Quelle: Steroids and Red Blood Cells
Autor: William Llewellyn

Anabole Steroide und die roten Blutkörperchen

Anabole und androgene Steroide üben eine Vielzahl physiologischer Wirkungen aus. Androgene Rezeptoren findet man in diversen Arten von Körpergewebe wie Skelettmuskel, Haut, Kopfhaut, Leber, Herz, Prostata, Gehirn, Nervensystem, Knochen, Fett und Nieren. Daher bauen anabole Steroide nicht nur Muskulatur auf, sondern übernehmen wie unsere endogenen (körpereigenen) Androgene noch eine Vielzahl an anderen Aufgaben im Körper. Auch wenn manche dieser Wirkungen oft falsch verstanden werden, wurden zahlreiche andere gut erforscht. Ein Punkt der bislang nur wenig Beachtung fand, ist der, dass anabole / androgene Steroide einen positiven Effekt auf die Produktion roter Blutkörperchen ausüben. Die Konzentration roter Blutkörperchen ist für die Transportkapazität von Sauerstoff wesentlich, und eine erhöhte Produktion kann dadurch eine Vielzahl von Vorteilen mit sich bringen. Manchem mag das bereits bekannt sein, aber ich dachte mir, dass für viele eine nähere Betrachtung der zugrunde liegenden Mechanismen und der physologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen anabolen Steroiden interessant sein sein dürfte.


Die Wirkung von Androgenen in den Nieren

Androgene Rezeptoren in den Nieren sind für eine vermehrte Produktion der roten Blutkörperchen zuständig, oder - um noch genauer zu sein - für den Prozess der Erythropoese. preview Sie besitzen hier aber sicherlich nur eine unterstützende Rolle. Wäre das anders, dann wären Androgene wesentlich für die Sauserstofftransportkapazität des Blutes und hätten damit eine lebenswichtige Funktion. Und die besitzen sie nicht. Trotzdem muss ihrer Rolle Beachtung geschenkt werden. Männer und Frauen beispielsweise weisen bemerkenswerte Unterschiede in der Anzahl der roten Blutkörperchen auf. Männer besitzen im Vergleich zu den Frauen eine viel höhere Konzentration an roten Blutkörperchen. So führt eine Kastration (also das Entfernen der Hoden) wegen dem Wegfall der körpereigenen Testosteronproduktion zu einer Verminderung der Masse an roten Blutzellen um etwa 10 %. Genauso verringert sich der Duchmesser der roten Blutkörperchen und deren Lebensdauer. Ein ähnliches Phänomen tritt auf, wenn Frauen mit therapeutischen Dosen an Testosteron behandelt werden. Denn dann erhöht sich die Hämoglobinkonzentration um ca. 43 g/L und der Hämatokrit-Wert steigt um ca. 11%. Auch wenn Androgene nicht die Schlüsselrolle bei diesen Prozessen spielen, so ist doch klar ersichtlich, dass sie einen Einfluss auf die Erythropoese im menschlichen Körper haben.

Der genaue Prozess der Erythropoese scheint ziemlich komplex zu sein - so wie die meisten Körperfunktionen, wenn man sie genauer betrachtet. Rote Blutzellen beginnen ihr Leben als unreife Stammzellen, deren spätere Bedeutung zunächst noch nicht festgelegt ist. Solche Stammzellen sitzen im Knochenmark und warten darauf, dass der Körper ihnen ein Signal für die eigentliche Verwendung im Blut- oder Lymphsystem gibt. Im Falle der roten Blutkörperchen erfolgt das Signal über das Nierenhormon Erythropoetin, welches das Knochenmark dazu auffordert aus den unreifen Stammzellen rote Blutkörperchen zu bilden. Über eine Reihe von Zwischenstufen entstehen dann aus den Stammzellen voll funktionsfähige roten Blutkörperchen. Der Körper wird normalerweise dann zur Herstellung und Freisetzung von Erythropoetin stimuliert, wenn ein Sauerstoffmangel (Hypoxie) oder eine Unterversorgung der Körpergewebe mit Sauerstoff vorliegt. Ist die Konzentration an roten Blutkörperchen hoch, dann setzt eine Art negatives Feedback ein. Der Körper vermindert dann die Freisetzung von Erythropetin, damit nicht zu viele Blutkörperchen produziert werden. Androgene sind dafür bekannt, dass sie in erster Linie einen Effekt auf den Erythropoetin-Spiegel ausüben. D.h., dass Androgene eine erhöhte Erythropoetin-Freisetzung in den Nieren bewirken. Es wurde auch schon vermutet, dass Androgene einen direkten Einfluss auf die Stammzellen im Knochenmark haben. Sie könnten z.B. die Sensibilität der Zellen für Erythropoetin erhöhen, so dass der gleiche Erythropetin-Spiegel zur Herstellung von mehr roten Blutzellen führen würde.


