und nicht die wutgeplagten Steroidjunkies, wie sie gerne dargestellt werden.

Aber das Ganze hat auch eine Kehrseite. Fitness-Sport bringt einen hohen Suchtfaktor mit sich. Auch die Ernährung prägt die Psyche. Jeder, der schon einmal über einen längeren Zeitraum eine Diät durchgeführt hat, weiß, wie schmal der Grat zwischen sauber geplanter Diät und einer schwer alleine zu behandelnden Essstörung ist.

Phobien vor Zucker, Alkohol und anderen Genussmitteln stehen an der Tagesordnung. Das Training nimmt einen unwahrscheinlich hohen Stellenwert im Leben ein. Andere Alltagsaktivitäten werden hintenangestellt und treten immer kürzer. Das Streben nach dem perfekten Körper wird zur Priorität und einer nicht enden wollenden Spirale aus Unzufriedenheit.

Erkennen sich hier einige von euch wieder?

Diese Problematik ist meist die Konsequenz aus einem zu zwanghaften Lebensstil. Der Spaß an der Sache rückt in den Hintergrund und plötzlich ist aus einem erfüllenden Hobby eine Verpflichtung geworden, der aus verschiedensten Gründen nicht immer mit der gleichen Intensität nachgegangen werden kann. Dies resultiert schnell in noch größerer Unzufriedenheit und kann im schlimmsten Fall sogar zu Depressionen führen.

Oft manifestiert sich im Kraftsport die Denkweise perfekt oder gar nicht. Wie beschrieben, ist dies jedoch einfach nicht immer möglich. Der eine oder andere hat vielleicht sogar neben dem Sport noch so etwas Abstruses wie ein Sozialleben. Spinnt der?

Am Wochenende mal mit der Freundin essen gehen oder auch – in Maßen – mal ein Bier in der Disko sollten doch für den Hobbysportler, der am Strand oder im Freibad schick aussehen will, noch drin sein.
Foreneinträge, in denen sich Mitglieder die Absolution der anderen einholen wollen, an ihrem Geburtstag oder an Sylvester mit einem Glas Sekt anzustoßen, sind im Hobbysport völlig fehl am Platz.
Ein gesundes und ausgewogenes Verhältnis in der Ernährung, im Sport und im Alltag stellen die wichtigste Basis für ein nachhaltiges Ausleben dieses Hobbies dar. Nur was man konsequent und lange durchziehen kann, wird früher oder später Erfolg mit sich bringen.

Eine Diät mit der Brechstange durchzusetzen und sich ab Tag des Diätendes den Ranzen in einem Viertel der Zeit wieder anzufressen, ist genauso wenig zielführend, wie es gesund wäre.

Wettkampfathleten, die an einem Tag X eine bestimmte Form präsentieren müssen, sind von dieser Aussage natürlich ausgenommen. Allerdings sind die Ambitionen von Wettkampfathleten sowieso andere und sind nicht uneingeschränkt mit Hobbysportlern zu vergleichen.

Hiermit komme ich auch auf die Priorisierung zu sprechen. Wir müssen uns angewöhnen, uns von Zeit zu Zeit unsere Prioritäten vor Augen zu führen. Was wollen wir erreichen, wie weit sind wir bereit zu gehen und was gibt es neben dem Sport, was uns wichtig ist. Daraus sollte man in einem angemessenen Verhältnis versuchen, sich den Alltag mit dem Sport so lebenswert und erfüllend wie möglich zu gestalten.

Wenn man sich danach richtet, wird Fitness zu einer absolut spaßigen Angelegenheit, die nicht den Alltag verdrängt, sondern ihn untermalt und bereichert.