Konzentration der roten Blutkörperchen und körperliche Leistungsfähigkeit

Wenn man den leistungssteigernden Effekt einer Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen näher betrachten will, dann schaut man sich am besten die Gruppe der Ausdauersportler an. Die Sauerstofftransportkapazität des Blutes steht in direktem Zusammenhang zur Ausdauerleistung einer Person. Und deshalb kennen sich Ausdauersportler mit den Methoden zur Steigerung der Konzentration an roten Blutkörperchen und den daraus resultierenden Vorteilen am besten aus. Aus dem Bereich des Ausdauersports stammt beispielsweise auch die berüchtigte Praxis des Blutdopings. Bei dieser Prozedur wird dem Sportler zuerst Blut abgenommen. Das Blut wird dann einige Wochen gelagert, und innerhalb einer Woche vor dem Wettkampf erhält der Sportler es per Infusion zurück. Die Blutentnahme findet ca. 5 - 6 Wochen vor dem Wettkampf statt, so dass der Körper des Athleten genug Zeit hat die entnommenen Blutzellen zu ersetzen. Durch die Infusion kurz vor dem Wettkampf erhöht sich die Konzentration an roten Blutzellen über das normale Maß hinaus.

Durch diese typische Variante des Blutdopings kann die Leistungsfähigkeit beträchtlich gesteigert werden. Werden auf diese Weise z.B. 750 ml Blut (bzw. rote Blutzellen) per Infusion verabreicht, dann ergibt sich eine Steigerung des Hämatokrit um 26,5 % und eine Verbesserung der Aufnahmekapazität von Sauerstoff um 12,8 % (die 26,5 % ergeben sich übrigens aus dem Verhältnis der Menge an Blut, das per Infusion verabreicht wurde zum gesamten Blutvolumen). In einem solchen Zustand ist es dem Körper leichter möglich Sauerstoff in verschiedene Gewebe zur transportieren, die Ausdauer und aerobe Kapazität zu erhören sowie die submaximale Herzfrequenz und die Bildung von Milchsäure im Blut zu verringern. Im Laufe der Jahre haben viele auf diese Methode geschworen - im Glauben, dass genau darin der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage liegt. Bei einer messbaren Zunahme der Transportkapazität von Sauerstoff zwischen 5 % und 13 % kann man sicher auch verstehen, warum das so ist.


Anabole und Erythropoetische Wirkung

Selbstverständlich interessieren sich Bodybuilder weniger für das Blutdoping, trotzdem sollten wir im Hinterkopf behalten, dass anabole Steroide die Erythropoese erhöhen. Am ehesten hört man von Equipoise (Boldenon Undecylenat) und Anadrol (Oxymetholn, auch als Anapolon bekannt), wenn es um die vermehrte Produktion von roten Blutkörperchen geht. Aber den Effekt gibt es nicht nur bei diesen beiden Wirkstoffen. Tatsächlich wirken alle anabolen / androgenen Steroide in diese Richtung, wenn auch mehr oder weniger stark. Dabei ist die erythropoetische Wirung für gewöhnlich proportional zur anabolen Wirkung der jeweiligen Substanz. Das hängt damit zusammen, dass es in den Nieren ein ganz ähnliches Enzymsystem gibt wie in der Muskulatur. Nämlich relativ viel von dem Enzym 3alpha-HSD (Hydroxysteroid-Dehydrogenase) und wenig 5alpha-Reduktase. Und diese beiden Enzyme sind wesentlich, wenn es darum geht, ob ein Steroid mehr androgen oder mehr anabol wirkt. Denn sie können die Wirkung in die eine oder die andere Richtung verändern. Daher reagiert Nierengewebe auf Androgene ähnlich wie die Muskulatur.

Steroide mit einer geringen anabolen Wirkung, wie z.B. Dihydrostetosteron und Proviron, stimulieren die Erythropoese nur schwach. Das ist deshalb so, weil sie im Muskel und auch in den Nieren durch das Enzym 3alpha-HSD schnell deaktiviert werden. Steroide mit einer deutlichen anabolen Wirkung wie Nandrolon, Testosteron und Oxymetholon wirken dagegen auch deutlich auf die Erythropoese. Sieht man von DHT und Proviron ab, dann lässt sich sagen, dass fast alle anderen Steroide zumindest mäßig stark anabol wirken. Daher sollten sie auch die Konzentration der roten Blutkörperchen merkbar steigern. In klinischen Studien übrigens, lässt sich hier oft kein Unterschied zwischen den verschiedenen Steroiden feststellen. Es gibt da z.B. eine Studie, in der die Wirkung von Oxymetholon, Metenolon und Drostanolon an 69 Patienten mit aplastischer Anämie gestestet wurde. Und da betrug der Anteil von Patienten, bei denen die Krankheit gestoppt werden konnte 48 % - egal, welche der drei Substanzen verabreicht wurde. Ein therapeutischer Vorteil von einem Wirkstoff gegenüber den anderen ließ sich also nicht feststellen. Genauso war es in einer anderen Studie, bei der es um die gleiche Krankheit ging, und bei der Stanozolol, Norethandrolon und Methandrostenolon verabreicht wurden. Eine Remission (also ein Stopp) wurde bei ca. 50 % der Patienten erreicht, ohne dass ein Wirkstoff Vorteile gegenüber den anderen gezeigt hätte. Auch für Testosteron, Ethyestrenol, Nandrolon und Methyltestosteron konnte das therapeutische Potential demonstriert werden, da diese ebenfalls einen merkbaren Einfluss auf die Erythropoese zeigten.

Eine positive Wirkung ist aber nicht nur bei Patienten mit einer Fehlfunktion der Nieren erkennbar. Im "British Journal of Sports Medicine" ist z.B. eine Studie erschienen, bei der die hematologische Wirkung von anabolen Steroiden an 5 Kraftsportlern über einen Zeitraum von 26 Wochen untersucht worden ist. Die Blutwerte der Kraftsportler wurden mit denen einer Kontrollgruppe von 6 Männern verglichen, die keine Steroide nahmen. In der Gruppe der Steroid-Konsumenten wurde ein durchschnittlicher Anstieg des Hämatokrit um 9,6 % festgestellt, während in der Kontrollgruppe keine Änderung zu verzeichnen war. Und auch wenn diese Veränderung längst nicht die an die Wirkung des Blutdopings heranreicht, so ist sie dennoch bemerkenswert. Zu einer Änderung, die auf eine verbesserte aerobe Ausdauer schließen lassen würde, kam es bei dieser Studie aber nicht. Denn dazu war der Anstieg beim Hämoglobin (Farbstoff der roten Blutzellen, der für den Sauerstofftransport sorgt) nicht deutlich genug. Eine andere Studie, die im selben Journal veröffentlicht wurde, kam dann aber zu besseren Ergebnissen. Diesmal ging es um die Langzeitbehandlung bei 6 Bodybuildern mit Methandrostenolon. Es kamen gut ein Jahr lang maximal 20 mg/Tag zur Anwendung, wobei die Einnhame aber nicht durchgehend erfolgte, sondern stattdessen in Zyklen, auf die jweils eine Off-Phase folgte. Hier stellten die Forscher eine Erhöhung des Hämatokrit- und des Hämoglobinwertes fest. Und unter den Teilnehmern war einer, bei dem die Werte besonders stark angestiegen waren. Auch wenn bei diesen Studien die maximale Aufnahmekapazität von Sauerstoff nicht direkt untersucht worden ist, so geben sie doch deutliche Hinweise, dass anabole Steroide unter geeigneten Bedingungen die aerobe Kapazität steigern könnten.


Schlussfolgerungen

So effektiv wie Doping mit Eigenblut oder Erythropoetin (EPO) sind anabole Steroide sicher nicht, aber sie erhöhen auf jeden Fall die Konzentration der roten Blutkörperchen. Ob das bei gesunden Athleten nun wirklich zu einer Steigerung der aeroben Kapazität führen kann, bleibt weiterhin Spekulation. Der grundsätzliche Effekt auf die Erythropoese kann dagegen als erwiesen angesehen werden. Da die Aufnahmekapazität von Sauerstoff und die optimale aerobe Leistungsfähigkeit einen Bodybuilder eher wenig betreffen, ist die Erörterung dieser Themen für den durchschnittlichen Leser sicher nicht von enormem Interesse. Interessanter ist aber wohl ein grundsätzliches Verständnis für die Vorgänge, die bei der Erythropoese eine Rolle spielen sowie die Art und Weise, wie anabole Steroide mit diesen Prozessen interagieren. Ich hoffe, es ist offensichtlich geworden, warum ich mein Hauptaugenmerk auf die Betrachtung der verschieden anabolen Steroiden gelegt habe, und dass die Steigerung der Produktion von roten Blutzellen eine Eigenschaft aller anabolen Steroide ist. Denn sicherlich kann man die Ansicht getrost vergessen, dass Wirkstoffe wie Anadrol oder Equipoise anderen anabolen Steroiden überlegen sind.